Schon 1980, als die
SPD sich gegen die Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc entschied, sei sie vom Kurs abgekommen, sagt der Historiker
Jan Behrends, einer der Unterzeichner des Brandbriefs gegen die
Russlandpolitik der SPD (
Unser Resümee), im
FR-
Gespräch, in dem er allerdings auch Merkels Russlandpolitik in Erinnerung ruft: "Die Russlandpolitik unter Merkel wurde im Kanzleramt gemacht und nicht im Auswärtigen Amt. Deshalb wird man
die Kanzlerin nicht aus ihrer Verantwortung lassen können für Nord Stream, für Minsk und für die mangelnde Hilfe für die Ukraine. Was die SPD angeht, ist es die
Tradition der Ostpolitik gewesen, die zu dem Glauben führte, wenn man Russland nur entgegenkommt, würden wir eine Art ewigen Frieden in Europa erreichen. Die SPD hat nicht verstanden, dass in Putins Russland Entgegenkommen als Schwäche gewertet wurde und Schwäche zu
weiterer Aggression führt. Außerdem hat die SPD vor 2022 ignoriert, dass Russland heute eine revisionistische Macht ist, die bereit ist, die Ordnung in Europa durch Krieg zu verändern."
Behrends verlangt auch klarere Kommunikation von
Olaf Scholz, was beim Kanzler allerdings noch nicht angekommen zu sein scheint. Im
taz-
Gespräch schließt Scholz immerhin Gespräche mit Putin auf unabsehbare Zeit aus, verspricht weitere
Waffenlieferungen an die Ukraine und lässt eine Spur von Kritik an der Russlandpolitik der letzten Jahre erahnen: "Der russische Machthaber Putin will Grenzen mit Gewalt verschieben. Damit bedroht er die gesamte Friedensordnung Europas. Und das, was er jetzt tut, hat er lange vorher angekündigt. In Aufsätzen und Reden behauptete er, Belarus und die Ukraine seien keine eigenständigen Länder, sondern gehörten zu Russland.
Wir alle hätten das wörtlich nehmen sollen."
"Der Westen verhält sich wie ein Dinosaurier. Er versucht mit aller Kraft, die
Welt so einzufrieren, wie sie in den
1990er Jahre war", sagt der Politikwissenschaftler
Peter Neumann im Gespräch, das der
Tagesspiegel mit ihm und der Politologin
Nicole Deitelhoff geführt hat. Für den Krieg in Nahost sehen beide Hoffnung, wenn regionale Akteure wie Katar und Saudi-Arabien eingreifen. Düsterer sieht es für die
Ukraine aus, die weiterhin massiv von der Unterstützung des Westens abhängt. Neumann prognostiziert: "Die Ukraine wird 2025 wahrscheinlich in eine Situation gezwungen werden, wo es für sie am besten ist, wenn der
Konflikt dort eingefroren wird, wo er steht. Das ist natürlich nicht wünschenswert." Deitelhoff erwidert: "Ob es zu einem solchen Einfrieren kommt und auf welchen Stand das erfolgt, oder ob Russland vielleicht doch Verhandlungsbereitschaft zeigt, weil ihm die Luft ausgeht, wird davon abhängen, wie weit der Westen mit seiner
effektiven Unterstützung geht. Dafür ist es aber nicht nur nötig, die Kapazitäten hochzufahren, sondern in eine
offene Debatte darüber einzusteigen, was das kostet und warum es das vielleicht dennoch wert ist."
Zu sehr wurde in der europäischen Öffentlichkeit auf die russlandfreundliche Rhetorik des slowakischen Premierministers
Robert Fico und des Präsidenten
Peter Pellegrini geachtet, warnt die Historiker
Marina Winkler in der
SZ. Dahinter verberge sich viel mehr, nämlich die
Zerstörung der Demokratie in der Slowakei, die bereits mit dem Umbau von Staatsanwaltschaft und Polizei begonnen habe: "Das Ziel ist klar: Die zahlreichen der Korruption angeklagten Politiker im Umkreis der Regierung sollten der Strafverfolgung entgehen. Fico und andere Regierungspolitiker halten mit ihren Plänen nicht hinter dem Berg. Sie haben bereits angekündigt, auch die Gerichte einschließlich des
Verfassungsgerichts kontrollieren zu wollen. Auch die Leitung des Geheimdienstes haben sie im Visier, ebenso den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Kritische freie Medien werden aggressiv
beschimpft und finanziell unter Druck gesetzt, ebenso wie NGOs und individuelle Stimmen aus der Zivilgesellschaft."
Der schon im Vorfeld äußerst umstrittene israelfeindliche
Palästina-
Kongress in Berlin (
Unsere Resümees), der für drei Tage angesetzt war, ist nach etwa zwei Stunden aufgelöst worden, nachdem per Video eine Rede des palästinensischen Autors
Salman Abu Sitta gestreamt wurde, gegen den in Deutschland ein
politisches Betätigungsverbot vorliegt. Für
ZeitOnline fasst Christian Vooren die Ereignisse um den Kongress zusammen, dessen Rednerliste sich las, wie "wie ein
Namensverzeichnis bekannter Antisemiten und Antizionisten. Als einer der Topredner war außerdem der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis erwartet worden, er wollte sich per Livestream zuschalten. Fragen von
Journalisten sowie deren bloße Anwesenheit waren auch
nicht erwünscht, nur ein paar wenigen Vertretern linker bis linksextremer Medien sollte Zugang gewährt werden. Also sind viele Menschen den Nachmittag über damit beschäftigt, ihre karierten Tücher möglichst flächendeckend vor möglichst viele Kameras zu halten, um die Sicht zu versperren."
Salman Abu Sitta ist jener palästinensische Autor, der kürzlich "bekannt hat, dass er, wäre er nur jünger gewesen,
sehr gerne teilgenommen hätte an den bestialischen Massakern des
7.
Oktobers, von denen sich der ganze Kongress offenbar nicht distanzieren will", klärt Claudius Seidl in der
FAZ auf: "Man überspitzt also nur ein bisschen, wenn man sagt, dass hier erste
Vorarbeiten zur Planung der Vertreibung und
Ermordung sehr vieler Juden geleistet werden sollen. (…) Was für ein Unsinn, werden, wenn die Konferenz doch noch verboten wird, die üblichen Aktivisten und BDS-Leute sagen; es kommen doch auch Wissenschaftler und Theoretiker, die in ihren Kreisen weltberühmt sind; und dass sich Deutschland damit noch weiter provinzialisiere und zum Gespött der Welt mache. Worauf man nur antworten kann: Ja, dann ist es eben so.
Besser das Gespött der Welt sein als der Ort, an dem auf die Vernichtung des Staats Israel hingearbeitet wird."
Gemeldet wird außerdem, dass Unbekannte bei Dussmann auf der Friedrichstraße sämtliche ausliegenden Exemplare von
Philipp Peyman Engels Buch
"Deutsche Lebenslügen. Der Antisemitismus, wieder und immer noch" beschädigt haben. Marie Schmidt meint dazu in der
SZ: "Solche Fälle zu bagatellisieren und schlimmstenfalls zur Alltäglichkeit werden zu lassen, würde bedeuten, dass die Autorinnen und Autoren der angegriffenen Bücher jedes Mal an Sicherheit und
Alltäglichkeit einbüßen. Dass Lesungen und Veranstaltungen jüdischer Schriftstellerinnen und Autoren von Sicherheitspersonal begleitet werden müssen, ist schon jetzt mühsame Realität."