Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 33

Magazinrundschau vom 19.05.2003 - Times Literary Supplement

Ebenso erschüttert wie begeistert ist Ronald Wright von Margaret Atwoods neuen Roman "Oryx and Crake", ein gelungenes Untergangsszenario, findet Wright, mit dem sich Atwood in eine Reihe mit Jonathan Swift, H.G. Wells und Aldous Huxley katapultiert habe. In dem Roman wird die Gentechnologie zum letzten Aufgebot , mit dem sich die Menschheit als gewaltige Konsumgesellschaft zu retten versucht. "Die Botschaft lässt wenig Hoffnung: Die Menschheit hat ihren evolutionären Gipfel erreicht, die aufgeschwollene Affenhirne sind eine ebenso fatale Spezialisierung wie einst die Säbelzahntiger. In Anlehnung an Huxley lässt sie nur eine Hobbes'sche Wahl: Wir müssen uns genetisch erneuern oder sterben. Margaret Atwood mag dabei ironisch sein. Andere sind schon im Labor an der Arbeit."

Weitere Artikel: Richard Davenport-Hines hat mit großem Vergnügen Thomas W. Laqueurs kluge und elegante Kulturgeschichte der Masturbation "Solitary Sex" gelesen, Jerry Fodor zeigt sich leicht enttäuscht von Matt Ridleys "Nature via Nurture", das zwar viel über die Gene und die Erziehung zu sagen habe, aber eigentlich nur noch mehr Verwirrung stifte. Und Andrew Scull weist auf eine offenbar sehr interessante Geschichte der "Trepanation" hin, der operativen Schädelöffnung (mehr zu diesem faszinierenden Thema hier).

Magazinrundschau vom 12.05.2003 - Times Literary Supplement

Zum vierhundertsten Todestag von Königin Elisabeth I. (mehr hier und hier) fragt sich Katherine Duncan-Jones, ob Elisabeths Langlebigkeit wirklich ein Glücksfall war. In ihrer Besprechung von gleich fünf aktuellen Biografien und einer Ausstellung kommt sie zu dem Schluss: "In den letzten beiden Jahren ihres Lebens wurde sie wowohl beim Landadel unbeliebt, den sie mit Zwangsabgaben für ihre Irischen Kriege in den Ruin getreiben hatte, als auch bei der armen Landbevölkerung, die in ihrem Aberglauben eine Folge von Missernten mit der unheilvollen Herrschaft einer unfruchtbaren alten Frau assoziierte. Am unzufriedensten aber waren die überlebenden Freunde und Unterstützer ihres früheren Günstlings, des Grafen von Essex. Wenn Elisabeth also zum Schluss melancholisch und paranoid war, dann zu Recht."

Weitere Artikel: Leider nur in Auszügen zu lesen ist Vincent Sherrys Text über Virginia Woolf und den Ersten Weltkrieg. Dass sie ihn rigoros abgelehnt hat, stehe außer Zweifel; doch Sherry glaubt, dass ihre Haltung über eine moralisch-pazifistische Indignation hinaus geht. Woolf sei vielmehr am politischen Versagen des britischen Liberalismus verzweifelt.

Peter Porter schwärmt von der satirischen Lyrik der australischen Dichterin Gwen Harwood, die "den Horror, der in der Rationalität der Vorstädte schlummert", in strenge Metrik einwickelt. Richard Davenport-Hines findet Matthijs van Boxsels "Encyclopedia of Stupidity" alles in allem ziemlich schwach, entnimmt ihr aber den Ratschlag: "Machen sie ihre Dummheit zu einer persönlichen, einzigartigen Dummheit. Wenn Sie versagen, versagen Sie auf dem höchst möglichen Niveau. Wenn Sie fallen, fallen Sie mit Eleganz und einem Lied im Herzen." Und Keith Miller hat sich beim menschfreundlichen Stück "Jerry Springer: The Opera" im Lyttelton Theatre amüsiert.

