Bestellen Sie bei eichendorff21!"Wir haben die Türkei, wie wir sie kannten, die Republik, verloren", konstatiert der türkische JournalistCan Dündar im NZZ-Interview mit Nadine A. Brügger. Erdogan habe ein autoritäres Regime geschaffen und Dündar umbringen wollen, wie Dündar im Interview erzählt. Außerdem macht er Europa Vorwürfe, Erdogan einfach gewähren zu lassen. "Es ist beschämend für Europa. Früher kämpfte man hier für Werte wie Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit. Dann haben die westeuropäischen Staaten erkannt, dass sie Erdogan brauchen, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, und beschlossen, seine Aggressionen und den Verlust der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei zu ignorieren. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Das europäische Volk opfert seine Werte für die eigenen, täglichen Interessen."
Selbst Bülent Mumay kann es in der FAZ kaum fassen, wie in der Türkei die Demokratie erodiert, seit Erdogan an die Macht kam. "In den 23 Jahren seiner Herrschaft hat Erdogan sämtliche Werte einer liberalen Demokratie abgeschafft. ... Ein elftes Gesetzespaket, das die Regierung gerade schnürt, stellt vermutlich den bisher schlimmsten Angriff auf individuelle Freiheiten dar. Ein mit recht schwammigen Formulierungen gespickter Paragraf etwa zielt unmittelbar auf die Meinungsfreiheit und Lebensweise von LGBTQ-Personen ab. Damit sollen Personen, die 'sich dem biologischen Geschlecht und den allgemeinen Sitten zuwider verhalten, dieses fördern, rühmen oder dazu anregen', mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden... Sollte dieses Gesetz in Kraft treten, wird die Türkei laut Amnesty International der erste Staat im Europarat sein, in dem Bestrafung aufgrund der sexuellen Orientierung und der Persönlichkeit gesetzlich möglich sind." Das macht bis jetzt nicht mal Russland, erinnert Mumay.
Ebenfalls in der FAZ schildert Stefan Locke die Haftbedingungen für Ukrainer in russischer Kriegsgefangenschaft. Wolodymyr Mykolajenko, ehemaliger Bürgermeister von Cherson, erzählt von täglicher Misshandlung: "Täglich seien sie um 5 Uhr geweckt worden, dann hätten sie bis 21 Uhr mit dem Gesicht zur Wand in der Zelle stehen müssen, oft unter dauerhafter, überlauter Beschallung mit russischer Militärmusik. Sitzen und Sprechen seien verboten gewesen, der Toilettengang nur mit Erlaubnis möglich. Das Schlimmste aber seien andauernde Verhöre und Folter gewesen. 'Sie wollten von mir hören, dass ich Zivilisten umgebracht habe, dabei war das Gegenteil der Fall: Wir haben Zivilisten beschützt.' Walerij kämpfte in der Hafenstadt Mariupol, im damaligen Asow-Regiment, dessen verbliebene Soldaten sich im Mai 2022 ergaben. 'Leider', wie er heute sagt. 'Wir bekamen den Befehl dazu.'"
Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Matthias Rüb von antisemitischen Vorfällen an Universitäten in Italien, wo auch Juden niedergebrüllt werden, die mit Israel gar nichts zu tun haben.
Tayyip Erdogan schaltet nicht nur die letzten unabhängigen Fernsehsender wie Tele 1 gleich, berichtet Friederike Böge in der FAZ, er erhöht auch weiter den Druck auf seinen Hauptrivalen, den Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu, der sowieso schon im Gefängnis sitzt - nun soll er auch noch Spionage betrieben haben: "Die bisherigen Vorwürfe gegen Imamoglu, angebliche Korruption und die angebliche Erschleichung seines Diploms, haben in der türkischen Öffentlichkeit bisher kaum verfangen. Der CHP-Kandidat ist weiter der beliebteste Politiker des Landes und liegt in Umfragen weit vor Erdogan. Nun soll er also auch noch Spionage für die USA und Großbritannien betrieben haben. Das neue Verfahren macht es nicht nur noch unwahrscheinlicher, dass Imamoglu bei der nächsten Präsidentenwahl antreten kann. Es könnte auch zur Folge haben, dass die Istanbuler Stadtverwaltung unter Zwangsverwaltung gestellt wird. Damit würde die CHP den Zugriff auf erhebliche Ressourcen verlieren."
