9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2020 - Geschichte

Ein sehr großer Teil der osteuropäischen Juden ist nicht in Vernichtungslagern, sondern vor Ort durch Erschießungen umgebracht worden, besonders in der heutigen Ukraine. Diesem "Holocaust durch Kugeln" widmet sich der Band "Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine" des ukrainischen Historikers Boris Zabarko, den Christoph Brumme bei libmod.de vorstellt. Der Band bringt viele Berichte Überlebender: "Dass diese beklemmenden Berichte so spät erscheinen, viele Jahrzehnte nach den Massenmorden, liegt auch daran, dass in der Sowjetunion der Holocaust verschwiegen wurde. Über den Genozid an den sowjetischen Juden wurde weder gesondert berichtet noch geforscht. Auf den Denkmälern und Mahnmalen aus jener Zeit war immer nur zu lesen, dass dort friedliche Sowjetbürger von den Faschisten ermordet wurden, ohne Hinweise darauf, dass es sich um Juden handelte. Sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland ist über den 'Holocaust durch Kugeln' viel zu wenig bekannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2020 - Geschichte

Frank-Walter Steinmeier hat auf dem fast menschenleeren Platz vor der Neuen Wache seine Rede zu einem besonderen 8. Mai gehalten, in der er vor allem die Idee des Gedenkens mit der europäischen Idee assozierte. taz-Redakteur Stefan Reinecke ist aus anderem Grund mit der Rede zufrieden: "Die Klimax der Rede lautet: 'Wir denken an diesem 8. Mai auch an die Opfer von Hanau, von Halle und Kassel.' Dies ist ein kühner, fast pathetisch anmutender Bogen ins Jetzt. Er schließt bundesdeutsche Normalität mit der moralischen Trümmerlandschaft 1945 kurz".

Welt-Autor Thomas Schmid schreibt sich dagegen in seinem Blog fast in Rage gegen die formelhafte Gedenksprache deutscher Politiker. Und er macht einen Punkt, der in deutschen Gedenkreden tatsächlich fast nie angesprochen wird: "Steinmeier hat die Auseinandersetzung der Deutschen mit der NS-Vergangenheit einen 'langen, schmerzhaften Weg' genannt. Lang war er sicher, aber schmerzhaft? Zum deutschen Elend gehört auch, dass sich dieses Gedenken an den Nationalsozialismus und seine Opfer erst dann wirklich Bahn brach, als es fast niemanden mehr gab, der hätte zur Rechenschaft gezogen werden können. Als es eben nicht mehr schmerzhaft war. Kein Wort des Bundespräsidenten dazu, dass in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik in allen gesellschaftlichen Bereichen NS-Täter und -Mitläufer ihre Karrieren unbehelligt fortsetzen konnten."

Auf Twitter ist Steinmeiers Rede übrigens bestens angekommen, besonders im Ausland. Hier etwa die Reaktion Jonathan Freedlands, eines der klügsten Kommentatoren des Guardian:


Die Amerikaner haben von der Eroberung ihres Landes über Sklaverei, Bürgerkrieg und Segregation so einiges in ihrer Geschichte, das eine Vergangenheitsbewältigung nach deutschem Muster gebrauchen könnte, meint die in Berlin lebende Philosophin Susan Neiman in einer Nachbetrachtung zum 8. Mai in der taz: Dabei heißt "von der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung zu lernen .. nicht, diese Aufarbeitung zur Erfolgsgeschichte zu erklären. Vor allem können andere von den Deutschen lernen, wie schwer der Weg zu diesem Perspektivwechsel ist. Selbst bei den schwersten Verbrechen wird es Widerstand geben, die eigene Schuld zu erkennen. Es wird immer Menschen geben, die Entlastung suchen, indem sie auf die Sünde der anderen zeigen, um die eigene vergessen zu können."

