9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2021 - Gesellschaft

Dass aus der Ditib-Zentralmoschee nun der Muezzinruf erschallen darf, ist kein Zeichen unschuldiger Liebe zur Vielfalt, meint Ronya Othmann in der FAZ. Der Muezzinruf ist auch nicht einfach mit Glockengeläut zu vergleichen: "Im Gegensatz zum Adhan, dem Gebetsruf, ist das Glockengeläut nur Klang, nicht sprachliche Botschaft. Teil des Adhan ist auch das islamische Glaubensbekenntnis ('Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter'). Natürlich kann man fragen, ob es dem Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft zuträglich ist, den öffentlichen Raum mit Glaubensbekenntnissen zu beschallen."
Stichwörter: Muezzinruf, Ditib, Othmann, Ronya

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2021 - Gesellschaft

Die britische Philosophieprofessorin Kathleen Stock, die wegen ihrer Kritik an der transaktivistischen Vorstellung von Geschlechtsidentität bekämpft wird, ist von ihrem Posten an der Universität Sussex zurückgetreten, meldet unter anderem Gina Thomas im FAZ.Net. Stock war seit Monaten Angriffen der Transbewegung ausgesetzt, weil sie bestimmte ideololgische Leitlinien nicht unterschrieb. Auch in Deutschland wurde sie im März von einem Symposion ausgeladen worden, weil eine Referentin gesagt hatte, sie würde sich in Stocks Nähe "unwohl" fühlen (unser Resümee). Spiegel online resümiert die Geschichte in einer Tickermeldung, betont dass sich die Uni Stock gegenüber solidarisch verhalten habe und erläutert: "Es ist eine andauernde Debatte zwischen progressiven und konservativen Kräften, die sich um Fragen der geschlechtlichen Selbstbestimmung und deren Anerkennung in der Gesellschaft dreht." Womit die Kritik an der Transideologie natürlich gleich dem Konservativsmus zugeschlagen wird.

Harry Lambert hat Stock schon einige Tage vor ihrem Entschluss für den New Stateman kurz porträtiert. Sein Artikel erschien nach einem "Tag der offenen Tür" an der Uni Sussex, wo sie lehrte und wo etwa hundert Aktivisten ihre Entlassung forderten: "Stock - die der Meinung ist, dass das biologische Geschlecht unveränderlich ist und in einigen Punkten Vorrang vor der Gender-Identität einer Person hat - sagte mir, dass eine Kampagne gegen sie geführt wird, seit sie 2018 Bedenken über eine Verlagerung weg von geschlechtsspezifischen Rechten hin zu einer Welt geäußert hat, in der sich jeder Mann allein durch Selbstdeklaration als Frau identifizieren kann (ein Prozess, der als 'Self-ID' bekannt ist). 'Dieser Monat ist nur das Endspiel. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen haben schon lange gegen mich intrigiert', sagt sie."

Luigi Bonaventura wuchs als Sohn der "Mama" 'ndrangheta auf (als "Mama" bezeichnet sie sich selbst), das heißt einer recht hoch platzierten Familie dieser Mafia. Seit 15 Jahren lebt er als Kronzeuge versteckt. Er sagt beim aktuellen Rinascita-Scott-Verfahren aus. Im Interview mit David Klaubert von der FAZ erzählt er eindringlich, wie diese Mafia ihre eignen Mitglieder zurichtet und gefügig macht: "Die Gewalt bringen sie dir körperlich bei. Auch aus Schlägen kann man lernen. Sie bringen dir bei, widerstandsfähig zu sein, Schmerz zu ertragen. Gewalt erzeugt Gewalt. Sie nehmen dich mit zum Metzger, wo das Vieh, die Schafe, die Hühner geschlachtet werden. Und in die Verschläge, in denen sie Hunde zu Wachhunden erziehen, indem sie ihnen einen Sack über den Kopf stülpen und sie aufs Brutalste prügeln. So gewöhnst du dich an die Gewalt, an das Blut, an den Tod. So als wäre das alles ganz normal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2021 - Gesellschaft