Von wegen "Stadtbild". Auch die extreme Rechte funktioniert über die Eroberung von Räumen, sagt der Humangeograf und Rechtsextremismusforscher Daniel Mullis im Gespräch mit Melanie Mühl von der FAZ. Das passiert dann aber mehr in der Steppe. Als Beispiel nennt er die neonazistischen "Freien Sachsen", von deren Demos am Ende die AfD im Osten nur noch weiter profitierte. "In Sachsen etwa ist es den 'Freien Sachsen' gelungen, aus verstreuten Aktionen ein kohärentes Wir zu erzeugen. Sie waren sehr erfolgreich darin, die Aktionen in geteilte Erfahrung zu gießen. Man konnte auf dem Telegram-Kanal der Partei live im Netz die sogenannten Spaziergänge verfolgen. Wenn in einem Ort nur dreißig Leute auf die Straße gegangen sind, hatten sie trotzdem das Gefühl, Teil einer großen Bewegung zu sein. Man spürt Hunderttausende von Menschen im Rücken. Die digitale Vernetzung ist längst ein integraler Teil von Raumerfahrungen geworden und damit nicht zu trennen von den Prozessen vor Ort."
Spanien hat das wohl beste Frühwarnsystem um Femiziden und anderer Gewalt gegen Frauen vorzubeugen. Das Viogén-Frühwarnsystem ist laut spanischer Polizei der Grund für die sinkende Zahlen von Femiziden im Land. Wie das System funktioniert? Zuerst werden die Aussagen von Gefährdeten aufgenommen, in eine Datenbank gegeben und dann von einem Algorithmus die Gefährdungsstufe (niedrig bis extrem) eingestuft, wobei die Polizei über Veränderungen jederzeit informiert wird, erklärt Julia Monn in einem großen Online-Dossier der NZZ. Das kann allerdings auch danebenliegen: Eine Frau namens Amal und ihre Kinder wurde von ihrem Mann ermordet, obwohl sie den Behörden bekannt war. "Es lag ein ärztliches Gutachten vor, das nicht nur Verletzungen an Amals Körper dokumentierte, sondern auch ihren psychischen Zustand als schlecht, eingeschüchtert und panisch beschrieb. Und da war das frühere Urteil eines Richters, Amals Aussagen seien teils widersprüchlich. Das ändert sich mit der letzten Anzeige. Ihre Aussage ist klar, und Maßnahmen werden eingeleitet." Deshalb wurde das System nochmal erneuert. "Das System wurde an mehreren Stellen angepasst. So erhält jede gefährdete Frau, die bei der Polizei landet, künftig sofort eine Risikoeinschätzung - unabhängig davon, ob sie später Anzeige erstattet oder nicht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die russische Propaganda hat sich in ihren TV-Shows dieses Jahr vor allem an dem Verhältnis zwischen Putin und Trump abgearbeitet, konstatiert die russische SchriftstellerinIrina Rastorgujewa in der NZZ. Mal war Trump ein Clown, mal ein Friedensstifter, was diese Episode verdeutlicht: "Am 16. Oktober berichtete Jewgeni Popow in der Sendung '60 Minuten' auf dem Fernsehsender Rossija 1 den erstaunten Russen, dass Trump seine Maske als Friedensstifter fallen gelassen habe und nun fast schon persönlich die ukrainische Offensive leiten wolle. Doch schon am nächsten Tag behauptete derselbe Moderator in derselben Fernsehsendung, dass Trump eigentlich gar nicht so schlecht sei. (...) Der Moderator von 'Solowjow.Live', Sergei Mardan, berichtete am selben Tag, dass 'Trump kein Schizophrener ist' und dass er eine Strategie habe, über eine Reihe psychologischer Tricks verfüge und 'glaubt, dass diese Tricks funktionieren müssen'. Trump, meint Mardan, reize seinen Gesprächspartner bis zum Äußersten, damit er in diesem Zustand zu allem bereit sei, aber mit Putin werde das natürlich nicht funktionieren. Denn Putin sei 'Offizier des Staatssicherheitskomitees' - des KGB - gewesen und beherrsche selbst psychologische Kampftechniken in Perfektion, so Mardan."