Außerdem: Im Tagesspiegel schreibt Paul Nolte über die immer wieder gerühmte Rede Richard von Weizsäckers vor 35 Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2020 - Geschichte

Dmytro Kuleba, Außenminister der Ukraine, sowie Linas Linkevičius, Edgars Rinkevičs und Urmas Reinsalu, die Außenminister der blatischen Staaten, veröffentlichen in der FAZ einen gemeinsamen Text zum 8. Mai und wehren sich gegen die Geschichtslügen Wladimir Putins: "Das brutale Sowjetregime nutzte den Sieg im Krieg für viele Jahre als Rechtfertigung für seine Politik. Es eignete sich so die Taten von Millionen alliierter Soldaten und auch Soldaten der Roten Armee an, die selbst multinational war. Sowohl die sowjetischen als auch die russischen Bemühungen, das Leid und die Rolle anderer Nationen bei der Beendigung des Krieges zu verkleinern, sind inakzeptabel."

Der polnische Schriftsteller Artur Becker benutzt im Gespräch mit Christian Thomas in der FR drastische Begriffe:  "Es verbietet sich, das Wort Holocaust zu übertragen, aber gegenüber den Polen wurde eine zweite Völkervernichtung versucht." Becker beklagt in dem leider etwas chaotischen Gespräch das deutsche Unwissen über den Krieg gegen Polen und über den Warschauer Aufstand.

Erst seit 2017 gedenkt man in Israel - am 9. Mai - offiziell des Sieges über Nazi-Deutschland, denn aus jüdisch-israelischer Sicht war das relevante historische Ereignis nicht der Krieg, sondern die Shoah, eine Debatte über den Zusammenhang zwischen Krieg und Shoah blieb lange aus und die Opferrolle stand im Vordergrund, schreiben Shimon Stein und Moshe Zimmermann im Tagesspiegel. Seither galt: "Staatlichkeit, Nationalismus, Militär als Garanten des Überlebens des Volkes. Während die Europäer nach 1945 auf die Überwindung des Nationalismus setzten und das Projekt EU lancierten. (…) Dabei geht es um mehr als nur eine Gefühlslage, es geht um Politik. Israel blickt auch deshalb mit tiefer Skepsis auf die EU, weil diese transnational eingestellt ist. Man ist voller Schadenfreude, wenn das 'Experiment EU' ins Wanken gerät - wie schon beim Brexit, der Flüchtlingsproblematik und momentan im Umgang mit dem Virus."

Im SZ-Gespräch mit Detlef Esslinger erklärt der Journalist Wolf Schneider, einst Unteroffizier der Wehrmacht, weshalb er die Rede Weizsäckers "kurios" fand: "Ich selber fühlte mich durchaus nicht 'befreit', sondern einer unberechenbaren fremden Herrschaft unterworfen - wie vermutlich die meisten Deutschen. Ein Volk, das in seiner Mehrheit so was wünschte, ist noch nicht erfunden. Mein Kronzeuge ist Marcel Reich-Ranicki, der 2005 sagte, dass die Deutschen den Tag als Zusammenbruch erlebt haben."

Im großen NZZ-Interview mit Hansjörg Müller spricht der Historiker Heinrich August Winkler über die Folgen des ostdeutschen Antifaschismus bis in die Gegenwart hinein, die "neue deutsche Arroganz", die Verletzung der Grundlagen des Rechtsstaates in Ungarn und Polen und die Verharmlosung des Nationalsozialismus durch die 68er: "Die Judenvernichtung spielte in den Debatten der Achtundsechziger so gut wie keine Rolle. Sie belebten die alte, kommunistische oder vulgärmarxistische Faschismustheorie wieder, die den Nationalsozialismus lediglich als eine Erscheinungsform des Faschismus begreift und diesen wiederum vor allem als ein Regime zur Sicherung der spätkapitalistischen Gesellschaft. Die Bundesrepublik galt als spätkapitalistisch, und vieles, was dort geschah, wurde mindestens als faschistoid, wenn nicht gleich als modernisierte Neuauflage faschistischer Praktiken denunziert. Im Grunde wurde der Nationalsozialismus dadurch verharmlost."

Außerdem: In der Welt formuliert Aleida Assmann fünf Thesen zum 8. Mai - unter anderem schlägt sie vor, im Sinne der "transnationalen europäischen Erinnerung" auch den 9. Mai zu feiern, den Tag, an dem im Jahr 1950 die EWG gegründet wurde. Die Deutsche Welle bringt einen nicht sehr tiefschürfenden Text von Herfried Münkler zum Thema. In der Berliner Zeitung berichtet Ingeborg Ruthe über eine Initiative, ein Denkmal für den Stadtkommandanten Nikolai Bersarin zu errichten. Und im Perlentaucher denkt Richard Herzinger über die Aktualität des Faschismusbegriffs nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2020 - Geschichte

Katja Gloger widmet sich auf einer Seite in der Zeit dem besonders dunklen Los der sowjetischen Kriegsgefangenen, das - nach einem Wort Joachim Gaucks - bis heute im "Erinnerungsschatten" liegt: "Zwischen 5,3 und 5,7 Millionen Rotarmisten, unter ihnen auch einige wenige Frauen, gerieten nach 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft, um eine genauere Zahl ringen Historiker noch immer. Rund drei Millionen, mehr als jeder Zweite, kamen in deutscher Gefangenschaft ums Leben. Damit sind die sowjetischen Kriegsgefangenen die zweitgrößte Opfergruppe nach den europäischen Juden." Weder im Westen, noch im Osten wurden diese Verbrechen nach dem Krieg thematisiert: Im Westen, weil Unternehmer profitiert hatten, im Osten, weil ein Gedenken der Heroisierung der Roten Armee widersprochen hätte. Und Stalin schickte die Überlebenden schließlich in ein zweites schwarzes Loch: "Viele der rund zwei Millionen repatrianty wurden anschließend in Fabriken, im Uranbergbau, in Kohleminen oder Holzfällkommandos erneut als Zwangsarbeiter eingesetzt. Als 'Sondersiedler ohne das Recht, den Wohnort zu verlassen', schickte man sie in entlegene Gebiete Sibiriens oder Kasachstans. Vermeintliche oder tatsächliche 'Kollaborateure' deportierte man in die Lager des Gulag."

Ganz anders als in Russland wird in der Ukraine des Kriegsendes gedacht, erzählt der Übersetzer und Journalist Bernhard Clasen in der taz: "Nicht hinnehmbar ist für die Ukraine der in Russland gebräuchliche Begriff 'Großer Vaterländischer Krieg', begann dieser doch erst 1941 mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. In der Westukraine herrschte schon 1939 Krieg. Und der war ein Ergebnis des Hitler-Stalin-Paktes, bei dem Deutschland und die Sowjetunion Polen unter sich aufgeteilt hatten. Das damals polnische Lemberg war der Sowjetunion zugeschlagen worden."

Ebenfalls in der taz kommt Jochen Schimmang nochmal auf Richard von Weizsäckers berühmte Rede von 1985 zurück. Im Tagesspiegel analysiert der Historiker Paul Nolte die Rede. In der Jüdischen Allgemeinen wirft Samuel Salzborn einen kritischen Blick auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung, auf die man hier doch so stolz ist, und schreibt über die Diskrepanz zwischen offiziellem Gedenken und dem Erinnern in Familien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2020 - Geschichte

Die taz bringt mehrere Seiten zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. Alles in allem stimmt Klaus Hillenbrand Richard von Weizsäckers Formulierung in seiner berühmten Rede vor 35 Jahren zu. Aber der Begriff der "Befreiung" hat Tücken, gibt er zu bedenken, und zwar besonders auch für uns Nachgeborene: "Denn der Begriff impliziert ganz selbstverständlich, dass wir alle 1945 sinnbildlich befreit worden sind. Das bedeutet folglich, dass sich die Deutschen damit unauffällig auf die Seite der Sieger geschlagen haben. Hurra, wir haben gewonnen! Das festzustellen ist mehr als nur eine Wortklauberei. Denn es bedeutet zu Ende gedacht, dass auch niemand der Nachgeborenen mehr Verantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten übernehmen muss. Schließlich haben Befreite nichts gemein mit denjenigen, die sie zuvor unterdrückt haben, den Nazis also."

Im taz-Interview mit Stefan Reinecke wendet sich der ehemalige Bürgerrechtler und Leiter der Deutschen Kriegsgräberfürsorge Markus Meckel gegen ein Denkmal für die polnischen Opfer in Berlin - auch weil die Deutschen viel zu wenig über das Grauen dort wüssten: "Ein Denkmal erinnert an etwas, das bekannt ist. Das Leiden der Polen unter der deutschen Besatzung ist eher unbekannt, ebenso die Leiden der östlichen Nachbarvölker. Daher ist ein Dokumentationszentrum, das über die deutsche Besatzung in Europa aufklärt, die bessere Wahl. Das kann den Vernichtungskrieg im Osten differenziert darstellen und auch den Unterschied zu der Besatzung in Westeuropa."

