9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2014 - Geschichte

In der NZZ erklärt der Schriftsteller Oleg Jurjew, warum in Russland die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg so blass ist und weder Bulgakow noch Babel über ihn schrieben: "Danach begann der russische Bürgerkrieg, der bis 1922 dauern und weite Teile Russlands verheeren sollte. Die Bolschewisten hatten ihn nach der Oktoberrevolution vorausgesehen und gar ideologisch vorangetrieben: Sie hatten von Anfang an geplant, den "imperialistischen Krieg" in einen "Klassenkrieg" zu verwandeln. So wurde in Russland das Inferno des Ersten Weltkriegs vom Inferno des Bürgerkriegs zwischen den Roten und den Weißen überlagert. Weil es zwischen den beiden Kriegen keine Friedenszäsur gab, ist die Erinnerung an die Katastrophe des Ersten Weltkriegs in Russland nicht in annähernd gleichem Maße verankert wie im westlichen Europa."

In einem weiteren instruktiven Artikel in der NZZ blickt der Historiker Nadir Weber auf politische Protektion und Intervention in der frühen Neuzeit zurück.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2014 - Geschichte

Die französischen Medien sind natürlich heute voll mit dem siebzigsten Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie. In der Huffpo.fr präsentiert der Historiker François Dourlen eine von ihm konzipierte Plakat-Serie der Stadt Cherbourg, in der Kriegsfotos in aktuelle Stadtpanoramen eingepasst werden:


9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2014 - Geschichte

Lee Cheuk-yan, Gründer des Tiananmen-Museums in Hongkong, erklärt im Interview mit der taz, warum der 4. Juni auch für Hongkong wichtig ist: "Wir haben in Hongkong einen rechtlichen Schutz für unsere Autonomie, doch letztlich unterstehen wir dem gleichen Regime. Das versucht seit Jahren mit einem Antisubversionsgesetz unsere Freiheiten einzuschränken. Bisher konnten wir das erfolgreich abwehren, einmal protestierten sogar eine halbe Million Menschen. Peking kontrolliert die politischen Reformen, die wir hier in Hongkong diskutieren. Chinas Regierung hat uns Reformen versprochen, ist aber nicht aufrichtig. Warum sollten wir von einem Regime, dass Demokratie in China unterdrückt, erwarten, dass es sie in Hongkong erlaubt? Wenn wir in Hongkong Demokratie haben wollen, müssen wir dafür sorgen, dass auch China sich dafür öffnet."



In Peking durfte nicht an den 4. Juni 1989 erinnert werden. Um so beeindruckender war die Gedenkdemonstration in Hongkong, von der die französische Huffpo eine grandiose Bilderstrecke präsentiert. Unser Foto wurde unter CC-Lizenz von ayhc auf Flickr eingestellt. Bilder finden sich auf Twitter:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2014 - Geschichte

Das beste, was Urs Schoettli dem Ausgang der indischen Wahlen abgewinnen kann: die Nehru-Gandhi-Dynastie ist endlich am Ende. Nach einem ausführlichen Rückblick auf die führenden Köpfe dieser Familie, die "das Land viel Würde gekostet" hat, meint er: "Viele sehen die Zäsur der Wahl als eine Chance für Indien, endlich aus dem sozialistischen Schlendrian und der institutionalisierten Korruption und Ineffizienz auszubrechen, zu denen die Kongresspartei das Land über mehr als sechs Jahrzehnte verdammt hatte. Ebenso wichtig ist aber, dass als glaubwürdige Alternative zur herrschenden Bharatiya-Janata-Partei eine Kongresspartei sich formiert, die sich endgültig vom Ballast des Nehru-Gandhi-Hofstaats befreit."

Die FAZ druckt eine sehr bewegende Rede des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko ab: "Rede in der Duma an die Jugend meines Landes". Jewtuschenko erzählt von seiner Generation, den "Sechzigern", die vom Zweiten Weltkrieg geprägt wurde und der ein die anderen ausschließender Nationalismus fremd war: "Doch in der Epoche des neuen Russland . . . Der letzte professionelle kubanische Zigarrendreher war nach Russland eingeladen worden, und wurde hier erschlagen, als er aus dem Haus trat, um den Schnee zu bewundern, den er noch nie im Leben gesehen hatte. Sie haben von hinten zugestochen, mit einem geschliffenen Stilett, gerade als er sich niederbeugte nach einer Handvoll Schnee. Ich sage nicht, dass der Nationalismus eine Massenerscheinung ist, aber man darf nicht zulassen, dass er sich ausbreitet. Zumal in Russland, dem Land, das die Welt von den faschistischen Konzentrationslagern befreit hat, sich bei der Befreiung seiner Mitbürger aber sehr verspätet."

Am 5. Juni 1977 spielte die deutsche Fußballmannschaft in Argentinien - zur Zeit der argentinischen Junta. Holger Gertz empfiehlt in der SZ nachdrücklich einen Film im Ersten, der unter anderem an diesen Tag erinnert: "Es war ein Spiel, das nicht hätte gespielt werden dürfen. Die deutschen Fußballer, beziehungsweise ihre Chefs beim DFB, hätten das Spiel absagen sollen: Schon wenn sie damit gedroht hätten, nicht anzutreten, hätten sie vielleicht einen Menschen retten können. Aber weil niemand etwas gemacht hat, ist ein Mensch gestorben, Elisabeth Käsemann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2014 - Geschichte

Kleines Wikipedia-Zitat aus dem Artikel über das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens: "Unterstützung fand das harte chinesische Vorgehen gegen die Proteste bei der DDR-Führung. Das Neue Deutschland kommentierte sie am 5. Juni 1989: "Konterrevolutionärer Aufruhr in China wurde durch Volksbefreiungsarmee niedergeschlagen"... Während eines Besuches des chinesischen Außenministers Qian Qichen in Ost-Berlin lobte der Außenminister der DDR, Oskar Fischer, die engen Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik China; DDR-Politiker wie Hans Modrow, Günter Schabowski und Egon Krenz besuchten China, um ihre Unterstützung zu dokumentieren..."

Helmut Schmidt hatte noch 2012 Verständnis. Die drohende Blamage des von Schmidt bewunderten Deng Xiaoping war schon ein paar Tote wert. Im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo im Zeit-Magazin legte Schmidt dar: Die Militärs "haben zunächst ausgehalten, aber sie wurden mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen und haben sich gewehrt - mit den Waffen, die sie hatten. Gleichzeitig fand, zum ersten Mal seit langer Zeit, der Besuch des Chefs der Sowjetunion in Peking statt. Gorbatschow musste die Große Halle des Volkes durch die Hintertür betreten, weil vor dem Haupteingang die Studenten demonstrierten. Für Deng war das ein enormer Gesichtsverlust."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2014 - Geschichte

Dies wunderbar symbolische Foto vom Platz des Himmlischen Friedens haben wir unter CC-Lizenz bei Flickr gefunden. Dimitry B. hat es im letzten Jahr aufgenommen. Der New Yorker bringt unterdes aus Anlass des 25. Jahrestags des Massakers auf dem Platz eine Strecke mit historischen Fotos.



25 Jahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat die chinesische Politik es geschafft, fast jede Erinnerung daran auszulöschen. Mark Siemons beschreibt in der FAZ, mit welch ausgeklügelten Methoden chinesische Politiker "Mainstream"-Denken herstellen: Einmal, indem sie direkt gegen Künstler, Blogger oder Bürgerrechtler vorgeht. "Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das chinesische System stellt sich den Ausdifferenzierungen der modernen Gesellschaft nicht nur entgegen, es macht sich diese zum Teil auch zunutze und vermischt sie auf eine schwer zu entwirrende Weise mit den autoritären Strukturen der Partei. Luhmann würde Hören und Sehen vergehen, wenn er mitbekäme, mit welcher Perfektion die gegenseitige Abgrenzung der Teilöffentlichkeiten mit ihren Spielräumen und Regeln in China heute reguliert wird."

In der SZ erzählt der chinesische Journalist Chang Ping, wie er vor fünf Jahren, beim 20. Jahrestag des Massakers, an der Universität in Honkgong mit Studenten über die damaligen Ereignisse diskutierte. "Die meisten Studenten aus der Volksrepublik, so dachte ich, müssten doch verärgert darüber sein, dass ihnen jahrelang Fakten über das Geschehen vorenthalten wurden. Jetzt aber, nachdem sie zum ersten Mal in einer Gesellschaft mit Informationsfreiheit lebten und das volle Bild zu Gesicht bekamen, würden sie anders denken. Doch das Gegenteil war der Fall. In der Volksrepublik China gibt es mehr und mehr Menschen, die glauben, dass es richtig gewesen sei, die 4.-Juni-Bewegung zu unterdrücken und somit die Ein-Parteien-Diktatur in China zu erhalten, da sonst die Wirtschaft in den vergangenen Jahren nicht so atemberaubend schnell gewachsen wäre."

