Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 15.09.2015 - La vie des idees

Rafaelle Maison, Professorin für Völkerrecht in Paris, beschäftigt sich mit den Ursachen für die "blinden Flecken" französischer Historiker, was ihre Einschätzung der Rolle Frankreichs beim Völkermord an den Tutsi in Ruanda von 1994 angeht. Sie konstatiert, dass es hier eine bemerkenswerte Schüchternheit französischer Historiker gibt, die durch objektive Hindernisse noch verstärkt wird. So sind noch nicht alle Dokumente freigegeben, und es gibt rechtliche Erwägungen, weil Personen der Zeitgeschichte sich juristisch gegen "üble Nachrede" wehren können. "Es ist natürlich unangenehm, das eine historische Arbeit strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann: Historiker haben nicht unbedingt Lust, in Strafprozessen als Zeugen auszusagen, und das ist verständlich. Bestimmte strafrechtliche Formulierungen schüchtern ein und hemmen darum die Analyse. Hier geht es vor allem um die Formulierung "Mitwirkung an einem Genozid", die schwerwiegend ist, wenn sie Mitbürger betrifft. Rechtlich Erwägungen scheinen also von vornherein bestimmte Arbeitshypothesen auszuschließen."

Magazinrundschau vom 28.07.2015 - La vie des idees

Unter der Überschrift "Kunst, Blog und Dissidenz" porträtiert Séverine Arsène den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Das Porträt konzentriert sich dabei auf die maßgebliche Rolle des Internets für Ai Weiwei als ein Ort der Durchlässigkeit zwischen den elitären künstlerischen und intellektuellen Milieus und der Popkultur der jungen chinesischen Internetnutzer. Das informelle und spielerische Format seines Blogs, schreibt Arsène, "ist bequem, um die Zensur zu umschiffen. Sein Humor, die chiffrierte Sprache und die subversiven Bilder verschaffen ihm einen beispiellosen Verbreitungsgrad. Auch da, wo die zahlreichen Internetnutzer sich der kreative Dimension des Blogs als Strategie bemächtigen, Forderungen und Proteste zu verbreiten, scheint es, als glitte Ai Weiwei seinerseits eher in Richtung einer mehr bejahenden Politisierung ... Er bringt sich inzwischen auch viel stärker als früher in die chinesische Öffentlichkeit ein, über ein Engagement für Themen lokalen und nationalen Interesses, die den Sörgen der Bevölkerung näher sind."
Stichwörter: Ai Weiwei, Popkultur, Dissidenz

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - La vie des idees

Adrien Fauve setzt sich mit der Protz-Architektur der kasachischen Hauptstadt Astana auseinander. In zwanzig Jahren habe sich deren politische, wirtschaftliche und kulturelle Strahlkraft dank ostentativer Unternehmungen in Zentralasien verbreitet. Um die Stellung des neuen kasachischen Staats in der Globalisierung zu stärken, haben ausländische Stadtplaner der jungen Hauptstadt eine synkretistische Architektur verpasst, die den ganzen Ehrgeiz der Obrigkeit veranschaulicht. So fällt Fauve etwa eine "Verkuppelisierung" der Stadtlandschaft auf. "Zahlreiche Bauten der post-kommunistischen Ära legen den Focus auf außergewöhnliche Gebäude oder wurden zu umstrittenen Objekten wie Ceausescus Palast in Bukarest - drittgrößtes Gebäuder der Welt nach der Raketenhalle von Cape Canaveral und der Pyramide Quetzalcóatl in Mexiko. Insofern sind die städtebaulichen Mutationen von Astana, jenseits ihrer visuellen und protzigen Dimension, wirklich post-sowjetisch: Der modus operandi, den man auch anderswo beobachten kann, ist symptomatisch, ob in [der turkmenischen Hauptstadt] Asgabat oder auch in manchen Hauptstädten des Kaukasus."