Mit einem "auf das Individuum zielenden Moralismus" werden wir die Klimakrise nicht bewältigen, sagt der Sozialphilosoph Arnd Pollmann im Gespräch mit Katharina Schipkowski von der taz, die zum Glasgower Klimagipfel ein Dossier bringt. "Man muss sich den Verzicht leisten können. Mich wundert das Ausmaß ökoethischer Herablassung: Es ist leicht, aufs Tanken zu verzichten, wenn der Job in Fahrradnähe liegt. Andere können schon deshalb auf nichts verzichten, weil sie ohnehin nichts haben. Da wird der Verzicht zur zynischen Moralpredigt privilegierter Milieus." Andererseits sagt er: "Ich fürchte, es geht nicht ohne schmerzhafte Erfahrungen und emotionalen Druck." Das moralische Denken hat allerdings auf die Grünen auch jetzt noch starken Einfluss, konstatiert Wolfgang Stieler bei heise.de und wehrt sich vehement gegen die Forderung der Grünen, die Kernfusionsforschung künftig von Subventionen auszuschließen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2021 - Gesellschaft

"Hallo! Wir sind Oyoun. Wir schaffen künstlerisch-kulturelle Projekte mit migrantischen, dekolonialen und queer*feministischen Perspektiven", heißt es auf der Website des Vereins Oyoun, der gerade auch in Berlin das queere "Soura Film Festival" veranstaltet hat. Dort lief auch der Film "Seyran Ateş: Sex, Revolution and Islam" über Seyran Ates, die bekanntlich die einzige für Homosexuelle offene Moschee betreibt. Aber ihren Neffen und Stellvertreter Tugay Saraç, der bei dem Festival über den Film diskutieren sollte, hat man dann doch ausgeschlossen, weil Seyran Ates "islamophob" sei. Hierüber berichtete zuerst Judith Sevinç Basad in der Bild-Zeitung, nun ziehen Welt und Tagesspiegel nach (beide nicht online). Frank Bachner zitiert im Tagesspiegel ausführlich aus  der Begründung des Vereins Oyoun: "wir bedauern, dass es letztendlich zu der Vorführung des Films kam. Das Team des Oyoun und des Soura Film Festivals haben sich am Tag der Vorführung gemeinsam dafür entschieden, die Gesprächsrunde nach dem Film nicht stattfinden zu lassen und die Vorführung selbst anhand eines gemeinsamen und vor Beginn verlesenen Statements zu kontextualisieren, in welchem unsere Distanzierung von Seyran Ateş deutlich wurde. Es wurde uns an dem Tag bewusst, dass eine kritische und ausgewogene Auseinandersetzung mit dem Film und seiner Protagonistin mit der Panelbesetzung nicht möglich gewesen wäre und wir sind es unserem Publikum schuldig, kritischen Stimmen in Bezug auf die Aktivitäten und Ansichten der Protagonistin einen Raum zu bieten. Da uns dies in der diesjährigen Konzipierung nicht gelang, wollten wir einer einseitigen Darstellung kein Sprachrohr leihen." So klingt Cancel Culture!

Spätestens nach der Frankfurter Buchmesse hat auch Jagoda Marinic in der SZ die Nase voll von Identitätsdebatten: "Es offenbarte sich, dass die Rassismus-Opfer von gestern plötzlich nicht mehr betroffen genug sein sollen, um bei Rassismus mitzureden, weil manche von ihnen angeblich keinen sichtbaren Migrationshintergrund hätten. Bedeutende Initiativen wie etwa die Bildungsstätte Anne Frank muss so eine Argumentation hilflos machen. Die Hautfarbe als Kategorie für Rassismus und Diskriminierung kann in Deutschland niemals ausreichend sein. Es ist beschämend, wenn die Debatte dazu führt, dass etwa die Bildungsstätte Anne Frank in die Situation gebracht wird, sich dafür rechtfertigen zu sollen, dass sie vor Jahren gegenüber eines Stands von rechtsextremen Verlagen Aufklärung für demokratische Werte betrieben hat. Hehre Kämpfer gegen Rechtsextremismus wollen inzwischen einen anderen, den einzig richtigen Weg ausgemacht haben, wie Rechtsextreme zu bekämpfen sind: durch Abwesenheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2021 - Gesellschaft

