9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2014 - Geschichte

Alexander Kluy besucht für die Welt die Ausstellung "Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918" im Jüdischen Museum in München.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2014 - Geschichte

In der FAZ schreibt Jürgen Habermas zum Tod seines Freundes, des Historikers Hans-Ulrich Wehler: "Seine prononcierte Hinwendung zur Sozialgeschichte, also die aufklärende Einbettung der politischen und kulturellen Geschichte in ökonomische und gesellschaftliche Kontexte, hat Hans-Ulrich Wehler zu einem der international anerkanntesten und einflussreichsten deutschen Historiker gemacht. Zugleich hat er damit eine nachhaltige Bedeutung für die Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik gewonnen. "

In der SZ schreibt Gustav Seibst den Nachruf: "Die Grundmelodie der "Sachlichkeit" unterschied Hans-Ulrich Wehler wohltuend vom apokalyptischen Händeringen, wie es sich in Deutschland zumal seit dem Abtreten der "skeptischen Generation" in den Nachrüstungsdebatten der Achtzigerjahre verbreitete." In der taz bemerkt Stefan Reinecke, dass der große Sozialhistoriker aus der Generation der Hitlerjugend am Ende keine Antennen für Themen wie Migration, Gender, Postmaterialismus und den Abschied von der Industriegesellschaft hatte: "Der Historiker der Bundesrepubik hat am Ende die Republik nicht mehr verstanden." In der FR schreibt außerdem Dirk Pilz, in der Welt würdigt Sven-Felix Kellerhoff den Historiker als "Bahnbrecher der Moderne". Der Bayerische Rundfunk hat ein Gespräch mit Wehler aus seinen Archiven online gestellt.

Die Historiker John M. Cooper und Michael Kazin diskutieren in der New Republic ausführlich über die Rolle der USA im Ersten Weltkrieg - und zeigen nebenbei, wie absurd die in den USA so beliebten "Was-wäre-Wenn"-Fragen sein können. Was wäre geschehen, wenn die USA nicht in den Krieg eingegriffen hätten und die Deutschen den Krieg gewonnen hätten, fragt Cooper im neuesten Artikel: "Eine wahrscheinliche Folge wäre eine Niederlage der Bolschewiki gewesen, aber bevor wir diese Perspektive auskosten, sollten wir uns überlegen, welche Konsequenzen dies für spätere antikoloniale Bewegungen gehabt hätte." Und dann erst für den Mauerfall!

Außerdem: Jürgen Vogt korrigiert in der taz das Bild der 1977 von argentinischen Militärs ermordeten Deutschen Elisabeth Käsemann. Sie war keine Pazifistin, sondern auch an bewaffneten Aktionen wie der Befreiung politischer Gefangener beteiligt. Aber selbstverständlich hätte ihr die Bundesregierung dennoch helfen müssen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2014 - Geschichte

Hans-Ulrich Wehler ist gestorben. In der FAZ schreibt Jürgen Kaube den Nachruf auf den Historiker, der jüngst noch einen Band zur "Sozialen Ungleichheit in Deutschland" publizierte. In der FAS unterhält sich Daniel-C. Schmidt mit Francis Fukuyama über das nun doch nicht eingetretene "Ende der Geschichte".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2014 - Geschichte

Arno Widmann war für die Berliner Zeitung dabei, als Alexander Kluge im Berliner Zeughauskino die 180-minütige DVD "Bilderfronten vom Großen Krieg 1914-1918" vorstellte: "Das Publikum besteht vorwiegend aus Menschen - sagen wir mal so - über fünfzig. Sie wissen, was sie erwartet. Sie haben sich eingestellt auf jene merkwürdige Mischung aus Langeweile und plötzlich aufschäumende Großartigkeit, die Kluges Filmästhetik ausmacht. Diese DVD ist dafür ein besonders gemeines Beispiel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2014 - Geschichte

Im Interview mit Alan Posener spricht der slowenische Autor Boris Pahor über sein Leben als Widerstandskämpfer, über den deutschen und italienischen Faschismus und seine Heimat Triest: "Triest ist meine Geburtsstadt. Die Hauptstadt meines Lebens. Ich hatte nie ein großes Interesse, die Welt zu entdecken. Denn als die italienischen Faschisten 1920 das slowenische Kulturhaus niederbrannten, brach meine Welt zusammen. Da war ich sieben Jahre alt, und ich hatte das Gefühl, als brannte dort meine Zukunft. Das ist die Grundlage meiner Beziehung zu Triest."