Magazinrundschau vom 14.07.2015 - La vie des idees

Ilsen About legt eine Sammelbesprechung von neueren Publikationen zur Geschichte von Sinti und Roma in Europa vor. Sie zeigten, wie seit dem Mittelalter die Auslöschung der Unterschiede zwischen den verschiedenen Zigeunervölkern zur Ursache für ihre zunehmende Ausgrenzung wurden. "Das Hauptthema dieser Studien besteht darin, auf Abstand zur Perspektive einer hypothetischen Herkunft zu gehen, um den Mythos einer homogenen Wanderbewegung aufzulösen ... Diese Frage bleibt notwendig, da sie die Grundlage für die Vorstellung bildet, Zigeunervölker gehörten nicht wirklich der europäischen Welt und der europäischen Lebensweise an und ihr bürgerlicher Status bleibe fragwürdig." Die Studien zur Situation in jüngerer Zeit hingegen "heben die Gemeinsamkeit der öffentlichen politischen Anstrengungen hervor, die darauf abzielen, die Völker und ihre Mobilität zu überwachen und zu steuern sowie die Namen von Familien und Einzelindividuen zu ermitteln, die je nach Land als Nomaden, Zigeuner, Zingari oder Gypsies bezeichnet werden."

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - La vie des idees

Die Schwulenehe wurde in Irland gerade abgenickt, Abtreibung hingegen wird noch immer streng verfolgt. Edwige Nault gibt einen Überblick zu einem Phänomen, das im europäischen Kontext in dieser Form singulär ist und auch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschäftigt. Eine zentrale Rolle spielte dabei bisher noch immer die katholische Kirche. "Auch wenn sich der Staat in den 1980er und -90er Jahren von der Gängelei durch die Kirche in anderen Fragen der Sexualethik emanzipiert hat (Verhütung, Homosexualität, Scheidung), steht er in der Abtreibungsfrage noch immer unter katholischem Einfluss ... Die jüngsten Debatten haben allerdings einen beispiellosen Graben zwischen den beiden Streitparteien offenbart: Zum einen hat sich die Regierung für ein Gesetz entschieden und nicht für Richtlinien oder ein Referendum, wie die Kirche fordert, und außerdem hat Premierminister Enda Kenny dem Kardinal Seán Brady deutlich zu verstehen gegeben, dass die Kirche in dieser Sache nichts mitzureden habe. Also zwei Deklarationen der Premieministerin in kurzem Abstand, die zeigen, dass Religion endgültig ins Privatleben verbannt ist."

Weitere Artikel: Sarah Rey porträtiert den französischen Historiker und Altertumsexperten Paul Veine, der dieser Tage 85 Jahre alt wird. Und unter der Überschrift "Der Faschismus und seine Reliquien" ist die Besprechung des Buchs "Le Corps du Duce" von Sergio Luzzato zu lesen, worin er anhand der Hinrichtung Mussolinis die Frage untersucht, ob sich auf Lynchjustiz ein Staat gründen lässt.

Magazinrundschau vom 26.05.2015 - La vie des idees

Claudine Vidal liest Benoît Guillous Buch "Le pardon est-il durable? Une enquête au Rwanda", das sich mit der in Ruanda von Kirche und Staat betriebenen Politik der Versöhnung und des Verzeihens befasst und diese als oft oberflächlich und taktisch kritisiert: "Ein ruandischer Gesrpächspartner Guillous gibt offen zu, dass es sich nicht um eine Strategie handelt, die die Verbrecher zu wahrer Reue und die Opfer zu wahrem Verzeihen führt. Vielmehr geht es um die Institutierung einer "Übergangsjustiz". "Das Verzeihen auf Betreiben der Kirche führt immer über das Wort Gottes. Das Verzeihen des Staates führt über ein Dekret. Von Seiten der Regierung ist es ein Imperativ: "Du musst." Von Seiten der Kirche sagt man: "Wenn ihr nicht verzeiht, kommt ihr nicht in den Himmel.""

Magazinrundschau vom 05.05.2015 - La vie des idees

"Das Kino ist viel autoritärer als die Literatur", erklärt der israelische Regisseur Amos Gitai in einem Gespräch mit Marie-Pierre Ulloa, in dem es auch um die Adaption von Romanen in seinen Filmen geht. "Die Literatur braucht das Kino nicht. Im Gegensatz zum Kino entfaltet sie sich auf mehreren Schichten. In der Literatur hat man kein fixes, starres Bild, das versucht, den Text auszukleiden. Der Leser kann ihn auf vielerlei Arten selbst ausstatten. Da ist das Kino autoritär. Ich sage jedes Mal zu den Autoren, die ich adaptiere: Ich habe keine Lust, deinen Text zu illustrieren, weil er es verdient, für sich allein zu stehen. Bei einer solche Adaption geht es um einen Dialog zwischen zwei autonomen Disziplinen mit jeweils eigener Stärke. Ich leiste eine Interpretationsarbeit: Inhaltlich bleibe ich einem Werk sehr treu, aber nicht unbedingt formal."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - La vie des idees

