Magazinrundschau - Archiv

Qantara

9 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - Qantara

Tugrul von Mende unterhält sich mit dem Historiker Christopher Silver über dessen neues Buch "Recording History", das an die gemeinsame Musikgeschichte auf Vinyl von Juden und Muslimen im Maghreb erinnert: "Begonnen hat alles in einem Plattenladen in Casablanca - dem Le Comptoir Marocain de Distribution de Disques. Das war im Jahr 2009. Als ich den Laden wieder verließ, hatte sich mein Leben verändert. Denn im Le Comptoir habe ich zum ersten Mal verstanden, dass die Welt der Schallplattenaufnahmen eine ganz eigene ist. ... Die Musik hat mich regelrecht überwältigt. Immer wieder wies mich der Ladeninhaber darauf hin, dass wir gerade ein Stück von jüdischen Musikern hören. Ich war überrascht, wie viele der Künstler Juden waren. Das blieb mir dauerhaft in Erinnerung. Mir war damals, als flüstere mir jemand gelebte Geschichte zu. ... Wenn man weiter in die Geschichte zurückgeht und beispielsweise konkret ein Land wie Algerien anschaut, dann sieht man deutlich, dass das Verhältnis von Meister und Schüler der Schlüssel zur jahrhundertelangen musikalischen Überlieferung war. In diesen Meister-Schüler-Beziehungen gab es häufige Wechsel zwischen Juden und Muslimen. Hier gab es keine strikte Trennung nach religiösem Bekenntnis in dem Sinne, dass Juden lediglich Juden und Muslime lediglich Muslime unterrichtet hätten. In der Musik war alles stets miteinander verwoben. Neu für mich war die Erkenntnis, wie beständig diese engen Beziehung bis weit ins 20. Jahrhundert waren."

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - Qantara

Der libanesische Autor Hazem Saghieh sieht schwarz für die Zukunft der arabischen Welt. Man betrachte nur mal den Libanon: "Erstens: Die Dominanz der konfessionellen und ethnischen Identitäten hat mittlerweile absurde Züge angenommen. Es gibt nur noch Sunniten und Schiiten, Araber und Kurden, Muslime und Christen... In anderen Kategorien können wir uns offenbar nicht mehr wahrnehmen. Diese Identitäten sind seit jeher gegen andere Identitäten gerichtet. Sie beruhen auf ausgesprochen rückständigen, regressiven und fundamentalistischen Vorstellungen. Und doch werden sie Tag für Tag genau in diese Richtung weiter gesponnen. Zweitens: Selbst gemeinsame ökonomische Interessen bringen keine Verbesserung unserer Lage. Stattdessen führt beispielsweise der Ölreichtum im Irak zu ständigen Machtkämpfen zwischen der Bundesregierung in Bagdad und den Kurden im Norden des Landes. Fassungslos macht uns auch der Streit des Libanon mit Israel um die Ausbeutung von Öl- und Erdgasvorkommen vor der Küste, der sogar Anlass zu erneuten kriegerischen Auseinandersetzungen sein könnte. Dabei wäre für den Libanon eine friedliche Einigung in diesem Konflikt wegen der bitter benötigten Erlöse sehr wichtig. Im Unterschied zu anderen Teilen der Welt unternehmen wir offenbar keine Versuche, unseren Reichtum zu nutzen, um die nationale Einheit zu stärken, geschweige denn, die Kluft zwischen rivalisierenden Fraktionen zu überbrücken. Vielmehr pflegen wir intensiv die Solidarität zu unseren Familienverbänden und folgen einer ideologischen Indoktrination, die wirtschaftliche Fragen zweitrangig werden lässt und den Weg in die Selbstzerstörung einleitet. Drittens: Bislang sind alle Versuche gescheitert, die desaströse Lage in unserer Region und in der gesamten arabischen Welt zu verbessern."

Ayşe Karabat berichtet derweil, wie in der Türkei Gewalt gegen Ärzte und Anwälte zunimmt. So wurden seit Regierungsantritt der AKP vor zwanzig Jahren zwölf Mediziner im Dienst getötet, auch Anwälte werden immer wieder Opfer von Gewalt. Die Regierung tut nichts dagegen, sie gießt sogar noch Öl ins Feuer: Den Ärzten wirft sie vor, den heimischen Coronaimpfstoff schlecht zu machen, die Anwälte beschuldigt sie der Islamfeindlichkeit. "Die Regierung zeigt sich offen feindselig gegenüber den beiden Dachverbänden TTB und TBB, die seit jeher zu den stärksten Organisationen der Zivilgesellschaft in der Türkei gehören. Im Februar 2018 forderte Erdoğan, beide Berufsverbände sollten die Bezeichnung 'türkisch' aus ihren Namen streichen, da sie nicht 'lokal und national' seien. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich in der Türkei die Unterstellung, die Organisationen würden im Namen ausländischer Agenten agieren. Im Mai 2020 ging Erdoğan sogar noch weiter: Als die Anwaltskammer von Ankara den Leiter der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbaş, wegen dessen Äußerungen kritisierte, Homosexualität sei 'die Ursache aller Krankheiten', unterstellte Staatspräsident Erdoğan der Anwaltskammer, den Islam zu beleidigen. 'Allein dieses Beispiel zeigt, wie dringend und wichtig eine Steuerung der Wahlverfahren in den Berufsverbänden ist, insbesondere von Anwalts- und Ärztekammern', so Erdoğan damals. Unmittelbar danach trat ein neues Gesetz in Kraft, das die Aufteilung von Anwaltskammern vorsah. In Ankara und Istanbul wurden der Regierung nahestehende Anwaltskammern etabliert."

