Magazinrundschau - Archiv

The New Republic

168 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 17

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - New Republic

Warum wird Narendra Modi im Westen - und vor allem in den Vereinigten Staaten - so positiv gesehen, fragt sich Siddhartha Deb in einem großen Porträt des indischen Premierministers, dessen hindu-nationalistischer Kurs sich prächtig verträgt mit linken Identitätsdiskursen, kapitalistischer Wirtschaftspolitik und neuesten westlichen Propagandamethoden (Spindoktoren aus UK, Datenanalysten und Werbeprofis aus den USA etc.). Dieser Mischung scheint sich niemand entziehen zu können. Aber auch äußere Umstände spielen eine Rolle, so Deb: Die Ermordung tausender Muslime 2002 in Gujarat, das damals von Modi regiert wurde, "geschah weniger als ein Jahr nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Dies bedeutete, dass die alten Animositen der Hindu-Rechten gegen Muslime, den Islam und Pakistan auf fruchtbaren Boden in den USA fielen, die in Afghanistan und dann im Irak demselben Feind gegenüber standen. Indien war ein Verbündeter in der Wirtschaft und im Krieg gegen den Islamismus, ein Kontrast sowohl zu der überreligiösen antiwestlichen Militanz in Pakistan und den gottlosen Manipulatoren des kapitalistischen Marktes in China. Für viele in der indischen Diaspora und für die Elite in Indien bedeuteten die endlosen Titelgeschichten, Kommentare, Bücher und Filme, die das neue Indien priesen - während der Islam, Muslime und Pakistan regelmäßig als gescheiterte Systeme kritisiert wurden - eine Art Doppelbonus für ihr Selbstbild, es bestätigte sie als Lieblingsinder des weißen Mannes."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - New Republic

Malcolm Harris kann in der New Republic nicht wirklich etwas mit der von Timothy Garton Ash in seinem neuen Buch verfochtenen Idee der "Free Speech" anfangen. Seine Kritik liest sich linksradikal, als käme sie aus den frühen Siebzigern. Schon dass Ashs Buch von der reichen und konservativen Hoover Institution finanziert wurde, wird zum Gegenargument: "Für Ash ist die Welt nicht aus Klassen zusammengesetzt, die im Konflikt stehen. Wenn es keine Klassen gibt, sondern nur viele Indviduen, die alle ihr Bestes versuchen, dann kann man von Meinungsäußerungen nicht mehr als einem Klassen-Instrument reden. Aber wie sollen wir die Hoover Institution und andere solche Organisationen denn sonst sehen? Ideologen der freien Meinungsäußerung mögen zum Beispiel die Idee des Internetzugangs für alle verfechten, aber die Mittel der Ideenproduktion - inklusive freier Zeit - gerecht zu verteilen, kommt ihnen nicht in den Sinn."

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - New Republic

Die amerikanische Dichterin Patricia Lockwood hat für den New Republic Donald Trumps Wahlkampf in New Hampshire beobachtet. Das Ergebnis ist weniger eine politische Reportage als ein Trip in eine andere Welt - bei dem ihr einige schöne Beobachtungen gelingen. Zum Beispiel diese: "Je länger er sprach, desto mehr klang Trump wie ein reicher Mann, der beim Dinner einer jungen Frau, deren Pass ihr Gesicht und ihre Frische ist, die Bedingungen des Arrangements erklärt: Er würde sie am Arm tragen, sie zu den Lichtern drehen, sie würde ihm in der Öffentlichkeit den Vortritt lassen, er würde ihr gerade genug geben, um sie zu halten. Ich schrieb in mein Notizbuch: 'Trump bietet an, unser Sugardaddy zu werden? Er will Amerika zu seiner Trophäenfrau machen?' Was er wirklich versprach, war die Freiheit, sich in der Welt zu bewegen wie er es tut, unter seinem Schutz, nach seinen Gesetzen. Ich gehöre niemandem, erklärt er uns unermüdlich, nicht den Lobbyisten, nicht den Republikaner-Bossen, nicht den Washington-Insidern. Ich stecke in niemandes Tasche, hüpft in meine. Seine Frauen, das mag Ihnen aufgefallen sein, werden hübscher und hübscher. Es ist geübte Verführung. Das hat schon öfter funktioniert. Wir ignorieren es auf eigene Gefahr."