Im Welt-Gespräch mit Ute Cohen spricht die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes, die gerade das Buch "Die Erfindung der Hausfrau" veröffentlicht hat, über den "paternalistischen Blick" von Historikern und einen Backlash hinsichtlich weiblicher Bildung durch Religion: "Das kann offenbar jederzeit passieren, wie man in Afghanistan sieht. Ich finde es unerträglich, was dort gerade geschieht. Man läuft immer wieder Gefahr, dass Frauen Rechte verlieren und benachteiligt werden. Überall auf der Welt durften Mädchen nach den Lockdowns nicht mehr zur Schule gehen, weil sie arbeiten müssen oder verheiratet wurden, Teenagerschwangerschaften haben zugenommen. Religion spielt als Verstärker in patriarchalischen Gesellschaften sicher eine Rolle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2021 - Gesellschaft

Meron Mendel und seine Frau Saba-Nur Cheema, die in der FAZ eine jüdisch-muslimische Kolumne bestreiten, hatten sich für den Boykott rechtsextremer Verlage in Frankfurt eingesetzt und sehen das jetzt anders. "Eine wehrhafte Demokratie macht genau das: Sie garantiert die Meinungsfreiheit und bezieht gegenüber Gegnern zugleich klar Position." Besonders wichtig, sagen die beiden, sei es, den Schulterschluss zwischen grob gestrickteren Neonazis und bürgerlichen Kräften zu entlarven: "Exemplarisch steht dafür die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung (DES), Erika Steinbach. Die Politikerin hat das Geschäftsmodell gewissermaßen perfektioniert: Sie gibt sich als konservativ aus, kommuniziert aber bewusst mit ihren rechtsextremen Followern. Diese feuert sie mit rassistischen und holocaustrelativierenden Beiträgen an - um sich dann mit Blumenfotos hinter ihre bürgerliche Fassade zurückziehen zu können." Die beiden erklären dann noch, warum sie gesetzlich verhindern wollen, das eine künftige Parteistiftung der AfD wie die anderen Parteien mit üppigen staatlichen Geldmitteln ausgestattet wird.

Heute Abend läuft im RBB Maurice Philip Remys Doku "Sondervorgang MeToo" über die Entlassung Hubert Knabes als Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Er war darüber gestolpert, das sein Stellvertreter von Mitarbeiterinnen mehrfach des Missbrauchs von Machtbeziehungen beschuldigt worden war, wovon er laut seinen Beteuerungen nichts wusste. Sein Vorgesetzter war Kultursenator Klaus Lederer von der Linkspartei. Der Film stellt die Vorgänge sehr differenziert dar, lobt Kim Maurus in der FAZ. Aber endgültige Klarheit bringe er nicht in die Vorwürfe: "Die Stimmen, die womöglich für Klarheit hätten sorgen können, sind die der Frauen, die sich an ihrem Arbeitsplatz offenbar nicht sicher fühlten. Sie alle wollten sich nicht äußern - wofür man ihnen nun wirklich keinen Vorwurf machen kann." Nein?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2021 - Gesellschaft

Als sich herausstellte, dass Sally Rooney ihr neues Buch nicht auf Hebräisch übersetzen lassen mag, regte sich unter deutschen Intellektuellen gar nichts, konstatiert Jan Fleischhauer in seiner Focus-Kolumne. Auch andere Ullstein-Autoren wie Annalena Baerbock oder Christian Berkel protestierten nicht gegen den Ullstein-Verlag, der sich hinter die Autorin stellte. Bei Rowohlt war das vor ein paar Jahren anders, als tapfere Autoren des Verlags gegen eine Übersetzung der Woody-Allen-Biografie aufstanden. Fleischhauers Fazit: "Es ist halt eine Sache, ob man als MeToo-Täter oder als Antisemit gilt. Ersteres ist ein Todesurteil, Letzteres eine lässliche Sünde, wenn man dem richtigen Milieu angehört."

