In Mecklenburg-Vorpommern leistet ein Untersuchungsausschuss des Landtags zu
Nord Stream 2 wackere Arbeit. Hier war es zu einer in der deutschen Nachkriegsgeschichte
einmaligen Symbiose zwischen Landespolitik und Russland gekommen. Gemeinsam hatte man eine "Umweltstiftung" gegründet, um den Gastransport nach Deutschland doch noch zu realisieren. Reinhard Bingener und Julian Staib schildern in der
FAZ, wie sich
Gerhard Schröder der Befragung des Ausschusses entzieht. Herausgefunden hat der Ausschuss dennoch einiges, etwa "Hinweise darauf, dass nicht Manuela Schwesigs Landesregierung, wie von ihr behauptet, sondern
Moskau der Initiator für die Gründung der Stiftung war. Doch all das führte in der rot-roten Landesregierung bisher zu keinerlei personellen Konsequenzen. Was aus Sicht des Abgeordneten Damm auch daran liegt, dass sich in Mecklenburg-Vorpommern die
mediale Öffentlichkeit (so es sie aufgrund der Zeitungskonzentration überhaupt noch gibt) und die
Bevölkerung wenig an den Vorgängen stören."
Die von Putin gegründete "Russische Militärhistorische Gesellschaft" schmückt den Gogol-Boulevard im Moskauer Zentrum mit Schautafeln, die über "Quellen und Sinn des
baltischen Neonazismus" informieren sollen. Inna Hartwich
sieht sich die Ausstellung für die
taz an: "Auf jeder der 16 Tafeln der Prachtstraße, die sich von der Touristen-Meile Arbat bis hin zur Christi-Erlöserkathedrale zieht und den sechs Tafeln vor der lettischen Botschaft einige Straßen weiter weg geht es um
Diffamierung der Staaten des Baltikums - mittels verzerrter und verdrehter Darstellung der Geschichte."
Präsident
Steinmeier besucht unterdessen die baltischen Staaten. Der Historiker
Ilko-Sascha Kowalczuk äußert sich im Gespräch mit Stefanie Witte vom
Tagesspiegel skeptisch zu diesem Besuch: Er kritisiert die Russlandnähe früherer Regierungen und fordert, die Russlandpolitik dieser Regierungen "der vergangenen zwanzig Jahre
parlamentarisch aufzuarbeiten, damit sich solche Fehler nicht wiederholen. Dem steht ein Bundespräsident Steinmeier durch die Ausübung seines Amtes im Wege, denn dabei ginge es
maßgeblich auch um ihn. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass er selbst sonderlich reflektiert damit umgeht. Steinmeier selbst hat noch 2016 im Zusammenhang mit Nato-Manövern in der Ostsee von Säbelrasseln und Kriegsgeheul gesprochen. Das hat in den baltischen Staaten zu
Fassungslosigkeit geführt."
Patrick Bahners schildert in der
FAZ die höhere Kungelei zwischen
SPD und CDU, was die Besetzung von Richterstellen im
Bundesverfassungsgericht angeht - Praktiken, die noch aus der Zeit stammen, als die beiden als "Volksparteien" galten. "Das alte System wirkte so lange natürlich, wie Union und SPD im Bundestag gemeinsam über die vom Gesetz für die Richterwahl verlangte
Zweidrittelmehrheit verfügten. Im Bundesrat, der die andere Hälfte der Verfassungsrichter wählt, sieht das schon lange anders aus - Föderalismus als Realitätscheck!" Nebenbei lobt Bahners das "verfassungspatriotische, staatstragende Verhalten der Linkspartei". Im wesentlichen geht es ihm aber darum, die auf dem SPD-Ticket laufende Richterin
Frauke Brosius-Gersdorf zu unterstützen, die ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst ablehnt. Dies
sieht Robin Alexander in der
Welt anders, der die liberale Position der Richterin zum
Abtreibungsrecht kritisiert.
Yelizaveta Landenberger
resümiert in der
taz ein Podium von Schriftstellern zur Lage der
Demokratie in Osteuropa. Die Besetzung war mit
Szczepan Twardoch,
Marko Martin,
Nino Haratischwili,
Maja Pelević und
Andrej Kurkow hochkarätig. Das ganze diente auch als Abschiedsveransaltung für den langjährigen Chef der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
Thomas Krüger, informiert Landenberger. Auffällig ein Satz der georgischen Autorin Haratischwili: "Der Westen sei aktuell etwas, das der Osten '
mit eigenen Knochen und Blut' verteidige." In der
FAZ berichtet Kerstin Holm.