Magazinrundschau vom 05.05.2003 - Times Literary Supplement

Restlos enttäuscht zeigt sich Tom Shippey von Don DeLillos (mehr hier) neuem Roman "Cosmopolis". Nicht, dass Shippey die Geschichte um den strauchelnden 28-jährigen Spekulanten und Multi-Milliardär Eric Packer nicht überzeugend geschrieben fände - es sei einfach nur die falsche Geschichte: "'Cosmopolis' ist ein Roman über Ideen. Aber einige Ideen fehlen. Terrorismus zum Beispiel. Das ist eine merkwürdige Auslassung für einen in Manhattan handelnden Roman. Gut, er handelt im April 2000, weit vor dem 11. September, aber wenn DeLillo damit spielen kann, den Zusammenbruch des großen 'Bullenmarktes' vorauszusagen, dann hätte er genauso gut, durch einen Hinweis, eine Anspielung, eine Prophezeiung den Zusammenbruch des amerikanischen Sinns für Unverletzlichkeit voraussagen können, oder besser noch, einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen herstellen können. Doch die Gewalt, die er zeigt, ist allein hausgemacht. Es gibt Globalisierung, Anti-Globalisierung, aber kein Zeichen von Retro-Globalsierung. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass DeLillo, der großartige Beobachter der Amerikana, von den Ereignisse überholt worden ist."

Weitere Artikel: David Hockney (mehr hier) meditiert in einem kurzen Stückchen über Picassos Gemälde "Massaker in Korea". Adrian Lyttleton feiert Christopher Duggan für seine Biografie des italienischen Politikers Francesco Crispi. Carmine Di Biase lobt den Band "Bellezza e Bizzarria" des "größten und fruchtbarsten Essayisten des modernen Italiens" Mario Praz. Und Clive James empfiehlt die BBC-Sendung über Bing Crosby (mehr hier), "The Greatest of Them All", denn sie zeige, zu welchen Wundern eine ganz gewöhnliche Stimme fähig sei.

Magazinrundschau vom 28.04.2003 - Times Literary Supplement

Einen interessanten Zusammenhang zwischen der deutschen Haltung zum Irakkrieg und Jörg Friedrichs Erfolgsbuch "Der Brand" macht Daniel Johnson aus (der den implizierten Gleichsetzungen von britischem Bombardement und Holocaust im übrigen wenig abgewinnen kann): "Es ist keine Übertreibung zu sagen, das Jörg Friedrich einen noch größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland hatte als vor sieben Jahren Daniel Goldhagens 'Hitlers willige Vollstrecker'. Goldhagen trug zu einem Klima bei, in dem Deutschland keine andere Wahl hatte, als die Zwangsarbeiter zu entschädigen. Indem Friedrich die öffentliche Meinung gegen anglo-amerikanische Bombardements mobilisierte, trug er zu einem Klima bei, das es Kanzler Schröder leichter machte, den letzten Rest von Zurückhaltung unter den Deutschen zu überwinden, sich von ihren Nachkriegs-Alliierten zu distanzieren." Und noch einen Hieb versetzt Johnson Schröders Deutschland: "Heute gilt der moralische Imperativ, die Vergangenheit nicht mehr zu unterdrücken, sondern die Unterdrückung anzuprangen, auch wenn sich von eben diesem Unterdrückten herausstellt, dass es eine Mischung aus Selbstmitleid und Ressentiments gegen frühere Opfer und Gegner ist."

Frederic Raphael zieht den Hut vor Hollywood-Legende Sam Spiegel, über den Natasha Fraser-Cavassonis eine Biografie geschrieben hat, die laut Raphael ihrem Sujet nur im Umfang gerecht wird. Raphael selbst fasst seine Bewunderung für den Produzenten so zusammen: "Descartes sagte, dass das Efeu nicht über den Baum hinauswachsen könne; doch Spiegel schaffte es als Parasit, diejenigen zu überragen, von denen er abhing. David Lean hat es Spiegel nie verziehen, dass er seinen Namen - solus rex - über den Titel seines Films 'Die Brücke am Kwai' setzte."

Mit großem Vergnügen hat John Maddox Richard Dawkins' Essays "A Devil's Chaplain" über Moral und Wissenschaft gelesen, schließlich verdankt er "Großbritanniens bekanntestem Atheisten seit dem Tode Bertrand Russels" Einsichten wie "Wir geben zu, dass wir wie Affen sind, aber wir begreifen nur selten, dass wir Affen sind". Und Michael Ward erkennt in den Narnia-Romanen des Mediävisten und Fantasten C.S. Lewis eine ganze Galaxie kosmischer Wahrheit.

