Magazinrundschau - Archiv

Qantara

18 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 28.04.2026 - Qantara

Im Libanon mussten mehr als eine Million Menschen vor den israelischen Angriffen auf die Hisbollah fliehen. Die meisten von ihnen sind Schiiten, und sie haben große Schwierigkeiten, in anderen Teilen des Landes Hilfe zu finden, berichtet Alizée Lambin. Der Krieg hat die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften wieder aufleben lassen: "Die Eskalation hat eine Tendenz verstärkt, die schiitische Gemeinschaft im Libanon, die als soziale Basis der Hisbollah gilt, kollektiv verantwortlich zu machen. 'Schiiten schützen die Hisbollah', sagt ein armenischer Einwohner von Bourj Hammoud, nördlich von Beirut. 'Und jetzt zahlt das ganze Land den Preis. Sie haben ihnen einen Grund gegeben, uns anzugreifen. Das ist nicht unser Krieg.' 'Wer aus dem Süden kommt, den sehen die Leute anders an', sagt Faour, 38, ein Schiit. 'Es ist, als ob die gesamte schiitische Gemeinschaft dafür verantwortlich wäre.' ... Laut einer Mitarbeiterin einer franziskanischen Hilfsorganisation in Beirut können Orte zu Zielen werden, wenn sich Kämpfer oder ehemalige Hisbollah-Mitglieder dort verstecken. 'Selbst für uns ist es schwierig, genaue Daten über die Menschen in den Unterkünften zu erhalten: ihr Alter, ihr Geschlecht, ob sie verletzt sind. Dabei brauchen wir diese Informationen, um wirksam Hilfe leisten zu können, aber die Menschen befürchten, dass sie in die falschen Hände geraten könnten', sagt sie mit Blick auf den israelischen Geheimdienst."

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Marcia Lynx Qualey stellt die Anthologie "Tracing the Ether" vor, die Gedichte 26 zeitgenössischer saudischer Dichter versammelt: "Viele der Gedichte erkunden die sich rasant verändernde Landschaft der Arabischen Halbinsel und Veränderungen, die durch die Ölindustrie und digitale Technologien angestoßen worden sind. Dieses Interesse an Veränderung erwächst auch aus der Geschichte des Nomadentums, der vorislamischen Dichtung und dem Gefühl eines ständig drohenden Verlusts." Der Titel des Buchs vereint "verschiedene Bedeutungsnuancen des Wortes 'Äther': von den ätherischen, also flüchtigen Echos der Menschheitsgeschichte bis zum unsichtbaren 'Äther' der modernen Technologie. Dieser Äther ist sowohl 'digital als auch atmosphärisch', sagt Herausgeberin Moneera al-Ghadeer, und die Dichter vollziehen darin 'ein modernes Ritual der Wiederentdeckung. Inmitten der unsicheren und unsichtbaren Strömungen des technologischen Zeitalters finden sie das zeitlose Drehbuch der menschlichen Erfahrung wieder.'"

Außerdem: Im Interview erklärt der Genozid-Forscher Scott Straus, dass im Sudan ganz eindeutig ein Völkermord verübt wird, es interessiert nur niemanden: "Für mich, der vor 20 Jahren über den Darfur-Krieg geschrieben hat, ist es wirklich bemerkenswert, wie wenig internationale Aufmerksamkeit es heute im Vergleich zu damals gibt. Heute gibt es praktisch keine Berichterstattung, keine Aufmerksamkeit. Vor 20 Jahren gab es erhebliche internationale Einwände, studentische Proteste und eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung. Der Kontrast ist wirklich frappierend. Er verdeutlicht, wie es weltweit um die Völkermordprävention steht."