Klaus Hillenbrand begrüßt in der taz die neue Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die das Nachkriegsdenken hinter sich lässt: "Die Geschichte von den Deutschen, die sich nicht wehren konnten, weil dies nicht möglich gewesen sei, wird als das entlarvt, was sie schon immer war: eine gern kolportierte Legende, die dazu diente, das eigene individuelle Versagen zu verschleiern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2014 - Geschichte

Peter Graf Kielmansegg untersucht für die FAZ noch einmal die höchst komplexe Schuldfrage in Bezug auf den Ersten Weltkrieg, die nicht so eindeutig zu beantworten ist, wie manche sich wünschen. Und er macht eine eher kulturelle Beobachtung: "In diesen Strukturen handelten Menschen, die nicht nur davon überzeugt waren, dass es legitim sei, für die eigenen Interessen Krieg zu führen, sondern auch sicher zu wissen meinten, dass der Krieg zwischen den beiden Mächtegruppen irgendwann kommen werde. Nichts fällt beim Studium der Quellen mehr auf als dieser gemeineuropäische Fatalismus."

Weitere Artikel: Nils Minkmar begleitet für die FAZ Bernard-Henri Lévy nach Sarajewo zu den Gedenkfeiern des Attentats vor hundert Jahren. Urs Hafner verfolgte für die NZZ ein Zürcher Forum zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Auch in Schloss Bellevue wurde über den Ersten Weltkrieg diskutiert - Lorenz Jäger berichtet für die FAZ. In der Welt verweist Sven Felix Kellerhoff auf eine Channel 5-Dokumentation über Adolf Hitlers in eigener Sache offenbar höchst großzügiges Finanz- und Steuergebaren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2014 - Geschichte

Vor hundert Jahren erschoss Gavilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand. In der FR rekapituliert der kroatische Schriftsteller Miljenko Jergovic die letzten Tage des Attentäters in Sarajevo, wo sich im Juni 1914 die anarchistischen Jungbosnier die Ermordung des österreichischen Thronfolgers verabredeten: "Verschwörer, Attentäter, Dichter und Schriftsteller, Historiker, Schauspieler, Theaterregisseure und die ganze junge aufständische Elite einer glücklosen europäischen Stadt, von der man, als sei sie aus einem Traum erwacht, noch nicht wusste, was aus ihr in Zukunft würde. Überhaupt würde man nie erfahren, was Sarajevo alles nach diesem sorglosen Frühsommer 1914 hätte werden können."

"Der Wahnsinn war bosnisch, die Waffen serbisch", lernt Bora Cosic von Jergovic, dessen Artikel er offenbar schon aus dem Original kennt. Doch Princip wurde nach dem Krieg auch im neugegründeten Jugoslawien kein Held: "Der gerade erst gegründete jugoslawische Staat, bescheiden bürgerlich, brauchte nach 1918 keinen anarchistischen Helden, "seine Tat billigten nur unsere Armen und Jungen". Entsprechend wird die Verantwortung der serbischen Regierung von 1914 für dieses Verbrechen angezweifelt und damit auch der zureichende Grund des eisernen Ultimatums vonseiten des kaiserlichen österreichisch-ungarischen Staates. Der als Strafmaßnahme gegen das serbische Königreich geführte Krieg suchte natürlich eher die Armen und Halbwüchsigen heim."

Zudem legt die NZZ ein prall gefülltes Dossier zum Ersten Weltkrieg vor, in dem unter anderem Gerd Krumeich, Herfried Münkler, Gerd Koenen und Wlodzimierz Borodziej.