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - Times Literary Supplement

Am 23. April ist es wieder soweit: Shakespeares Geburtstag (und Todestag) wird gefeiert. Michael Caine ruft sich genüsslich verschiedene Veranstaltungen in Erinnerung - etwa David Garricks Shakespeare-Fete 1769 ("song, dance and horse-racing, an ode in praise of 'the god of our idolatry', and James Boswell dressed as a Corsican") - aber auch dieses Jahr wird grandios, verspricht Caine: "Outbreaks of morris dancing and the National Anthem are guaranteed, as is a procession of Elizabethan dresses, academic gowns, school uniforms, the national regalia of foreign dignitaries and the panoply of the civic burghers. The band of the Royal Engineers usually march at the head of this procession but this year they are busy liberating Iraq, so their understudies, the band of the West Midlands Police, are on."

Weitere Artikel: Jonathan Bate applaudiert einem Buch von Brian Vickers, der Shakespeare als Ko-Autor so berühmter Schriftsteller wie George Wilkins ("Pericles"), Thomas Middleton ("Timon of Athens"), George Peele ("Titus Andronicus"), John Fletcher ("Henry VIII.", "The Two Noble Kinsmen") vorstellt. Besprochen werden weiter ein Buch von N. T. Wright über die Wiederauferstehung Jesus und Norman Porters Buch über die Möglichkeiten einer Versöhnung in Nordirland.

Magazinrundschau vom 14.04.2003 - Times Literary Supplement

Michael A. Bernstein feiert das literarische Debüt seines Kritikerkollegen James Wood, der mit seinem Roman "The Books Against Gods" zum erstenmal England einen Helden von dostojewskihafter Zerrissenheit geschenkt hat. Laut Bernstein hat dies bisher der wohlbegründete englische Widerwille gegen übertriebene Selbstdarstellung verhindert, wie sie die "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch" auszeichnen. "Der Erzähler Thomas Bunting, ein chronischer Lügner, verlassener Ehemann und beruflicher Versager" ist ein direkter Erbe des Ich-Erzählers aus den "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch", meint Bernstein. Wie sein russischer Vorgänger leide Bunting "unter dem, was Dostojewski als 'Überbewusstsein' beschreibt, das sein Opfer unfähig macht, irgendetwas zu sein: er kann weder bösartig noch freundlich sein, weder ein Schuft noch ein anständiger Mensch, weder ein Held noch ein Insekt." Und schon in Woods fulminantem ersten Satz sieht Bernstein das ganze Tableau an Unverschämtheit, Blasphemie und Schuld ausgebreitet, das den Leser in diesem Buch erwarte: "Ich verleugnete meinen Vater dreimal, zweimal bevor er starb, einmal danach".

Paul Bindung erinnert an den vor 25 Jahren gestorbenen englischen Literaturkritiker F. R. Leavis (mehr hier), dessen Hang zum individuellen Standpunkt ihn ebenso legendär wie einsam machte. "Die USA lehnte er gänzlich ab. Die britische Aristokratie mochte er nicht, er verabscheute Bloomsbury und verachtete die gesamte Kultur der Arbeiterklasse seit der Industriellen Revolution. Er verschwendete keine Zeit an Männer, die Tottenham Hotspur unterstützten, und keine an Frauen, die Bingo spielten."

Sehr gelungen findet Paul Duguid Georgina Ferrys Buch "A Computer Called LEO", den die Eiskrem-Firma Lyons in den fünfziger Jahren entwickelte. Dreitausend Kabel waren für das revolutionäre Ungetüm zusammengeknotet worden, sein Prozessor war allerdings nicht einmal so leistungsstark wie der Chip auf einer klingenden Grußkarte. Erich Segal empfiehlt Thomas F. Scanlons Studie "Eros and Greek Athletics" zur erotischen und sexuellen Dimensionen des Sports in der griechischen Antike.