Anders als viele europäische Kunstkritiker ist Ellen Handler Spitz enttäuscht von der großen Hieronymus-Bosch-Ausstellung im Noordbrabants Museum. Die Kuratoren haben dem Maler jede Ambiguität ausgetrieben und "sich statt dessen entschieden, Bosch, einen gläubigen Katholiken, ausschließlich als religiösen Moralisten darzustellen, der einer einzigen Überzeugung anhing: dass nämlich die Menschheit in einer Welt des Bösen um das Gute kämpft. Durch Texte und den Audioguide trommeln die Aussteller diese Botschaft in die Ohren tausender Besucher, die täglich in die Ausstellung strömen." Aber wenn das alles wäre, würden wir heute wohl kaum noch über Bosch sprechen, meint Spitz.

Außerdem: Aaron Bady stellt Helen Oyeyemi vor, eine Autorin, die viel mit Silvina Ocampo gemeinsam habe. Und Maggie Doherty erinnert an die Feministin Kate Millett, die in Amerika gerade wiederentdeckt wird.

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - New Republic

Nichts lässt einen stärker an Amerika zweifeln als sein Kult der Strafe. Suzy Khimm erzählt vom "Shaming", also von Schand- oder Ehrenstrafen, die auch deshalb wieder in in Mode kommen, weil die Gefängnisse so überfüllt unsd teuer sind. Ein Fall ist etwa der von 200 Männern, deren Bilder bei einer Pressekonferenz in Long Island und im Netz gezeigt wurden, weil sie die Dienste von Prostitutierten wahrnehmen wollten, darunter ein Wissenschaftler: "Seine achtzigjährige Mutter erfuhr es von Reportern, die an ihrer Tür läuteten. 'Was mir vor allem durch den Kopf ging, war, dass ich keinen Job mehr finden würde', erinnert sich der Wissenschaftler. Seine Befürchtungen waren nicht unbegründet. Seine Universität forderte ihn sofort auf, seine Kündigung einzureichen."

Magazinrundschau vom 23.02.2016 - New Republic

Beeindruckend, welche Parallel-Öffentlichkeiten sich in der nach Soziotopen zusehends ausdifferenzierenden Social-Media-Welt auftun. So widmet sich Elspeeth Reeve in einer epischen Reportage der Tumblr-Community. Galt Tumblr in Pre-Instagram-Zeiten noch als Hipster-Soziotop, hat es sich mittlerweile nicht nur als Entwicklungslabor für Meme etabliert, sondern erfreut sich unter im echten Leben ausgegrenzten Teenager immenser Popularität als anonymer Schutzraum, in dem sich auch ganz eigene Humorformen ausgebildet haben. Was viel mit den Grundmechanismen von Tumblr zu tun hat - und mit den narzisstischen Triggern der anderen sozialen Netzwerke: Denn "jedes soziale Netzwerk entwickelt eine bestimmte Sorte von Teenage-Stars: Diejenigen, die schon frühzeitig mit Attraktivität gesegnet sind, zieht es zu Youtube. Die Modebewussten und dem Anschein nach Wohlhabenden nutzen Instagram [...] 'Die Tumblr-Kultur hat sich in den letzten fünf Jahren so entwickelt, dass sich das kluge, aber sonderbare Kind von der Schule mit allen anderen klugen, aber sonderbaren Kindern von allen anderen Schulen dieser Welt vernetzt hat', meint Danielle Strle von Tumblr. Deren Sorte von Tumblr-Humor konzentriert sich häufig auf etwas, was ich Mikro-Beschämungen nennen möchte. Kurze Momente sozialer Unbeholfenheit, die sich für einen Jugendlichen absolut überwältigend anfühlen können, wenn er gerade noch im Begriff ist, für sich herauszukriegen, wie man in der Welt da draußen eine Person wird. Anonyme Kids mit smarten Nutzernamen wie Larsvontired und Baracknobama posten zugespitzte Einzeiler, in denen sie sich zu ihren verwundbarsten Momente sozialer Demütigung bekennen."

