Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 31 von 33

Magazinrundschau vom 30.12.2002 - Times Literary Supplement

Unter dem Stichwort Utopia bringt das TLS Gegensätzliches zusammen: Porno, Realitätsflucht und Stasi.Frank Whitford ist fasziniert von Laird M. Eastons Biografie "The Red Count" über die schillernde Figur des deutschen Grafen Harry Kessler, dem Eigentümer des Weimarer Hauses, das die Stasi später zu ihrem Hauptquartier machte. Der Index des Buches lese sich nicht nur "wie ein europäisches Who is Who des frühen zwanzigsten Jahrhunderts", sondern auch wie das Verzeichnis eines "Geschichtsbuches". Der "rote Graf", wie Kessler aufgrund seines sozialistischen Engagements gennant wurde, gebe Eastons Buch nicht nur seinen Namen, sondern dem Autor auch ein Rätsel auf. Wie hängt der "weitgehend apolitische Ästhet" Kessler, der von der "fördernden Kraft der Kunst" überzeugt war, mit dem späteren "Dissidenten" zusammen, der sich gegen das Establishment stellte? "Wie konnte ein aristokratischer, snobistischer, unbedachter Unterstützer der autoritären Regierung und des Deutschen Kaiserreiches, wie konnte ein Mann, der den Kaiser lediglich wegen dessen bigotter Ansichten über Kultur verachtete, sich so sehr verändern? Könnte es sein, dass sein starkes, scheinbar widersprüchliches Engagement in die künstlerische Avantgarde in zum Revolutionär gemacht hat?"

Aisling Foster gibt sich höchst verwundert über Roddy Doyles Buch "Rory and Ita", das Gespräche mit Doyles Eltern über die irische Vergangenheit wiedergibt. Denn Rory und Ita verlieren kaum ein Wort über Problematisches, über schwere Zeiten, sie weiden sich nicht, so Foster, in "andauernder Traurigkeit", sondern "verwischen" sie. Nicht dass Doyle keine "hartnäckigen Fragen" gestellt hätte. "Und doch wird immer wieder interessanten Konfrontationen flink aus dem Weg gegangen. Vielleicht ist das der uralte Graben zwischen den Generationen. Oder aber es ist eigenartiger als das: eine irisch-katholische Denkweise, in der die Selbstprüfung seit jungen Jahren undurchdringliche Wälle um Dingen wie Sexualität, Religion oder Politik errichtet hat? Was auch immer der Grund dafür sein mag, diese mündliche Geschichte könnte etwas weit seltsameres als Fiktion geschaffen haben: ein erfolgreicher modus vivendi, der sich auf bestimmter Flucht gründet, in genauem Widerspruch zu den therapeutischen Behauptungen der Tiefenpsychologie."

Weitere Artikel: Laut Paul Quinn frönt Robert Coover in seinem Science-Fiction-Roman "The Adventures of Lucky Pierre" erneut seiner Subversionslust. Diesmal in Form von Pornotopia, einer Parallelwelt, die sich als Film gebe. Doch Coover "transzendiere" sein Genre und schaffe einen "tieferen Sinn der Wandelbarkeit".

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - Times Literary Supplement

Imperialismus sei scheinbar wieder in, bemerkt Ronald Wright (mehr hier und hier) , findet aber die These interessant, die Henry Kamen in seinem Buch "Spain's Road to Empire" (Auszug) vertritt, nämlich dass nicht die Großmacht Spanien ihr Kolonialreich geschaffen habe, sondern umgekehrt. In der Tat seien die eroberten Länder maßgeblich an der Errichtung der spanischen Großmacht beteiligt gewesen. Hier ist für Wright allerdings Vorsicht geboten: "Es ist sicher richtig, dass sowohl in Amerika als auch in Asien, eingeborene Kräfte und Interessen eine wichtige Rolle in der Konsolidierung der spanischen Macht gespielt haben. Aber eroberte Völker forsch-fröhlich 'Kollaborateure' zu nennen, ist so, als würde man behaupten, Juden, Slawen, Zigeuner und anderen Zwangsarbeiter hätten bei der Errichtung des Dritten Reichs 'kollaboriert'."

