Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

181 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 19

Magazinrundschau vom 16.02.2016 - La vie des idees

Alain Chatrio widmet der Dissertation "Le sacre du Roquefort" von Sylvie Vabre eine ausführliche Besprechung. Am Beispiel des weltberühmten Käses vergegenwärtigt Vabre in ihrer Arbeit die Entwicklung der Lebensmittelindustrie in Frankreich, die dort in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verknüpft mit dem Aufkommen des Kapitalismus entstand. Dabei zieht sie die gleichermaßen die Veränderungen in Produktion, Kommerzialisierung und Konsum des Roquefort nach. So erhält das Nahrungsmittel Käse erst im 19. Jahrhundert die aufwertenden Weihen der Gastronomie. "Die Eroberung der Tische verlief für Käse langsam und schrittweise, lange Zeit wurde sie durch die englischen Käse und dann durch den Brie, bekannt als 'Käse der Könige' geprägt. Ihm folgten der Import von Schweizer und holländischen Käsen und erst dann die Entwicklung der französischen Produktion. Diesem Zuwachs kam der Aufschwung der Eisenbahnen zugute sowie der Rolle der Käsegroßhändler, welche die Waren auswählten. In diesem Zusammenhang ist der Roquefort ein Unikum: der Käse ist zwar alt, sein gutes Ansehen jedoch nicht."
Stichwörter: Käse, Gastronomie, Käser, Eisenbahn

Magazinrundschau vom 05.01.2016 - La vie des idees

Um die Logik des Ausnahmerechts - beispielsweise im Kampf gegen den Terror - geht es in einem Gespräch mit der Soziologin Vanessa Codaccioni, die auch ein Buch zum Thema vorgelegt hat ("Justice d'exception - L' Etat face aux crimes politiques et terroristes"). Ausnahmerecht, führt sie aus, "erklärt sich natürlich durch die mörderische Gefahr der Anschläge, aber es hat auch mit politischer Konkurrenz in Sicherheitsfragen zu tun. Die Linke an der Regierung hat stets gemeinrechtliche Prinzipien verfochten, um radikale Gewalt zu bekämpfen, hat sich am Ende aber doch der These der notwendigen Abweichung von den Regeln und Normen des normalen Rechts angeschlossen, um dem Terror zu begegnen."

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - La vie des idees

Der Rechtshistoriker Bernard Manin geht über viele Seiten zurück bis in die Römische Republik und die Institution der "Diktatur", um die Frage zu klären, ob der Ausnahmezustand eine sinnvolle Reaktion eines Staates auf die Bedrohung durch islamistischen Terror sein kann. Am Ende ist seine Antwort ein klares Nein, weil der Terrorismus ein internationales Phänomen ist und der Ausnahmezustand nur auf nationaler Ebene verfügt werden kann - und das auch nur, wenn ein Ende definierbar ist: "Das Paradigma des Ausnahmezustands ist von Grund auf ungeeignet, um der terroristischen Bedrohung zu begegnen. Das liegt an seiner strukturellen Herleitung aus der Verfassung. Diese Struktur bedingt eine Erlaubnis, sich von den Normen und Werten der Verfassung zu entfernen. Die Konformität mit der Ordnung der Verfassung ist nur gegeben, wenn die Maßnahmen durch Zeit und Notwendigkeit begrenzt sind. Die Befristung ist eine wesentliche Bedingung."

Magazinrundschau vom 08.12.2015 - La vie des idees

Akribisch und empiriegestützt räumt Nonna Mayer mit dem "Mythos von der Entteufelung" des Front National auf: Was immer dessen Vorsitzende auch sage: Der Ansichten ihrer Anhänger und Sympathisanten nach zu urteilen, hat die Partei niemals aufgehört, rassistisch und fremdenfeindlich zu sein, so Mayer. Das zeige die jährliche Befragung für die Commission nationale consultative des droits de l'homme sehr deutlich. "Die Resultate zeigen ein gewisses Missverhältnis zwischen der Sichtweise der Parteivorsitzenden und der ihrer Unterstützer. Die erklärten Sympathisanten ihrer Partei zeichnen sich durch ein Rekordniveau hinsichtlich der Ablehnung von 'anderen' aus, vier von fünf beschreiben sich als 'rassistisch' ... Sie unterscheiden sich von den Anhängern aller anderen Parteien durch ihre außerordentlich erhöhte 'Islamfeindlichkeit' im Sinne der Ablehnung des Islams, seiner Praktiken und seiner Gläubigen .. In dieser Hinsicht ähnelt der 'neue FN' noch sehr dem alten."