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - New Republic

In Sundance wurde Werner Herzogs neuer Dokumentarfilm "Lo and Behold, Reveries of the Connected World", der sich mit nichts geringerem als Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Internets befasst, welturaufgeführt (mehr dazu hier). Für New Republic hat Sam Fragaso den bayerischen Regisseur vors Mikrofon bekommen und diesem eines seiner legendär unbescheidenen, um große Weltdeutungen nie verlegenen Gespräche mit vielen grandiosen Bonmots abgerungen. So leitet nur ein Werner Herzog aus dem unabwendbaren Blick auf das Smartphone das Paradigma eines ganzen Jahrhunderts ab: "Je mehr Kommunikationsmittel wir zur Verfügung haben und je massiver diese sich verbreiten, desto verlassener und einsamer werden wir in umgekehrter Proportionalität. Oder vielleicht nicht direkt verlassen, denn wenn man in Utah im Schneesturm festsitzt und ein Handy bei sich hat, dann ist man nicht mehr isoliert, man dann mit den State Troopern sprechen und sie bitten, einen Rettungshubschrauber zu schicken. Es ist schon gut, dass das möglich ist. Doch gleichzeitig gibt es auf einer existenziellen Ebene eine tiefe Einsamkeit, die uns auf sonderbare Weise umhüllt. Und genau deswegen wird unser Jahrhundert das Jahrhundert der Einsamkeit sein."

Magazinrundschau vom 26.01.2016 - New Republic


Frühes Beispiel für einen handcolorierten Film: "Le dirigeable fantastique" (der fantastische Heißluftballon) von 1906

Dass das frühe und früheste Kino in seiner Aufführungspraxis weder zwingend stumm noch schwarzweiß gewesen ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Zwei neue filmhistorische Bücher lassen nun die sanft irreale Farbenpracht erahnen, die damals im Kino zu sehen war. Schon wegen des großartigen Illustrationsmaterials ist Max Nelsons Besprechung für die New Republic lesenswert. Begriffe wie "Realismus" verabschieden sich bei dem Anblick eh von selbst: Das Buch "Fantasias of Color in Early Cinema" - zum beträchtlichen Teil ein reiner Bildband - etwa zeigt sehr eindringlich auf, "was die frühe Farbgebung so unnatürlich machte. Indem man jeden Frame eines Films in ein einmaliges, gemaltes Objekt verwandelte, lenkte die Handcolorierung die Aufmerksamkeit gerade darauf, was die frühen Filme ansonsten unter großem Aufwand zu verbergen versuchten: Dass Filme, auch wenn sie anscheinend flüssige Bewegungen zeigten, in der Tat nichts als eine Abfolge unterbrochener Stills darstellten. Die Filme dieser Periode wurden zu einer Art Daumenkino mit isolierten, handbemalten Einzelbildern ... Bis 1905 wurden Filmstreifen Bild für Bild unter Verwendung feinter Kamelhaarpinsel von ganzen Arbeitskolonnen unterbezahlter Arbeiterinnnen bemalt ('Man nahm an', so Tom Gunning in seinem einführenden Essay, 'dass Frauenhände geschickter seien'). Da es keine Vorrichtung gab, die es gestattet hätte, einen kolorierten Filmstreifen zu kopieren, musste jede Kopie eines Films von Neuem bemalt werden." Zu dem Band gibt es neben einer hübschen Leseprobe als PDF-Datei auch ein sehr schönes, veranschaulichendes Werbevideo.

