9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2021 - Gesellschaft

Immerhin ist Karneval, zu dem die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker herzlich einlud, konstatiert SZ-Autor Hilmar Klute in "einer kleinen Kulturgeschichte des Idiotentums in Zeiten der Pandemie" trocken: "Gleich am ersten tollen Tag wälzte sich nun eine Masse von Tausenden, allesamt natürlich geimpft, genesen oder getestet, mit ihren lustigen Hüten durch die Zülpicher Straße in Frau Rekers Köln. Alle, und jetzt kommt der erste und letzte schlechte Karnevalsscherz, auf der Suche nach dem '3-G-Stirn'! Ja, wo isset denn? Nicht da, Prinz Sven Oleff hat Corona."

Warum gibt es im ländlichen Bayern Inzidenzen über 1.000? Ja, weil wir wir unter uns sind, und da kann doch nichts passieren. So in etwa schildert Patrick Guyton im Tagesspiegel die Atmosphäre im Berchtesgadener Land. Ein Bauer, den sie interviewt, will sich nicht impfen lassen, er traut der Sache nicht. "Die nicht sonderlich solidarische Methode des Bauern: 'Warten' bis genügend andere geimpft sind und es auf seine eigene Immunisierung nicht mehr ankommt. Dass auf dem Hof viel Durchlauf ist und oft Verwandtschaft vorbeikommt, stört nicht weiter. 'Ich bin doch nur hier, was soll mir da passieren?'"

Aber es sind auch noch Kandidaten für die Intensivstation publizistisch unterwegs. Die Welt lässt die ungeimpfte Sarah Wagenknecht schreiben: "Bei Corona fällt der Politik weiter nichts Besseres ein, als Ungeimpfte zu ächten und mit immer neuen Auflagen zu schikanieren. Dabei erkranken auch Geimpfte immer häufiger, die Wirkung der Vakzine lässt nach." Und in der Berliner Zeitung fordert Philipp von Becker "Schluss mit der Impfdebatte, zurück zur Vernunft": "Dass es nun im Winter wahrscheinlich ein Problem mit Krankenhauskapazitäten geben wird, hat weniger mit den Ungeimpften zu tun als vielmehr damit, dass a) die Impfung nicht hält, was behauptet wurde; b) eine völlig fehlgeleitete Politik alles auf die Impfung gesetzt hat und c) 4.500 Intensivbetten weniger als noch vor einem Jahr betriebsbereit sind." Mit anderen Worten: wir müssen nur die Kapazitäten für röchelnde Intensivpatienten vervielfachen, wo ist dann noch das Problem?

Der österreichische Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) bringt unterdessen Ausgangsbeschränkungen für Ungeimpfte ins Spiel, berichtet SZ-Korrespondentin Cathrin Kahlweit. "Er verstehe nicht, so Schallenberg, wieso sich die geimpfte Mehrheit von der ungeimpften Minderheit 'in Geiselhaft' nehmen lassen müsse. Österreich hat mit etwa 65 Prozent im europäischen Vergleich eine niedrige Impfquote und liegt mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von etwa 760 weit vorn in der Negativ-Statistik. Zuvor hatte bereits die Regierung des besonders betroffenen Landes Oberösterreich entschieden, von kommender Woche an einen Lockdown für Ungeimpfte zu verhängen."

Jan Feddersen wendet sich in einem kleinen taz-Essay gegen die Formulierung "Spaltung der Gesellschaft", die in vielen Kontexten immer wieder auftaucht und letztlich nichts besage: "Da 'Gesellschaft' ein hochkompliziertes Gebilde ist, da sie eben keine 'Gemeinschaft' ist, kein familiäres Konstrukt, sondern arbeitsteilig, kommunikativ verwirrend uneinheitlich, multikulturell und multischichtenartig strukturiert, ist die Rede von ihrer Spaltung antipolitisch. Wer von Spaltung der Gesellschaft spricht, will über Interessengegensätze, möchte über Macht nicht reden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2021 - Gesellschaft

