Einleitung: In den 1880er Jahren unterwarf die deutsche Kaiserliche Kriegsmarine einen Teil von Neuguinea und umliegender Inseln, den hinfort so bezeichneten Bismarck-Archipel. Das riesige Gebiet wurde als Kolonie Deutsch-Neuguinea bezeichnet und gehört heute zu Papua-Neuguinea. Mit dabei war ein Urgroßonkel des Autors, Gottlob Johannes Aly, der nach seinem Studium eine Zeitlang als Militärgeistlicher der Kriegsmarine diente. Aus dessen Erinnerungen und zahlreichen Dokumenten von Händlern, Pflanzern, Missionaren, Militärs und Museumsleuten geht deutlich hervor, dass die meisten Artefakte aus diesem Teil der Welt nicht freiwillig in deutschen Museen landeten, sondern mit brutaler Gewalt geraubt wurden oder gegen Glasperlen, miserablen Tabak und ähnliches von den Papuas ergaunert wurden. Das gilt auch für das Paradeobjekt der Berliner ethnologischen Sammlung und des Humboldt Forums, das große Südseeboot von der Insel Luf, das die in der Südsee tätige Handelsfirma Hernsheim & Co. 1903 dem Berliner Völkerkundemuseum Berlin vermacht hatte.

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Leseprobe aus dem Buch:

Von Matupi aus betrieb die Firma Hernsheim & Co. eine Vielzahl oft entlegener Handelsstationen. An der Längsseite der Insel hatten die Kaufleute Wohnhäuser errichtet, in den Schuppen hielten sie »die größten und mannigfaltigsten Waren-, Speise- und Kohlenvorräte« auf Lager. Mit Exklusivverträgen abgesichert, verproviantierte das Unternehmen deutsche wie britische Kriegs- und Handelsschiffe mit Wasser und Kohle, Lebensmitteln aller Art, Bier und anderen Getränken. Vor allem aber exportierte Hernsheim neben dem wichtigsten Produkt Kopra vielerlei andere Waren nach Europa – darunter Zehntausende exotischer Alltagsgerätschaften, Kultobjekte, Schädel für anthropologische Sammlungen, wunderbar geschnitzte und bemalte Kunstwerke und, nicht zuletzt, das Luf-Boot – das heute im Berliner Humboldt Forum als »weltweit einmalig« gepriesen wird.

Gegründet hatte die Firma Franz Hernsheim (1845 – 1909), später ging sie auf dessen Bruder Eduard (1847 – 1917) über, der die Geschäfte 1892 seinem Neffen Max Thiel übergab. Kaum war das geschehen, ließ sich Thiel auf Matupi eine pompöse Villa errichten, in der er legendäre weithin bekannte Gelage mit Kolonialbeamten, Offizieren, Abenteurern, Kaufleuten, Plantagenbesitzern und Pflanzern feierte. Sein Haus, das allen Matupi passierenden Europäern offenstand, »gehörte zu den meistbesuchten Plätzen in der westlichen Südsee«.

In Thiels Anwesen auf Matupi konnten seine europäischen Besucher einen winzigen Teil des kulturellen Raubguts bestaunen. 1903 schwärmte der Reiseschriftsteller Johannes Wilda (1852 – 1942) nicht nur von den Gartenanlagen, den Palmen, Laubbäumen, hübschen Rasenflächen und hell gestrichenen, gastlichen Gebäuden – dem Wohnhaus, Logierhaus, Gesindehaus und Badehaus – , sondern speziell vom Billardhaus. Dort wurde am Abend eifrig die Kugel gestoßen, und das mitten in einer »auserlesenen, wundervollen Sammlung von Südsee-Gegenständen«, welche die Wände des luftigen Raumes schmückten: »herrliche Buka-Speere und Pfeile mit Widerhaken, Bogen, Keulen, Tanzmasken, Holztrommeln, polierte Schildpattschalen, Muschelstickereien, von Haifischzähnen besetzte Holzdolche, mit denen eifersüchtige Weiber einander zu zerfleischen pflegen, und eine Fülle sonstiger interessanter Dinge – alles ausgesuchte Stücke.«

Wie man sich das »Kaufen« der Agenten Hernsheims beziehungsweise die fließenden Übergänge zwischen Abpressen, Übervorteilen, Betrügen und Rauben vorstellen muss, schilderte Richard Parkinson 1904 in einem Brief an das Berliner Völkerkundemuseum: »Die Firma Hernsheim & Co. hat [die Inseln] Maty [Wuvulu] und Durour [Aua] rattenkahl absammeln lassen; es ist ein ethnographischer Raubzug, wie ich ihn noch nicht gesehen [habe].« Allerdings hatte Parkinson knapp vier Jahre zuvor selbst von Luschan gefordert, »einen ständigen Agenten« für die Südsee zu ernennen, der dort möglichst viele »größere wertvolle Sammlungen« erwerben solle, bevor überhaupt nichts mehr zu haben sei: »Es ist erstaunlich, wie schnell jetzt alle Sachen verschwinden, auch das Allergewöhnlichste wird allmählich zu einer Seltenheit.«