Ein mögliches Treffen zwischen Trump und Putin in Ungarn wurde von Trump abgesagt - aus Angst vor einer zweiten Blamage wie in Alaska? Für taz-Korrespondentin Barbara Oertel ist klar: "Eine drohende Niederlage im Krieg gegen die Ukraine wäre vielleicht das einzige Szenario, das Putin an den Verhandlungstisch brächte. Ob Trump diese Realität zur Kenntnis nimmt und Konsequenzen daraus zieht, darf bezweifelt werden. Wer sich auf ihn verlässt, ist verlassen. Das weiß auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski, macht aber trotzdem gute Miene zum bösen Spiel. Und die EU? Hadern und Zaudern weiter."
Die "Stiftung zum Kampf gegen Korruption" des ermordeten Regimegegners Alexej Nawalny könnte im November zur Terrororganisation erklärt werden, berichtet Friedrich Schmidt in der FAZ, der sich auch auf Leonid Wolkow bezieht, den Nachfolger Nawalnys in der jetzt von Litauen aus operierenden Stiftung. "Die Gefahren für alle, die irgendwie mit der Stiftung zu tun haben, steigen weiter, auch die möglichen Haftstrafen. Wer der amerikanischen Stiftung spendet, muss mit einer Anklage wegen 'Terrorfinanzierung' rechnen, darauf steht eine Mindeststrafe von acht Jahren Haft. Betroffen sind indes in erster Linie die besonders exponierten Führungsfiguren der Stiftung, unter ihnen Wolkow selbst und Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja. Sie sind im Exil. Aber auch dort wachsen die Gefahren. Für Putins Geheimdienste bedeute die künftige Einstufung, dass FSB und GRU keine gesonderte Erlaubnis einholen müssten, um 'aktive Maßnahmen' zu ergreifen, da der Kreml die Agenten der Dienste im 'Kampf gegen den Terror' nicht schelte, sondern auszeichne, so Wolkow."
taz-Redakteur Dominic Johnson ist beeindruckt von den neuen Sanktionen der EU gegen Russland: "Wie beendet man einen Angriffskrieg? Klar: Man kauft dem Angreifer ab 2027 kein Flüssiggas mehr ab."
In ein "trauriges Chaos" hat Emmanuel Macron sein Land gestürzt, schreibt Pascal Bruckner in der NZZ. Sein Urteil über Macron klingt abschließend: "Emmanuel Macron hat es nicht geschafft, das Land zu heilen." Aber Macron ist nicht allein für die Zustände in Frankreich verantwortlich, so Bruckner, eines der Probleme sei auch, dass Arbeit in Frankreich so wenig gelte: "Es sei daran erinnert, dass François Mitterrand 1981 das Rentenalter auf 60 Jahre herabgesetzt hat und damit sein Lager in einen wütenden und völlig regressiven Kampf stürzte. Die 'französische Ausnahme' würde es rechtfertigen, in ganz Europa gegen den Strom zu schwimmen. Die Schwerstarbeit im Baugewerbe, im Gaststättengewerbe, im Straßenbau, aber auch im Hotelgewerbe, im Babysitting, im Sicherheitsdienst, bei Hauslieferungen und im Haushalt wird in unseren Klimazonen den Einwanderern überlassen. Daraus ergab sich die Antwort auf die Frage, was ein Immigrant ist. Ein Immigrant ist jemand, der die niederen Arbeiten verrichtet, die wir nicht mehr akzeptieren... Die verwöhnten Kinder unserer Gesellschaft, die sich nur ungern die Hände schmutzig machen, aber gleichzeitig ihre Solidarität mit den Ausgebeuteten verkünden, brauchen schlecht bezahlte Arbeiter."
