Immerhin ist
Karneval, zu dem die Kölner Bürgermeisterin
Henriette Reker herzlich einlud, konstatiert
SZ-Autor Hilmar Klute in "einer kleinen
Kulturgeschichte des Idiotentums in Zeiten der Pandemie" trocken: "Gleich am ersten tollen Tag wälzte sich nun eine Masse von Tausenden, allesamt natürlich geimpft, genesen oder getestet, mit
ihren lustigen Hüten durch die Zülpicher Straße in Frau Rekers Köln. Alle, und jetzt kommt der erste und letzte schlechte Karnevalsscherz, auf der Suche nach dem '
3-G-Stirn'! Ja, wo isset denn? Nicht da, Prinz Sven Oleff hat Corona."
Warum gibt es im
ländlichen Bayern Inzidenzen über 1.000? Ja, weil wir wir
unter uns sind, und da kann doch nichts passieren. So in etwa
schildert Patrick Guyton im
Tagesspiegel die Atmosphäre im Berchtesgadener Land. Ein Bauer, den sie interviewt, will sich nicht impfen lassen, er traut der Sache nicht. "Die nicht sonderlich solidarische Methode des Bauern: 'Warten' bis
genügend andere geimpft sind und es auf seine eigene Immunisierung nicht mehr ankommt. Dass auf dem Hof viel Durchlauf ist und
oft Verwandtschaft vorbeikommt, stört nicht weiter. 'Ich bin doch nur hier, was soll mir da passieren?'"
Aber es sind auch noch
Kandidaten für die Intensivstation publizistisch unterwegs. Die
Welt lässt die ungeimpfte
Sarah Wagenknecht schreiben: "Bei Corona fällt der Politik weiter nichts Besseres ein, als
Ungeimpfte zu ächten und mit immer neuen Auflagen zu schikanieren. Dabei erkranken auch Geimpfte immer häufiger, die Wirkung der Vakzine lässt nach." Und in der
Berliner Zeitung fordert Philipp von Becker "Schluss mit der Impfdebatte, zurück zur Vernunft": "Dass es nun im Winter wahrscheinlich ein Problem mit Krankenhauskapazitäten geben wird, hat weniger mit den Ungeimpften zu tun als vielmehr damit, dass a) die
Impfung nicht hält, was behauptet wurde; b) eine völlig fehlgeleitete Politik
alles auf die Impfung gesetzt hat und c) 4.500 Intensivbetten weniger als noch vor einem Jahr betriebsbereit sind." Mit anderen Worten: wir müssen nur
die Kapazitäten für röchelnde Intensivpatienten vervielfachen, wo ist dann noch das Problem?
Der österreichische Bundeskanzler
Alexander Schallenberg (ÖVP) bringt unterdessen
Ausgangsbeschränkungen für Ungeimpfte ins Spiel,
berichtet SZ-Korrespondentin Cathrin Kahlweit. "Er verstehe nicht, so Schallenberg, wieso sich die geimpfte Mehrheit von der ungeimpften Minderheit 'in Geiselhaft' nehmen lassen müsse. Österreich hat mit etwa 65 Prozent im europäischen Vergleich eine niedrige Impfquote und liegt mit einer Sieben-Tage-Inzidenz
von etwa 760 weit vorn in der Negativ-Statistik. Zuvor hatte bereits die Regierung des besonders betroffenen Landes
Oberösterreich entschieden, von kommender Woche an einen Lockdown für Ungeimpfte zu verhängen."
Jan Feddersen
wendet sich in einem kleinen
taz-Essay gegen die Formulierung "
Spaltung der Gesellschaft", die in vielen Kontexten immer wieder auftaucht und letztlich
nichts besage: "Da 'Gesellschaft' ein hochkompliziertes Gebilde ist, da sie eben keine 'Gemeinschaft' ist, kein familiäres Konstrukt, sondern arbeitsteilig, kommunikativ
verwirrend uneinheitlich, multikulturell und multischichtenartig strukturiert, ist die Rede von ihrer Spaltung antipolitisch. Wer von Spaltung der Gesellschaft spricht, will über
Interessengegensätze, möchte über Macht nicht reden."