9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Bernd Stöver an den Koreakrieg, der vor siebzig Jahren begann und den Kalten Krieg maßgeblich beeinflusste. "Die Frage, wer angegriffen hatte, blieb bis zur Öffnung der Archive 1991 ein Streitfall. Heute ist klar: Seit März 1949 verhandelte Kim Il Sung mit Stalin, um von ihm die Genehmigung für eine militärische Wiedervereinigung zu erhalten. Stalin gab am 9. Februar 1950 grünes Licht, allerdings mit dem Hinweis, dass direkte militärische Hilfe nur von Mao geleistet werden könne, der dies dann auch zusagte. Ironischerweise hielten die USA Rhee Syng Man ebenfalls für willens, einen solchen 'Befreiungskrieg' zu führen, weswegen sie ihm keine schweren Waffen lieferten. Das hatte zur Folge, dass der Norden den Süden im Sommer 1950 schnell fast ganz überrannte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2020 - Geschichte

Der Historiker Felix Heinert beleuchtet in der taz den sehr verworrenen Konflikt um die Gedenkstätte von Babyn Jar, wo deutsche Einsatzgruppen 1941 innerhalb von 36 Stunden mehr als dreißigtausend jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen. Der hochkarätig besetzte Stiftungsrat des Babyn Yar Holocaust Memorial Center hat ausgerechnet den russischen Regisseur Ilya Khrzhanovsky zum künstlerischen Leiter gemacht, der seither die ukrainische Öffentlichkeit mit immer neuen Ideen schockiert: "Nach Chrschanowskis - angeblich später verworfener - Idee sollte sich das Publikum des Museums die Rolle von Opfern, Tätern oder Mitläufer*innen auswählen, mit dem Versprechen, dass sie nach Computeranalysen ihrer Gesichtsprofile und Eindrücke ihr historisches Doppelgängerprofil auf der Grundlage der Bilder und Daten kennenlernen, und sich selbst. Einmal soll Chrschanowski vorgeschlagen haben, Babyn Jar umzugraben, woraufhin erwidert worden sei, dass man den Ort nicht umgraben könne. Darauf hätte er - so die in die Öffentlichkeit getragenen Zitate - gemeint, dass man nicht umgraben müsse, nur die Idee öffentlich machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2020 - Geschichte

Eine "Orgie der Gewalt, bei der sadistische Reflexe ausgelebt werden", sieht FAZ-Autor Arnold Bartetzko im Denkmalsturz von Bristol, mit dem der Sklavenhändler Edward Colston vom Sockel gerissen wurde. Aber Bartetzko weiß auch, dass ein Denkmalsturz in Umbruchszeiten auch ein wichtiges Mittel sei, um einen Machtwechsel in Szene zu setzen. Was wird noch kommen?, fragt er sich: "Über eine Beseitigung von Goethe- oder Schiller-Standbildern dürfte vorerst zwar niemand reden. Wenn aber die Tendenz zur Säuberung des öffentlichen Raums von allen Geschichtszeugnissen, die heute Anstoß erregen oder von jemandem als beleidigend empfunden werden könnten, anhält, steht ein großer Teil des Denkmalbestands auf dem Spiel. Besser ist es, gerade die belastenden Denkmäler als Anstoß zur Auseinandersetzung mit der Geschichte zu nutzen - und zwar nicht in Museen, sondern gerade im öffentlichen Raum, vor vollem Publikum. Das einfachste Mittel dazu bietet eine kommentierende Inschrift, die eine historische Einordnung vornimmt und damit Distanz zum Ausdruck bringt."

Natürlich war Immanuel Kant ein Rassist, schreibt der Soziologe Floris Biskamp im Tagesspiegel. Er habe in seiner Anthropologie die Menschheit in vier Rassen eingeteilt, ihnen verschiedenen Eigenschaften zugeschrieben und diese Theorie aktiv etwa gegen Herder vertreten. Seine Vernunft verstand er als weiße Vernunft. Aber soll man ihn deshalb vom Sockel stoßen? "Das kommt ganz darauf an, was man darunter versteht. Wenn damit gemeint ist, ihn aus dem Kanon zu entfernen, dann sollte man diese Bilderstürmerei unterlassen. Wer so mit der philosophischen Tradition umgeht, wird weder über Philosophie noch über Rassismus viel lernen können. Wenn 'vom Sockel stoßen' aber heißt aufzuhören, Kant als einen über jeden Zweifel erhabenen Heiligen zu verehren, dann sollte man den Bildersturm besser heute als morgen vollziehen - und wenn man dabei ist, könnte man auch darüber nachdenken, ob man überhaupt irgendwen in solcher Weise auf Sockel stellen muss."

Die New York Times meldet, dass die Statue, die Theodore Rossevelt flankiert von zwei indianischen Amerikanern vor dem New Yorker Museum of Natural History zeigt, abgenommen wird.