Gabriel Dover beschäftigt sich mit Steve Jones' Buch "Y - The Descent of men", in dem Jones die "neue Wissenschaft der Männlichkeit" präsentiere. Diese Männlichkeit sei zunächst noch "ein einigermaßen wohl verstandener, genetisch beeinflusster Zustand", gerate aber mehr und mehr zur Suche nach dem "Wesen des Mannes", das ein ungleich "schwierigeres Konzept" darstelle. "Kein Mars oder Venus mehr, bitte!", seufzt der Rezensent.

Weitere Artikel: John Whale findet Raymond Chapmans Anthologie zum klerikalen Leben zu wenig durchdacht, freut sich aber, dass der Leser mit "anregenden und bedachten Texten" konfrontiert wird. Dawn Ades berichtet über die Azteken-Ausstellung in der Londoner Royal Academy of Arts und wundert sich, wie sehr die heftigen und meist verurteilenden Reaktionen der heutigen Kritiker sich von der Bewunderung der damaligen Entdecker unterscheiden.

Nur im Print zu lesen sind unter anderem "God still matters" von Anthony Kenny, "The Two Towers" von Tom Shippey und "The Room of Saints and Virgins" von Jean Sprackland.

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - Times Literary Supplement

Wie kommt es, dass man mit Sokrates noch immer so gut denken und diskutieren kann?", fragt sich Michael Trapp. "?Unser' Sokrates ist der Mann, der einer fragenden Erziehungsmethode seinen Namen gab, einer Beschäftigung mit den Seelen, einer Fürsorge um das wahre Selbst und einer bescheidenen Weigerung, irgendein Wissen außer dem des eigenen Unwissens für sich zu beanspruchen. Er ist der ernsthafte Disputant, der unkonventionelle Theoretiker und mythische Visionär, dessen gelassen heldenhafte Prinzipien-Ergebenheit einem skandalös unverdienten Prozess und der daraus folgenden Todesstrafe gegenübersteht." Und genau darin liegt für Trapp der Reiz der Anthologie "The Unknown Socrates", die "einen anderen Sokrates aufdeckt, oder besser gesagt eine Reihe von Sokraten, die aufgrund ihrer Unvertrautheit höchst faszinierend erscheinen" und die Sokrates' zu "Emblem und Galionsfigur einer Aktivität und einer Ideologie" machen, "die unbequemerweise und doch unvermeidlich nahe am Herzen der Kultur liegt, die Aktivität der Philosophia".

Robert MacFarlane ist begeistert von Benedict Allens "The Faber Book of Exploration", in dem er die Aufzeichungen von Entdeckern und Abenteurern gesammelt hat. Allens "großartige" Anthologie mache deutlich, worum es bei Entdeckungsreisen eigentlich gehe, nämlich "sich den Unwegsamkeiten der unbekannten Landschaft auszusetzen, und so eine Verwitterung der Persönlichkeit zu bewirken, die den Kernpunkt des Selbst enthüllt". Auch gehe aus den Texten hervor, was die Entdecker - oftmals Einzelgänger - zum Schreiben bewege: "Wie man aus dem Umfang dieser Anthologie ersehen kann, sind Erforscher selten schweigsam. Der Zwang zu erzählen ist groß. Dies ist zum Teil eine natürliche Antwort auf die erlebte Begegnung mit dem Unbekannten - die strukturierende Aktivität von Sprache und Erzählung schafft die Möglichkeit, sich dem bedrohlich Unvertrauten zu nähern. Das Erzählen rührt aber auch vom Drang her, eine vernünftige Erklärung für das zu liefern, was sonst auf gefährliche Weise zwecklos erscheinen könnte: der Wunsch, einen Berggipfel zu erklimmen, die Mitte einer Eisscholle oder die andere Seite eines Ozeans zu erreichen."

