9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2015 - Geschichte

Bis ins 19. Jahrhundert war die Ukraine in Europa durchaus ein Begriff. Erst mit der Sowjetunion wurde sie in Russland eingemeindet und als eigenes Land vergessen, schreibt der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler in der FAZ. Und sie hatte auch nach dem Mauerfall Schwierigkeiten aus dem großen Schatten Russlands hervorzutreten: "Während die Unabhängigkeitsbewegungen im Baltikum und im Kaukasus registriert wurden, blieb die Ukraine weiter im Dunkeln. Fast niemand hätte es für möglich gehalten, dass die Sowjetunion verschwinden und eine unabhängige Ukraine entstehen könnte. Die Ukraine wurde zwar ein unabhängiger Staat, doch blieb sie noch lange ein weitgehend weißer Fleck auf der mentalen Landkarte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2015 - Geschichte

Anlässlich des heutigen Champions-League-Finales in Berlin erinnert Stefan Jakob in der FR an die Anfänge des organisierten Fußballs in Deutschland vor rund hundert Jahren: "Das "Gespenst", das in Europa umging, war nicht der Kommunismus, es trug vielmehr Trikot, Stutzen und Fußballschuhe, jedenfalls bei der akademischen Jugend. Der durch und durch nationalistische Turnvater Jahn war für die Youngsters bieder und out, der englische Mannschaftssport dagegen damals bereits hip."

Ebenfalls in der FR erzählt Horst Dieter Schlosser von der Gründung des Deutschen Bundes beim Wiener Kongress am 8. Juni 1815. Und in der NZZ rekapituliert der Botschafter a.D. Paul Widmer den Weg der Schweiz zur immerwährenden Neutralität auf dem Wiener Kongress.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2015 - Geschichte

In seinem Blog nimmt Welt-Redakteur Richard Herzinger die russische Propagandalüge vom "Antifaschismus" auseinander, der die edle Leitlinie in der Auseinandersetzung mit der Ukraine sei. Nebenbei erinnert er daran, dass Russland weit intensiver mit den Nazis kollaborierte als die Ukraine - im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts. Hier wurde das sowjetische Regime auch, "wie Richard Overy formuliert, "zum Komplizen des deutschen Antisemitismus". Vielen der Tausenden polnischen Juden, die im sowjetischen Besatzungsgebiet vor der NS-Verfolgung Zuflucht suchten, wurde die Einreise verweigert, woraufhin sie die deutschen Grenzposten unter Feuer nahmen. Andere ins sowjetische Gebiet geflohene Juden wurden verhaftet und in Arbeitslager deportiert. Darüber hinaus betrieben die Sowjets in Ostpolen von sich aus die Zerstörung der jüdischen Schtetl-Kultur..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2015 - Geschichte

Ein neues Gesetz ermöglicht jetzt auch in Albanien Einsicht in die alten Akten des Geheimdienstes. Mit Blick auf die Untaten des Sigurimi Shqiptar findet Lindita Arapi in der NZZ die Öffnung der Archive überfällig, aber nicht ausreichend: "Das Gesetz, welches das albanische Parlament Ende April verabschiedete, bietet im besten Fall Transparenz, allerdings führt es zu keiner Lustration... Das neue Akten-Gesetz ist das eine. Das andere ist die Ungewissheit über den Zustand der Akten. Wer hat die Akten in der Zwischenzeit kontrolliert, welche Akten haben den politischen Umsturz ohne Schaden überstanden? Werden wir jemals erfahren, wann von wem was manipuliert wurde?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2015 - Geschichte

An der Ausstellung "1945" zum Kriegsende im deutschen Historischen Museum lässt Cord Aschenbrenner in der NZZ kein gutes Haar. Völlig willkürlich findet er sie: "Warum fehlt etwa Italien mit der mörderischen Rache der dortigen Partisanen an den Faschisten? Warum fehlt Jugoslawien? Oder Griechenland mit seinem langen, unbarmherzigen Bürgerkrieg? Was ist mit Ungarn? Und wenn Norwegen dabei ist, warum nicht auch Finnland mit dem Krieg in Lappland gegen die Deutschen, dem eine düstere Nachkriegszeit im Schatten der Sowjetunion folgte?"

Karl-Peter Schwarz erinnert in der FAZ daran, wie die West-Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg Hunderttausende sowjetische Gefangene und ehemalige Überläufer an Stalin - und damit in den Tod oder in den Gulag - auslieferte. Und Überläufer hatte es gerade in der Sowjetunion gegeben. "Das lag nicht zuletzt am berüchtigten Befehl Nr. 270 vom 18. August 1941, der jeden Rotarmisten, der in deutsche Gefangenschaft geriet, zum "Hochverräter" stempelte und mit dem Tode bedrohte... Schiere Angst dürfte die meisten der 800.000 bis 1,5 Millionen Soldaten der Roten Armee motiviert haben, die zu den Deutschen überliefen. Die Repatriierung gab Stalin die Möglichkeit zur Rache, und er war nicht bereit, darauf zu verzichten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2015 - Geschichte


Jungen mit Deutschlandfahne im Eichsfeld, Januar 1990. © DHM, Peter M. Mombaur

Eckhard Fuhr besucht für die Welt eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung. Keine einfache Aufgabe, meint Fuhr, denn "die Wiedervereinigung ist für die meisten virulente private Erfahrung, die zu deuten man nicht ohne Weiteres professionellen Historikern und Museumsleuten überlässt. Wie es "eigentlich gewesen" ist, das weiß man am besten selbst. [...] Trotzdem muss man diese Ausstellung als gelungen bezeichnen. Weil sie biografischen Zeugnissen breiten Raum gibt, gewitzt mit Klischees spielt und als solche kenntlich macht, weil sie sich nachträgliche "Wiedervereinigungskritik" verkneift und die Übergangsgesellschaft Ostdeutschlands als faszinierendes historisches Phänomen würdigt, ermöglicht sie einen frischen Blick auf jene Jahre zwischen 1989 und 1995, die noch Gegenwart sind und doch weit entrückt erscheinen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2015 - Geschichte

