9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2021 - Gesellschaft

Jan Feddersen kritisiert in einem Essay, den der Perlentaucher vorabdruckt, den Begriff "queer", der immer häufiger an die Stelle des Begriffs "schwul" tritt: "Die Entschwulung der Sprache zugunsten des Wörtchens 'queer' bedeutet, alles in allem, nicht nur die Entkörperlichung der Bilder, die mit 'schwul' aufgerufen werden; in 'queer' ist alles getilgt, was an Begehren eben im Sexuellen unhintergehbar, mit Freud gesprochen, triebschicksalhaft ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2021 - Gesellschaft

Eigentlich sagen die Klimaaktivistinnen Christiana Figueres und Luisa Neubauer in ihrem FAZ-Feuilletonaufmacher, in dem sie das Ende des Verbrennungsmotors fordern, nichts Neues, bemerkenswert ist nur, dass sie dafür eben diesen Aufmacher bekommen. In einem Absatz machen sie deutlich, dass es um mehr geht als Autos: "Ein wichtiger Teil dieses Wandels besteht darin, sich von Ideen zu verabschieden, die einst den Fortschritt der Menschheit voranzutreiben schienen, sich jedoch zu einem großen Problem entwickelt haben. Der Verbrennungsmotor ist eine dieser Ideen, von denen wir uns verabschieden müssen."

Wer die Umweltprobleme der Welt beheben will, muss das Bevölkerungswachstum eindämmen - und das geht nur, indem Mädchen und Frauen wesentlich mehr Rechte und Bildung gegeben werden, schreibt der Schweizer Aktivist Benno Büeler bei hpd.de. Die Hälfte der Schwangerschaften bei afrikanischen Mädchen sei ungewollt, nur in vier afrikanischen Ländern gebe es ein liberales Abtreibungsrecht. "Zu groß ist die Angst vor dem Vorwurf des Neokolonialismus, zu groß der Einfluss der Kirchen... Als weitere Ausrede für das Nichtstun wird auch gerne auf erzwungene Verhütungsmaßnahmen in Indien oder China verwiesen. Tatsächlich aber geht es in Afrika darum, dass Frauen endlich selbstbestimmt über Verhütung und Schwangerschaft entscheiden können. Heute werden viele Mädchen und Frauen daran gehindert, so dass sie gezwungen werden, ungewollte Schwangerschaften mit allen daraus folgenden Konsequenzen zu ertragen. Die Selbstbestimmung über den Körper ist ein grundlegendes Menschenrecht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2021 - Gesellschaft

Antisemitismus von links ist en vogue und nach der jüngsten Gewalt in Israel noch mehr, sagt die Autorin Mirna Funk, die linken Antisemitismus schon in der Zeit thematisiert hatte (unser Resümee) im Gespräch mit Till Schmidt von der taz. "Antizionismus hat sich einfach sehr gut eingepasst in den allgemeinen Trend des woken Gerechtigkeitskämpfers. Früher waren linke Antizionisten vor allem klassische, und daher nicht besonders coole Linke. Jetzt aber hat sich das unter anderem durch Black Lives Matter, MeToo oder Fridays for Future vollständig geändert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2021 - Gesellschaft

"Nichts freut die Gaffer mehr als die Massenkarambolage", weiß Stefan Kornelius in der SZ, um dann aber doch noch mal Annalena Baerbock um die Ohren zu hauen, wie einfallslos ihr Buch "Jetzt" im Grunde sei: "Wie kann eine Politikerin, die Bundeskanzlerin werden will und aus einem schier unerschöpflichen Sympathiereservoir schöpft, ein derart klägliches Bewerbungsschreiben abgeben?" Moritz Baumstieger trifft ebenfalls in der SZ den Plagiatsjäger Stefan Weber.