Magazinrundschau vom 01.12.2015 - La vie des idees

Zur düsteren Rückseite des amerikanischen Traums gehört neben dem Rassismus und eng damit zusammenhängend das Karzeralsystem, das Yasmine Bouagga in La Vie des Idées eindringlich schildert. Zwar sind Anzeichen einer Einkehr von institutioneller Seite erkennbar, aber noch sind die Statisken bestürzend: "Der zunehmende Einsatz von Isolationshaft überrascht angesichts des gleichzeitigen Massenwachstums der Gefängnisse. In der Tat haben sich amerikanische Gefängnisse in einer Periode immer weiter zunehmender Gefängnispopulation besondere Einrichtungen für die Isolationshaft gebaut. Noch in den siebziger Jahren hatte Amerika Gefangenenzahlen, die mit den westeuropäischen Zahlen vergleichbar waren, nach 2000 haben die Vereinigten Staaten mit insgesamt einem von hundert männlichen Einwohnern im Gefängnis eine Gefangennrate, die fünf bis zehnmal höher ist als in Europa." Insgesamt zwei Millionen Menschen sind in den USA im Gefängnis - ein Viertel der weltweiten Gefängnispopulation. Ganze Gefängnisse dienen der Isolierung von Gefangenen im "Supermax"-Regime - mit einer Stunde isoliertem Freigang in einem Hof ohne Aussicht. Viele geistig Behinderte müssen dieses Regime ertragen. Die Selbstmordrate ist exorbitant. Die Gefangenen sind der Willkür und Gewalt des Personals ausgesetzt.

Im Gespräch mit Florent Guénard bezweifelt der Rechtshistoriker François Saint-Bonnet den Sinn des Ausnahmezustands im Kampf gegen den Terrorismus. Er gelte in Frankreich zwar als Gegenmittel zu Krisensituationen aller Art, müsse für den aktuellen Terrorismus aber keineswegs die richtige Lösung sein. Saint-Bonnet warnt vor allem davor, mühsam entwickelte, moderne Rechtsprinzipien zu verwässern und aufzuweichen. "Der Weg wäre, ex nihilo ein spezifisches auf dschihadistische Terroristen anwendbares Recht zu entwickeln, das weder das Strafrecht noch internationales Recht (Kriegsrecht) verletzt. Voraussetzung dafür wäre dann, diese Dschihadisten mit so absolut präzisen Kritierien wie möglich zu bestimmen ... um nicht ein zu großes Netz aufzumachen, in dem sich Menschen verfangen könnten, die nichts mit dem Terrorismus zu tun haben - wie man es in den USA in den Nullerjahren beklagen konnte."

Magazinrundschau vom 10.11.2015 - La vie des idees

Die Historikerin Ekaterina Pravilova bestreitet den dritten Teil des Dossiers über das heutige Russland. In ihrem Text geht es um den Propagandapparat der Regierung, der sich nicht nur auf die politische Sphäre beschränke und nun bei der Neuschreibung der Geschichte des Landes eine Rationalitätskrise in der Intelligentsia und der wissenschaflichen Gemeinschaft verursache. Dafür sei vor allen Dingen die vom Staat lancierte Paranoia bezüglich eines "totalen Kriegs gegen Russland" verantwortlich. Die Absurdität der jüngsten politischen Ereignisse vermittle den Eindruck, "dass wir, die russischen Bürger, in einer alptraumhaften Gegen-Utopie lebten ... Die starke Zunahme pseudowissenschaftlicher Gedanken in den Populärmedien und die Verbreitung einer mystifizierten Version der Geschichte durch die Regierung haben zahlreiche Wissenschaftler und Forscher dazu gebracht, einen 'Niedergang der Rationalität' zu diagnostizieren, der 'zu einem Desinteresse an einer wissenschaftlichen Version der Welt' führe. Für manche stellt die gegenwärtige Krise des Wissens eine erstzunehmende Katastrophe dar, die Russland allmählich in einen mittelalterlichen Obskurantismus versetzt."

Magazinrundschau vom 27.10.2015 - La vie des idees

"Der Begriff der Wahrheit ist ein Bestandteil von uns", meint der italienische Historiker und Kulturwissenschaftler Carlo Ginzburg im Gespräch mit Ivan Jablonka. Sie zeige sich dem Historiker niemals in Form einer Gegebenheit wie ein Geldstück, das man vom Boden aufliest. Zur "historischen Erfahrung" gehöre vielmehr der analytische Blick, Bezug auf Quellen, Beweisführung und Kampf gegen die Lüge. Er erklärt auch: "Es sind die Medien (ich denke dabei ans Internet), die unsere Existenz formen und uns erlauben, Ereignisse binnen Sekunden zu erfassen. Andererseits ermöglichen sie uns auch, über lange Zeiträume mit zusammengetragenen Informationen in Berührung zu kommen. Auch dieser lange Zeitraum lässt sich in Sekunden erfassen. Das impliziert, dass die Gegenwart - ich zitiere Augustinus - immer ein Maß ist, durch das wir uns zur Vergangenheit und zur Zukunft in Zusammenhang setzen. Das ist nichts Neues, auch wenn die Medien und das Internet dieser Gegenwart eine neue existenzielle Dimension verliehen haben. Doch die Gegenwart war immer schon da: Der Heilige Augustinus ist ein Ahne, aber auch ein Zeitgenosse. Es handelt sich um einen Heiligen Augustinus, der das Internet benutzt, was im Grunde gar nicht so paradox ist."