Magazinrundschau vom 19.08.2025 - Qantara

Der Sektarismus, also die Überbetonung ethnischer oder religiöser Unterschiede, die zu Ausgrenzung führen, "war Teil des von Assad gepflegten Systems, in dem säuberlich unterschieden wurde, wer leben durfte und wer ohne Konsequenz getötet wurde", schreibt Sarah Hunaidi, die als Drusin in Syrien lebte. Assad ist zwar Geschichte, aber sein Vermächtnis lebt unter der neuen Regierung weiter: "In den vergangenen Monaten kam es zu einer Welle identitätsbasierter Gewalt: die Angriffe auf alawitische Gebiete im März 2025, die Kämpfe mit der drusischen Gemeinschaft im April und Mai in Sahnaja im Südwesten von Damaskus und das Selbstmordattentat in der Mar-Elias Kirche im Juni. Diese Verbrechen könnten den Eindruck erwecken, dass der Sektarismus schlimmer ist als je zuvor - und dass Assad tatsächlich Minderheiten beschützt hat. Doch in Wahrheit erleben wir gerade, wie sich die jahrzehntelange Spaltung entlang konfessioneller Identitäten durch Assad offen zeigt. Was einst mit autoritärem Stillschweigens niedergehalten wurde, wird nun ausgesprochen. In den Massakern in meiner Heimatstadt Suwaida im Juli verlor ich Cousins, Freunde, Menschen, die ich liebte. In den darauffolgenden Tagen sah ich Ordner mit Bildern von bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichen durch und versuchte, die Vermissten zu identifizieren - so wie wir es einst mit den Bildern taten, die unter dem Decknamen 'Caesar' von Überläufern der syrischen Militärpolizei aufgenommen worden waren. Aber dieses Mal war es die Übergangsregierung, jene Leute, die ein neues Syrien versprochen hatten - und die jetzt dasselbe alte Spielbuch anwenden. Ihre offiziellen Medien hetzen gegen ganze Gemeinschaften, um an der Macht zu bleiben." 

Armin Messager zeichnet nach, wie iranische Monarchisten um Ex-Kronprinz Reza Pahlavi auf ein Comeback im Iran hinarbeiten. Über Satellitenkanäle wie Manoto, 2023 mit über 17 Millionen Followern auf Platz 9 der meistgefolgten persischsprachigen Seiten in den sozialen Medien, "verbreiten sie ein nostalgisches, royalistisches Narrativ und drängen andere demokratische Oppositionsbewegungen an den Rand", so Messager: "Die Pahlavi-Monarchie wird als Ära des Ruhms, des Fortschritts und des Nationalstolzes porträtiert, eine Darstellung, die durch Expert:innendiskussionen gestützt wird. Fast vollständig aus dem Narrativ gelöscht wird dagegen der Unterdrückungsapparat jener Zeit: der Geheimdienst SAVAK, die Folter und die Hinrichtungen von Dissident:innen sowie das Elend in den Slums zu einer Zeit, in der die Eliten in Luxus lebten. (…) Auf einer Linie mit Trump und Netanjahu haben sich Irans Monarchist:innen der neuen internationalen extremen Rechten angeschlossen. Paradoxerweise ähneln Irans Monarchist:innen mit ihrem Kurs aber gleichzeitig den Ultra-Konservativen innerhalb des iranischen Regimes, teilen sie doch deren Ablehnung von pro-demokratischen Kräften wie auch den Militarismus, die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Afghan:innen und die Ausgrenzung von Minderheiten."

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - Qantara

Bei Qantara berichtet Emran Feroz über die Abschiebung von Afghanen aus Pakistan, die dort Schutz vor den Taliban gesucht hatten. Es ist "eine der größten Massenvertreibungen der Gegenwart. Auch Zabihullah, der afghanische Geflüchtete, soll gehen. Dabei ist Zabihullah in Pakistan aufgewachsen. Seine Familie flüchtete einst vor der sowjetischen Invasion Afghanistans dorthin und fand eine neue Heimat. Bis heute sind ihnen die Straßen Peschawars vertrauter als jene Kabuls. Über Afghanistan weiß Zabihullah nur, dass dort die militant-islamistischen Taliban regieren und ihn wahrscheinlich nicht in Ruhe lassen werden, weil er Musik macht und langes Haar und westliche Kleidung trägt. ... Laut IOM wurden zwischen dem 4. April und 3. Mai diesen Jahres mindestens 109.891 afghanische Geflüchtete aus Pakistan abgeschoben. Der Massenabschiebungsplan der Regierung von Premierminister Nawaz Sharif ist allerdings bereits seit 2023 in Kraft. "

Magazinrundschau vom 08.04.2025 - Qantara

Nach dem Sturz Assads wurden nur wenige tausend Menschen aus den Foltergefängnissen des Regimes befreit, zwischen 130.000 und 200.000 Menschen sind noch immer verschwunden. Die Aufarbeitung der Verbrechen in Syrien und die Bergung der Toten werden noch lange dauern, erklärt Mazin al-Balkhi von der Internationalen Kommission für Vermisste Personen (ICMP): "Die hohe Zahl der Vermissten ist eine der größten Herausforderungen in Syrien. Die Gefangenen, die systematisch getötet und in Massengräbern begraben wurden, sind dabei vielleicht noch die eindeutigsten Fälle. Es gibt darüber hinaus Leute, die willkürlich an Checkpoints von Sicherheitskräften des Regimes auf eigene Faust erschossen wurden. Obwohl diese Soldaten auf Anweisung und mit Genehmigung des Regimes arbeiteten, dokumentierten sie die von ihnen getöteten Personen nicht. Diese Opfer wurden an Ort und Stelle exekutiert und ihre Leichen verscharrt (…) Letztes Jahr haben die Weißhelme [eine zivile Rettungsorganisation, Anm. d. Red.] mir berichtet, dass sie mehrere Brunnen voller Leichen gefunden haben. Und dann gibt es noch Massaker wie das in Tadamon 2013. Wir wissen nicht, wie viele solcher Massengräber es gibt, vielleicht Tausende."