In der taz stört sich Stefan Reinecke dagegen an dem alles überlagernden Konsens-Denken der Grünen, an der Anpassung an die Mitte, die keinen Konflikt mehr kennt: "Die neue grüne Botschaft lautet: Wir sind die Mitte, unaggressiv und freundlich. Wir sind individualistisch, aber nicht zu sehr, anders, aber nur ein bisschen. Das zwischen Biedermeier und Sperrmüll-Ästhetik oszillierende Wohnzimmer mit oranger Couch, das den digitalen Parteitag möblierte, bebilderte dieses Konzept. Die zweite Botschaft lautet: Wir tun das Nötige, aber es wird nicht wehtun. Man kann die Welt retten, darf aber trotzdem Dosenbier trinken und SUV fahren, bei Tempo 130 natürlich. Volkspädagogik und Elitenkritik sind vorbei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2021 - Gesellschaft

Im SZ-Feuilleton hat Hilmar Kluthe die Nase voll von achtsamer Sprache, die er ohnehin für das Symptom einer Gesellschaft hält, "die unter ihrer watteweichen Konsenssprache einen steinharten Untergrund hat, auf dem immer neue Kulturkämpfe und identitätspolitische Landgewinnungsversuche stattfinden". Der Blick in den "Leitfaden für wertschätzende Kommunikation der Stadt Köln" gibt ihm den Rest: "Dort schlage man die Praxistipps für eine achtsame Sprache der Stadt Köln auf und findet folgende Handreichung: 'Verhindern Sie Rollenklischees und Stereotype wie beispielsweise Mutter-Kind-Parkplatz sowie Sprachbilder wie 'Not am Mann' oder 'Milchmädchenrechnung''. Es folgen als Vorschläge verkleidete Anordnungen zur inklusiven Sprache, die keine generischen Maskulina, eigentlich auch keine Feminina mehr zulässt. Ein weiteres Kapitel gibt Handreichungen im Umgang mit Behinderten, zum Beispiel, dass man blinden Menschen bitte nicht schreiben sollte: 'In der Anlage sehen Sie', sondern: 'In der Anlage finden Sie', eine Anregung, auf die man ohne Ratgeber womöglich von selbst gekommen wäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2021 - Gesellschaft

Vielweiberei ist in Südafrika erlaubt, ihre Abschaffung würde wohl keine politische Partei überleben. Da die Verfassung jedoch jede Benachteiligung verbietet, hat die Regierung jetzt vorgeschlagen, auch die Vielmännerei zu erlauben. Das hat viele südafrikanische Männer aufgebracht, erzählt Heiner Hoffmann auf Spon. "Besonders laut wehren sich die christlichen Parteien. Reverend Kenneth Meshoe, Vorsitzender der African Christian Democratic Party (ACDP), dreht gleich das ganz große Rad: 'Die Regierungspartei ANC verlässt den Weg Gottes!', ruft er beim Interview empört ins Telefon, dabei ist seine Argumentation streckenweise holprig. Denn auch Polygynie (ein Mann hat mehrere Ehefrauen) sei in der Bibel nicht wirklich vorgesehen, räumt er ein. 'Aber das ist wenigstens praktikabel, Polyandrie nicht. Wer an die afrikanische Kultur glaubt, muss sich dagegen wehren!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2021 - Gesellschaft

Die Grünen möchten das Transsexuellengesetz dahingehend ändern, dass jeder eintragen darf, was er oder sie sein möchte. Es soll zugleich verboten werden, den Geschlechtswechsel zu benennen. Das wäre fatal, meint in der SZ Susan Vahabzadeh, die sich sorgt, dass dieses Gesetz mit der SPD und der Linken tatsächlich durchgesetzt werden könnte. Denn es würde einzig dem Patriarchat nützen: "Wenn die Kategorie Frau aus der Statistik verschwindet, lässt sich keinerlei strukturelle Benachteiligung mehr nachweisen, keine Altersarmut und keine schlechtere Bezahlung. Diskriminiert werden Frauen und Mädchen nicht aufgrund irgendeiner Gesetzeslage, sondern aufgrund ihres biologischen Geschlechts."

