Vorgeblättert

Leseprobe aus Zeitschrift für Ideengeschichte: "Türhüter"

Ausgewählte Leseproben.
Frau Baumann
Über den Zugang zur Kanzlerin. Von Ralph Bollmann

Am Anfang öffnete die Chefin selbst die Tür. Es war Freitag, der 31. Januar 1992, um 15 Uhr, wie sie in ihren Memoiren notierte. (1) Angela Merkel war erst am Morgen aus dem Krankenhaus entlassen worden, sie hatte sich bei dem Versuch, in einem nahe gelegenen Geschäft ein Buch zu kaufen, dreieinhalb Wochen zuvor einen Beinbruch zugezogen. Vor der Tür stand Beate Baumann, eine Doktorandin aus Osnabrück, die ihr ein niedersächsischer Jungpolitiker namens Christian Wulff empfohlen hatte. Merkel war gerade zur alleinigen Stellvertreterin des CDU Vorsitzenden Helmut Kohl gewählt worden, sie suchte eine Hilfskraft, die ihr ein paar Stunden in der Woche zuarbeitete. Die vermeintliche Aushilfskraft in spe bewährte sich, in dem sie der künftigen Chefin nach deren Anweisungen jenen türkischen Kaffee kochte, der in der DDR zu Merkels bohèmehaftem Lebensstil als Jungwissenschaftlerin gehört hatte.

Später kehrten sich die Rollen um. Das Kanzleramt legte größten Wert auf die Feststellung, dass Merkel ihrer Büroleiterin den (natürlich nicht selbst gebrühten) Kaffee einschenke und nicht umgekehrt; in einem «Doku Drama» über die Kanzlerin war das anders dargestellt worden, auch mit dem Subtext, dass Merkel ohne Baumann so hilflos sei wie einst mit dem gebrochenen Bein. Vor allem aber wuchs Baumann mit jeder Karrierestufe, die ihre Chefin erklomm, in die Rolle derjenigen hinein, die nun die Tür öffnete oder eben auch nicht. Weitaus häufiger blieb der Zugang verschlossen, was nicht nur mit der objektiven Zeitnot einer Regierungschefin zu tun hatte, sondern vor allem auch mit der habituellen Vorsicht dieser besonderen Mitarbeiterin.

Wie viel von dieser Reserviertheit auf Merkel selbst zurückging und wie viel sich der Initiative Baumanns verdankte, blieb naturgemäß offen, denn in der Symbiose der beiden (und dem Arka num, das sie umgab) lag das Erfolgsgeheimnis dieser Arbeitsehe. In abgestufter Form gab es das auch im Umfeld anderer Politiker, etwa zwischen Olaf Scholz und seinem Vertrauten Wolfgang Schmidt, allerdings mit der Pointe, dass hier der Kanzler der Verschlossene war und der Mitarbeiter der kommunikative Pol. In Baumanns Fall zog es besondere Aufmerksamkeit auf sich, weil der Abstand zwischen dem Idealtypus der Türhüterin und seiner Ausformung in der wirklichen Welt nahezu verschwand. Das trug zur Mythenbildung bei, gerade unter Menschen, die mit Merkel im Prinzip sympathisierten, ihren Attentismus aber verabscheuten. Wenn ihnen das Agieren des Kanzleramts nicht gefiel, redeten sie sich gern ein, nicht Angela Merkel trage die Schuld, sondern Frau Baumann sei es gewesen («Frau» sagten die meisten, weil es auch zwischen den beiden stets beim «Sie» blieb). Dass sie damit hart am Diktaturvergleich vorbeischrammten («Wenn das der Führer wüsste»), beunruhigte die Kritiker offenbar nicht. «Da machen wir lieber nichts, dann machen wir nichts falsch», zitierte etwa ein früher Förderer Merkels aus Wendezeiten deren spätere Büroleiterin. Das gab er nicht etwa mit ruhiger Stimme wieder, sondern im Modus bebenden Zorns: Die von ihm einst Protegierte habe sich stets nur mit uncharismatischen Leuten umgeben, denen jeder Hang zum Spielerischen abgehe. Das Gespräch fand allerdings statt, bevor Spielernaturen wie Robert Habeck oder Friedrich Merz nahe am politischen Schiffbruch segelten.

Damit ist bereits eine wichtige Funktion der Türhüterin umschrieben: Sie holt sich den Tadel für die Chefin ab, macht sich gleichsam stellvertretend unbeliebt. Damit erhält sie zugleich die Illusion aufrecht, die Kanzlerin hätte bei direkter Ansprache vielleicht anders, freundlicher entschieden. So sind die Rollen bis heute ja auch verteilt: Während Merkel selbst sich in der persönlichen Begegnung zugewandt gibt, scheut Baumann nicht davor zurück, Anfragen aller Art mit Absagemails in immergleicher Nüchternheit zu bescheiden.