Im FAZ-Interview mit Sandra Kegel erläutert der Politologe Jan Vogler, welchen Folgen die Pest von 1348 für Europa hatte, die ungefähr ein Drittel der damaligen Bevölkerung tötete. Sie stärkte die Menschen gegenüber traditionellen Eliten, ist das Ergebnis seiner Studie: "In Gegenden, die massiv von der Pest betroffen waren, kollabierte schlicht das ganze System. Zwar gab es in verschiedenen Teilen Europas seitens der Aristokratie verzweifelte Versuche, etwa durch königliche Erlasse die Leibeigenschaft zu bewahren und die Löhne auf dem vormals niedrigen Niveau zu halten. Aber das Gesetz von Angebot und Nachfrage war so stark, dass ein regelrechter Wettbewerb um Arbeiter zwischen Landesherren und Angehörigen des niederen Adels ausbrach, der am Ende das System zusammenbrechen ließ."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2020 - Geschichte

In der Zeit erinnert die amerikanische Historikerin Jill Lepore daran, dass die Schwarzen Amerikas ihren Kampf um Gleichberechtigung seit zweihundert Jahren führen, und nach jedem kleinen Fortschritt wieder vertröstet wurden: "Seit den 1960er-Jahren hat das 'Law and Order'-Regime, das mit Richard Nixon begann, die Macht des Staates über schwarze Menschen in Form unverhältnismäßig hoher Verhaftungs- und Verurteilungsraten und härterer Strafen ausgeweitet. Um genau diese Ungerechtigkeit geht es Black Lives Matter. Als man ihm einmal zur Geduld riet, wies Martin Luther King das energisch zurück. Vielleicht verstehen die Amerikaner endlich, warum die Zeit des Wartens vorbei ist, warum es nie Zeit zum Warten gab."

In der Welt stellt Matthias Heine klar, dass aus einem einzigen Grund "die ganzen Hitler-Denkmäler" auch nicht mehr stehen: "Es gab gar keine Hitler-Denkmäler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2020 - Geschichte

Die Frage der Reparationen hat sich sofort nach dem Ende der Sklaverei gestellt, bemerkt Thomas Piketty in seiner Kolumne für Le Monde. Nur waren es die Sklavenhalter, die entschädigt wurden, nicht die Sklaven: "Sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Frankreich wurde die Abschaffung der Sklaverei von einer Entschädigung für die ehemaligen Besitzer durch die öffentliche Hand begleitet. Für die 'liberalen' Intellektuellen wie Tocqueville oder Schoelcher lag das auf der Hand: Wenn man die Besitzenden ihres Besitzes entledigte (der ja in einem legalen Rahmen erworben worden war), ohne ihnen eine faire Kompensation auszuzahlen, wie würde das sonst noch eskalieren? Was die ehemaligen Sklaven anging: Sie sollten die Freiheit lernen, indem sie hart arbeiten."

Außerdem: In der FAZ erinnert der Historiker Joachim Tauber an die Okkupation der baltischen Staaten durch Stalins Truppen vor achtzig jahren und konstatiert, dass "Russland die Legende vom freiwilligen Beitritt der drei Länder zur Sowjetunion wieder aufleben lässt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2020 - Geschichte

Einst war der Kniefall eine Geste der Demut (Willy Brandts historischer Warschauer Kniefall) -  seit der amerikanische NFL-Spieler Colin Kaepernick auf die Knie sank, statt aufzustehen und die amerikanische Nationalhymne zu singen, ist der Kniefall zum Symbol des Protests gegen Rassismus geworden, schreibt Joachim Güntner in der NZZ und blickt zurück auf die Geschichte der Geste: "Was ist der Kniefall, historisch betrachtet, nicht alles gewesen: bei Besiegten das Eingeständnis ihrer Niederlage, bei Vasallen ein Ritus der Verpflichtung gegenüber ihren Lehnsherren, bei Zaren, Kaisern und Königen der Moment vor der Selbstvergötterung, in der Gottesverehrung ein Zeichen hoher Demut, bei Gnaden- und Bittgesuchen eine Bekräftigung des Flehens. Ausdruck von Widerstand, Kampf, Oppositionsgeist war er nie und ist es erst nun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Kaushik Roy daran, dass indische Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine größere Rolle spielten, als ihnen oft zugebilligt wird. Und zwar auch von den eigenen Leuten, denn sie kämpften ja gewissermaßen für das Empire: Die Freiwilligenarmee, die die Briten in Indien aufbauten, "bestand zu fast 80 Prozent aus Soldaten, die zuvor als Bauern gelebt hatten. In dieser bäuerlichen Gesellschaftsschicht war der Nationalismus seinerzeit nicht sehr stark ausgeprägt. Viele Landwirte begaben sich ohne weiteres in die Kolonialarmee und waren bereit, den Krieg der Imperialisten zu fechten - weil diese sie gut und regelmäßig bezahlten. Liebe zu den Briten trugen diese Soldaten nicht im Herzen, sie waren aus ökonomischen Gründen zur Armee gegangen, das hatte schon Gandhi geschrieben. Aber Tatsache bleibt, dass es zwischen 1939 und 1945 zu keinen namhaften Meutereien kam und die meisten Soldaten also einigermaßen zufrieden waren mit dem Dienst." Das änderte sich erst nach dem Krieg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2020 - Geschichte