Seit dem Attentat von Würzburg wird über psychisch kranke Gewalttäter diskutiert, die ihre Taten mit extremistischen Diskursen begründen. Der Psychiater Manfred Lütz erläutert in der FAZ: "Man hat im Fall von Hanau über Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit debattiert. Gewiss nehmen Wahnkranke den Inhalt ihres Wahns aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten, und ohne Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit in unserer Gesellschaft hätte der Täter diese Ideen nicht in sein Wahnsystem integriert. Deswegen sind die engagierten Initiativen der Angehörigen gegen Rassismus und Rechtsextremismus völlig berechtigt. Aber unter Präventionsaspekten reicht das nicht aus. Denn sowenig jemand, der vor hundert Jahren unter dem Wahn litt, der Kaiser von China zu sein, ein Monarchist war, so wenig war der Hanauer Täter genuin rechtsradikal und ausländerfeindlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2021 - Gesellschaft

Bill Cosby, der von mehr als fünfzig Frauen der Vergewaltigung beschuldigt worden war, wurde in einem einzigen Fall zu Gefängnis verurteilt. Er hatte zugegeben, der Frau eine einschläfernde Partydroge gegeben zu haben, um sie gefügig zu machen. Nun ist Cosby wegen eines Verfahrensfehlers aus dem Gefängnis entlassen worden. Aber seine Opfer, schreibt der Psychotherapeut John Duffy bei CNN.com, bleiben bestraft: "Die psychischen Folgen sexueller Gewalt sind verheerend. Viele Frauen, mit denen ich arbeite, haben Beziehungsprobleme, können sich nicht auf Intimität einlassen und keinem Mann mehr trauen. In extremen Fällen sind Essstörungen und Suizidgedanken nicht ungewöhnlich. Und klinisch widerstehen all diese Symptome psychologischen Behandlungsversuchen, denn therapeutischen Beziehungen beruhen auf Vertrauen, eine Ressource, die bei Opfern begreiflicher Weise oft fehlt." Für die #MeToo-Bewegung, so Duffy, ist Cosbys Freilassung eine Niederlage.

Auch Moira Donegan schreibt im Guardian über Cosbys Opfer Andrea Constand, deren Klage zu Cosbys Verurteilung geführt hatte, und all die anderen Opfer: "Die Fälle ziehen sich durch Jahrzehnte und ähneln sich auffällig. Einige, wie Constand, nahmen Pillen, von denen Cosby ihnen gesagt hatte, dass sie pflanzliche Stoffe enthalten. Andere wachten irgendwann auf, ohne jede Erinnerung an das, was passiert war, nackt und mit Schmerzen. Mehr als ein Dutzend dieser Frauen sagten in einem Zivilprozess 2004 aus. Weitere gingen im Laufe der Jahre an die Öffentlichkeit, aber Cosbys Karriere und sein Ruf blieben unbeschädigt."

Von Hanau bis Würzburg. Es häufen sich Einzeltäter mit mentalen Problemen, die sich bei extremistischen Diskursen bedienen, ein Muster, schreibt Konrad Litschko in der taz: "In einem im Juni veröffentlichten Report hält Europol fest, dass die europaweit zehn islamistischen Attacken 2020 mit zwölf Toten alle von Einzeltätern verübt wurden - von denen gleich mehrere 'eine Kombination aus extremistischer Ideologie und mentaler Erkrankung' aufwiesen. Die Verhinderung solcher Taten sei sehr schwierig: Denn hier gebe es 'kein klares Profil'. Einige psychisch auffällige Täter würden 'dschihadistisches Verhalten imitieren' - begünstigt durch die weite Verbreitung von islamistischer Propaganda und die mediale Berichterstattung über solche Terrortaten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2021 - Gesellschaft

Grünen-Anhänger belasten die Umwelt mehr als ärmere Bevölkerungsschichten, einfach weil sie besser verdienen und weil Besserverdienende mehr konsumieren, schreibt Ulrike Herrmann in der taz: "Oft ist den Gutverdienern und dem 'kritisch-kreativen' Milieu gar nicht bewusst, wie hoch ihr Umweltverbrauch ist. Stattdessen sei 'die Auffassung weit verbreitet, sparsam mit Ressourcen umzugehen', wie das Umweltbundesamt feststellte. Die Behörde vermutet, dass sich die Umweltbewussten vor allem mit anderen Mitgliedern der eigenen Schicht vergleichen - und völlig aus dem Blick verlieren, dass die ärmeren Milieus deutlich weniger konsumieren können. Dieser Tunnelblick hat reale Folgen: Umweltpolitik wird vor allem für die Gutverdiener gemacht. Sie profitieren von den Ökosubventionen, während die armen Schichten dafür zahlen dürfen."