Zwei Journalisten, Andrzej Poczobut aus Belarus und seine Kollegin Msia Amaglobeli aus Georgien, erhalten in diesem Jahr den Sacharow-Preis des EU-Parlaments. Beide sind im Gefängnis. Wird Georgien zu Belarus, fragt Reinhard Veser in der FAZ: "Noch sind die Spielräume für Regimegegner und kritische Medien in Georgien viel größer als in Belarus, doch ihre Lage verschlechtert sich rasch. Die Regierung hat das baldige Verbot aller Oppositionsparteien angekündigt. Vorige Woche hat das georgische Parlament ein Gesetz angenommen, das darüber hinaus allen Personen politische Aktivitäten verbietet, die mit einer verbotenen politischen Partei 'verbunden' sind - selbst wenn sie nicht Mitglied sind. Auch Gesetze, mit denen die Teilnahme an Demonstrationen bestraft werden kann, wurden seit Monatsbeginn massiv verschärft."
In der tazunterhält sich Anastasia Zejneli mit Bartosz Wieliński, Redakteur der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza über Andrzej Poczobut: "Andrzej ist Teil der großen polnischen Minderheit in Belarus, die von Warschau lange unterstützt wurde, mit Schulen, Kulturzentren und weiterer Infrastruktur. Poczobut war eine wichtige Figur der Minderheit. Das hat dem Regime nicht gefallen. Dazu kommt, dass freier Journalismus verboten ist, jeder unabhängige Journalist gilt als Staatsfeind." Poczobut hat jeden Kompromiss mit dem Lukaschenko-Regime und auch die Idee der Emigration abgelehnt, so Wieliński: "Er hat eine Wallfahrt durch das belarussische Strafsystem hinter sich, durch fünf oder sechs verschiedene Gefängnisse. Er war in Grodno, in Minsk, in Nawapolazk. In einem Gefängnis wurde er absichtlich dem Coronavirus ausgesetzt. Besonders symbolisch ist, dass er an denselben Orten eingesperrt war, in denen früher polnische Aufständische nach dem Zweiten Weltkrieg festgehalten wurden. Die Geschichte wiederholt sich. Der Druck auf ihn ist enorm."
Sehr kritisch sieht Ulrich M. Schmid in der NZZ die Bekämpfung des "Raschismus" durch ukrainische Geschichtspolitik. Unter dem Kofferwort aus "Russia" und "Faschismus" versteht man die spezifisch putineske Geschichtsideologie. "Nun hat das ukrainische 'Institut für nationales Gedenken' das Gesetz über die Bekämpfung des 'Raschismus' konkretisiert. Das Institut wurde nach polnischem Vorbild gegründet, um eine staatliche Geschichtspolitik zu fördern. Wie in Polen hat auch das ukrainische Institut eine konservative Schlagseite und tendiert dazu, problematische Aspekte der nationalen Geschichte auszublenden. Eine geschichtswissenschaftliche Expertenkommission legt im Auftrag des Instituts sowohl eine Blacklist als auch eine Whitelist von 'Personen und Ereignissen' vor, die eine 'Symbolik der russischen imperialen Politik' von der Zarenzeit bis heute enthalten."
Der russische Staat ist seit jeher durch seine Beschaffenheit dazu verpflichtet, immer weitere Gebiete zu erobern, um zu bestehen, weil er sonst wegen seiner Größe und "Unregierbarkeit" zusammenbrechen würde, meint der aus der Ukraine stammende PolitikwissenschaftlerAndrew Chakhoyan in der NZZ. Deshalb gehen auch Donald Trumps Versuche, den Konflikt mit Kompromissen oder "Deals" zu befrieden, fehl. "Schuld daran ist das russische Doublebind, zugleich Kolonialsubjekt und Kolonisationsobjekt zu sein. Dadurch bildet sich ein System, das auf Expansionismus im Ausland setzt und Unterwerfung im Inland erzwingt. In einer erschreckenden Formulierung, die an die Rhetorik der späten dreißiger Jahre erinnert, hat Putin erklärt, dass die Grenzen Russlands durch Moskaus territorialen Appetit definiert seien - wo immer ein russischer Soldat seinen Fuß hinsetze, gehöre das Land 'uns' (...) Zwecks Aufrechterhaltung der grausamen gesellschaftlichen Ordnung bietet der Kreml den Traum von imperialer Größe statt Freiheit und Wohlstand. Die Bevölkerung setzt sich aus Untertanen und nicht aus Bürgern zusammen."
