9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2015 - Geschichte

Nicht nur Berlin, auch Linz war einst in eine westliche und eine sowjetische Zone geteilt. Dankwart Guratzsch bespricht in der Welt eine Ausstellung, die an dies fast vergessene Faktum erinnert.
Stichwörter: Linz, Österreich

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2015 - Geschichte

Theresa Locker verweist in Vice auf eine Äußerung des Papstes Franziskus in der der spanischen Zeitung La Vanguardia über die Rolle der Kirche im Holocaust - in dem er die Verantwortung der Kirche relativiert und auf eine angebliche Untätigkeit der Alliierten in bezug auf Auschwitz hinweist: "Ich will nicht behaupten, dass Pius keine Fehler gemacht hat-ich selbst mache auch viele- aber man muss seine Rolle im historischen Kontext sehen. (…) Manchmal bekomme ich eine Krise, wenn ich sehe, wie jeder immer gegen die Kirche angeht und die [Rolle anderer] Großmächte vergisst. Wussten Sie, dass sie [die Alliierten] das Eisenbahnschienennetz der Nazis kannten, das die Juden in die Konzentrationslager transportierte? Sie hatten die Bilder. Aber sie haben diese Schienen nicht bombardiert. Warum? Es wäre am besten, wenn wir ein bisschen mehr über das Gesamtbild reden könnten." Hier der Text des Interviews auf englisch.

Locker verlinkt auch auf eine Diskussion von Historikern bei Reddit der mehr oder weniger zu dem Ergebnis kommen, dass die Alliierten gar nichts hätten machen können.

Heute wird ja im allgemeinen eher wieder die "Klugheit der Friedensordnung von 1815" gepriesen. Die FAZ druckt heute eine Rede des Historikers Fritz Stern, der daran erinnert, dass Heinrich Heine das noch anders sah: "Heinrich Heine, 1797 geboren im französisch besetzten Düsseldorf, inmitten der Französischen Revolution, in der Freiheit (liberté) die große Hoffnung war, wo der code civil die moderne Welt regeln sollte und wo der Untertan zum citoyen avancierte. Als Kind erlebte er die große Revolution. Das Rheinland war unter französischer Besatzung, später wurde sie von ihm als Befreiung empfunden. Ein französischer Tambour war einquartiert bei seiner Familie. Mit eigenen Augen sah er 1811 Napoleons feierlichen Einmarsch in Düsseldorf. Er sah in ihm den Künder der Freiheit, dessen Tyrannei er allerdings verabscheute."

In der Welt freut sich Tilman Krause über eine gelungene Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu "Homosexualitäten": ""Homosexualitäten" (auf den Plural wird in der neuen Berliner Ausstellung großer Wert gelegt!) im ganzen queeren Sinne dieses Wortes als fröhliche Erfolgsgeschichte, als Feier der Vielfalt, als Triumph der diversity zu zeigen, das kann wahrscheinlich erst unsere Zeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2015 - Geschichte

Gerade die Bayern sollten künftig wieder mehr Sympathie für Griechenland aufbringen, fordert Dirk Schümer in einem sehr launigen Welt-Artikel über die Geschichte und Umtriebe des deutschen Philhellenismus: "Der Schwärmerei jener Zeit verdanken wir nicht nur Klenzes neoklassizistische Großbauten in München und Athen, sondern auch so etwas Kurioses wie das Ypsilon im Landesnamen "Bayern" - das verordnete der gräkophile Monarch Ludwig I. seinen verdutzten Bauern und Beamten damals nämlich als Zeichen einer merkwürdigen panhellenenischen Solidarität." Auch damals gab es aber schon Kritiker, informiert Schümer und erinnert an den Autor Jakob Philipp Fallmerayer.

Heute vor siebzig Jahren beschlossen Delegierte von 50 Staaten nach knapp vierwöchigen Verhandlungen die Charta der Vereinten Nationen. Andreas Zumach erinnert in der taz an ihr Zustandekommen: "Zur am 2. Juni 1945 eröffneten Gründungskonferenz in San Francisco reisten die 49 ausländischen Delegationen sämtlich mit dem Schiff über New York an und weiter mit der Eisenbahn an die Westküste. Der US-Geheimdienst hörte sie bereits in den Zügen ab, sowie während der 25 Konferenztage rund um die Uhr in ihren Hotels. So war die US-Delegation immer bestens über die internen Diskussionen und Verhandlungspositionen der anderen 49 Delegationen informiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2015 - Geschichte