Deutschland zerfällt in Parallelgesellschaften - auf der einen Seite die Arbeiterklasse, die "Malocher", die es auch heute noch gibt, auf der anderen Seite eine "politisch mediale Elite", die mit "Gratismut" über Rassismus, Sexismus, Critical Whiteness, Cancel Culture oder Identitätspolitik debattiert, schreibt der Publizist Reinhard Mohr in der Welt, adressiert aber vor allem die Grünen: "Hier liegt womöglich das Geheimnis des grünen Zeitgeists: dass er gar nicht mehr darauf angewiesen ist, auf die komplizierte sozialökonomische Realität plausible, wirklich mehrheitsfähige und finanzierbare Antworten zu finden. Es geht vor allem um das große Ziel und die gute Absicht, die man nicht oft genug symbolisch - 'Zeichen setzen!' - beteuern kann. Antonio Gramsci nannte das vor hundert Jahren schon die 'kulturelle Hegemonie'."

Über die Hälfte der Bevölkerung ist jetzt mindestens einmal geimpft, aber das gilt nicht für die jungen Leute. Mit am düstersten war die Coronakrise für Studenten, gerade auch Studienanfängerinnen, schreibt der in Wien lehrende Rechtshistoriker Miloš Vec in der FAZ, und auch im nächsten Semester werden die Studenten großenteils vor Bildschirmen sitzen: "Allgemeiner Protest gegen die Abwertung der Universität fand bei ihnen nur ausnahmsweise statt. Während Gaststätten, Sportarenen und Museen öffnen durften, blieben ihre Hörsäle verriegelt. Impfgerechtigkeit und Geisterspiele wurden zum Begriff, die Forderung von Unterrichtsgerechtigkeit und Kritik an Geistervorlesungen blieben unbekannt. Manche von ihnen haben immer noch keine Universität von innen gesehen und sind keinem Kommilitonen physisch begegnet. Es ist ein Studium im Alleingang."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2021 - Gesellschaft

In Berlin wird die Umbenennung der Mohrenstraße vom grünen Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel wohl ebenso zügig durchgesetzt wie die Umbenennungen im Afrikanischen Viertel. Dafür sorgen auch die hohen Gebührenandrohungen beim Widerspruch gegen die Umbenennung (zwischen 36,79 und 741,37 Euro), berichtet Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung. "Was auf die Frechen zukommt, zeigte schon das Beispiel Afrikanisches Viertel in Wedding, gleichfalls Bezirk Mitte. Dort müssen jetzt Anwohner damit rechnen, dass der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, um die Gebühr einzutreiben. 'Das Amt kennt kein Erbarmen', sagt Karina Filusch von der Bürgerinitiative Afrikanisches Viertel, wo die Umbenennung von Petersallee, Lüderitzstraße und Nachtigalplatz 2017/18 in einem intransparenten Verfahren durch eine Geheimjury ohne Bürgerbeteiligung durchgesetzt wurde."

Warum nennen wir die Namen der Opfer des Anschlags in Würzburg nicht, fragt Frederik Schindler in der Welt. "Nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau im vergangenen Jahr war es einer antirassistischen Initiative aus dem Umfeld der Opferfamilien zu verdanken, dass die Namen und Gesichter auf den Straßen vieler Großstädte präsent waren. Später nannten auch hochrangige Politiker die Namen der Toten. Weil Anschläge eine politische Bedeutung haben, sollte es nicht die Aufgabe der Hinterbliebenen bleiben, angemessen an die Opfer zu erinnern. ... Auf der Trauerfeier in Würzburg wurden nicht einmal die Vornamen der Opfer genannt."