Die Wiener Ringstraße war in gewisser Hinsicht ein jüdischer Boulevard, wie eine Ausstellung in Wien jetzt zeigt (und wie man schon in Edmund de Waals "Hase mit den Bernsteinaugen" lesen konnte), schreibt Hannes Hintermeier in der FAZ: "Das bittere Erwachen kam spätestens 1938, aber schon seit dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich die Prachtstraße auch immer wieder als antisemitische Kampfzone erwiesen. Dass es der jüdischen Gemeinde gelang, sogar die Jahre des Zweiten Weltkriegs zu überstehen, grenzt schon an ein Wunder."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2015 - Geschichte

"History Marketing hat Konjunktur", schreibt Martin Eich im Freitag und attackiert den Historiker Gregor Schöllgen, der mit seinem "Zentrum für Angewandte Geschichte" milde Firmengeschichten im Auftrag der Unternehmen schreibt: "Wer seine Auftragsarbeiten über Rüstungsunternehmer Karl Diehl, Lebensmittelfabrikant Theo Schöller, Automobilzulieferer Max Brose und Quelle-Gründer Gustav Schickedanz liest, glaubt sich auf einer Zeitreise in die frühe Adenauer-Ära. Alle sind anständig geblieben, nur die Zeiten waren schlimm."

Die Zeit befasst sich ausführlich mit den vergangene Woche in Bad Dürkheim beschlagnahmten Skulpturen von Arno Breker, Josef Thorak und Fritz Klimsch. Martin Machowecz spricht mit dem Fotografen Thomas Steinert, der einige der Statuen 1984 auf einem Sportplatz für Sowjetsoldaten in Eberswalde fotografierte. Tobias Timm versucht die Geschichte der Skulpturen bis zur Beschlagnahme zu rekonstruieren. Und der Leipziger Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hofft, dass die Erregungsreflexe im Zusammenhang mit NS-Kunst endlich nachlassen mögen: "Vielleicht sollte man, da es ohnehin beliebt geworden ist, alte Ausstellungen zu wiederholen, eine der Großen Deutschen Kunstausstellungen rekonstruieren und all die öden Werke noch einmal aus den Depots holen. Spätestens dann dürfte klar sein, dass die Nazis wahrlich keine Kunst hervorgebracht haben, die Nennenswertes über sie oder ihre Verbrechen aussagen würde. Künftig könnte es dem Staat also eigentlich egal sein, wenn Überreste von damals verschwinden oder wieder auftauchen. Dass es für derart langweilige Werke überhaupt einen Markt gibt, sollte man als Kuriosität verbuchen und sich nicht weiter darum kümmern."

Julia Albrechts Film über ihre Schwester Susanne Albrecht und deren Rolle beim RAF-Attentat auf Jürgen Ponto ist gestern wegen der aktuellen Fifa-Ereignisse nun doch nicht gelaufen. In der ARD-Mediathek kann man ihn aber sehen. Auch Wolfgang Kraushaars FR-Kritik, aus der wir gestern zitierten, steht heute online.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2015 - Geschichte

Angesichts der großen Werkschau zu Le Corbusier im Pariser Centre Pompidou, die alles Weltanschauliche ausklammere, bekommt die Debatte um die faschistische Gesinnung des Architekten eine neue Durchschlagskraft, meint Marc Zitzmann in der NZZ, der die neuen Publikationen zum Thema gelesen hat: "Sprechender noch als Le Corbusiers Worte sind seine Taten. Mehrmals schickt er Benito Mussolini signierte Exemplare seiner Bücher - zu einem Zeitpunkt, als niemand mehr den wahren Charakter des Regimes ignorieren kann. Nach der völkerrechtswidrigen italienischen Besetzung Äthiopiens bietet er sogleich seine Dienste an, um Addis Abeba in eine Kolonialhauptstadt zu verwandeln. Ähnlich diensteifrig zeigt er sich gegenüber dem Vichy-Regime: Schon am 3. Juli 1940, zwei Tage nach Pétain, trifft er in dem Kurort ein, zwischen Januar 1941 und Juli 1942 lebt er regulär dort. "

In der Welt unterhält sich Hannes Stein mit dem Historiker Benjamin Carter Hett, der unabweisbare Belege dafür gefunden haben will, dass nicht Marinus van der Lubbe 1933 den Reichtstag anzündete. "Es waren die Nazis."

In einer Ausstellung über Triest erlebt Thomas Steinfeld in der SZ, wie aus der modernen, selbstbewussten und zentraleuropäischen Stadt ein Ort der Vergangenheit in der Provinz wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2015 - Geschichte

Die beiden Historiker Martin Schulze Wessel und Yaroslav Hrytsak fordern in der FAZ eine deutsch-ukrainische Historikerkommission, um auch in den Universitäten das Wissen der Deutschen über die Ukraine zu vertiefen (und umgekehrt, aber da ist es wohl nicht ganz so dringend). Ein Hauptargument: "Neben Belarus gehört die Ukraine zu den Territorien, die von der deutschen Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg am grausamsten getroffen wurden. Ukrainer sind Opfer, Zeugen und auch Kollaborateure im deutschen Vernichtungskrieg geworden. Im deutschen Geschichtsbewusstsein wird dies weitgehend ignoriert; Schuldgefühle beziehen sich aber nur auf Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion."