
Nach dem Sturz Assads wurden nur wenige tausend Menschen aus den Foltergefängnissen des Regimes befreit, zwischen
130.000 und 200.000 Menschen sind noch immer verschwunden. Die Aufarbeitung der Verbrechen in Syrien und die Bergung der Toten werden noch lange dauern,
erklärt Mazin al-Balkhi von der
Internationalen Kommission für Vermisste Personen (ICMP): "Die hohe Zahl der Vermissten ist eine der größten Herausforderungen in Syrien. Die Gefangenen, die systematisch getötet und in Massengräbern begraben wurden, sind dabei vielleicht noch die eindeutigsten Fälle. Es gibt darüber hinaus Leute, die willkürlich an Checkpoints von Sicherheitskräften des Regimes
auf eigene Faust erschossen wurden. Obwohl diese Soldaten auf Anweisung und mit Genehmigung des Regimes arbeiteten, dokumentierten sie die von ihnen getöteten Personen nicht. Diese Opfer wurden an Ort und Stelle exekutiert und ihre Leichen verscharrt (…) Letztes Jahr haben die Weißhelme [eine zivile Rettungsorganisation, Anm. d. Red.] mir berichtet, dass sie
mehrere Brunnen voller Leichen gefunden haben. Und dann gibt es noch Massaker wie das in Tadamon 2013. Wir wissen nicht, wie viele solcher Massengräber es gibt, vielleicht Tausende."
Eine neue Regierung ist an der Macht, aber das Morden in Syrien geht weiter: Mayar Mohanna
dokumentiert Aussagen von Menschen, die das Massaker knapp überlebten, das Regierungstruppen Anfang März an der
alawitischen Bevölkerung verübten und bei dem nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, einer in Großbritannien ansässigen Organisation zur Überwachung des Syrienkonflikts, etwa
1.639 alawitische Zivilisten getötet wurden: "Mein Name ist
Nabil (Name geändert), ich bin 45 Jahre alt: Ich bin der einzige Überlebende meiner Familie, die beim Massaker im Dorf Al-Sanobar in der Nähe der Stadt Dschabla im Gouvernement Latakia umgekommen ist. Die Bewaffneten sind von drei Seiten in Al-Sanobar eingedrungen. Auf der vierten Seite liegt das Meer, der einzige Ausweg. Als der Angriff losging, hatten meine Familie und ich keine Zeit über irgendetwas nachzudenken, außer wie wir uns retten könnten. Wir beschlossen, in Richtung eines heiligen Schreins zu fliehen. Ich dachte, ich könnte dahinter Schutz finden. Meine Familie und ich rannten los, aber auf halbem Weg stießen wir auf die Kämpfer, die nur auf uns gewartet hatten. Sie schossen auf uns. Mein Vater stürzte zuerst, dann mein Bruder, dann mein anderer Bruder, dann sein Sohn, meine Frau folgte ihm, dann mein Sohn. Ich konnte niemanden retten, es gab keine Zeit zu trauern, sie sind alle
innerhalb weniger Augenblicke gestorben. Ich rannte weiter bis zum Wasserbecken beim Schrein, ich sprang hinein und tauchte alle paar Minuten auf, um Luft zu holen. Stundenlang blieb ich dort. Als es ruhiger wurde, kehrte ich an den Ort zurück, an dem sie meine Familie umgebracht haben. Sie lagen auf dem Boden
wie hingeworfen, einer neben dem anderen. Ich hatte nichts machen können. Ich fühlte mich hilflos und wie ein Versager. So werde ich mich mein Leben lang fühlen, auf mir lastet die Schuld des Überlebenden."