Das heißt aber nicht, dass die Türhüterin eine öffentliche Figur wäre, ganz im Gegenteil: Sie erfüllt ihre Aufgabe umso besser, je mehr sie die eigene Person zum Verschwinden bringt. Besonders eindrücklich führte Beate Baumann das noch einmal vor, als Angela Merkel die gemeinsam verfassten Memoiren im November 2024 erstmals vorstellte. Baumann saß nicht als Ko-Autorin auf der Bühne, wie es zumindest möglich, und nicht als Zuschauerin im Publikum, wie es zu erwarten gewesen wäre. Sie verbrachte die gesamten zwei Stunden hinter dem Vorhang, für das Publikum gänzlich unsichtbar, während andere langjährige Mitarbeiter im Foyer angeregt mit Journalisten plauderten.

So war es schon zu Merkels Kanzlerinnenzeiten gewesen: Vor den Kameras trat der Regierungssprecher auf, regelmäßigen Kontakt mit Journalisten hielt die Medienberaterin. Um sie nicht in Versuchung zu bringen, erfuhren sie von wichtigen Entscheidungen wie dem Verzicht auf den Parteivorsitz im Voraus nichts. Die stets informierte Baumann suchte den Schatten, und wenn sie eine Ausnahme machte, blieb strenges Stillschweigen auch für Gesprächspartner die Regel. Und selbst in den wenigen Fällen, in denen sie die Kanzlerin zu öffentlichen Terminen begleitete, nahmen sie viele kaum wahr, so unscheinbar trat sie auf. Dass sie trotzdem alles im Blick behielt, ließ sie ganz gelegentlich durch scheinen – etwa, wenn sie bei einer solchen Gelegenheit einen Korrespondenten, mit dem sie damals noch gar nicht persönlich zusammengetroffen war, von der Seite aus namentlich ansprach.

Ihre Rolle als Türhüterin übte Baumann aber, vielleicht noch wichtiger, auch in umgekehrter Richtung aus: Sie kontrollierte – und kontrolliert – nicht bloß den Zugang zur amtierenden und emeritierten Kanzlerin, es verlässt auch nichts ohne die Kontrolle durch ihr achtsames Auge das Büro. Wichtige Dokumente wie der sogenannte Trennungsbrief von Helmut Kohl, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung kurz vor Weihnachten 1999 druckte, gingen durch ihr strenges Redigat. Nur selten überrumpelte die Kanzlerin ihre Büroleiterin mit einem Machtwort, dass jene dann aller dings klaglos akzeptierte, auch das gehörte zu ihrer Rolle.

Als die Unionsparteien Anfang 2002 um die Spitzenkandidatur für die bevorstehende Bundestagswahl stritten, gingen die beiden Frauen abends gemeinsam essen, um kampfeslustig das weitere Vorgehen zu besprechen. Am nächsten Morgen überrumpelte Merkel die Vertraute im Fahrstuhl: «Ich beende das.» Baumann entgegnete den gemeinsam verfassten Memoiren zufolge: «Gut, dann ist das so.» Mehr Emotionen gestattete sie sich nicht, obwohl sämtliche engeren Merkel Vertrauten fassungslos darüber waren, dass die Chefin scheinbar klein beigeben wollte. Den dialektischen Hintersinn des Entschlusses, dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber anderentags am Frühstückstisch die Kanzlerkandidatur anzudienen, durchschaute damals offenbar nur die CDU Vorsitzende selbst, was zugleich das Vorurteil dementiert, sie sei bloß eine Marionette ihrer strategisch klugen Büroleiterin gewesen.

Nur in seltenen Ausnahmefällen war es ausgerechnet die Türhüterin, die das Tor ganz weit aufstieß – das Tor zur Hölle, wie es manchem Parteifeind rückblickend scheinen mochte. Im Sommer 2015 zögerte die Kanzlerin nach der ermüdenden letzten Runde der Griechenlandkrise lange, sich zu den stetig anwachsenden Flüchtlingszahlen zu verhalten. Nachdem sie ihre traditionelle Sommer-Pressekonferenz schon auf den letztmöglichen Termin verschoben hatte, bevor die Jahreszeit meteorologisch zu Ende ging, kam sie um eine Positionsbestimmung nicht mehr herum.