Claudius Seidl will Cannabis in der FAZ legalisieren, aber richtig, nicht so wie in den Niederlanden: "Die Entkriminalisierung von Cannabis wäre also nur ein winziger erster Schritt - zumal die Unterscheidung zwischen harten und weichen, gefährlichen und nicht ganz so gefährlichen Rauschgiften mit deren Wirkungen wenig zu tun hat. Wer den Banden und Kartellen die Geschäftsgrundlage entziehen will, muss sich schon an den Stoff herantrauen, mit dem die traumhaften Gewinne gemacht werden, ans Kokain."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2021 - Gesellschaft

Vor fünfzig  Jahren wurde in Berlin das erste Frauenhaus eröffnet. Patricia Hecht unterhält sich in der taz mit der Historikerin Franziska Benkel, die ein Buch zum Thema geschrieben hat und die Ablehnung schildert, die die Frauenbewegung überwinden musste: "Das Haus stand der Idee des unbedingten Erhalts der Ehe und Kernfamilie entgegen. Ein Ort, der die Autonomie von Frauen und Kindern stärkte, stieß auf massiven Widerstand. Es war wie eine allergische Reaktion. Die Springer-Presse lancierte diffamierende Artikel. Irgendwann veröffentlichte sie sogar die Adresse. Die Nachbarschaft war sowieso ziemlich genervt. Ehemänner machten zum Teil Telefonterror aus der Telefonzelle vor dem Haus, kletterten über die angrenzenden Gartenzäune, um ins Haus zu gelangen und legten sogar Feuer."

In der FR hinterfragt der Zukunftsforscher Daniel Dettling die Enteignungsfantasien, die hinter dem Volksentscheid in Berlin stehen. Neue Wohnung würde so ganz sicher nicht entstehen. Auch würden laut Umfragen zwei Drittel der Mieter heute am liebsten selbst in einer Eigentumswohnung leben, bei den 14-19-Jährigen seien es sogar 90 Prozent. "Das Ziel, dass möglichst viele junge Menschen bezahlbar Wohneigentum erwerben, lässt sich durch drei Maßnahmen erreichen. Erstens: Über Mietkauf werden Mieter zu Eigentümern und ihre Miete zur zinslosen Tilgung. Zweitens muss man sich Wohneigentum wieder leisten können. Dazu gehören eine Reform der Grunderwerbssteuer, Wegfall der Besteuerung für Ersterwerber:innen, Absetzbarkeit von Tilgungszinsen, Senkung der Mehrwertsteuer beim Bauen und Erwerb auf sieben Prozent, KfW-Bürgschaften und die Förderung von Genossenschaftsanteilen. Drittens geht es um die Förderung von innovativen Projekten und Programmen wie 'Jung kauft Alt', welche den Erwerb von Wohnungen und Häusern im Bestand ermöglichen. Wer die neue soziale Frage in den großen Städten und Ballungsgebieten lösen will, muss neue Wege gehen statt alten Parolen hinterherzulaufen.

Der Verein "Die neuen deutschen Medienmacher*innen", eine Organisation, die "diverse" Nachwuchsjournalisten fördert, wurde von mehreren Ministerien in den letzten drei Jahren mit 2,5 Millionen Euro gefördert, 1,5 Millionen Euro kommen in diesem Jahr hinzu, schreibt Anna Schneider in der Welt: "Dafür fragt der Verein schon jetzt regelmäßig bei Redaktionen an, wie viele Journalisten mit Migrationshintergrund dort angestellt sind. Und das, obwohl die Vorsitzende des Vereins, Ferda Ataman, die Frage nach der Herkunft eigentlich selbst ablehnt. Im Jahre 2019 veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel 'Ich bin von hier - Hört auf zu fragen!' Diese Ironie ist zu köstlich." Jüngst hat der Verein gleich allen "bürgerlichen Medien" für Kritik an linker Identitätspolitik den Negativpreis "Goldene Kartoffel" zugesprochen (unser Resümee).