In der FAZ fühlt sich der JuristChristoph Schönberger angesichts der politischen Situation in Frankreich stark an die letzten Jahre der Weimarer Republik erinnert: "In Paris amtiert ein Staatspräsident, der in seiner eigenen Welt lebt. Er ernennt nur noch kurzlebige Premierminister aus seinem engsten Kreis, die schon morgen einem erneuten Misstrauensvotum zum Opfer fallen könnten, und versucht, die Parteien der Nationalversammlung durch die wenig subtile Drohung mit deren Auflösung davon abzuhalten. Parallel zu diesem institutionellen Chaos wird der rechtspopulistische Rassemblement National immer stärker und findet in Wahlen und Umfragen festen Rückhalt bei einem guten Drittel der französischen Wähler. Das zweite Kabinett von Sébastien Lecornu kombiniert vor diesem Hintergrund Charakteristika aller drei Weimarer Präsidialkabinette: Wie Franz von Papen ist Sébastien Lecornu ein naher Vertrauter des Staatspräsidenten, der keine eigenständige politische Basis hat; wie Heinrich Brüning bemüht er sich für sein politisches Überleben um die Tolerierung durch die Sozialdemokraten; wie Kurt von Schleicher sucht er sozialpolitisches Profil, dafür ist er bereit, Macrons Rentenreform zu suspendieren."
In der NZZbespricht Peter Rothenbühler zwei Bücher (hier und hier) des PhilosophenMichel Onfray (hier das Buch) und des Charlie Hebdo-JournalistenPhilippe Val (hier das Buch), die nahezu gleichzeitig in Frankreich erscheinen und sich mit dem Antisemitismus der französischen Linken auseinandersetzen. Ein Beispiel für diese Radikalisierung ist für Val "die fehlende Unterstützung für den franko-algerischen Schriftsteller Boualem Sansal, den das islamistische Regime Algeriens zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt hat, weil er in seinen Texten den religiösen Gesinnungsterror dieses Regimes kritisiert hat. Val führt das darauf zurück, dass Sansal die Religion kritisiert und er 'kein hysterischer Propalästinenser' sei. Ein Teil der französischen Linken ertrage es nicht, wenn man den islamischen Faschismus kritisiere. Vielmehr sei die 'antifaschistische' Linke von diesem Faschismus fasziniert. Die sozialdemokratische Linke sei von den Linken Mélenchons aufgefressen worden: 'Er hat etwas aufgebaut, indem er das islamische Elektorat für sich erobert hat, dessen radikalisierter Teil eindeutig antisemitisch ist.'"
Düster klingtSergei Gerasimows Zukunftsvision in der NZZ zunächst: Die Ukraine wird nie wieder sein, wie sie war und "dem Drachen des Weltkrieges wächst bereits ein dritter Kopf, aber die westliche Welt schaut gleichwohl nur von der Seitenlinie zu." Aber, es gibt trotzdem Hoffnung - denn Russlands Schwachstelle ist Putin selbst: "Wer Putins Interview mit Tucker Carlson gesehen hat, könnte denken, dass Putin von der Ukraine besessen ist. Tatsächlich ist dies nicht der Fall: Er interessiert sich nicht für die Ukraine, Russland oder irgendetwas anderes. Putin interessiert sich nur für sich selbst, und jetzt weiß Putin, der sich durch Dummheit, Arroganz und Amoral in das Abenteuer der Eroberung der Ukraine gestürzt hat, nicht, wie er daraus wieder herauskommen soll. Putin befindet sich jetzt in derselben Situation wie seine 'Orks', die durch Gas- und Abwasserrohre kriechen, um nach Pokrowsk oder Kupjansk zu gelangen: Er kann weder umkehren noch ausweichen. Das ist sicherlich keine gewinnbringende Position. Sobald die Ukraine diesem schneckengleichen Kriechen ins Nirgendwo ein Ende setzt, ist Putin verloren. Sobald klar wird, dass Putin diesen Krieg verliert, wird sein eigenes Volk ihn stürzen."