In der taz berichtet Sonja Vogel von einer Belgrader Veranstaltung über die Ursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Mit dabei: Der Historiker Christopher Clark, dessen Buch "Schlafwandler" wenig freundlich mit den Serben umgeht. "Von Clarks zurückhaltenden Ausführungen fühlte sich Dusan Batakovic provoziert. Der Vorsitzende des Belgrader Instituts für Balkanstudien der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste, einer nationalen Kaderschmiede, nahm die oft vergessene Ostfront in den Fokus. Der Krieg wurde schließlich an der Saloniki-Front entschieden, und Serbien hatte die meisten Opfer im Ersten Weltkrieg zu verzeichnen: ein Viertel der Bevölkerung starb. ... Den Attentäter Gavrilo Princip nennt Batakovic einen "Nelson Mandela mit falschen Mitteln". Für ihn und die Gruppe "Junges Bosnien" seien die Österreicher barbarische Kolonialherren gewesen - eine Lesart, die im heutigen Serbien gängig ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2014 - Geschichte

Deutschland war vor 1933 keineswegs eine Ausnahme, sagt Ulrich Herbert, Autor einer monumentalen "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert", im Gespräch mit Stefan Reinecke in der taz. Antidemokratische Entwicklungen gab es damals in ganz Europa: "Das reicht weit über Deutschland hinaus. Mitte der dreißiger Jahre sind liberale Demokratien in Europa schon die Ausnahme. Von Madrid bis Warschau, von Moskau bis Budapest: überall autoritäre, antiliberale Diktaturen. Der Glaube, dass Politik nach militärischem Vorbild organisiert sein muss, dass der Diktatur die Zukunft gehört, besteht nicht nur in Berlin."

Wie immer seltsam körperlos, ästhetizistisch und anmutig mäandernd liest sich, was Alexander Kluge im Tagesspiegel-Gespräch mit Peter Laudenbach über den 30. April 1945 sagt, über den er gerade ein Buch geschrieben hat. Zwischendrin wird's doch ein bisschen politisch. Kluge bekennt sich als Pazifist und spricht über die Ereignisse in der Ukraine, die er als eine Störung des lieben Friedens zu empfinden scheint: "Die Situation ist entstanden durch großen Leichtsinn, durch eine mangelnde Kenntnis dessen, was Vorkrieg heißt, auch durch ungenügenden Verantwortungssinn einiger EU-Beamter und der Nato in den vorhergehenden Phasen des Konflikts. Das ist mir sehr unheimlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2014 - Geschichte

"Die Infantilisierung des Zuschauers kennt keine Grenzen", klagt Jörg Baberowski auf faz.net nach der Ausstrahlung des ARD-Films "Stalin in Farbe": "Fast alles, was über Ereignisse und Personen in dieser Dokumentation gesagt wird, ist falsch... Aber wer interessiert sich noch für Fakten, wenn es doch nur darum geht, den Zuschauer mit bunten Bildern zu unterhalten! Nun könnte man einwenden, solche Informationen seien Nebensache, weil sie zur Erklärung nichts beitragen. Mag sein. Aber dieser lieblos zusammengeschnittene Film erklärt nichts, er erhellt nichts. Er ist stümperhafte Desinformation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2014 - Geschichte

In einer Rede zum hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs in Berlin, die in der Literarischen Welt abgedruckt ist, pocht Geert Mak auf die persönliche Dimension des säkularen Ereignisses, das ein Jahrhundert der Katastrophen nach sich zog: "Wir sollten uns vor Augen führen: Wir alle sind Kinder, Enkel und Urenkel von zwei, drei schwer traumatisierten Generationen von Europäern. Wir sind nur allzu oft Kinder von Überlebenden, von invaliden Großvätern, von vergasten Familien, von ausgebombten Onkeln und Tanten, von auseinandergerissenen Familien, von Großeltern mit immer wiederkehrenden Alpträumen, von Eltern mit einem Lagersyndrom, von Veteranen der Normandie, des Monte Cassino, des Ebro und Stalingrads, von Erzählern und Schweigern, von total durchgedrehten Vätern auf dem Dachboden: Wie sehr ist dieser Sommer des Jahres 1914 letztendlich auch prägend für unsere eigenen Familiengeschichte gewesen..."

 In der NZZ schreibt Ulrich M. Schmid zum 200. Geburtstag des Anarchisten Michail Bakunin. Thomas Leuchtenmüller erinnert an Lyndon B. Johnsons Rede über die "Great Society" vor 50 Jahren. Patrick Bahners (FAZ) kommt erschüttert aus dem neu eröffneten Museum des 11. September in New York. Der Eichmann-Verhörer Avner Werner Less und seine Frau wurden in Berlin neu beigesetzt, berichtet Willi Winkler in der SZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2014 - Geschichte

In der NZZ lernt Thomas Maissen aus dem 1554 erschienenem Manifest der Toleranz des Reformators Sebastian Castellio: "einen Menschen töten heißt nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten".

Der britische Historiker John C. Röhl wirft in der Zeit seinem australischen Kollegen Christopher Clarke vor, auf einem veralteten Forschungsstand zu argumentieren und deswegen in den "Schlafwandlern" die deutsche Kriegspolitik zu unterschätzen.