Cristelle Terroni unterhält sich mit der Historikerin Anne Martin-Fugier über die Situation der zeitgenössischen Kunst in Frankreich. Martin-Fugier hat sich bereits in mehreren Büchern mit den Protagonisten der gegenwärtigen Szene beschäftigt. Dass sich französische Kunst international so schwer tut, liegt nach Ansicht der Künstler an den Institutionen, den Händlern, aber auch an ihnen selbst: "Bei uns existiert im Gegensatz zu Großbritannien, Deutschland oder den USA derzeit kein künstlerischer Patriotismus. Laut [dem Künstler] Claude Lévêque ist an dem berühmten amerikanischen Witz "Warum sollten wir eure Künstler ausstellen, wenn ihr sie nicht mal selber ausstellt?" durchaus etwas dran. Vor allem die Maler bekommen das schmerzhaft zu spüren: "Frankreich", sagt etwa Philippe Cognée, "ist fähig, uns Medaillen zu verleihen - mir hat man die Ehrenlegion angeboten! -, aber unfähig, darauf hinzuarbeiten, uns auf internationales Niveau zu heben, uns Sichtbarkeit zu verschaffen. Heutzutage ist die einzige Sichtbarkeit kommmerziell und läuft über Pinault oder Arnault.""

Magazinrundschau vom 14.04.2015 - La vie des idees

Francois de Singly beleuchtet in einem Essay die zwei Quellen, aus denen sich der Individualitätsbegriff des modernen Menschen speise. Ausgangspunkt ist dabei eine These in dem von Emmanuel Lozerand herausgegebene Buch "Drôles d"individus - De la singularité individuelle dans le reste du monde", das ""Singly allerdings shr kritisch sieht: "Lozerand ist davon überzeugt, dass die Ursprünglichkeit der westlichen Individualitätsvorstellung nur ein Element eines allgemeineren Systems ist, mit der Funktion, dem Rest der Welt das Bild einer unanfechtbaren Überlegenheit aufzuzwingen, einschließlich des Rassismus. aber die westliche Individualismusgeschichte lässt sich auf diese Art nachträglich nicht als eine Art Komplott gegen den Rest der Welt rekonstruieren, das hieße beispielsweise alle internen Debatten der "Linken" über die Frage des Individualismus zu ignorieren. Liest man etwa Eugène Fournières "Essai sur l'individualisme" von 1908, so muss man mit Lozerands Vorstellung brechen, der Individualismus sei nur ein westliches Vorurteil. Denn diese Verteidigung eines "integralen Individualismus" als Ziel eines "integralen Sozialismus" nach Jaurès, der den Sozialismus als logischen und vollständigen Individualismus ansah, passt nicht in ein solches Schema."

Magazinrundschau vom 07.04.2015 - La vie des idees

Der Kunstmarkt hat noch schöne Tage vor sich. Mit der Qualität von Kunst hat das aber nichts zu tun, meint die Wirtschaftswissenschaftlerin Nathalie Moureau in einer nüchternen Bestandsaufnahme für La Vie des Idées. "Die Explosion der Anzahl der Milliardäre in der Welt ist nicht ohne Konsequenzen auf die Entwicklung der Preise und des Markts. Während Forbes 1987 140 Milliardäre in der Welt zählte, liegt diese Zahl im Jahr 2014 zehn Mal höher. Laut World Wealth Report liegt der Anteil der Kunst bei "Ausgaben aus Leidenschaft" unter den vermögendsten Personen bei 22 Prozent. Die Vervielfachung der Milliardäre hat bei gleichbleibendem Anteil der Ausgaben für Kunst also auch die Zahl der Bieter in hochpreisigen Auktionen vermehrt. Während zu Beginn des Jahrtausends nur etwa hundert Käufer auf der ganzen Welt fähig waren, mehr als 5 Millionen Euro für ein Kunstwerk auszugeben, ist diese Zahl inzwischen auf 1000 oder mehr gewachsen."
Stichwörter: Kunstmarkt, Auktion