Außerdem ist der zweite Teil des Dossiers über Russland zu lesen: der amerikanische Slawist Eliot Borenstein untersucht darin unter der Überschrift "Giftige Romanze" das Amerikabild Russlands.
Stichwörter: Ginzburg, Carlo

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - La vie des idees

In Zusammenarbeit mit der Online-Zeitschrift Public Books beginnt die aktuelle Ausgabe von La vie des idées mit einem Dossier zu Rolle und Bedeutung des heutigen Russlands. Den Anfang macht die Sozialwissenschaftlerin Carine Clement, die in Sankt Petersburg lehrt, mit einem Versuch, das Phänomen von Putins Popularität in Russland zu erklären. Sie beschreibt Geschichte und Merkmale des Putinismus als ein System aus Begriffen und Praktiken, die sich aus Patriotismus und politischer Apathie speisten. "Die Unterstützung, die die Mehrheit der Russen Putin einräumen, ist weitgehend mit einer panischen Angst vor Chaos und Destabilisierung verknüpft, wie sie die neunziger Jahre unter der Herrschaft des post-sowjetischen Präsidenten Boris Jelzin verkörpern. Sie werden von der Mehrheit der Bevölkerung als schwarze Jahre wahrgenommen, in denen die Priorität dem Überleben galt, während das Land in Trümmer zerfiel, Fabriken schlossen, keine Gehälter gezahlt wurden und die Inflation rapide zunahm. Gleichzeitig predigten im selben Jahrzehnt Politiker und Intellektuelle den Sieg der Demokratie und der Menschenrechte. Warum nicht darin eine der relevanten Ursachen für die Delegitimierung dieser Werte sehen, der Infragestellung einer ungerechten Demokratie, die das 'Volk' missachtet?"

Magazinrundschau vom 29.09.2015 - La vie des idees

130.000 algerische Juden, die anders als die Algerienfranzosen schon immer dort gelebt hatten, haben nach 1962 Algerien verlassen. In einer Besprechung von Pierre-Jean Le Foll-Lucianis Studie "Les Juifs algériens dans la lutte anticoloniale" zeigt Ewa Tartakowsky, dass viele Juden wie übrigens auch nicht-jüdische Algerienfranzosen in der Unabhängigkeitsbewegung engagiert waren und dass die von der neuen Führung kodifzierte Staatlichkeit Algeriens im Grunde einer ethnischen Säuberung gleichkam. Denn der Code de la nationalité von März 1963 "sieht eine ausschließlich auf Herkunft basierende Definition der Nationalität vor, die bis dahin nicht existierte und die die Nationalität auf Personen beschränkte, "die mindestens zwei Vorfahren in väterlicher Linie muslimischer Religionszugehörigkeit vorweisen" konnten. Die anderen können die Nationalität allenfalls erwerben. Dies Gesetz vertritt einen ausschließenden Begriff der Nation. Europäische und jüdische Antikolonialisten sehen sich ... zum Rückzug gezwungen, der ihnen im übrigen von der Kommunistischen Partei des Landes empfohlen wird."

Magazinrundschau vom 22.09.2015 - La vie des idees

Mit Interesse liest Ivan Jablonka die Memoiren Edwy Plenels, des bekanntesten investigativen Journalisten in Frankreich (und Gründers von Médiapart). Er erzählt nicht nur, wie er und Kollegen François Mitterrands Geheimdiensten auf die Spur kamen, die 1985 ein Schiff von Greenpeace in die Luft jagten (ein Toter), sondern lässt en passant viele der falschen strategischen Entscheidungen des in Frankreich bis heute verehrten Mitterrand Revue passieren: "die Obsession der Atomversuche (die später von Jacques Chirac abgeschafft wurden), die Verachtung für ökologische Themen (eine der Schlüsselfragen des 21. Jahrhunderts), das Zögern angesichts der deutschen Wiedervereinigung, die Unterstützung der Serben in den Kriegen des ehemaligen Jugoslawien bis hin zur Zusammenarbeit mit dem rassistischen Habyarimana-Regime in Ruanda."