Weitere Artikel: Andrew Porter hat Nicholas Maws Opern-Adaption von William Styrons Roman "Sophie's Choice" im Londoner Royal Opera House gesehen und findet, dass Maw sich schwer tut, die Erzählperspektive und die verschränkten Erzählzeiten der Romanvorlage szenisch und musikalisch umzusetzen. Und Michael Greenberg freut sich, dass Richard Lingeman in seiner Biografie des amerikanischen Schriftstellers Sinclair Lewis mit dem gängigen, einseitigen Bild des Autors aufräumt, der "mehr für das in Erinnerung geblieben ist, worüber er schrieb, als für das, was er schrieb."

Nur im Print zu lesen: "Inside the Cuban Revolution" von Mark Falcoff, "Slow Air" von Nicholas Laird und "A Life's Music" von Sam Thompson.

Magazinrundschau vom 09.12.2002 - Times Literary Supplement

Kerry Downes ist begeistert von Stephen Inwoods "The Man Who Knew Too Much", eine Biografie "des ersten professionellen, forschenden Wissenschaftlers in England" Robert Hooke. Inwoods Buch sei nicht nur "amüsant und überzeugend", es "erklärt auch klar die großen Themenbereiche, die den Kontext zu Hookes Arbeit bildeten". Doch vor allem, lobt Downes, bringt uns Inwood den Wissenschaftler als "abgerundete Person" nahe, als jemanden, der "nicht ohne Feinde" war (unter anderem Newton) und dessen Wissenschaft "zu großen Teilen intuitiv, experimentell und nicht-mathematisch" war, was dazu führte, dass er sich gierig und "allesfressend" auf "jedes Wissensgebiet" stürzte und nie "zu lange über einer Sache brütete". (Mehr über Hooke im Netz finden Sie auf der britischen Hooke-Homepage, bei der Londoner School of Mathematics and Statistics und bei der University of California.)

Lawrence Norfolk (mehr hier) zeigt sich zugleich befremdet und angetan von Harry Mathews (mehr hier) Buch "The Human Country". Mathews ist der einzige Amerikaner in Oulipo ("Ouvroir de Litterature Potentielle") - einer französische Literatengruppe, die ausprobiert, wie sich mathematische Strukturen für literarische Texte benutzen lassen. Für seinen Text "Their Words, For You" etwa hat sich Mathews auferlegt, mit dem begrenzten Wortschatz von 46 Sprichwörtern auszukommen. Norfolk, dessen Besprechung leider nur auszugsweise im Netz steht, zitiert: "The good, for a dog, is a bone with meat on it. For a cat the good is little, shy dogs, and many mice. The good for mice is no cats, and eggs saved from cats and men. For a horse the good is new grass, and other horses, and a few good men. For man the good is no one thing." (Mehr über Oulipo finden Sie hier und hier, einen Text von Mathews über Oulipo hier.)

Weitere Artikel: Giles Foden sieht in Paul Theroux' "Dark Star Safari", das Theroux' Rückkehr nach Malawi beschreibt, wieder einmal die unverzichtbaren "Zwillingsthemen" seines Schaffens aufflackern: "Sex und Machtbeziehungen". Andrew Lambert schreibt viel - und Interessantes - über das anscheinend vermeidbare russische Feldzugs-Fiasko im Krieg gegen Japan und wenig über das Buch, das Constantine Pleshakov diesem Thema gewidmet hat. 

Nur im Print zu lesen unter anderem, was Kathryn Sutherland über Jane Austens Porträts schreibt, Sarah Bakewells "Wild girls" und Katherine Duncan-Jones über "Power und Coriolanus".

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - Times Literary Supplement

Als die "beste Greene-Geschichte seit Carol Reeds 'The Third Man'" und das Beste über Vietnam seit 'Apocalypse Now'" lobt Jeremy Treglown Phillip Noyces Neuverfilmung von Graham Greenes 1955 erschienenen Roman "The Quiet American". Der Film lasse zwar die religiösen Aspekte der Vorlage weitgehend außer Acht, lenke dafür aber die Aufmerksamkeit auf "Greenes Vorahnung der Vietnam-Tragödie" und sei eine "Fabel für heute". Doch gerade das mache seine unerhörte Kraft aus, was dazu geführt habe, dass der Kinostart nach dem 11. September verschoben wurde. Durchaus lehrreich könnte sich der Film auch für die Kriegsherren von heute erweisen: "'The Quiet American' gesellt sich zu David O. Russells erschreckender Nach-Golfkriegs-Satire 'Three Kings' auf dem Programm, von dem man sich wünsche, George W. Bush und Tony Blair würden sich zusammensetzen und es sich zusammen anschauen, noch dieses Wochenende."