Magazinrundschau vom 07.04.2003 - Times Literary Supplement

Mit einiger Verspätung, aber immerhin entdeckt das TLS einen der wichtigsten Maler des 19. Jahrhunderts: Adolph Menzel (mehr hier). Völlig zu Unrecht, meint Julian Bell, würde nur Courbet, Manet und den Impressionisten die Ehre zu teil, als "Wegbereiter der modernen Kunst" zu gelten. Bell zumindest geht völlig d'accord mit Michael Frieds Studie "Menzel's Realisms", die einige von Menzels Bildern zu den "bedeutendsten Werken des 19. Jahrhunderts" erklärt. Dass dies noch nicht weithin anerkannt sei, liege daran, dass kaum jemand Menzel kenne, nur zwei große Ausstellungen habe es bisher außerhalb Deutschlands gegeben. "Über das bürgerliche Leben in der Mitte des 19. Jahrhunderts kann man aus Menzels Bildern genauso viel erfahren wie aus 'Madame Bovary', der preußische Maler teilte nur nicht Courbets kulturelle und politische Auffassung von 'Le Realisme' oder seine monumentale Art, diesen auszurufen."

In höchste Euphorie versetzt Clive James die Fernsehserie "The West Wing" über die fiktive Präsidentschaft des Jed Bartlet, deren zweite Staffel in Großbritannien demnächst anläuft. Die Dialoge seien so schnell und witzig wie in den besten Screwball-Comedies, das Niveau der Schauspieler stratosphärisch. Außerdem sei die Serie so dramatisch "wie Bayreuth, nur mit besserem Text."

Weitere Artikel: Auch nach Michael Walshs Biografie des Malers C. R. Nevinson, "This Cult of Violenvce"  ist Jamie Mckendrick der britische Futurist nicht sympathischer geworden, zumal Walsh den emphatischen Maler des Ersten Weltkriegs so ungeschickt verteidige, dass der Punkt eher an die Anklage gehe. John Leslie vermutet, dass der Rummel um Joao Magueijos Studie "Faster Than the Speed of Light" weniger der Erkenntnis geschuldet sei, dass es unterschiedliche Lichtgeschwindigkeiten gibt, als vielmehr den publikumswirksamen Streitigkeiten "unglaublich bigotter, ignoranter und schwachsinniger" Wissenschaftler. Gabriele Annan hat Frederic Raphael Memoiren "A Spoilt Boy" mit gemischten Gefühlen gelesen. Zwar kann Annan Rapahels Scharfzüngigkeit einiges abgewinnen, nicht aber seiner Larmoyanz.

Magazinrundschau vom 31.03.2003 - Times Literary Supplement

Wer verstehen will, was einen erfolgsverwöhnten Premier dazu bringt, seine politische Karriere für einen Krieg aufs Spiel zu setzen, der die UNO in eine tiefe Krise gerissen hat und den gesamten Nahen und Mittleren Osten in Brand zu stecken droht, meint Peter Clarke, der sollte D. R. Thorpes gründlich recherchierte Biografie über Premierminister Anthony Eden lesen. Der nämlich hat für Öl und Einfluss Großbritannien in den fatalen Suezkrieg geführt, andererseits aber auch als Außenminister beim Münchner Abkommen seine Erfahrungen in Appeasement-Politik gemacht.

L.G. Mitchell preist Edgar Vincents glänzende Nelson-Biografie ("Love and Fame"), wobei es ihm dieses "gut geschriebene und gründlich recherchierte" Buch genauso angetan hat wie der große Admiral selbst: "Erstens war Nelson immer und ausschließlich aggressiv: Im Krieg ging es darum, jemanden zu bekämpfen. Schwierigkeiten und Hindernisse wurden beiseite gewischt... Zweitens war er ein überragender Kommandeur. Seine Kapitäne waren seine Lieblingskinder."

Zwei neue Bücher zu Nietzsche haben Jonathan Ree davon überzeugt, dass "die Kuh noch gemolken werden kann": zum einen die Essaysammlung "Nietzsche, Godfather of Fascism?", die vorbildlich gründlich untersuche, wieviel Nationalsozialismus in Nietzsche steckt, ohne zu einer endgültigen Aussage zu kommen; zum anderen Curtis Cates' Biografie, die ganz altmodisch versuche, Nietzsches Werk aus seinem Leben zu erklären.