Die Intensivstationen sind überlastet. Nötige Operationen drohen zurückgestellt zu werden, um Platz für Covid-Patienten zu schaffen. Daniela Wakonigg stellt bei hpd.de die Frage, ob nicht eine Triage für Ungeimpfte erwogen werden sollte. Im Moment sehe es allerdings "so aus, dass die (mehrheitlich ungeimpften) Covid-19-Intensivpatienten in der Summe gegenüber allen anderen, die eine medizinische Intensivpflege benötigen, eher bevorzugt werden. Und das, obwohl die gewollt Ungeimpften die Dramatik der Situation überhaupt erst hervorgerufen haben, und obwohl sie ihre eigene medizinische Notlage durch die Nicht-Impfung billigend in Kauf genommen haben. Wäre es also nicht wirklich einmal an der Zeit, über den Abbau dieser fragwürdigen Bevorzugung zu diskutieren?" Für diese Triage sprächen durchaus die ethisch einzig gültigen medizinischen Kriterien, so Wakonigg: "Denn da Ungeimpfte häufig einen deutlich schwereren Covid-19-Verlauf haben als Geimpfte ist ihre Überlebenswahrscheinlichkeit entsprechend geringer."

Auf Zeit Online macht Mely Kiyak ihrem Ärger gegenüber Impfgegnern und in Angst erstarrten Politikern Luft: "Seit Pegida gibt es im politischen Raum eine groteske Aufwertung von Dummheit. Die berühmten Sorgen der echten Deutschen, die mal im Gewand von Ausländerekel oder Impfhass daherkommen, werden seitdem unentwegt höher bewertet als Forschung und Wissenschaft. Und Wieder einmal erstarrt dieses Land seit fast zwei Jahren vor einer extremen Minderheit. Und immer findet sich wenigstens ein Ministerpräsident, der nicht nur halbherzig, sondern gleich nullherzig nicht das tut, wofür sie oder er gewählt wurde. Nämlich Entscheidungen zum Wohle und zur Sicherheit der Bevölkerung zu treffen und diese gegenüber einer rotzfrechen und mittlerweile komplett angstfreien radikalen Bewegung durchzusetzen." (Glaubt Kiyak wirklich, es seien nur "echte Deutsche", die sich nicht impfen lassen?)

Konrad Litschko unterhält sich für die taz mit Serpil Temiz-Unvar, die beim Attentat von Hanau ihren Sohn Ferhat verlor. Sie möchte mit einer Bildungsinitiative an die Opfer erinnern. Nebenbei äußert sie ihre Enttäuschung über die Aufarbeitung des Attentats durch die Behörden und sieht einem Untersuchungsausschuss mit zaghaften Hoffnungen entgegen: "Die Fragen werden immer mehr, aber wir bekommen keine Antworten. Ich weiß auch bis heute nicht, wie Ferhat starb. Die Schüsse auf ihn fielen um 22 Uhr, in einem Video aus dem Kiosk sieht man, dass er noch ein paar Schritte läuft und dann hinter der Theke verschwindet. Als die Polizei kam, hat keiner nach ihm geguckt. Später wurde sein Todeszeitpunkt für 3.10 Uhr aufgeschrieben. Ich sage das zu mir jeden Tag: Wie lange hast du noch gelebt, Ferhat? Hast du Schmerzen gehabt? Warum hat dir keiner geholfen? Keiner gibt mir dazu Antworten, keiner."

"Kein Tag vergeht ohne Nachrichten über judenfeindliche Entgleisungen - seien es verbale Attacken auf Facebook, YouTube oder Twitter oder Ausgrenzung und physische Gewalt", sagte die in den USA lebende deutsche Journalistin Souad Mekhennet in ihrer Rede, die sie zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November in Frankfurt hielt und die die Welt heute auszugweise veröffentlicht: "Wie verhalten wir uns heute? Bei den Hetzjagden gegen Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland, nachdem es die Angriffe der Hamas gegen Israel gegeben hat? So, als ob unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger für das verantwortlich wären, was in einem anderen Land passiert. Wie haben wir Deutsche reagiert, als wir gesehen haben, wie wieder beleidigt, gespuckt, getreten und geprügelt wurde? Es kann nicht sein, dass das Thema beinahe ausschließlich von jüdischen Organisationen diskutiert wird. Wir Deutsche hätten uns erheben müssen und sagen müssen: Wir sind ein Volk. Gemeinsam mit unseren jüdischsteuen Landsleuten. Vereint für die Freiheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2021 - Gesellschaft