Intimitäts-Coachs beim Film, sensitivity reader bei den Verlagen, Diversitätsbeauftragte überall: Die Identitätsdebatten haben in der Kultur einen unerwarteten Nebeneffekt, dessen Ironie auch Roman Bucheli in der NZZ auskostet: "Da wundern sich nun allerdings die Kunstschaffenden. Immerhin haben sie bis dahin ihr Publikum als die Zielgruppe ihrer Bildungsoffensive und pädagogischen Mission betrachtet, dem Menschen und der Welt musste ja geholfen, sie mussten verbessert werden. Und nun finden sie sich plötzlich mitten in einer Erziehungsanstalt, sind nicht mehr selber die Erziehungsberechtigten, sondern ihrerseits jene, die verbessert werden sollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2021 - Gesellschaft

Statistische Zahlen über die sinkende Lebenserwartung zeigen die Auswirkungen der Corona-Pandemie, schreibt Hella Camargo bei hpd.de: "Männer in den USA und in Litauen haben am meisten eingebüßt. Ihre Perioden-Lebenserwartung fiel um 2,2 beziehungsweise 1,7 Jahre. Insgesamt fiel für Männer in elf der 27 untersuchten Länder die Perioden-Lebenserwartung um mehr als ein Jahr. Für Frauen sank sie in acht Ländern um mehr als ein Jahr. '"Diese Zahlen unterstreichen das historische Ausmaß der Pandemie', sagt Jonas Schöley, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock."

Auch psychisch hinterlässt die Pandemie Spuren, warnt Roman Bucheli in der NZZ: "Krisen hinterlassen im Verhalten und im Bewusstsein der Menschen Narben, die selbst in der Phase realer Normalisierung nicht sogleich verschwinden. Sie halten als selbstverstärkende Rückkoppelungseffekte die Erinnerung an die Gefahren wach und verhindern eine vollständige Rückkehr zu den alten Lebensgewohnheiten von vor der Krise. Die Welt wird nun als risikoreicher wahrgenommen, als sie in Wirklichkeit ist. Je schneller es in einer Krisensituation gelingt, das Vertrauen in selbstheilende Kräfte zu stabilisieren, desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit der Narbenbildung und damit die Gefahr anhaltender Folgeschäden."

In Berlin wird so fröhlich über die nächste Koalition verhandelt, als hätte es die blamablen Fehler bei der Wahlorganisation nie gegeben, staunt in der SZ Jens Bisky, der die halbgaren Entschuldigungen - Großstadt ist nun mal chaotisch - nicht mehr hören kann: "Um sich das Desaster vor Augen zu führen: Es ist etwas grundsätzlich anderes, ob ich, wie in Berlin üblich, monatelang auf einen neuen Reisepass oder einen Termin auf dem Standesamt warte - oder ob in Berlin die Regeln freier, gleicher und geheimer Wahlen verletzt werden. ... Wer jetzt zur Tagesordnung übergeht, gefährdet die Selbstachtung der Stadtgesellschaft und sorgt dafür, dass sie ihr wichtigstes Problem verkennt: Die dysfunktionale Verwaltung dieser Stadt ist das entscheidende Problem der Berliner Gegenwart."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2021 - Gesellschaft

Gegen rechtsextreme Richter ist das Justizsystem schlecht gewappnet, sagt der Journalist und Jurist Joachim Wagner, der sich nach einem Buch über islamische Paralleljustiz nun dem Thema Rechtsextremismus und AfD in der deutschen Justiz zuwendet. Im Gespräch mit Gareth Joswig und Ambros Waibel von der taz erläutert er das am Richter Jens Maier, der seinen AfD-Bundestagssitz in der letzten Wahl verloren hat: "Maier ist dem völkisch-nationalen Flügel der AfD zuzurechnen und darf als Extremist bezeichnet werden. Auf solche Rückkehrer aus der politischen Arena ist die Justiz nicht vorbereitet. Nach Rechtslage kann Maier verlangen, dass seine Disziplinarstrafe - ein Verweis - nach zwei Jahren gelöscht wird. Seine Personalakte wäre damit sauber. Eigentlich hätte er dann einen Wiedereinstellungsanspruch in die sächsische Justiz. Wie diese damit umgeht, wenn er wirklich zurückkehren will, ist völlig offen und rechtlich schwierig zu beantworten." Wagner kritisiert auch ein nicht ganz unbekanntes Phänomen: "In der Justiz fehlt meist der Wille zur Selbstkritik und Selbstkontrolle."