Eine neue Regierung ist an der Macht, aber das Morden in Syrien geht weiter: Mayar Mohanna dokumentiert Aussagen von Menschen, die das Massaker knapp überlebten, das Regierungstruppen Anfang März an der alawitischen Bevölkerung verübten und bei dem nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, einer in Großbritannien ansässigen Organisation zur Überwachung des Syrienkonflikts, etwa 1.639 alawitische Zivilisten getötet wurden: "Mein Name ist Nabil (Name geändert), ich bin 45 Jahre alt: Ich bin der einzige Überlebende meiner Familie, die beim Massaker im Dorf Al-Sanobar in der Nähe der Stadt Dschabla im Gouvernement Latakia umgekommen ist. Die Bewaffneten sind von drei Seiten in Al-Sanobar eingedrungen. Auf der vierten Seite liegt das Meer, der einzige Ausweg. Als der Angriff losging, hatten meine Familie und ich keine Zeit über irgendetwas nachzudenken, außer wie wir uns retten könnten. Wir beschlossen, in Richtung eines heiligen Schreins zu fliehen. Ich dachte, ich könnte dahinter Schutz finden. Meine Familie und ich rannten los, aber auf halbem Weg stießen wir auf die Kämpfer, die nur auf uns gewartet hatten. Sie schossen auf uns. Mein Vater stürzte zuerst, dann mein Bruder, dann mein anderer Bruder, dann sein Sohn, meine Frau folgte ihm, dann mein Sohn. Ich konnte niemanden retten, es gab keine Zeit zu trauern, sie sind alle innerhalb weniger Augenblicke gestorben. Ich rannte weiter bis zum Wasserbecken beim Schrein, ich sprang hinein und tauchte alle paar Minuten auf, um Luft zu holen. Stundenlang blieb ich dort. Als es ruhiger wurde, kehrte ich an den Ort zurück, an dem sie meine Familie umgebracht haben. Sie lagen auf dem Boden wie hingeworfen, einer neben dem anderen. Ich hatte nichts machen können. Ich fühlte mich hilflos und wie ein Versager. So werde ich mich mein Leben lang fühlen, auf mir lastet die Schuld des Überlebenden."

Magazinrundschau vom 09.01.2024 - Qantara

Auch in Nordafrika wandeln sich langsam aber sicher die Geschlechterrollen, versichert die algerische Soziologin Fatma Oussedik im Interview mit Claudia Mende. "Die Urbanisierung hat die Größe der Familien und den Status der einzelnen Familienmitglieder wesentlich verändert. Im Algerien von heute gehen alle Mädchen zur Schule und sie sind sich ihrer Studienabschlüsse bewusst. Selbst wenn der Anteil der berufstätigen Frauen noch sehr niedrig ist, die Quote liegt bei ca. 20 Prozent: In meinen Interviews bezeichnen sie sich nicht mehr als Hausfrauen, sondern als Arbeitslose. Sie wissen um ihre Qualifikation, auch wenn es für sie aufgrund der wirtschaftlichen Situation schwierig ist, eine Stelle zu finden. ... Heute ist die Zahl der Kinder, die eine algerische Frau durchschnittlich zur Welt bringt, gesunken, das Heiratsalter gestiegen. Frauen in Algerien heiraten heute im Alter von 30 Jahren, Männer mit 35. Was auch neu ist: Es gibt etwa seit dem Jahr 2000 in Algerien Frauen, die gar nicht heiraten. Das sind etwa 6 Prozent aller Frauen. Sie leben allein, treffen ihre Entscheidungen allein, beteiligen sich an sozialen Bewegungen, reisen, allein oder in Gruppen. Daran sieht man, wie sehr sich die Rollenvorstellungen wandeln."
Stichwörter: Algerien