Virologe Christian Drosten sagt im Gespräch mit Giovanni Di Lorenzo und Andreas Sentker von der Zeit einige Hammersätze über die neueste Coronawelle. Als eine "Pandemie der Ungeimpften" will er sie nicht sehen, denn "Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen - auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger." Außerdem "bin ich überzeugt davon, dass wir nur einen geringen Nutzen von vollständig geimpften Erwachsenen haben, die sich nicht boostern lassen." Und trotz allen Impfens: "Wir werden uns alle - hoffentlich auf dem Fundament einer vollständigen Impfimmunisierung - irgendwann anstecken müssen, schon damit wir eine relevante Immunisierung kriegen." Und dann noch die frohe Botschaft für die Weihnachtszeit: "Ich halte es für sicher, dass man kontakteinschränkende Maßnahmen braucht. Wie genau die aussehen werden, ist, wie gesagt, eine Sache der Politik." Nebenbei erklärt Drosten, dass die Laborthese nur von Nicht-Experten vorgebracht wird. Und er kritisiert die Medien: "Einzelne Medien in Deutschland haben - auch mit der Auswahl ihrer Quellen und Gäste - über Monate hinweg mit einer unverhohlenen Agenda der Bevölkerung suggeriert, dass die Gefahr gar nicht so groß ist." Noch mehr Drosten gibt's wie gewohnt im NDR.

Immer mehr Pflegekräfte und Ärzte kommen durch die "extrem aufwendige" Betreuung von Covid-Patienten an ihre Belastungsgrenzen, weiß Felix Hütten in der SZ und ärgert sich umso mehr über die Impfverweigerer, denn sie tragen bei zum "Leid all jener Patienten, die im Unterschied zu Impfverweigerern keine freie Entscheidung über einen Schutz vor ihrer Erkrankung treffen konnten. Es ist das Leid der Bauchspeicheldrüsenkrebs-Patientin, die dringend operiert werden müsste. Die OP aber wird verschoben, weil es für die Überwachung nach dem Eingriff kein freies Bett gibt. Dieser Konflikt zermürbt auch das Personal auf den Intensivstationen."

Wie die nächsten Wochen laufen könnten, erzählt ein Gastronom aus Österreich, wo die Inzidenzen noch höher sind, in einer Reportage von Ralf Leonhard in der taz: "Der Bärenwirt, dessen Gourmet-Restaurant weit über Petzenkirchen im niederösterreichischen Mostviertel Gäste anzieht, hatte Einbrüche erwartet. Aber keine solch drastischen. Am Samstag sei das Lokal mit 50 Gästen noch voll gewesen: 'Gestern waren es fünf.' Allein für den November seien 650 Reservierungen storniert worden. Rund um den Martinstag am 11. November kommen normalerweise kleine und größere Gruppen zum traditionellen Gänseessen, zudem beginnen die Weihnachtsfeiern. 'Wenn eine Achtergruppe reserviert hat und einer ist nicht geimpft, sagen alle ab', sagt Mayrhofer jetzt: 'Die Firmen trauen sich nicht und sagen lieber ganz ab.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2021 - Gesellschaft