Der schottische Autor Neil MacGregor, der Hoffnungsträger fürs Humboldt-Forum, erklärt in der FAZ, warum ihn das Wesen der Britishness aus Edwin Landseers Porträts königlicher Hunde anblickt. "Es ist unmöglich, in diesen Hunden keine realen und geliebten Individuen zu sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2015 - Geschichte

Vor 800 Jahren schenkten uns die Briten die Idee der Demokratie, vor 200 Jahren befreiten sie uns von Napoleon, nun kommt die Queen, um der britischen Rolle bei der Befreiung von Hitler zu gedenken. Nicht so gern spricht man aber über Nazi-Sympathien des britischen Adels und gar der Königsfamilie (mit dem notorischen Edward), erzählt die Historikerin Karina Urbach im SZ-Gespräch mit Alexander Menden: "Wenn man in Turm in Windsor Castle arbeitet, in dem die Archive untergebracht sind, geht der Archivar sogar mit auf die Toilette, damit man ja nicht im Vorbeilaufen in eine der Schubladen schaut. Das wird in anderen, ähnlichen Archiven, dem der Wittelsbacher oder des schwedischen Königshauses, ähnlich streng gehandhabt. Die bilden eine geschlossene Front, um den Ruf ihrer Vorfahren zu wahren, denn freundschaftliche Kontakte zu den Nazis sind nun mal sehr rufschädigend." Ubach befasst sich in ihrem Buch "Go-Betweens for Hitler" mit britischen Nazi-Sympathisanten.

Im Gespräch mit Michael Hesse in der FR erklärt Ian Buruma, Autor von "45 - Die Welt am Wendepunkt", warum die Japaner es mit der Vergangenheitsbewältigung nicht so einfach haben wie die Deutschen: "Es war viel schwieriger, einen Konsens darüber zu finden, was im Krieg falsch gelaufen war. Wenn Nationalisten predigten, dass es sich um einen Krieg gegen die westlichen Kolonisatoren handelte, lagen sie nicht einmal falsch. Es stimmte. Genauso richtig ist die Feststellung, dass der japanische Imperialismus ziemlich brutal war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2015 - Geschichte

Der 18. Juni ist nicht nur das Datum der Schlacht von Waterloo, sondern auch der legendären Rede Charles De Gaulles, der die Franzosen 1940 aus dem Londoner Exil zum Widerstand aufrief. Der Résistant Jean-Louis Crémieux-Brilhac erzählt in der Huffpo.fr, dass diesem Appell auch die Frustration De Gaulles als General vorausging - denn er war einer der wenigen Verfechter des Panzers als neuer Waffengattung: "Der Appell des 18. Juni hat eine lange Vorgeschichte. Er drückt auch die kaum maskierte Wut des jungen Generals über den französischen Generalstab und die Verantwortlichen der Sklerose aus, an deren Spitze er den Marschall Pétain sah. Pétain, der nicht nur nichts für die Reform der Armee getan hatte, sondern auch noch 1938 ein Buch des Generals Chauvineau mit dem Titel "L"invasion est-elle possible?" eingeleitet hatte, das ein Loblied auf die Maginot-Linie sang und behauptete, dass Panzer nichts taugen."

Im NZZ-Interview mit Martin Zähringer spricht der Publizist Goenawan Mohamad über die Kultur und Geschichte Indonesiens. Dass die politisch motivierten Massenmorde an den Kommunisten im Jahr 1965 aus dem Ausland gesteuert waren, glaubt er nicht: "Es gibt gewisse übertriebene Meinungen, die von einer Manipulation durch die Vereinigten Staaten ausgehen, auch durch China. Ich glaube nicht daran, das haben wir selber verbrochen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2015 - Geschichte

Brendan Simms, Autor der vielgefeierten Studie "Kampf um Vorherrschaft" und eines Buchs über die Schlacht von Waterloo, sieht in der FAZ (politischer Teil) in der Koalition der Armeen gegen Napoleon einen Keim für eine von ihm ausdrücklich erwünschte europäische Armee: "Als die Europäische Verteidigungsgemeinschaft in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts am Widerstand Frankreichs scheiterte, kam es zu einer fatalen Aufspaltung zwischen militärischer Sicherheit, die man der Nato zuwies, sowie politischer wie auch ökonomischer Integration, aus der sich schließlich die EU entwickelte - eine Aufspaltung, die eine europäische Integration seither erschwert hat. Politische und militärische Union Europas müssen Hand in Hand miteinander einhergehen."