Weitere Artikel: In der Basler Zeitung interviewt Hansjörg Müller noch einmal sehr ausführlich den Historiker Christopher Clark zur Frage der deutschen Kriegsschuld. Clark ist erstaunt über die Art, wie hier darüber diskutiert wurde: Hans-Ulrich Wehler "hat mich in der Besprechung eines anderen Werkes sozusagen im Vorbeifahren angepöbelt. Die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic wiederum hat die einseitige und verstellende Behauptung aufgestellt, ich stützte mich allein auf veraltete Literatur und gebe die Propaganda der Mittelmächte wieder. Das sind extreme Vorwürfe, die mit meinem Buch überhaupt nichts zu tun haben." In der taz schreibt die Historikerin Annika Mombauer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2014 - Geschichte

Serbien begeht den Jahrestag des Ersten Weltkriegs mit einer Performance von Emir Kusturica, der in Gegenwart der serbischen Staats- und Regierungsspitze die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand rekonstruiert, berichtet in der SZ Florian Hassel. Es wundert ihn nicht: "Historische Ereignisse und ihre Erinnerung dienen beim EU-Kandidaten Serbien immer noch nationaler Sinnstiftung, nicht dem - oft schmerzhaftem - Erkenntnisgewinn. Das gilt für die jüngste Vergangenheit der jugoslawischen Nachfolgekriege, es gilt aber auch für den immerhin schon ein Jahrhundert zurückliegenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Princip und seine Mitverschwörer am 28. Juni 1914 gelten als Helden, die auf den Erzherzog abgefeuerten Schüsse waren "Kugeln für die Freiheit", so der für das serbische Gedenken am 28. Juni zuständige Filmregisseur Emir Kusturica. Sich der historischen Realität des damaligen serbischen Expansionsprogramms oder des Princip-Attentats zu stellen, würde Serbiens Gründungsmythos widerlegen, allzeit Opfer der Geschichte gewesen zu sein."

Hannes Stein erklärt in der Welt, was Europa vom "ständigem Kompromisslertum" des Habsburger Reichs lernen könnte: "Das Habsburgerreich basierte auf ein paar simplen und einleuchtenden Prinzipien. Diese waren: Kompromiss mit den historischen Nationen und ihren Adelsgeschlechtern, um dem Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung weitestmöglich entgegenzukommen; Unterstützung der Bauern in den jeweiligen Nationen, um ebenjene Adelsherrschaft auszutarieren; und unaufhörliche Verhandlungen mit den Tschechen. Anders gesagt, das Habsburgerreich garantierte sein Weiterbestehen dadurch, dass fundamentale Fragen nicht entschieden, sondern in der Schwebe gelassen wurden."

Außerdem: Eckhard Fuhr erinnert in der Welt an die erste Jugendherberge, die vor 100 Jahren im Sauerland eröffnet wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2014 - Geschichte

Anlässlich einer Ausstellung im National Constitution Center in Philadelphia beleuchtet Ronald D.Gerste in der NZZ eine bisher eher verdrängte Seite Thomas Jeffersons: jene des Sklavenhalters. "In der Nailery von Mr. Jefferson arbeiteten überwiegend, wie der Hausherr schrieb, "Jungen, die sonst unbeschäftigt wären". Manche waren 12, andere erst 10 Jahre alt. In ähnlichem Alter waren jene, die im Herrenhaus durch enge Gänge krochen und den Gästen über versteckte Aufzüge das Dinner und den edlen französischen Wein zukommen ließen. Monticello war für rund ein halbes Jahrhundert ein Ziel für Politiker, Philosophen, Unternehmer und Neugierige, die von Jeffersons Intellekt in Bann geschlagen wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2014 - Geschichte

Joachim Güntner hat für die NZZ noch einmal einen Blick auf den SS-Verein Lebensborn geworfen, vor dessen angeblichen "Kopulationsheime" sich zuletzt noch einmal Sibylle Lewitscharoff gegruselt hatte. Güntner hält den Ball flacher und stellt klar: "Die Heime des Lebensborns waren vorzüglich ausgestattete Entbindungsanstalten, erstens für SS-Paare, sodann aber auch für andere "arische" und "erbgesunde" Mütter, die Gründe hatten, ihr Kind anonym und fern der Heimat zur Welt zu bringen."

In der FAZ erzählt Margarethe von Hase, Ehefrau eines Offiziers, der nach dem Attentat des 20. Juli hingerichtet worden war, wie danach die Angehörigen der beteiligten Offiziere verhaftet und schikaniert wurden.