Den erwähnten Raubzug hatte 1902/03 ein auf »ethnographische Gegenstände« getrimmter Sammler – man könnte sagen, ein fachlich angelernter Serienräuber – im Auftrag von Max Thiel durchgeführt: der Kaufmann Franz Emil Hellwig (1854 – 1929) aus Halle an der Saale. Bezahlt wurde er mit einem gewissen Anteil der Beute. Für seine Fahrten bereiste er mit dem Handelsschiff Gazelle, das der Firma Hernsheim gehörte, den Archipel und lud ein, was er irgend zusammenraffen konnte. Auch auf der Insel Luf machte Hellwig damals Station.

Mitte 1904 kehrte er mit seinem aus Ethnographica bestehenden, also in Naturalien ausbezahlten Honorar nach Deutschland zurück. Was er dort veranstaltete, schilderte Thiel in einem Brief an den ehemaligen Stellvertretenden Gouverneur von Deutsch-Neuguinea recht deutlich: Hellwig habe sich »11⁄2 Jahre studienhalber« im Archipel »herumgetrieben«, halte sich jetzt aber wieder in Deutschland auf. Dort sei er »momentan als Circusdirektor für die riesige von ihm zusammengebrachte Sammlung« tätig. Insgesamt hatte Hellwig 30 Kubikmeter ethnologische Fracht nach Hamburg verschiffen lassen. Im Klartext: Er verhökerte das neben der Räuberei für Hernsheim und Thiel als Provision »Zusammengebrachte« in Deutschland und führte sich dabei wie der Impresario eines exotisch ausstaffierten Zirkus auf.

Einzelne Stücke aus Hellwigs Raubgut werden bis heute gehandelt. So konnte man 2014 die Ankündigung »Museale Neuguinea-Figur unterm Hammer« lesen. Das hochvornehme Wiener Auktionshaus Dorotheum, 1938 bis 1944 führend an der Versteigerung des Eigentums entrechteter, geflohener und ermordeter Juden beteiligt, veranstaltete die Auktion, zu der mit folgendem Text eingeladen wurde: »Spitzen-Objekt der Dorotheum-Auktion ›Stammeskunst / Tribal Art‹ vom 24. März 2014 ist eine sehr seltene, alte Aufsatz-Figur einer ›Heiligen Flöte‹ der Biwat ( ... ) von vorgelagerten Inseln im Nordosten Neuguineas. Gesammelt im Jahr 1904 von dem deutschen Abenteurer und Kaufmann Franz Emil Hellwig. ( ... ) Bis vor wenigen Jahren war dieses ›Museumsstück‹ noch im Besitz der Familie Hellwig.« Am Ende heißt es in dem Angebot: Der »Dorotheum-Experte Professor Erwin Melchardt« habe die Figur »mit 160 000 bis 200 000 Euro bewertet«.

Auch das Ethnologische Museum Berlin nennt von Hellwig privat »zusammengebrachte« Stücke sein Eigen, zum Beispiel das Modell eines hochseetüchtigen Auslegerboots von den Hermit-Inseln, hergestellt von Einheimischen. Zur Herkunft des Objekts heißt es schlicht: »Sammler: Franz Emil Hellwig«. Zu den näheren Umständen des sagenhaften »Raubzugs«, über den der Südseespezialist des Hauses, Felix von Luschan, brieflich unterrichtet worden war, schweigt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vornehm.

Obwohl er immer wieder und erwartungsvoll neues Raubgut in Empfang nahm, äußerte Luschan 1896 über die von einem Mitarbeiter Thiels, Kapitän A. F. V. Andersen, »in wahrhaft erdrückender Menge« von der den Hermits benachbarten Insel Maty (Wuvulu) zusammengerafften Exotika sein Missfallen. Andersen war mit dem Hernsheim’schen Schoner Welcome unterwegs und wird im »Biographischen Handbuch Deutsch-Neuguinea« als »Sammler aufsehenerregender ethnographischer Objekte« gefeiert. Insgesamt ging es um rund 2000 Stücke.