In der SZ findet es Nils Minkmar schwer fassbar, wie lethargisch die Politik auf das Ansteigen der Infektionsraten (mehr dazu hier) und auf die Impfskeptiker reagiert. "Bis in weite bildungsbürgerliche Kreise ist das Verständnis für den Wahnsinn der Impfskeptiker und Corona-Leugner zu finden, die jede Solidarität vermissen lassen. Es ist, als träfe man derzeit auf die zutiefst antimoderne Tiefenschicht der deutschen Seele." Macron rede in Frankreich Tacheles. "Auch hierzulande ist es höchste Zeit für politische Ansagen, eine Impfpflicht für Heil- und Pflegeberufe, für pädagogische Berufe, den öffentlichen Dienst und andere sensible Branchen. Es ist Zeit, die Plattformen und Nischensender à la Russia Today so zu regulieren wie deutsche Medien auch und für eine ambitionierte öffentliche Warn- und Aufklärungskampagne durch die Besten ihrer Branche." Es müsste sich nur mal jemand aufraffen, das zu tun.

Mit dem Winter und den ansteigenden Infektionszahlen stehen uns auch wieder neue Lockdowns bevor. In der SZ untersucht Alex Rühle, was das vor allem für die Kinder bedeutet. "Eine Lehrerin prophezeit, es werde Jahre dauern, bis das aufgeholt sei. Die Frau unterrichtet seit vielen Jahren an einem oberbayerischen Gymnasium, auch regelmäßig fünfte Klassen, aber heuer, sagt sie, sei das schon etwas ganz Besonderes: '... Viele haben offensichtlich noch nie einen Aufsatz geschrieben, drei unzusammenhängende Sätze, mehr kommt da nicht. Die Konzentrationsfähigkeit - also Aufmerksamkeitsspanne kann man das eigentlich gar nicht mehr nennen, weil welche Spanne? Und sie wissen schlichtweg nicht, wie man lernt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Kinder können nichts dafür, denen fehlen einfach die dritte und die vierte Klasse."

Den Preis für die "Freiheit" der Impfverweigerer zahlen andere, nämlich Patienten, die nicht an Covid erkrankt sind und mit ihren Operationen warten müssen, weil die Intensivstationen überfüllt sind, schreibt Jo Schilling in einem Kommentar für heise.de: "Daten des wissenschaftlichen Dienstes der AOK zeigen, dass die Lockdown-Zeiten einen regelrechten Rattenschwanz hinter sich herziehen. Beispiel Darmkrebs: Durch die Lockdown-Phasen wurden im Jahresdurchschnitt etwa 13 Prozent weniger Fälle von Darmkrebs diagnostiziert. Diese Diagnosen werden vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt gestellt werden - mit dann fortgeschrittenem Darmkrebs und einer deutlich schlechteren Prognose. Bereits jetzt operieren Ärztinnen und Ärzte weniger Betroffene mit Darmkrebs in frühen Stadien. Ähnliches gilt für Brustkrebs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2021 - Gesellschaft

Einer der größten Faktoren sozialer Ungerechtigkeit in Deutschland ist das Erben, schreibt der Berliner SPD-Politiker Yannick Haan in der taz und macht einen Vorschlag für die kommende Ampel: "Beim Thema Erben trifft die soziale auf die liberale Idee: Erben ist ein Prinzip, das dem Grundgedanken der SPD - soziale Gerechtigkeit -, aber auch der FDP - individuelle Leistung soll sich lohnen - widerspricht." Und darum, so Haan, "könnten die Parteien ein Gesellschaftserbe einführen. Junge Menschen im Alter von 21 Jahren bekommen 20.000 Euro vom Staat vererbt. Dieses Geld dürfen diese für Ausgaben in Ausbildung, Wohneigentum oder die Gründung eines Unternehmens verwenden. Zur Finanzierung der Maßnahme wird die Steuer auf große Erbschaften und Schenkungen erhöht."