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - Qantara

Im Interview mit Ismail Azzam plädiert der algerische Islamwissenschaftler Said Djabelkhir, der gerade wegen "Beleidigung des Islam" von einem algerischen Gericht zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, für eine "kritische Revision unseres gesamten religiösen Kanons - ich plädiere für ein Umdenken, eine neue Lesart der überlieferten Texte, der etablierten Narrative, der Hadith-Sammlungen, der Korankommentare. Viele Texte sind nicht mehr akzeptabel, weil sie in Widerspruch zu Logik, Vernunft und Wissenschaft stehen. Sie gehen an der heutigen Lebensrealität vorbei und stehen im Gegensatz zu den humanistischen, zivilisatorischen Werten, die die Welt und die Menschheit heute verbinden. Muslime können nicht in Einklang und Frieden mit dem nicht-muslimischen Teil der Welt leben, solange sie krampfhaft in alten Traditionen verhaftet bleiben und sich weigern, Altes neu zu denken."

In einem zweiten Interview erzählt die pakistanische Journalistin Warda Imran, wie schwer es Journalisten - und ganz besonders Journalistinnen - in ihrem Land haben.
Anzeige

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Qantara

Immigranten habe es auch in Ägypten nicht leicht, erzählt Aya Nabil in einer Reportage: "So erlaubt das ägyptische Gesetz Asylsuchenden weder eine permanente Aufenthaltsgenehmigung noch Staatsbürgerschaft. ... Die Möglichkeit auf Staatsbürgerschaft besteht allein für die Kinder flüchtender Frauen, die einen ägyptischen Mann heiraten. Die Frauen selbst erhalten jedoch nicht die Staatsbürgerschaft, genauso wenig wie ausländische Männer, die Ägypterinnen heiraten, und auch nicht deren Kinder, die lediglich den Namen der ägyptischen Mutter auf der Geburtsurkunde erhalten." Besonders schwierig ist es für Frauen mit dunklerer Hautfarbe, erzählt ihr Fatima Idris, Geschäftsführerin bei "Tadamon - The Egyptian Refugee Multicultural Council", die selbst vor 16 Jahren aus dem Nordsudan nach Ägypten geflüchtet war: "Ich habe die Integration geschafft, obwohl ich den nubischen ÄgypterInnen ähnlicher sehe. Meine Kinder haben weiße Haut und deshalb wenig Probleme. Aber wenn wir alle zusammen sind, gehen die Fragen an uns los - als wären das nicht meine Kinder. Einmal ging eine Lehrerin an ihrer Schule so weit, zu einem Freund meines Sohnes zu sagen: 'Du bist weiß und schön.' Da musste ich eingreifen. Ich will nicht, dass sie die weitverbreitete Meinung übernehmen, dass helle Haut überlegen ist.' Fatima meint, dass das Leben in Ägypten von Stereotypisierung beherrscht sei und die Probleme immer dann begännen, wenn sich jemand davon unterscheide: 'Ich kenne viele Frauen, die gezwungen waren, ein Kopftuch aufzusetzen, damit sie in ihrem Wohngebiet nicht länger in Schwierigkeiten kamen, weil sie anders aussahen.'"

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - Qantara

Die Mehrheit der muslimischen Briten oder solcher, mit asiatischem Hintergrund, hat gegen den Brexit gestimmt. Aber immerhin ein Drittel war dafür, berichtet Thomas Bärthlein. Und sie sind ziemlich sauer, wenn sie jetzt als Rassisten beschimpft werden: "Wenn Britisch-Pakistaner oder -Bangladeschis für den Brexit sind, weil sie sich von neuen Immigranten aus Polen oder Rumänien bedroht fühlen, kann man sie dann Rassisten nennen? Jill Rutter von British Future findet ihre Besorgnisse legitim und sagt, Politiker müssten sie ernst nehmen. Die Brexit-Kampagne habe 'einige Spannungen sichtbar gemacht und auch, dass wir nicht wirklich über die Zuwanderungs-Ängste von Minderheiten, die schon länger hier leben, gesprochen haben.'"