Magazinrundschau vom 05.01.2016 - New Republic

Die pakistanisch-amerikanische Anwältin und Autorin Rafia Zakaria hatte als frisch geschiedene, alleinerziehende Mutter in den 90er Jahren keinen leichten Stand - weder bei ihrer pakistanischen Familie noch bei amerikanischen Feministinnen. In der New Republic erklärt sie, warum das so war (und vermutlich heute noch so ist): An der Uni sei Feminismus vor allem als sexuelle Befreiung definiert worden - eine Definition, die Zakaria missfiel, ohne dass sie das offen zugeben mochte: "Die Annahmen meines Professors und der Kommilitonen zurückzuweisen, würde mich als prüde abstempeln, als unfrei. Widersprechen würde Einkreisung nach sich ziehen: durch Mitleid, durch wissende Blicke, die für jene reserviert sind, die unter noch unverstandener Unterdrückung leiden. Wenn ich spräche, dann würde ich ihnen geben, was sie wollen: Eine muslimische Frau, die gerettet werden muss, die von den Vorteilen der sexuellen Befreiung unterrichtet werden muss. Es wäre unmöglich, in der Eile und Hitze dieser Rettungsversuche zu erklären, dass meine Opposition sich überhaupt nicht gegen den Sex oder sexuelles Vergnügen richtet, sondern gegen die Konstruktion als unproblematisch, un-kolonisiert durch das Patriarchat, einzigen Maßstab der Befreiung. Eine muslimische Feministin, da war ich sicher, konnte diese Art nuancierter Unterscheidung nicht treffen."

Magazinrundschau vom 03.11.2015 - New Republic

In einem Auszug aus seiner neuen Essaysammlung "Censorship Now!!" erzählt der im musikalischen Underground von Bands wie Nation of Ulysses oder The Make Up bekannte Post-Punk-Musiker Ian F. Svenonius die Geschichte, wie der in den frühen 80ern dank der Graswurzelarbeit von Campus-Radios popularisierte College Rock im Laufe des Jahrzehnts von einer aggressiven Frequenzpolitik des National Public Radio verdrängt wurde. Frei wurde damit der Weg für generischen Indie-Rock - mit weitreichenden Folgen für das Outcast-Reservat der Punks: "Während die Yuppies sich in einem Langzeit-Projekt daran machten, die amerikanischen Städte zu 'gentrifizieren' und diese nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten, machten es die Sprößlinge der NPR-Zuhörer (wohlhabend, anständig, weiß) zu ihrer Mission, Punk zu 'gentrifizieren'. Mit Indie wurde das unabhängig geführte Plattenlabel - eine von Emotionen getriebene, rebellische Punkgeste gegen die Konglomerate der Majorlabels, die als ahnungslos, ausbeuterisch und böse angesehen wurden - zu einer Art 'do it yourself'-Hobby (...) Und als sich das Indielabel vom Hobby zum Geschäft wandelte, spiegelte es selbstbewusst die Taktiken und Geschäftspraktiken von Majorlabels, versah beides aber mit der Behaglichkeit und Vollwertigkeit von Martha Stewarts Kochstunde."

Magazinrundschau vom 04.08.2015 - New Republic

William Wheeler besucht die Freunde Omar El-Husseins, des Attentäters von Kopenhagen, in den Suburbs der Stadt und sucht nach Gründen für seine Radikalisierung - die Zeichnungen Kurt Westergaards sind für ihn ebenso verantwortlich wie die israelische Politik im Gaza-Streifen. Erst der afghanischstämmige Soziologe Aydin Soei macht Wheeler darauf aufmerksam, dass sich die meisten Jugendlichen mit Miigrationshintergrund in Dänemark bestens integrieren: "Viele Gangmitglieder in Kopenhagen weigerten sich allerdings, ihre bevorzugte Lage anzuerkennen. "Einen Teil ihrer Identität" so Soei, "beziehen sie aus der Vorstellung, dass sie in der selben Realität leben wie amerikanische Schwarze in den Ghettos." Diese Vorstellung nähre einen Opferdiskurs, der für jene, die ihre isolierte Community nie verlassen, zu einer self-fulfilling prophecy werde."

In einem zweiten Artikel beschreibt Jacob Mikanowski den chinesischen Autor Yan Lianke als eine zwiespältige, zwischen höchsten Ehren und rabiater Zensur schwankenden Autor, der es in seinem neuesten Roman "Die vier Bücher" allerdings schafft, ein Tabuthema aufzugreifen: "Anders als mit der Kulturrevolution setzen sich sehr wenige chinesische Romane oder Memoiren mit dem Großen Sprung nach vorn auseinander, einen früheren Versuch, die chinesische Gesellschaft von Grund auf umzustülpeln." Die damit verbundenen Hungersnöte sind schwer zu beziffern, so Mikanowski, aber 30 bis 45 Millionen Tote werden"s schon gewesen sein.