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - Qantara

Stefan Buchen, ARD-Korrespondent für die Sendung "Panorama", kritisiert scharf die Bundesregierung, die die Radikalisierung der israelischen Regierung nicht wahrhaben wolle. Netanjahu habe offen gesagt, dass er keinen palästinensischen Staat wolle. "Am besten lässt sich der Charakter dieser Regierung an dem Befund festmachen, dass der 7. Oktober 2023 für sie in gewisser Weise kein Einschnitt war. Vor dem brutalen Überfall der Hamas hatte Netanjahu damit begonnen, die Demokratie durch die Ausschaltung der unabhängigen Justiz abzuschaffen. Seit Beginn des Krieges setzt seine Regierung die Abwicklung der Demokratie mit anderen Mitteln fort. Die Verteilung von Waffen an die eigenen Anhänger, die Rückendeckung für Siedler im Westjordanland, die Palästinenser drangsalieren und vertreiben, das Verbot regierungskritischer Kundgebungen bei gleichzeitiger Erlaubnis von Machtdemonstrationen nationalreligiöser Provokateure auf dem Tempelberg in Jerusalem - all dies sind Indizien undemokratischer Politik. Am stärksten manifestiert sich diese in dem Bestreben, den Krieg zu verlängern. Denn neben der 'vollkommenen Zerschlagung der Hamas' und dem 'totalen Sieg' (O-Ton Benjamin Netanjahu) dient der Krieg auch (und vielleicht vor allem) dazu, der Rechenschaft für das Versagen des 7. Oktober zu entkommen. Denn da hat 'Mister Security', wie sich Netanjahu gern nannte, es versäumt, die eigenen Bürger zu schützen."

Magazinrundschau vom 23.05.2023 - Qantara

Mahir Elfiel möchte aus dem Sudan fliehen, kann aber nicht, weil sein Pass in der inzwischen geschlossenen spanischen Botschaft liegt, erzählt er in Qantara. Jetzt hängt er - wie tausend andere - in Wadi Halfa fest, einer sudanesischen Kleinstadt nahe der ägyptischen Grenze, in der Hoffnung auf ein Visum. Doch die ägyptischen Grenzbeamten wollen ihn ohne Pass nicht einreisen lassen: "Wie mir geht es vielen Sudanesen, die vor Kriegsausbruch ein Visum beantragt hatten, für Schweden, die Niederlande oder Spanien. Die europäischen Behörden übernehmen keine Verantwortung. Sie reagieren nicht auf unsere Anfragen, sie ignorieren uns. Dabei wäre es möglich gewesen, die Pässe zurückzugeben. Die Mitarbeiter der chinesischen Botschaft etwa haben die Antragsteller kontaktiert und ihnen ihre Dokumente zurückgegeben, bevor sie Khartum verlassen haben. Die spanischen Behörden sagen, dass sie nichts tun können und wir einen neuen Pass bei den sudanesischen Behörden beantragen sollen. Als ob in dem Chaos irgendjemand einen Pass ausstellen würde! Ich bin wütend und frustriert. Ich sitze in einem Kriegsgebiet fest und habe keine Möglichkeit, hier wegzukommen."

Außerdem: Frauen, Homosexuelle und Atheisten leben gefährlich im Iran. Aber auch die schiitische Geistlichkeit muss sich langsam um ihre Sicherheit sorgen, berichtet Ali Sadrzadeh.
Stichwörter: Sudan, Niederlande

Magazinrundschau vom 09.05.2023 - Qantara

Auch der politische Analyst Ali Anouzla glaubt, dass es ein Fehler war, die Generäle im Sudan an der Macht zu lassen: "Man hätte al-Burhan und Hemedti von Beginn der Volksrevolution an mit aller Härte und Offenheit wie Kriegsverbrecher behandeln sollen. Nach allem, was sie ihrem Land und ihrem Volk angetan haben, gehören sie nicht an die Schalthebel der Macht, sondern ins Kobar-Gefängnis, wo bereits ihr früherer Präsident Omar al-Bashir einsitzt. Die internationale Gemeinschaft sollte ihren Umgang mit den Kriegsgenerälen des Sudans überdenken und sie so behandeln, wie sie es schon mit den Generälen Myanmars tat. Denn die Verwüstung, das Chaos und die durch al-Burhan und Hemedti verübten Verbrechen gegen ihr Volk und ihr Land sind nicht geringer als das, was jene Generäle in Myanmar angerichtet haben."