Magazinrundschau vom 09.03.2010 - Qantara

In Ägypten wurde eine Studie mit schockierenden Zahlen über sexuelle Belästigungen veröffentlicht, berichtet Mohammed Ali Atassi. "98 Prozent der ausländischen Frauen und 83 Prozent der ägyptischen waren schon einmal Opfer sexueller Belästigung - fast Zweidrittel der Männer gestanden, Frauen schon einmal belästigt zu haben. Auf der anderen Seite versuchten konservative und religiöse Gruppen, das Thema für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. In verächtlicher Weise griffen sie dabei die Würde der Frauen an, indem sie die Schuld für die sexuellen Belästigungen eben bei den Frauen suchten." Als Beispiel beschreibt Atassi ein Plakat, auf dem eine Frau als Bonbon dargestellt wird, "der nur dann vor Fliegen (also den Männern) geschützt ist, wenn er mit Einwickelpapier (also dem Schleier) versehen ist. Unter dem Bild zweier Lollis, einer eingewickelt, der andere offen und mit ihn umschwirrenden Fliegen, findet sich eine religiöse Warnung, die feststellt, dass eine unverschleierte Frau sich nicht zu schützen vermag - denn Gott, der Schöpfer, weiß, was zu ihrem Besten sei, weshalb er verlange, dass sie sich verschleiern solle."

Magazinrundschau vom 12.01.2010 - Qantara

Was ist los mit den arabischen Gesellschaften? Warum gelingt es ihnen nicht, demokratische Regierungen zu installieren? Diese Frage hat der britische Journalist Brian Whitaker in seinem Buch "What's Really Wrong with the Middle East" untersucht. Seine Antwort, so Rezensent James M. Dorsey: Nicht nur die Regierungen, die Gesellschaften selbst sind repressiv. "Um dieses Phänomen zu beschreiben, bedient sich Whitaker der Theorie des 'Neo-Patriarchismus' des aus Palästina stammenden US-Historikers Hisham Sharabi. In einem kontrovers diskutierten, in vielen arabischen Ländern bis heute verbotenen Buch aus den 1980er Jahren, konstatiert Sharabi, dass die arabische Gesellschaft um die 'Dominanz des Vaters (Patriarchen)' aufgebaut sei: Dieser bildet 'das Zentrum der nationalen wie der natürlichen Familie. So existieren zwischen dem Herrscher und den Beherrschten, zwischen Vater und Sohn einzig vertikale Beziehungen: in beiden Verhältnissen ist der väterliche Wille absolut'."
Stichwörter: Arabische Länder, Dominanz

Magazinrundschau vom 15.12.2009 - Qantara

"Wem soll man die Schuld dafür geben", dass die Schweizer gegen Minarette gestimmt haben, fragt Tariq Ramadan. "Ich sage den Muslimen seit Jahren, dass sie in ihren jeweiligen westlichen Gesellschaften positiv in Erscheinung treten, aktiv sein und Initiative zeigen müssen. In der Schweiz haben sich die Muslime in den zurückliegenden Monaten bemüht, im Verborgenen zu bleiben, um eine Konfrontation zu vermeiden. Es wäre sinnvoller gewesen, neue Allianzen mit all jenen Schweizer Organisationen und Parteien zu schmieden, die gegen die Initiative waren. Die Muslime in der Schweiz tragen also einen Teil der Verantwortung, doch muss man hinzufügen, dass sich die politischen Parteien in Europa wie in der Schweiz haben einschüchtern lassen und vor einer couragierten Politik zugunsten eines religiösen und kulturellen Pluralismus zurückscheuen."

Die Kuratorin Almut Sh. Bruckstein Coruh erklärt im Interview, was in der Ausstellung "Taswir - Islamische Bildwelten und Moderne" im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist: Keine Geschichte der islamischen Kunst, gezeigt wird vielmehr "eine poetische Assoziation von künstlerischen Positionen, klassischen wie zeitgenössischen, die nach gewissen Fragen geordnet sind. Es sind die Fragen - zum Beispiel die nach der Zeichnung als einer Spur des Abwesenden -, die eine persische Miniatur zu den Sandalen des Propheten aus dem 16. Jahrhundert mit der Arbeit einer Rebecca Horn 'Waiting for Absence' verbinden. Es sind Zeit- und ortsübergreifende Fragen, man könnte sagen: menschliche Fragen - Fragen, die Aby Warburg vielleicht 'Pathosformeln' genannt hätte."

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - Qantara

Warum gibt es in der muslimischen Welt kaum Forschungseinrichtungen, die die Kultur und Geschichte des Westens studieren, fragt Maulana Waris Mazhari, ein schiitischer Gelehrter aus Indien. "Noch heute dominieren bei unseren Religionsgelehrten die gleichen stereotypen Sichtweisen über den Westen, die auch die Sicht des Westens auf die Muslime und den Islam zur Zeit der Kreuzzüge kennzeichneten. Die Ulema glauben noch immer, dass der Westen einzig für Trunkenheit steht, für sexuelle Freizügigkeit, Unmoral und alle anderen Formen liederlicher Gelüste und Vergnügungen – und so vermitteln sie es auch den Gläubigen. Dieser Ansatz verhinderte, dass wir von den guten Seiten, die der Westen zu bieten hat, hätten lernen können, und dies schließt viele Aspekte unseres eigenen wissenschaftlichen Erbes ein, die der Westen von uns übernahm und weiterentwickelte."

Außerdem: Bülent Ucar, Professor für Islamische Religionspädagogik in Osnabrück, kritisiert im Interview die Ungleichbehandlung von Islam und Christentum in Deutschland.