Weitere Artikel: Tom Paulin zeigt auf, wie sich der Einfluss des Ökonomen Maynard Keynes in T. S. Eliots "The Waste Land" bemerkbar macht. T. G. Otte freut sich, dass John Griggs Biografie des englischen Staatsmannes George Lloyd "viele der Mythen zu Grabe trägt, die diesen Mann umgeben". Mark Ford bespricht zwei Studien über den amerikanischen Dichters Wallace Stevens, der versucht hat, seinen Weg zwischen materiellen Verpflichtungen und dichterischem Schaffen zu finden.

Magazinrundschau vom 25.11.2002 - Times Literary Supplement

Die Internetadresse des TLS funktioniert heute morgen nicht, darum können wir die Artikel nicht verlinken. Vielleicht probieren Sie es später selbst hier.

Bei der Lektüre von Emily Eels' Studie zu Marcel Prousts "Anglophilie" hat Daniel Karlin vor allem das "faszinierende und suggestive Material" beeindruckt, auf das sich Eels beruft. Weniger angetan ist er allerdings von Eels' Tendenz, aus Prousts "Anglomanie" gleich "Anglosexualität" machen zu wollen. Gleichwohl ergeben sich dabei amüsante und beunruhigende Ideen, wenn zum Beispiel Eels, wie auch schon andere vor ihr, darauf aufmerksam macht, dass im französischen Slang "Tee trinken" "schwuler Sex" bedeutete, und sowohl "Tasse" als auch "Teekanne" ein Pissoir bezeichneten. Dies werfe ein völlig anderes Licht auf die berühmte Episode der kleinen in Kräutertee getunkten Madeleine. "Es ist überraschend, wie anders die sinnliche Oralität dieses Moments aussieht, wenn man sie als verhüllte Anspielung auf Sex in öffentlichen Toiletten versteht. (?) Letztendlich, wie Freud vielleicht sagen würde, ist manchmal eine Tasse Tee einfach eine Tasse Tee. Doch selbst wenn diese sprachliche Verbindung nicht existieren sollte, weist sie doch auf eine unverkennbare Wahrheit hin, nämlich die Tunten-Theorie, mit der die Franzosen die Engländer behafteten (und immer noch behaften)."

Weitere Artikel: Paula Byrne beschäftigt sich mit Jean Benedettis Biografie des englischen Schauspielers David Garrick (mehr hier), von dem gesagt wird, er habe das moderne Theater erfunden. E. S. Turner hat den dritten Teil der Tagebücher des britischen Politikers Alan Clark gelesen und glaubt, dass Clarks teilweise "selbstmitleidige Selbstzerfleischung" so manchen seiner Verehrer überraschen werden. Rosemary Righter hat drei Studien über das post-sowjetische Kasachstan gelesen und ärgert sich vor allem über den "dogmatischen Hass auf den Kapitalismus", der Joma Nazparys Analyse verzerre.

Im Print zu lesen sind außerdem E. S. Turners "Last Diaries", "The Welter" von Les Murray und Paul Levys "Feast", eine Geschichte des üppigen Essens.

Magazinrundschau vom 18.11.2002 - Times Literary Supplement

Kann man, wie dies so oft gefordert wird, "jedes Werk in genau dem Geist lesen, in dem der Autor es geschrieben hat?", fragt sich Peter Williams in einem spannenden Artikel und zieht dazu Bachs Passionen als Beispiel heran. Wie solle ein heutiges Publikum die Kraft und Wirkung einer solchen Passions-Aufführung verstehen, da es im Gegensatz zu damals keine öffentlichen Hinrichtungen mehr gebe, in denen sich die enge Verknüpfung von Rechtsprechung und Kirche offenbaren würde? Denn Bachs Passions-Aufführungen "beschäftigten Personen, die mehr als am Rande in die Hinrichtungen eingebunden waren. (?) Bach war vor der Stadt und den Kirchen einer Stadt verantwortlich, in der der Stadtrat, die Kirche, die weltliche und die kirchliche Rechtsprechung sowie die städtische Kantorei auf eigentümliche Weise miteinander verbunden waren. Die Chorsänger hatten beim Gang zum Schafott anwesend zu sein, und ob nun der Rektor der Kantorei Bach befohlen habe, ebenfalls anwesend zu sein oder nicht (wie der Superintendent es dem geistlichen Stand befahl), so war Bach letztlich als Direktor der ?chori musici lipsiensis' verantwortlich."