Kathleen Hildebrand (SZ) lernt bei einer Tagung Entscheidendes zu Herrschaft und Stil: "Von jeher gilt, was Barack Obama so gut verstanden hat: Der Mächtigste ist der Lässigste."

Andreas Zielcke widmet sich in der SZ der Magna Carta mit denkbar kritischer Abgeklärtheit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2015 - Geschichte

Auch wenn Napoleons Schicksal auf dem Wiener Kongress so gut wie besiegelt war, bleibt für Cord Aschenbrenner in der NZZ Waterloo eine der ganz großen Entscheidungsschlachten der Geschichte. Für alle, die es noch nicht wussten: "Die Kämpfe gehörten zu den härtesten und zähesten der Napoleonischen Kriege, über dem Stunden dauernden Gemetzel lag undurchdringlicher grau-weißer Pulverdampf aus Kanonen und Musketen. Bis zum Nachmittag war der Ausgang der Schlacht ungewiss, dann erschienen Blüchers Preußen auf dem Schauplatz. Sie waren nach den Kämpfen bei Ligny dem sie verfolgenden französischen Marschall Grouchy entkommen. Die Grande Armée zerfiel unter dem Ansturm der Alliierten, weder heroische Kavallerieangriffe des Marschalls Ney noch Napoleons legendäre "Alte Garde" vermochten das Blatt zu wenden."



"Paris - Dôme des Invalides - Tombeau de Napoléon" von Thesupermat - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Welt-Autor Marc Reichwein spricht mit Wolfgang Schivelbusch, der gerade ein Buch über die Kultur der Niederlage verfasst hat, über Napoleons Waterloo: "Die Völkerschlacht von Leipzig 1813 war entscheidend, aber nicht rückgratbrechend. In Frankreich galt immer noch das Credo vom zwar blutsäuferischen Wohltäter, aber immerhin Wohltäter. Nur deswegen konnte die Rückkehr Napoleons nach seiner ersten Verbannung auf Elba zum Triumphzug werden. Und nur so konnte es passieren, dass Napoleon, obwohl er in weiten Teilen Frankreichs und außerhalb als Verbrecher bezeichnet wurde, 1840 dennoch zurückgeführt wird. Seither liegt er im Pantheon, dem französischen Kyffhäuser." Das stimmt nicht ganz: Er liegt, prächtig dargeboten, aber doch nicht als "grand homme", im Invalidendom.

Der Historiker Frank Rexroth rühmt in der NZZ die vor achthundert Jahren unterzeichnete Magna Carta, stellt aber auch klar, dass sich die "Große Urkunde der Freiheiten" nicht als Argument für eine britische Sonderstellung gegenüber Europa eignet: "Lange schon gilt die Erzählung von der "quality of uninterruptedness", ja vom britischen Exzeptionalismus als ideologisch und überholt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2015 - Geschichte

Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk erzählt im Zeit.de-Blog freitext die Geschichte ihrer Urgroßväter. Der eine wurde von den Kommunisten umgebracht, der andere kämpfte auf der Seite der Nazis gegen die Kommunisten: "Viele seiner Landsleute kämpften noch bis in die fünfziger Jahre als Partisanen gegen das Sowjet-Regime. Sie saßen im Wald in einem Bunker und kamen nachts wie die Geister ins Dorf, um etwas zu essen. Als sie schließlich entdeckt und ermordet wurden, lagen ihre entstellten Körper noch zwei Wochen im Zentrum des Dorfes, bei der Molkerei, damit die anderen gut sehen konnten, was mit den Gegnern des Sowjet-Regimes passiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2015 - Geschichte

In der NZZ rekapituliert Hoo Nam Seelmann, wie der Erste Weltkrieg auch in Ostasien das Machtgefüge nachhaltig veränderte und Japan zur dominierenden Macht werden ließ: "Es war die Meiji-Restauration (1868), die eine umfassende Umstrukturierung im Land einleitete. Japan hatte sich, um der kolonialen Unterwerfung durch den Westen zu entgehen, radikalen Reformen verschrieben und den Staat nach westlichem Vorbild grundlegend umgebaut. Als verhängnisvoll sollte sich jedoch erweisen, dass es auch westliche imperialistische Ideologien übernahm."