Die Pendlerpauschale muss abgeschafft werden, fordert Gerhard Matzig in der SZ, vorzugsweise, nachdem man den öffentlichen Wohnungsbau wieder in Schwung gebracht und das öffentliche Verkehrssystem verbessert hat. Aber dann gibt's keine Entschuldigung: "Der Verkehrssektor ist der einzige Bereich, der seine Treibhausgas-Emissionen gegenüber 1990 nicht gemindert hat. Das liegt auch daran, dass die räumliche Differenz zwischen Wohnen und Arbeiten seit Jahrzehnten mit den falschen steuerlichen Anreizen ausgestattet wird. Die Eigenheimzulage, die theoretisch auch für die Stadtwohnung gedacht ist (war), aber in der Praxis ein Landphänomen darstellt, gibt sich hier die Hand mit der Pendlerpauschale, die theoretisch auch für den ÖPNV gilt, aber praktisch das Auto bedient."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2021 - Gesellschaft

Linke Antisemiten sagen nicht "Ich hasse Juden", sagt David Baddiel, der mit Anna Prizkau von der FAS über sein Buch "Und die Juden?" spricht. "Es geht um etwas Unauffälligeres, Schleichenderes, anderes. Dafür habe ich ein passendes Beispiel: Ich sollte einen Op-Ed für die New York Times über die These meines Buchs schreiben, das war verabredet. Den Kontakt hatte ich von Jonathan Safran Foer. Ich mailte der Zeitung eine ausführliche Beschreibung dessen, was ich vorhatte. Danach habe ich eine Weile nichts gehört und bekam dann eine überraschende Mail. Da stand: Das ist nicht ganz das, worauf wir uns im Moment konzentrieren wollen. Damit war natürlich gemeint, dass sie sich im Moment auf die Probleme anderer Minderheiten konzentrieren wollen. Das ist, was ich Jewsdontcountness nenne. Verstehen Sie?"

Auf rund 15 Millionen Personen, also mehr als zwanzig Prozent der erwachsenen Deutschen schätzt Frank Welker bei hpd.de die Zahl der Impfgegner, die sich nach wie vor verweigern: "Nach einer neuen Umfrage werden sich davon nur noch wenige überzeugen lassen, die Impfung noch durchzuführen. Wirklich überraschend ist das nicht, neigen doch 30 Prozent ohnehin zu Verschwörungstheorien in Sachen Corona. Zudem ist zu beobachten, dass die Szene der Querdenker und Impfverweigerer immer radikaler und aggressiver wird. Jedenfalls gibt es nicht den Hauch einer Chance, diese Leute noch mit Argumenten oder sanftem Druck zu einer Impfung zu bewegen. Welche dramatischen Folgen das hat, lässt sich an den bayerischen Inzidenz-Zahlen ablesen. Während bei den Geimpften die Inzidenz gerade mal 60 pro 100.000 Einwohner beträgt, liegt diese Kennzahl bei den Ungeimpften bei beängstigenden 537."

Auch Kim Björn Becker und Leonie Feuerbach kommen in der FAZ auf eine Zahl von "bis zu 14 Millionen Menschen, die sich bislang gegen die Impfung entschieden haben, obwohl sie sich impfen lassen könnten. Ob sie sich noch umstimmen lassen, wird maßgeblich über den Verlauf der vierten Corona-Welle entscheiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2021 - Gesellschaft

In der taz findet Peter Weissenburger die Positionen der britischen Philosophieprofessorin Kathleen Stock zwar rundheraus trans-feindlich, weil sie die Bedeutung des geburtlichen Geschlechts über selbstgegebene Genderidentität stellt (unsere Resümees), aber ihre Verfolgung erscheint ihm nicht weniger unmenschlich als vielmehr überflüssig: "Die sozialen Bewegungen laufen Gefahr, sich zu verkämpfen an immer neuen Endgegner*innen. Die Forderung, 'Geschlechtsidentität' unbedingt zu respektieren, ist nachvollziehbar, aber führt politisch ins Leere - im Gegensatz zu Forderungen nach Gleichheit, Sicherheit und Teilhabe von trans Menschen. Vor nicht allzu langer Zeit noch arbeiteten sich homosexuelle Menschen ebenfalls dauernd an einer lästigen Frage ab: ob Homosexuellsein eine 'Wahl' ist oder angeboren sei. Zu einer Klärung kam es nie, stattdessen wurden Fortschritte bei der Gleichstellung erkämpft und Homosexualität ein bisschen mehr normalisiert. Die Antwort auf die Frage ist heute ziemlich egal geworden, weil sie politisch nicht mehr gebraucht wird. Sie ist höchstens noch Special Interest."