Richard Williams beschreibt anlässlich einer Reihe neuer Biografien über Gil Evans, die Geburt des Cool im Modern Jazz. "Sogar als er Hits für Thornhills Musiker schrieb, die in Tanzhallen und Casino-Ballsälen gespielt wurden, vermittelte Evans' Musik einen fast unheimlichen Eindruck von Zeitlosigkeit. Wo andere Arrangeure Trompete brüllen und Trommeln schlagen ließen, überzeugt er sie zu fließen." Leider dürfen wir nur einen Auszug aus der Besprechung lesen. Im Netz findet sich natürlich eine Menge über Evans: eine Biografie hier, hören darf man hier und hier und schließlich audio-Interviews über die Zusammenarbeit mit Miles Davis hier). Aber warum ist John Coltrane auf dem TLS-Cover?

Weitere Artikel: Für Edna Longley vollbringt Ann Saddlemeyers Biografie von George Yeats, der Frau von William B. Yeats, das Kunststück, eine durch ihre Zurücknahme nahezu unsichtbare Frau zur schillernden Muse zu machen. "Die Cecil Beaton Tagebücher - wie er sie schrieb", verspricht der Untertitel der Beaton-Autobiografie, der laut Peter Parker hätte lauten können "wie schlecht er sie schrieb". Nur im Print zu lesen sind unter anderem Paul Barkers "Some Luck", Gregory Darts "Felony" und John Tranters "After Laforgue".

Magazinrundschau vom 11.11.2002 - Times Literary Supplement

Anne Fleming ist enttäuscht. Gerade von der Schriftstellerin Fiona MacCarthy hatte sie sich eine Byron-Biografie erhofft, die von den um Lord Byron (mehr hier) wuchernden Legenden Abstand nimmt und sich nur auf verlässliche Quellen stützt. Doch obwohl sie ein großes literarisches Einfühlungsvermögen beweist und alle biografischen Szenen äußerst lebhaft und ansprechend sind, finden sich auch bei MacCarthy Vorwürfe der Grausamkeit, der Sodomie und sonstiger liederlicher Ausschweifen. Man habe argumentiert, dass solche Legenden das Interesse am Dichter wachhalten würden und somit einem guten Zweck dienten. Dies, so Fleming, habe Byron nicht im Geringsten nötig. Was er nötiger habe, sei Quellentreue der Biografen und keine "allumfassenden psychologische Erklärungen" von Seiten der Rezensenten: "Lassen Sie uns die Reaktionen auf Mrs. Stowe im 19. Jahrhundert mit den Reaktionen im 20. Jahrhundert auf ähnlich skandalöse Anschuldigungen vergleichen: die viktorianischen Kommentatoren gewinnen mit links. Sie glaubten es nicht. Und dass sie es nicht glaubten, lag daran, dass sie das taten, was heutige Rezensenten nicht tun. Sie suchten nach Beweisen."

Weiteres: Auch wenn Austin Woolrychs Geschichtswerk "Britain In Revolution 1625-1660" unweigerlich zum Standardwerk über diese umstrittene Epoche werden wird, findet Mark Kishlansky, dass Woolrych ein "moralischer Kompass" fehlt. Nur in Auszügen: Für Stefan Collini zeigen die ausgewählten Werke des Literaturkritikers und Schriftstellers Cyril Connolly, was ihn bemerkenswert macht, nämlich "über das Schreiben zu schreiben". Schließlich berichtet John Barrell, wie sehr sich die Londoner Tate Gallery und die Kunstkritiker abmühen, die Gainsborough-Ausstellung als "modern" zu verkaufen, und erklärt, warum es ihnen gelingen müsste.