Friedrich Merz hat sich mit seinen Aussagen zum "Stadtbild" blamiert und sah sich in der Folge nicht zu einer Entschuldigung genötigt (unser Resümee). In der SZ fragt Susan Vahabzadeh warum sich die Politik, wenn sie um das Stadtbild so besorgt ist, nicht mal den ganz konkreten Baustellen widmet: "Ein schönes Beispiel für Veränderungen, die zum allgemeinen Gefühl der Mulmigkeit beitragen, ist die Münchner Schützenstraße, die noch vor wenigen Jahren ein sehr annehmlicher Ort war. Man schaut dort auf die Überreste des Hauptbahnhofs, einer inzwischen ewigen Baustelle biblischen Ausmaßes, eingerahmt ist all das von den Skeletten längst verblichener Traditionskaufhäuser und verbretterter Ladenlokale, all dies in einer deutschen Prachtmetropole, Abteilung 'Blüten des Spätkapitalismus'. Sind an diesen und anderen ewig währenden Baustellen und Leerstellen die Ausländer schuld? Tatsächlich befinden sich deutsche Städte, nicht zuletzt aufgrund jahrelanger Fehlplanungen, in der Krise, auch die mittleren und die kleinen, weil sie mit Leerstand auf ihren Einkaufsstraßen zu kämpfen haben. Auch kleine Orte auf dem Land, denen Kaufhaus-Pleiten nichts ausmachen, weil sie nie ein Kaufhaus hatten, haben oft leer stehende Ladenlokale."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Eine solche Räuberbande war noch nie an der Macht", meint der österreichische JournalistPaul Lendvai, der 1957 aus Ungarn ausgewandert ist, im SZ-Interview mit Verena Mayer bezüglich Viktor Orbáns Regierung in Ungarn. "Der Ministerpräsident lebt in einem ehemaligen Habsburger-Schloss, und sein 85-jähriger Vater muss in den Medien behaupten, das sei doch nur ein Bauernhof. Sein Schwiegersohn ist einer der reichsten Männer, sein Kindheitsfreund hat eine Milliarde Euro. Das Ausmaß der Korruption wird in den westlichen Medien gar nicht richtig erfasst. (...) Es gibt Personen, die wachsen mit den Aufgaben und mit der Praxis. Und es gab dieses Treffen 2009 mit Putin, seither ist Orbán auf der Seite Russlands. Was da passiert ist, weiß man nicht, aber es ist beschämend, wie ein Land, das einst gegen die Habsburger und die Russen aufgestanden ist, nun die Ukraine im Stich lässt."
Putin ist nicht einfach ein Zyniker. Er handelt, um ein bestimmtes Geschichtsbild wiederherzustellen, das er vor seiner Invasion der Ukraine in einem Aufsatz (unser Resümee damals) dargelegt hatte. Die junge ukrainische Journalistin Yuliia Shchetynaerzählt in der taz, wie sich auch die Ukrainer aus diesem Geschichtsbild erst befreien müssen. "Die russische Propaganda hat jahrzehntelang drei Hauptmythen verbreitet: über die 'Befreier' im Zweiten Weltkrieg, über die 'goldene' Sowjetunion und über die 'heldenhafte imperiale Vergangenheit'. Vor allem im Süden der Ukraine sind diese Konstrukte stark verwurzelt - mit den Mythen über den 'russischen' Ursprung dieser Region. Angeblich hat Zarin Katharina II. unsere Städte 'gegründet', vorher habe es dort nur Steppe gegeben, ein 'wildes Feld'. In Wirklichkeit hatten diese Gebiete eine ukrainische, kosakische und krimtatarische Geschichte, die Russland über Jahrhunderte ausgelöscht hat."