Bernd Stegemann, Dramaturg, wie Sara Wagenknecht ein linker Verächter der Identitätspolitik, hat sich von Twitter abgemeldet, diesem "Perpetuum mobile der Wut und der Angst". Statt ein paar Tweets hat er jetzt gleich ein ganzes Buch über Wut geschrieben, wie er im Interview mit Hansjörg Müller auf NZZ Online erzählt: "Als Theatermann interessiere ich mich für öffentliche Gefühlsäußerungen. Und da fällt mir auf, dass wir es in der Öffentlichkeit derzeit vor allem mit zwei Emotionen zu tun haben: Wut und Angst. Das ist fragwürdig, denn was richtet man damit an? Dass es sich mit Wut und Angst nicht gut lebt, sieht jeder, der auf seine eigenen Erfahrungen damit schaut. Umso bemerkenswerter finde ich, dass es diese beiden Gefühle sind, die gerade die Öffentlichkeit dominieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2021 - Gesellschaft

Kathleen Stock hat sich in der Sendung "Woman's Hour" der BBC erstmals öffentlich zu ihrem Rückzug aus der Uni Sussex geäußert. Stock war wegen ihres Festhaltens an der Wichtigkeit der biologischen Geschlechter von Trans-Aktivisten heftig attackiert worden (unsere Resümees). In dem Interview schildert sie ziemlich plastisch den Druck, der in den sozialen Medien, mit Plakaten, Demos und Graffiti ausgeübt wird. In einem Resümee des Senders heißt es: "Im Oktober wurden in der Nähe des Universitätscampus Plakate aufgehängt und in einer begleitenden Social-Media-Kampagne behauptet, Stock bedrohe die Sicherheit von Trans-Studenten. Fotos zeigten auch einen maskierten Demonstranten, der mit einem Transparent mit der Aufschrift 'Stock out' auf dem Eingangsschild der Universität stand. Stock sagte der Moderatorin der 'Woman's Hour', Emma Barnett, die Wirkung der Proteste sei 'schwindelerregend' und 'wie eine Art surrealer, schrecklicher Angsttraum, wenn man seinen Namen an jeder Wand kleben sieht'."

Das Video ist bei Twitter über eine Million mal angesehen worden:

Es gibt gar keine Cancel Culture, versichert Adrian Daub, Professor in Stanford, in einem Artikel für die Schweizer WoZ, und schon gar nicht in Europa. Und selbst in Amerika gebe es sie eigentlich weniger, als wir denken: "Die Erzählung von der langsam alles erfassenden Cancel Culture fuße auf einer ganzen Reihe optischer Krümmungen: 'Die' amerikanische Universität meint in diesen Erzählungen häufig gerade einmal ein Dutzend Institutionen - erstklassig, aber eher marginal, was den US-Zeitgeist angeht. Niemand würde das Reed College in Portland, das Swarthmore College bei Philadelphia, das Evergreen College bei Seattle als repräsentativ für das US-Universitätswesen ansehen... Reden zum Beispiel die Studierenden der Anglistik am Oberlin College in Ohio heute mehr über Gender als noch vor dreißig Jahren? Sehr wahrscheinlich. Aber das macht ungefähr fünf Prozent der Studierenden auf einem kleinen Campus bei Cleveland aus." Umso erstaunlicher der Einfluss, den sie auf die Institutionen haben.

Die Zahl der Corona-Neuninfektionen hat in Deutschland laut Robert Koch-Institut (RKI) einen Höchststand erreicht, meldet Zeit Online: "Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 37.120 Corona-Neuinfektionen. Die Inzidenz stieg auf 169,9 und übertraf damit den RKI-Höchstwert aus der dritten Infektionswelle im Frühjahr. (…) Allerdings sind die aktuellen Inzidenzen nur bedingt mit denen in früheren Wellen vergleichbar. Mittlerweile sind mehr Menschen in Deutschland geimpft, deshalb führen mehr Infektionen nicht mehr im gleichen Maß zu einer Zunahme der Schwerkranken."

"Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr wie nie zuvor", schreibt indes Jörg Phil Friedrich in der Welt mit Blick auf die heftigen Kommentare die die impfkritischen Äußerungen von Sarah Wagenknecht, Richard David Precht und Joshua Kimmich auf sich zogen. Für das Impfen spricht sich Friedrich zwar aus, aber: "Das Problem ist, dass in diesen Diskussionen immer unverhohlener gefordert wird, Meinungen, die einer Corona-Schutzimpfung in irgendeiner Weise kritisch gegenüberstehen, aus der öffentlichen Debatte auszuschließen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2021 - Gesellschaft

Yascha Mounk kommt in der Zeit auf die Aufregung um Gil Ofarim zurück. Der Sänger hatte  Angestellte eines Hotels in Leipzig beschuldigt, ihn antisemitisch beleidigt zu haben (unser Resümee). Nach Ermittlungen und Zeugenaussagen lassen sich die Vorwürfe offenbar nicht halten. Aber da hatte die Öffentlichkeit längst schon ihren heute üblichen Sturm der Entrüstung entfacht. Mounk beobachtet ein "willentliches Ausschalten der Skepsis". Befeuert durch die Logik der sozialen Medien gelte es "fast als Tabu, Vorwürfe zu hinterfragen". Mounk plädiert für ein Einhalten, bevor man sich die Empörung zu eigen macht: "In ihrem Eifer, auf echte Diskriminierung hinzuweisen, erwecken Politik und Medien den Eindruck, sie würden solche Probleme zu ihren eigenen Zwecken aufbauschen. Gerade wenn Vorwürfe besonders schockierend sind, müssen Politiker und Journalisten deshalb den Mut aufbringen, die Faktenlage ohne ideologische Scheuklappen zu klären, bevor sie sich zu Wort melden oder überstürzt handeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2021 - Gesellschaft

Die neue Koalition wird die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland nicht verringern, indem sie etwa die Erbschaftssteuern erhöht, und das obwohl das oberste Zehntel zwei Drittel des Vermögens, die untere Hälfte fast nichts besitzt, kritisiert Volkswirt Gerhard Schick von der "Bürgerbewegung Finanzwende" im Gespräch mit Ulrich Schulte von der taz: "In Maßen ist Ungleichheit okay, sie gehört zu einer Marktgesellschaft dazu. Aber wenn über Jahre die Geldkonzentration am oberen Rand massiv zunimmt und die Reallöhne zurückgehen, können Menschen am unteren Rand ihre Kredite nicht mehr bedienen. Zu hohe Ungleichheit produziert also Finanzcrashs wie den im Jahr 2008. Außerdem hat es mit Leistungsgerechtigkeit nichts zu tun, wenn Menschen, die Glück bei der Geburtslotterie hatten, mit einem riesigen Startvorteil ins Rennen gehen."

Die Uni von Sussex hat Kathleen Stock verteidigt, und die hat sich auch dafür bedankt, schreibt Julien Reitzenstein in der Welt. Der eigentliche Druck sei aus den sozialen Medien gekommen, und erst dieser Druck habe die Feministin, die an der Auffassung festhält, dass Geschlecht biologisch determiniert sei, bewogen, ihren Posten an der Uni aufzugeben. Stock hatte ihre Position auch in Stellungnahmen für die britische Regierung verteidigt. Reitzenstein fürchtet, das eine Debatte über solche Fragen nun unmöglich werde. "Es geht um eine größere gesellschaftliche Aufgabe: Wird es der Wissenschaft gelingen, die Freiheit des akademischen Diskurses, des ergebnisoffenen Erkenntnisstrebens zu verteidigen? Dann muss es eine breite Solidarität unter Wissenschaftlern aller Fachrichtungen geben, die Social Media als Angriffsinstrument auf wissenschaftliche Positionen ächten."