Die
russische Opposition muss sich "einen Vorrat an politischer Philosophie zulegen -
weniger Utopien, mehr Suche nach realistischen Veränderungen zum Besseren",
wünscht sich
Viktor Jerofejew in der
NZZ. Derzeit gebe es vor allem zwei wichtige Strömungen: Die weiche Opposition der Nawalny-Anhänger, gegen Korruption kämpft, "um die
schöne Zukunft Russlands zu verwirklichen", und die harte Opposition, die Korruption toleriert, weil sie Russland schwächt, auf dessen
Auseinanderbrechen sie hofft. Weniger Utopie bedeutet für Jerofejew zum Beispiel, derzeit nicht am Status der
Krim zur rühren: "Auch Nawalny war übervorsichtig bezüglich der Krim. Er erklärte, die Halbinsel sei ja kein belegtes Brot, das man einfach so von Hand zu Hand weiterreichen könne. Natürlich wusste er, wem die Krim gehört - jedenfalls war ihm klar, dass die Verschiebung von Grenzen im heutigen Europa politischer Wahnsinn ist. Doch seine Entscheidung, das Volk nicht zu verschrecken, das sich doch so sehr über die Heimholung der Krim freute, bedeutete auch, dass er von den
wohlfeilen Worten eines Oppositionellen zur Verantwortung eines
smarten Politikers wechselte."
Das vom
Schriftsteller Vladimir Arsenijević geleitete serbische Literaturfestival "Krokodil" steht unter erheblichem Druck, zumal es sich mit den Massenprotesten gegen Präsident Vučić solidarisch erklärt. Auch geht die radikale Rechte von der Straße aus gegen das Festival vor, da es sich in deren Augen zu sehr für den 30. Jahrestag des
Völkermords von Srebrenica befasst, erfahren wir aus Felix Stephans
SZ-Gespräch mit Arsenijević: "Der offizielle, staatlich verfügte Umgang mit diesem Massaker sieht so aus, dass man
jede Verantwortung von sich weist, jedes Fehlverhalten leugnet und diese Verdrängung mit einer aggressiven Opferrolle verknüpft, die über die Staatsmedien tagein tagaus in die Köpfe der Menschen geprügelt wird. ... Vor einer Weile sind in der Stadt auf einmal kleine
Porträts von Ratko Mladić aufgetaucht, dem General, der außer für den Völkermord von Srebrenica noch für andere Kriegsverbrechen direkt verantwortlich ist. Bis heute wird er von der serbischen Rechten als Held verehrt. Wir haben dann angefangen, diese Bilder zu übermalen, seitdem werden wir mit Gewalt- und Morddrohungen nur so überzogen. Unser Büro wird praktisch jede Woche demoliert. Und obwohl unsere Überwachungskamera diese Angriffe allesamt aufzeichnet und die Gesichter stets gut zu erkennen sind, unternimmt die Polizei nichts."
Während Elon Musk in Amerika mit einer eigenen Partei in die Politik geht, zerbricht auch das Parteiengefüge in
Britannien, eine linke Partei um die Abgeordnete
Zarah Sultana spaltet sich von Labour ab. Ihr Potenzial erblickt sie im
Antisemitismus. Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
berichtet in der
taz: "Die in Birmingham geborene Sultana stammt aus einer muslimisch-pakistanischen Familie und ist für ihre harte propalästinensische und israelkritische Stellung bekannt. In der Vergangenheit wurden ihr auch antijüdische Aussagen zugeschrieben. Auch andere potenzielle Mitglieder nehmen ähnliche Positionen ein. Etwa der jüdische Südafrikaner und ehemalige ANC-Politiker
Andrew Feinstein, der bei der Wahl 2024 gegen Keir Starmer in dessen Londoner Wahlkreis angetreten war." Auch
FAZ-Korrepsondent Johannes Leithäuser schildert im Leitartikel der
FAZ die Probleme Keir Starmers, ohne den Israel-Kontext der Abspaltung zu erwähnen.