Außerdem schreibt Russland-Korrespondent Klaus-Helge Donath über das durch Corona behinderte Gedenken an den "Großen Vaterländischen Krieg", der propagandistisch immer noch so präsent sei, "als wäre er erst gestern zu Ende gegangen". Und Sabine am Orde beleuchtet das Verhältnis der AfD zur deutschen Vergangenheit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2020 - Geschichte

Die Deutschen sollen den Russen für die Befreiung 1945 endlich danken, verlangte Götz Aly neulich (unser Resümee). Aber das Unterfangen ist schwierig angesichts von Wladimir Putins jüngster Geschichtspolitik, die Russland als einzigen Akteur dieser Befreiung darstellt und zugleich den Hitler-Stalin-Pakt, Stalins Kollaboration mit Hitler und andere störende Details komplett ausblendet, schreibt Richard Herzinger in einem Essay für die Internationale Politik: "Die ganze Perfidie dieser 'antifaschistischen' Camouflage des Kremls wird deutlich, wenn man bedenkt, dass er heute der wichtigste finanzielle, propagandistische und ideologische Förderer der extremen Rechten in Westeuropa ist. Putin und seine Desinformationsspezialisten haben damit ein neues Genre kreiert - den 'faschistischen Antifaschismus', wie der Historiker Timothy Snyder das Doppelspiel des Kremls charakterisiert hat: politische Gegner wahllos als 'Faschisten' zu brandmarken, zugleich aber gemeinsam mit real existierenden Faschisten und Neonazis gegen die liberale Demokratie Front zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2020 - Geschichte

In der SZ erinnert Alexander Menden an einen ganz Großen der Aufklärung: den Ingenieur Joseph Bazalgette, der Mitte des 19. Jahrhunderts in London ein modernes Abwassersystem baute, dass die Stadt von Seuchen befreite - in einer Zeit, als viele Menschen noch glaubten, der Gestank der Themse löse Cholera oder Typhus aus: "Aus heutiger Sicht ist nicht nur die Präzision und Geschwindigkeit der Bauarbeiten bemerkenswert, sondern vor allem die weit in die Zukunft blickende Planung. Joseph Bazalgette legte die Kapazitäten der Kanalisation für eine um die Hälfte größere Stadtbevölkerung aus, also etwa viereinhalb Millionen. Mit welcher bewundernswerten Nachhaltigkeit hier konstruiert wurde, lässt sich daran ablesen, dass Bazalgettes Infrastruktur auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch immer die Hauptlast der Entwässerung Londons trägt - einer Stadt mit mittlerweile annähernd neun Millionen Einwohnern."

Stalin ist keineswegs der Erfinder der Gedenkrituale zum 9. Mai, schreibt der Historiker Mischa Gabowitsch in der FAZ, das kam erst später, unter Chruschtschow und Breschnew, denn ihnen versprach "die Rückbesinnung auf den Krieg auch eine neue Legitimitätsgrundlage. Die direkte Erinnerung an die Revolution verblasste, der Krieg jedoch hatte jede Familie getroffen. Die Mitglieder der neuen Parteiführung um Leonid Breschnew konnten - mal mehr, mal weniger wahrheitsgetreu - von ihrer kriegswichtigen Rolle erzählen."

Außerdem: In einem kurzen Interview mit der Berliner Zeitung wünscht sich der Historiker Julien Reitzenstein eine umfassende Studie zu NS-Verstrickungen der Bundesministerien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2020 - Geschichte

Die taz widmet einem Schwerpunkt dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor fünfundsiebzig Jahren. In einem Gespräch mit Jan Pfaff unterhalten sich die Historikerin Silke Satjukow und der Historiker Ulrich Herbert über unterschiedliche Deutungen des 8. Mais 1945 in Ost und West als Tag der Befreiung, der Kapitulation oder des Sieges der Sowjetunion.