«Gerade erst haben wir das Griechenland-Problem hinter uns, und sofort liegt das nächste Riesenthema vor der Haustür», sinnierte die Kanzlerin im Gespräch mit der Büroleiterin, so jedenfalls die Darstellung im gemeinsamen Erinnerungsband, in dem die Büroleiterin eine bemerkenswert prominente Rolle spielt. «Aber egal! Irgendwie werden wir auch das schaffen. Wir haben das andere ja auch geschafft!» Baumann entgegnete der Darstellung zufolge: «Stimmt. Und genau das können Sie doch genau so, wie Sie es mir hier jetzt gesagt haben, auch in der Pressekonferenz sagen.» Der berühmteste aller Merkel-Sätze war damit in der Welt, allerdings mit Konsequenzen, die das Aufstoßen der Türen nicht zur Wiederholung empfahlen.

Die Regel blieb die kühle Sachlichkeit, das Heruntermodulieren von Emotionen auch dort, wo die Chefin sie zeigte. Als die damalige Umweltministerin Merkel auf der Berliner Klimakonferenz 1995 die Kompromisssuche schon entnervt aufgeben wollte, war es die Türhüterin Baumann, die einen Gefühlsausbruch zu verhindern wusste. «Nun reißen Sie sich mal zusammen», wies sie die Ressortchefin zurecht, offenbar mit dem gewünschten Erfolg: Merkel hielt durch, die Konferenz einigte sich doch noch auf ein Abschlusskommuniqué und schuf damit die Basis für Merkels späteren Ruf als Klimakanzlerin.

Um Bodenhaftung ging es auch in anderen Situationen, etwa als sich Merkel und Baumann nach den – vorerst – erfolgreichen Beratungen zur Bankenrettung in der Finanzkrise 2008 im Kanzleramt eine Linsensuppe servieren ließen. Mit dem knapp abgewendeten Zusammenbruch des Geldsystems begann die beinahe ununterbrochene Reihe von Krisen, die Merkel nur hinter den von Baumann fest verschlossenen Türen bewältigen zu können glaubte. Das erfolgreiche Abdichten gegen alle aufkommende Panik sicherte Stabilität, trug aber auch zu einem heute beklagten Reformstau bei.

Die Türhüterin konnte ihre Rolle umso besser ausfüllen, je mehr sie ihre eigene Person verschwinden ließ, oder besser: je mehr sie mit dem Willen der Chefin verschmolz. Baumann wusste, was Merkel wollte, aber mehr noch als in ähnlichen politischen Beziehungen wusste sie im höheren Sinn des politischen Konjunktivs, was sie wollen sollte. Es kam hier also weniger auf die subjektiven Absichten Merkels an als darauf, was der Durchsetzung ihrer Ziele objektiv am dienlichsten sei. Hier traf sich das Rollenverständnis der Kanzlerin mit dem Rollenverständnis der Türhüterin. Spätestens seit sie den sicher geglaubten Wahlsieg von 2005 durch allzu forsche reformerische Visionen fast verspielt hätte, wusste sie, dass eine Regierungschefin das Land nicht nach ihren persönlichen Vorlieben führen konnte. Genauso wusste Baumann, dass es nicht um ihren privaten Geschmack ging, auch wenn die auch nach außen zur Schau gestellte Nüchternheit dieser Kanzlerinnenschaft dem Naturell der Büroleiterin noch mehr entsprach als dem Charakter der Regierungschefin. Von einer Ära Merkel-Baumann zu sprechen, ginge vielleicht gar nicht fehl.

Ungewöhnlicher und enger als ähnliche Beziehungen zwischen Politikern und ihren wichtigsten Beratern war und ist das Verhältnis zwischen Merkel und Baumann allemal, aber in seiner Grundstruktur auch nicht völlig einzigartig. Es ließe sich fragen, ob Quantität hier wirklich in Qualität umschlägt oder ob die öffentliche Aufmerksamkeit zumindest in der Anfangsphase der gemeinsamen Regierungszeit nicht ohne eine Gender-Komponente zu erklären ist: Von einem «Girlscamp» im Kanzleramt sprachen auch Beobachter, die an vergleichbaren Vertrauensverhältnissen unter Männern nie etwas auszusetzen hatten. Umgekehrt machte die besondere Beobachtung, unter der die erste Frau im Kanzleramt stand, das Abdichten der Türen nochmals nötiger. Weiter als in den gemeinsam verfassten, doch recht diskreten Memoiren werden sie sich wohl nicht mehr öffnen.

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(1) Angela Merkel: Freiheit. Erinnerungen 1954 –2021, Köln 2024.

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Mit freundlicher Genehmigung des
C.H. Beck Verlags

Infos zur Zeitschrift hier

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