Von der Verbreitung von Falschmeldungen über Ausgrenzung und Gewalt bis zur Überforderung der Staatsgewalt - der russische Umgang mit der Coronakrise weist erschreckende Parallelen zur Cholera im Zarenreich auf, schreibt der Osteuropahistoriker Stefan Kirmse in der NZZ. Damals wurde von Händlern und Reisenden das Gerücht verbreitet, die Krankheit sei komplett erfunden, Ärzte und Sanitäter wurden zusammengeschlagen. Heute erhalten Epidemiologen Morddrohungen: "Im russischen Fernsehen spielen Ärzte zwar eine untergeordnete Rolle. In vielen Landesteilen gab es aber bereits Angriffe auf Rettungssanitäter, die in Coronavirus-Verdachtsfällen herbeigerufen worden waren und von wütenden Nachbarn oder Angehörigen krankenhausreif geprügelt wurden. Hierbei war es zum Teil die Schutzkleidung, die den Betroffenen das Gefühl gegeben hatte, Aussätzige zu sein."

Wir sollten Russland mit "Respekt" begegnen, meint indes Alexander Kluge im Gespräch mit Michael Maier (Berliner Zeitung) - und man möchte ihm ein Taschentuch reichen, wenn er in seiner Eloge beklagt, dass Russland zum Feindbild des Westens wurde: "Das entsetzt mich. Es gibt eine Tendenz, nach Osten hin anzuschwärzen. Es ist wie ein Pawlowscher Reflex. Ich habe den früheren US-Außenminister James Baker interviewt, wie auch Gorbatschow. Baker ist wie ein kluger Notar durch das Bürgerkriegsland gereist. Er hat gesagt, man müsse aus der Demütigung des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns nach 1918 die richtigen Schlüsse ziehen. Er fürchtete, dass die Rache sonst den Westen in etwa 40 Jahren unvorbereitet treffen könnte."

Weiteres: Im Umgang mit Epidemien war die DDR besser gerüstet, schreibt der DDR-Sozialmediziner Heinrich Niemann ebenfalls in der Berliner Zeitung: "Das DDR-Gesundheitswesen war fast ausschließlich öffentliches Eigentum, wurde staatlich organisiert und in der Regel ärztlich geleitet." In der Welt erinnert der Germanist Dieter Richter an "Mamma Lucia", jene Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Gebeine deutscher Soldaten in einem Bergort bei Neapel beerdigte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2020 - Geschichte

Die stark militaristisch geprägte Erinnerungskultur in Russland ändert sich, seit die Menschen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, etwa aus der Zeit der Leningrader Blockade, ins Netz stellen, erzählt in der NZZ die Osteuropahistorikerin Ekaterina Makhotina. "In den vergangenen Jahren sind in Russland verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativgruppen entstanden, die in Online-Archiven Ich-Dokumente sammeln, ordnen und öffentlich zugänglich machen. Dazu gehören zum Beispiel das Forschungszentrum Prozhito ('Erlebt'), die Datenbank der Kriegstoten der Gesellschaft Memorial, die Datenbanken 'Unsterbliches Regiment' und 'Unsterbliche Baracke' (der Gulag-Opfer). Diese Archivquellen sind die Grundlage vieler neuer Erinnerungsformen in Russland, wie etwa der Aktion 'Letzte Adresse' und 'Rückkehr der Namen' in Erinnerung an Opfer des Stalinismus oder 'Leningrader Namen' für die Opfer der Blockade."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2020 - Geschichte

Harte Worte. Frank-Walter Steinmeier hat bei seiner Rede zum 8. Mai versagt, findet Götz Aly in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung. Nicht nur habe er den alliierten Soldaten nicht für die Befreiung gedankt. Er sprach auch nicht "von den Deutschen, die dem Ruf Hitlers millionenfach gefolgt waren. Wir, die Nachgeborenen, kennen sie: Verstört, rechthaberisch, traumatisiert oder eisig schweigend geisterten sie nach 1945 durch unsere Familien. Wir können sie nicht ignorieren oder für immer verdammen. Die meisten Deutschen sind ihre Kinder oder Kindeskinder - und ihre Geschichtserben. Das macht es nicht einfach, darüber verständig zu sprechen, und überforderte nun auch den Bundespräsidenten."