Ab und zu und meist sehr schräg versucht Friedrich Merz populistisch Nägel einzuschlagen und haut sich auf den Daumen. Neulich tat er diese Äußerung: "Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen." Die Empörung ist groß, auch bei der Autorin Sasha Marianna Salzmannin der taz , die bekennt, neulich von Emigration geträumt zu haben. Nun wisse sie einerseits, "dass der Bundeskanzler nicht Leute wie mich meint. Ich bin aschkenasisch-jüdisch, schreibe Romane und Theaterstücke, führe ein bürgerliches Leben, manchmal trage ich sogar Anzüge. Ich werde weiß gelesen und als Frau. Wäre ich nicht nonbinär und lesbisch, passte ich vermutlich optimal in Merz' Vorstellung von jenen, die bleiben dürfen." Für sie ist klar, dass Merz mit seiner Äußerung den Rechtsextremismus und die Muslimfeindlichkeit befeuert: "Ja, ich weiß, Friedrich Merz meint nicht mich, aber ich hatte diesen Traum, weil ich dennoch mitgemeint bin. Ich bin migrantisch. Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich sitze gerne in Shishabars. Meine Urgroßeltern waren Ärzt*innen bei der Roten Armee, sie haben die Scharfschützen von Stalingrad zusammengeflickt. Sie waren erklärte Antifaschist*innen. Und dieses Erbe nehme ich sehr ernst."
Karl schlögel erhält die Preisurkunde von Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs. Foto: Anja Seeliger Karl Schlögel, der Historiker der Räume und der Orte, Archäologe eines verschwundenen Osteuropa, hat gestern den Friedenspreis des Buchhandels bekommen. Eine der kritischsten Passagen widmete er seinem eigenen Land: "Es ist erstaunlich, wie lange es in Deutschland gedauert hat, gewahr zu werden, womit man es mit Putins Russland zu tun hat. Was immer im Spiele war, historische Pfadabhängigkeit, kulturelle Affinitäten, Nostalgie und Sentimentalität, Wirtschaftsinteressen, auch Korruption -, es ist ein weites Feld für die historische Aufklärung und eine Aufarbeitung, die niemanden schont. Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden. Sie hätten uns sonst erklärt, was auf uns zukommt und dass die Kategorien, mit denen man Putins Reich zu fassen sucht, eher Ergebnis von Wunschdenken und Gutgläubigkeit waren, anstatt sich einzugestehen, dass man dieser Gestalt des Bösen - welcher Begriff auch immer dafür noch entwickelt werden wird nicht gewachsen war." Der Dlf bringt ein einstündiges Gespräch mit Schlögel.
Hier das Video der Preisverleihung:
Ein der wenigen Warner war Richard Herzinger, an den der Historiker Jeffrey Herf im Perlentauchererinnert: "In den letzten zwanzig Jahren war Herzinger vor allem für seine Warnungen vor der Putin-Diktatur, ihren Wurzeln in der russischen Gesellschaft und Politik und den von ihr ausgehenden Bedrohungen für die Ukraine und Europa bekannt. Als die deutsche Regierung Verträge über russische Gaslieferungen unterzeichnete, in der Hoffnung, dass wirtschaftliche Interessen das Putin-Regime zu Frieden statt Krieg bewegen würden, war Herzinger eine leidenschaftliche und irritierende Kassandra, die die Mischung aus Illusionen, Naivität und krassen kurzfristigen Finanzinteressen zunächst der Schröder- und dann der nur geringfügig vorsichtigeren Merkel-Regierung anprangerte. Heute, angesichts von Putins Angriffskrieg in der Ukraine und der Ruinen der deutschen Politik vor der Zeitenwende 2022, waren Herzingers Essays über Putin vorausschauend."