Magazinrundschau vom 04.11.2002 - Times Literary Supplement

Christopher Clark lässt kaum ein gutes Haar an Daniel Jonah Goldhagens "von Verfolgungseifer" getragene Untersuchung zur Katholischen Kirche und dem Holocaust. "Die These dieses seltsamen Buches lässt sich leicht zusammenfassen: Die Katholische Kirche durch die ganze Weltgeschichte hindurch der Anstifter und Hauptsponsor des Antisemitismus gewesen. Der Antisemitismus hat zum Holocaust geführt. Also ist die Katholische Kirche zu einem großen Teil verantwortlich für den Holocaust. Also muss sich die Kirche so umfassend wie möglich zu ihrer Verantwortung bekennen und den Juden eine Wiedergutmachung zukommen lassen." Zwar liefere Golhagen unabstreitbare Tatsachen, was das Verhalten der Katholischen Kirche während des Holocausts angeht. Doch vor allem liefere er hier eine "stark teleologische Erzählung, in der das gehörnte Biest des Antisemitismus, im Wesentlichen unverändert, durch die Jahrhunderte kriecht, bis zur Vollziehung im Januar 1933".

Nicholas Hytner, der Shakespeares "Henry V" am National Theatre in London inszenieren wird, erklärt, warum er gerade dieses Stück zu genau diesem Zeitpunkt gewählt hat: "Das Stück handelt vom Überfall auf Frankreich, von der Schlacht von Agincourt und von der Vortrefflichkeit des Königs, der im Epilog 'Englands Stern' genannt wird. Es ist ein patriotisches Epos. Zu den Gründen, es jetzt aufzuführen, zählt, wie verschieden seine Welt von der heutigen ist, aber auch wie ähnlich."

Weitere Artikel: Julian Bell sieht in Sarah MacDougalls materialreichen Biografie des Malers Mark Gertler die Wiederaufnahme einer moralischen Lesart, die mit Gertlers außergewöhnlichen Sinnlichkeit schlecht umgehen kann. Außerdem stellt Zachary Leader Donna Tartts Roman "Little Friend" unter anderem in die Tradition von Stevensons "Schatzsuche". Mit dem Ende jedoch ist er alles andere als zufrieden.

Nur im Print zu lesen sind unter anderem Jules Lubbocks "The Struggle for Modernism", Keith M. Browns "Stone Voices - The search for Scotland" und Paul Farleys "Winter Games".

Magazinrundschau vom 28.10.2002 - Times Literary Supplement

Gerade einmal einen Text hat das TLS vollständig ins Netz gestellt. Darin wundert sich Samantha Matthew, dass A. L. Kennedys Verleger so viel Wert darauf legt, dass es sich bei "A. L." um eine Frau handelt. Denn in Kennedys Büchern selbst - auch im neuen "Indelible Acts" - spielen weder Geschlecht noch sexuelle Orientierung eine Rolle. In Matthews Augen genau das, was Kennedys Erzählungen so gut macht. "Kennedy strongly signals that what matters here is not sex, but the human experience of complex, strong and often painful emotions. Kennedy?s writing explores the elusiveness of self-knowledge, emotional contingency, the obscurity of relations between women and men and the losses that thwart the human desire for union and communion."

Interessant auch, aber leider nur auszugsweise zu lesen ist Michael Fairclough Besprechung von Michael Dawsons "Black Visions" über die Wurzeln schwarzer Gegenöffentlichkeit. Dawson (mehr hier) sieht die schwarze Community der USA in ihrer bisher schwersten politischen Krise, die er vor allem an der Entfremdung vom weißen Liberalismus festmacht.

Auch die Titelgeschichte von Patrick Allitt über die religiöse Restauration in den USA, über Moral Majority und christliche junge Männer ist nur in einem wenig hilfreichen Auszug zu lesen. Und Neil Powell schließlich stellt eine neue Biografie über den "Poeten des Krieges" Wilfred Owen (mehr hier) vor.