In einem sehr offenen Text erinnert sich die Schriftstellerin Manja Präkels in der taz an die kriegerischen Traditionen, mit denen sie in Brandenburg aufwuchs: "Die Tränen der alten Kommunisten in den Klubs der Volkssolidarität galten ihren Erinnerungen und Träumen aus anderen Zeiten, die wir singend beflügelten: 'O lasset uns im Leben bleiben, weil jeden Tag ein Tag beginnt. O wollt sie nicht zu früh vertreiben, alle, die lebendig sind.' Wenn sie von Lagern und Widerstand erzählten, konnten wir den Krieg fühlen. Den Stacheldraht. Die Angst. Manchmal spielten wir ihn auch nach. An den Gepettos. Einem alten Ehepaar, das aufgrund des fremd klingenden Namens, seiner ärmlichen Behausung und des zurückgezogenen Lebens die missbilligende Neugier der Provinzbewohner auf sich zog, sodass wir Kinder straffrei unsere makabren Späße mit ihnen treiben konnten. Kleine Vollstrecker. Wir warfen Steine auf die hölzernen Fensterläden. Wenn der Alte dann, vor Empörung und Angst zitternd, hinaustrat, lachten wir. Gemein und skrupellos."

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Auf NZZOnline liest Martin Flashar Thukydides' Beschreibung der Pest, die in Athen um 430 v.u.Z. wütete, als einen der großen Seuchentexte der Weltliteratur. Die Altphilologin Melanie Möller nagt in der NZZ daran, dass bereits die Römer ihre Bürgern mit Steuern und Gesetzen behelligten: "Trotz diesem eher kargen Apparat versuchte der römische Staat ziemlich rigoros, in das Privatleben seiner Bürger hineinzuregieren, mit Gesetzen und Ordnungsmaßnahmen, indem er sich als moralischer Wegweiser betätigte und bis in die Intima hinein Schranken setzte: Unter Strafe standen beispielsweise Bordellbesuche, und der Weinkonsum unterlag zeitweise strengen Beschränkungen, vor allem für Frauen (gemäß dem alten Cato galten diese als besonders maßlos). Eine allgemeine Schutzpolizei, die für die Durchsetzung sorgte, gab es hingegen nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2020 - Geschichte

"Historisch betrachtet, waren Muslime schon immer schwerer als Christen davon zu überzeugen, Quarantäneregeln zu akzeptieren, insbesondere im Osmanischen Reich", schreibt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, der sich für seinen im Herbst erscheinenden Roman "Pestnächte" derzeit mit historischen Seuchen beschäftigt, unter anderem in der SZ: "Die wirtschaftlichen Gründe, aus denen Händler und Bauern aller Konfessionen sich gegen die Quarantäne wehrten, mischten sich in islamischer Umgebung mit Vorstellungen von weiblicher Sittsamkeit und häuslicher Privatsphäre. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich das Dampfschiff als Verkehrsmittel durchsetzte und man billiger reiste, wurden die Pilger, die nach Mekka oder Medina unterwegs waren oder von dort zurückkamen, zu den effektivsten Verbreitern ansteckender Krankheiten in der Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Marc Tribelhorn an den Tod Hitlers und Mussolinis vor 75 Jahren - und den Umgang mit ihren Leichen. Etwas bizarr mutet Stalins Reaktion auf Hitlers Selbstmord an: Er hatte zwar mit den Zähnen Beweise dafür, dass die beiden verbrannten Leichen in einem Grab im Garten des Führerbunkers die von Hitler und Eva Braun waren, dennoch wollte er Hitler nicht von der Fahndungsliste nehmen: "Wohl auf seine Anweisung behauptet Marschall Schukow im Juni 1945, es sei keine Leiche als Hitler identifiziert worden: 'Er mag im letzten Moment noch mit einem Flugzeug entkommen sein.' Auf der Potsdamer Konferenz Ende Juli äußert Stalin die Vermutung, Hitler halte sich in Spanien oder Südamerika verborgen. Und im November erzählt er in Moskau dem ehemaligen Roosevelt-Berater Harry Hopkins, der deutsche Diktator sei wahrscheinlich in einem Unterseeboot nach Japan geflüchtet. Wittert der Kreml-Chef eine Verschwörung oder setzt er zur Verwirrung des Westens auf Desinformation?"