Tatsächlich ärgerte sich Luschan jedoch nicht über das Rauben, sondern über die Beobachtungs- und Dokumentationsfaulheit des Sammlers. Ebendeshalb sei dessen »ungeheure und in der Geschichte der Ethnologie wohl unerhörte Plünderung« dieser Insel »ohne wissenschaftliches Resultat geblieben«. Erwartete Luschan aber wissenschaftlich Ersprießliches, dann störte es ihn keineswegs, wenn er von seinem Kollegen Georg Thilenius ein Angebot wie das folgende aus dem Bismarck-Archipel erhielt: »Mit gleicher Post sende ich ein Verzeichnis meiner vom Kriegsschiffe aus gemachten Sammlungen, unter denen Sie hoffentlich brauchbare Dinge finden werden.«

Auf den Admiralitätsinseln betrieb Hernsheim mehrere Handelsstationen. Das Verhalten der dortigen Bevölkerung machte, wie man im Deutschen Kolonial-Lexikon von 1920 nachlesen kann, »verschiedentlich Strafexpeditionen der Polizeitruppe erforderlich, zum Teil unter Mitwirkung deutscher Kriegsschiffe«. Als das Hernsheim’sche Schiff Mascotte gemeinsam mit dem eigens für koloniale Strafaktionen gebauten – deshalb ungepanzerten – Kleinen Kreuzer Seeadler einen weiteren Vernichtungszug gegen die Bevölkerung der Admiralitätsinseln startete, war Heinrich Schnee abermals dabei. (Zur selben Klasse von ungepanzerten, dafür schnelleren und ausschließlich gegen die kaum bewaffneten Bevölkerungen der Kolonien einzusetzenden Kleinen Kreuzer gehörten neben Seeadler S. M. S. Bussard, Falke, Condor, Cormoran und Geier. Sie waren zwischen 1890 und 1894 gebaut worden.)

Bei dieser Gelegenheit »rettete« Dr. Schnee vor der Einäscherung eines »besonders schönen Pfahldorfes« einige der »künstlerisch gearbeiteten Stützbalken«. In Berlin ist die heutige Direktion des Ethnologischen Museums von solchen »Architekturteilen in Originalgröße« aus der Südsee ganz besonders beglückt, ohne jedoch über die Umstände der Beschaffung zu informieren.

Über eine weitere von den Marinesoldaten des Kanonenboots Möwe exekutierte Strafexpedition berichtete der Südseereisende Wilda, den Dr. Schnee zur Teilnahme eingeladen hatte. Diesmal zielte die »Züchtigung« auf die »verhältnismäßig sehr wohlhabende« Bevölkerung von Buka, der nördlichsten Insel der Salomonen-Gruppe. Wie üblich sicherten sich die deutschen Herren »die ethnographisch wertvollen Sachen«, bevor sie alle erreichbaren Hütten in Flammen aufgehen ließen. In diesem Fall wurde die Aneignung musealer Herrlichkeiten dokumentiert und als strafweise »Fortnahme des Besitzes« umschrieben. Dr. Schnee kümmerte sich persönlich darum, dass zwar die Kanus wie üblich zerschlagen oder angezündet, aber »die guten Fischernetze aus Brotfruchtfaser sorgfältig« verpackt und nach Berlin verfrachtet wurden.

Die Berliner ethnologischen Sammlungen verzeichnen verschiedenste Gaben von Dr. Heinrich Schnee. Von Max Thiel finden sich selbst in den wenigen online vorgestellten Schätzen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz drei wertvolle Stücke abgebildet, die aus solchen Aktionen stammen könnten: eine geschnitzte, besonders große Holztrommel (89 × 262 × 75 cm; Ident. Nr. VI 21156), eine geschnitzte und bemalte Scheibe vom Männerhaus (Ident. Nr. VI 30248) und eine fein gearbeitete Windfahne (Ident. Nr. VI 30252). Da viele Strafexpeditionen vom Kanonenboot Möwe durchgeführt wurden, taucht unter den online gestellten Objekten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auch dieses Kriegsschiff auf, und zwar in Person von »Max Braun, Sammler, S. M. S. Möwe«. Braun war der Unterzahlmeister dieses Kriegsschiffs. Am 31. Juli 1899 rapportierte der Kommandant von S. M. S. Möwe der Admiralität in Berlin gar: Es befinde sich auf dem Schiff außer der Besatzung »der Pflanzer [Richard] Parkinson im Interesse des Museums f. Völkerkunde«.

So viel zu den äußerlich glatten, bei näherem Hinsehen abgründigen Angaben zu Provenienzen zahlreicher Kunstwerke und Sammlungsstücke, soweit sie von einzelnen Museen im Internet zugänglich gemacht worden sind. Dabei handelt es sich nur um einen Bruchteil der gesamten Sammlung. Die originalen Eingangsbücher und Inventare enthalten wesentlich deutlichere und zahlreichere Hinweise auf das Sammeln wertvoller Ethnographica mit Hilfe von Kanonenbooten und im Kontext ungezählter sogenannter Strafexpeditionen. Genau deshalb weigern sich die meisten Direktoren ethnologischer Museen bis heute, die großen handgeschriebenen ursprünglichen Verzeichnisse, also die dokumentarischen Grundlagen ihrer Bestände, der interessierten Öffentlichkeit in digitaler Form zugänglich zu machen.

Mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags

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