Mick Imlah hat sich köstlich mit Robert Graves wiederaufgelegtem Roman "Antigua, Penny, Puce" von 1935 amüsiert, dessen Witz er so "leicht" findet, dass man ihn nur als "jenseits von Gut und Böse" bezeichnen könne. Jeremy Treglown bedauert, dass der Schriftsteller, Schauspieler und Soho-Dandy Julian Maclaren-Ross seiner Zeit einfach zu weit voraus war, wie er Paul Willetts Biografie "Fear and Loathing in Fitzrovia" entnimmt.

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - Times Literary Supplement

Graham Robb zieht seinen Hut vor Theophile Gautier, der lieber mittelmäßig als ein Genie sein wollte - und dabei doch ein recht passabler Literat und brillanter Journalist geworden ist, wie die neu erschienene Werkausgabe "Romans, Contes et Nouevelles" beweise. "Genies sind sehr engstirnig. Der Mangel an Intelligenz hält sie davon ab, die Hindernisse zwischen sich und ihren Zielen zu sehen."

Claire Tomalin registriert mit großer Befriedigung, dass die viktorianische Fotografin Julia Margaret Cameron (mehr hier) nicht mehr nur als amüsante, aber lächerliche Person dargestellt wird, sondern endlich wieder als "kluge und kreative" Künstlerin, "deren Bilder einmal in einem Atemzug mit den Gemälden von Tizian und Rembrandt genannt wurden".

Richard D. Altick erzählt die Geschichte des viktorianischen Skandalpaares Arthur Munby und Hannah Cullwick, über das es auch eine neue, doch in seinen Augen enttäuschend unoriginelle Biografie von Diane Atkinson gibt. Besprochen wird außerdem die Aufführung von Jean-Claude Carrieres Stück "The Little Black Book" in den Riverside Studios in Hammersmith.

Magazinrundschau vom 17.03.2003 - Times Literary Supplement

Lauter angelsächsische Ikonen diesmal im TLS, die entweder mit großer Freude zertrümmert werden oder in neuem Glanze erstrahlen dürfen. Anlässlich des Doppelporträts "Hitler and Churchill" von Andrew Roberts etwa bemerkt Frank Johnson mit Erleichterung, dass die Zeit des Churchill-Revisionismus endlich vorbei ist und der Mann wieder als das gewürdigt wird, was er war - der "Retter seines Landes": "Es ist nur so, dass er es nicht unbedingt auf die Art rettete, wie uns zunächst erzählt wurde. Er arrangierte vielmehr die Dinge so, dass andere Länder es für uns retteten, die Vereinigten Staaten, aber noch mehr die Sowjetunion. Dies bedeutet nicht, dass wir Mitläufer gewesen sind. Denn Churchill arrangierte die Dinge auf Kosten seiner eigenen Machtposition in der Welt. Aber das macht ihn nur umso größer."

Wer eine Lektion in Unerbittlichkeit, Todesmut oder den eigenen Gesetzen der Grausamkeit benötigt, hat gerade die freie Wahl, wie A.N. Wilson meint: Er kann sich in der Royal Academy eine Ausstellung über die Azteken ansehen - oder bei ITV die böse Dokumentation "Maggie - The First Lady". "Der Film erinnert uns daran, dass Mut vielleicht die höchste der Tugenden ist, aber nicht unbedingt eine attraktive." Wofür Wilson diese Szene heranzieht: "Nachdem Thatcher Arthur Scargill vernichtend geschlagen und die Arbeiterklasse gedemütigt hatte, meinten ihre Berater, dass es wohl vernünftig wäre, jetzt wenigstens versöhnlich zu erscheinen. Da sagte Thatcher zu ihrem Berater Stephen Sherbourne: 'Die Leute haben mir gesagt, ich dürfe jetzt nicht in Häme verfallen. Aber genau das werde ich tun!' Das war nicht der einzige Moment des Film, von dem ich dachte, dass er mit Wagner unterlegt sein sollte."

Carolyne Larrington empfiehlt Daniel Donoghues Biografie "Lady Godiva", die die Geschichte der angelsächsischen Edlen fern von Freud und Peeping Tom erzählt, dafür "fundiert und gedankenreich" als Geschichte einer tugendhaften und barmherzigen Frau. Und Jonathan Clarke diskutiert Annabel Pattersons Geschichte des englisch-amerikanischen Liberalismus "Nobody's perfect".