Die Frauenrechtlerin Hala al-Karib erinnert im Interview daran, dass die beiden Generäle im Oktober 2021 durch einen Militärputsch gegen die Übergangsregierung an die Macht gekommen sind, "die nach 2019 den Weg zu demokratischen Wahlen bereiten sollte. Mit dem Putsch wollten die Männer den Übergang zur Demokratie untergraben. Die internationale Gemeinschaft hat die Männer dafür nicht zur Verantwortung gezogen, auch nicht für die außergerichtlichen Tötungen, die Zwangsräumungen und die Terrorisierung von Zivilisten, die unter ihrer Führung stattfanden. Es gab zu diesen Vorfällen nicht eine einzige unabhängige Untersuchung seitens internationaler Organisationen." Davon abgesehen pocht al-Karib darauf, dass Frauen in einem demokratischen Sudan endlich gleichberechtigt behandelt werden: "Der Sudan ist eines von weltweit vier Ländern, das die UN-Frauenrechtskonvention nicht unterzeichnet hat. Im Sudan kann ein Mädchen im Alter von zehn Jahren zur Ehe weggegeben werden. Wir haben noch immer sehr strenge Vormundschaftsgesetze, die Zwangsheirat und Kinderehen ermöglichen und Gesetze, die eine körperliche Bestrafung von Frauen vorsehen, etwa Steinigung wegen Ehebruch. Für einen echten demokratischen Wandel muss die strukturelle Diskriminierung von Frauen überwunden werden."

Magazinrundschau vom 07.02.2023 - Qantara

Ayse Karabat erzählt in Qantara die Geschichte von H.K.G. - unter diesen Initialen ist sie in der türkischen Presse bekannt - die mit sechs Jahren mit einem 29-jährigen Mitglied der Gemeinde ihres Vaters verheiratet wurde und seit sie erwachsen ist gegen das türkische Justizsystem kämpft, das nichts gegen diese Zwangsehe und die damit einhergehenden Vergewaltigungen unternahm. "Obwohl Kinderehen strafbar sind, gibt es sie in der türkischen Gesellschaft weiterhin. Laut einer Studie mit dem Titel 'Child, Early and Forced Marriage in Turkey: Data Analysis of Turkey Demographic and Health Surveys 1993-2018' (Kinderehen, Früh- und Zwangsheirat in der Türkei: Datenanalyse der demografischen und gesundheitlichen Erhebungen in der Türkei zwischen 1993 und 2018) wurde jede fünfte türkische Frau, die heute zwischen 18 und 45 Jahre alt ist, vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. Durchgeführt wurde die Studie von UNFPA Türkiye und dem Institut für Bevölkerungsstudien der Hacettepe Universität. H.K.G. besuchte nie eine Schule und war daher nicht im offiziellen Bildungssystem registriert, obwohl alle Kinder ab dem Alter von sechs Jahren für zwölf Jahre lang schulpflichtig sind. ... Laut der Vorsitzenden von Eğitim Sen, Nejla Kurul, gehen in der Türkei 1,5 Millionen Mädchen nicht zur Schule. Kurul ist davon überzeugt, dass H.K.G. den Lehrkräften von ihrem Missbrauch erzählt hätte, wenn sie zur Schule gegangen wäre."

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - Qantara

Tugrul von Mende unterhält sich mit dem Historiker Christopher Silver über dessen neues Buch "Recording History", das an die gemeinsame Musikgeschichte auf Vinyl von Juden und Muslimen im Maghreb erinnert: "Begonnen hat alles in einem Plattenladen in Casablanca - dem Le Comptoir Marocain de Distribution de Disques. Das war im Jahr 2009. Als ich den Laden wieder verließ, hatte sich mein Leben verändert. Denn im Le Comptoir habe ich zum ersten Mal verstanden, dass die Welt der Schallplattenaufnahmen eine ganz eigene ist. ... Die Musik hat mich regelrecht überwältigt. Immer wieder wies mich der Ladeninhaber darauf hin, dass wir gerade ein Stück von jüdischen Musikern hören. Ich war überrascht, wie viele der Künstler Juden waren. Das blieb mir dauerhaft in Erinnerung. Mir war damals, als flüstere mir jemand gelebte Geschichte zu. ... Wenn man weiter in die Geschichte zurückgeht und beispielsweise konkret ein Land wie Algerien anschaut, dann sieht man deutlich, dass das Verhältnis von Meister und Schüler der Schlüssel zur jahrhundertelangen musikalischen Überlieferung war. In diesen Meister-Schüler-Beziehungen gab es häufige Wechsel zwischen Juden und Muslimen. Hier gab es keine strikte Trennung nach religiösem Bekenntnis in dem Sinne, dass Juden lediglich Juden und Muslime lediglich Muslime unterrichtet hätten. In der Musik war alles stets miteinander verwoben. Neu für mich war die Erkenntnis, wie beständig diese engen Beziehung bis weit ins 20. Jahrhundert waren."