Philipp Fritz resümiert in der Welt nochmal die Umstände der Absage eines Auftritts von Herta Müller in der polnischen Cricoteka (unser Resümee): "Die propalästinensische Szene in Polen sei dennoch sehr klein, so der Leiter der Warschauer Denkfabrik 'Visegrad Insight' Wojciech Przybylski. In Warschau bringe sie vielleicht 200 oder 300 Personen auf die Straße. 'Nur wenige Studenten sind aktiv, auch leben nur sehr wenige Palästinenser im Land.' Umso erstaunlicher ist es, dass Hassnachrichten aus diesem Milieu bei der Cricoteka in Krakau Wirkung gezeigt und schließlich zur Absage einer Veranstaltung mit einer Nobelpreisträgerin geführt haben, die nicht einmal über Israel oder Gaza sprechen wollte. Experte Przybylski bezeichnet den Fall als 'merkwürdig' und verweist darauf, dass der Druck aus den entsprechenden Milieus in Polen eigentlich nicht groß sei und in der Regel starken Gegendruck von proisraelischen Gruppen erfahre, wobei propalästinensische Gruppen allerdings ausgerechnet in Krakau am stärksten organisiert seien."
"In der russischen Bevölkerung herrscht schon seit drei Jahren der Eindruck, dass man gegen die Nato kämpft", sagte Regierungskritiker Michail Chodorkowski bei einem Gespräch mit dem Thinktank Zentrum für Liberale Moderne in Berlin, wie Vincent Rastfeld auf Zeit Online berichtet: "Chodorkowski sieht mit Blick auf die Stimmung in Russland wenig Hoffnung, dass die Bevölkerung in der näheren Zukunft auf ein Ende des Krieges in der Ukraine drängen könnte: 'Es herrscht derzeit eine Trägheit im Land, den Krieg zu beenden.' Die Bevölkerung habe mittlerweile vergessen, warum der Krieg begonnen wurde.'" Auch die Wirtschaftssanktionen der westlichen Länder hätten auf das Leben der russischen Bevölkerung keinen großen Einfluss, so Chodorkowski: "Die Lücke, die durch das Fehlen westlicher Güter gerissen wurde, wird mittlerweile größtenteils von China aufgefüllt."
"Europa ist extrem ineffizient und anämisch. Putin führt längst Krieg gegen uns auf verschiedenen Ebenen, einen Informationskrieg, Sabotage, Brandanschläge, Spionage und eben die Drohnen und Kampfjets", warnt im SpOn-Gespräch derweil der frühere litauische Außenminister Gabrielius Landbergis: "Wir sind auf keine dieser Herausforderungen gut vorbereitet und haben anscheinend auch keine Eile damit. (…) Wir müssen eine rote Linie ziehen. Sonst werden wir uns eines Tages, vielleicht schon bald, in seiner Situation befinden, in der durch Russlands Intervention ein Kraftwerk in Europa brennt oder ein LNG-Terminal. Wir müssen den Russen jetzt zeigen, dass sie für Angriffe auf Europa einen hohen Preis bezahlen würden."
Im großen FAS-Gespräch ruft Friedrich Merz nach Trumps Eingreifen im Nahen Osten das "vorläufige Ende einer regelbasierten, auf dem Völkerrecht basierenden multilateralen Ordnung" aus: "Wir befinden uns in einer Phase, in der vielerorts das Recht des Stärkeren durchgesetzt wird. Vorwürfe an die Adresse der Europäischen Union sind trotzdem fehl am Platz. Selbst wenn wir es gewollt hätten, hätten wir die Ereignisse im Nahen Osten nicht entscheidend beeinflussen können: Wer in Europa hat denn bunkerbrechende Waffen, um das Nuklearwaffenprogramm im Iran zu stoppen? Wer hat die Möglichkeiten, die Kriegsparteien zu einer Waffenruhe zu zwingen? Wer hat von uns die Möglichkeiten, der Hamas die Entwaffnung nicht nur anzudrohen, sondern sie gegebenenfalls auch durchzusetzen?"
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