Hannes Stein hat sich für die
Salonkolumnisten die Rede ausgedacht, die ein
Hubert Aiwanger, der zu Einkehr nicht nur in Bierzelten fähig wäre, vielleicht hätte halten können: "Vor ein paar Tagen hat die
Süddeutsche Zeitung die schmachvolle Episode von damals ausgegraben. Am Anfang war ich natürlich wütend, weil mir diese Enthüllung so kurz vor dem Wahlkampf überhaupt nicht ins Konzept passte. Heute
bin ich dankbar dafür. Die Enthüllungen der
Süddeutschen Zeitung haben mich gezwungen, mich endlich wieder mit dem Hubert Aiwanger von damals zu beschäftigen."
In der
Zeit streiten der deutsch-jüdische Historiker
Michael Wolffsohn und die CDU-Politikerin
Karin Prien, die laut
Zeit "jüdische Vorfahren" hat, nochmal über den Fall Aiwanger. Während Wolffsohn dabei bleibt, dass Aiwanger nichts nachgewiesen wurde und dass er Opfer einer Kampagne sei, fordert Prien von Aiwanger ein anderes Verhalten: "Herr Aiwanger sollte sich als Politiker so verhalten, dass die junge Generation sich an ihm orientieren kann. Warum besucht er nicht
seine alte Schule und diskutiert mit Schülern? Der Kampf gegen Antisemitismus ist ein Grundwert unserer Gesellschaft, das ergibt sich aus Artikel 1 des Grundgesetzes. Das können Sie doch nicht als eine im politischen Meinungskampf diskutierbare Frage darstellen."
In der SZ kann Kia Vahland kaum glauben, wie
unernst Aiwanger auf die Fragen der CSU (und der Öffentlichkeit) geantwortet hat: "Er hat sich an vieles angeblich nicht erinnert, hat sich widersprochen, ist ausgewichen. Wie er damals offenbar dachte und was ihn dann angeblich davon abbrachte: Das meinte er, nicht erklären zu müssen. Damit hat er Prinzipien der Wahrheitsfindung, Erinnerung und Empathie infrage gestellt, die im Umgang mit dem Nationalsozialismus und späterem Rechtsextremismus
fundamental sind."
Thomas Schmid
erinnert in der
Welt an den nicht unsympathischen Ursprung der
Freien Wähler in der Lokalpolitik. Die Flugblattaffäre aber habe die Partei nun endgültig zu einer rechtspopulistischen gemacht - weil sich Aiwanger skrupellos als
verfolgte Unschuld ausgab. So ist er der erste Politiker, "dem es zu gelingen scheint, die legitimen Fragen nach einem Fleck in seiner Jugend pauschal in eine 'Schmutzkampagne' umzudeuten, mit der er 'politisch vernichtet werden' solle. Das ist
ein Tabubruch. Doch einer, der erfolgreich sein könnte. Wie neueste Umfragen zeigen, können die Freien Wähler Bayerns bei der Wahl am 8. Oktober mit einem
Zuwachs von vier Prozent rechnen und zweitstärkste Kraft im Land werden."
Harald Welzer ist zurück in den deutschen Talk-Studios - Nele Pollatschek ist in der
SZ davon weniger begeistert. "Denn Welzer hat die
herzzerreißende Eigenschaft, alles, was man selbst im Kern für richtig hält, auf genau die Art zu vertreten, dass man es am Ende nicht mal mehr selber glaubt." Dies sei ihm bei der letzten Talk-Sendung allerdings nicht gelungen: Es ging um das Wirtschaftswachstum, Welzer hatte sein Buch "Zeitenende" mit "ausnahmsweise
ausschließlich Twitter-taugliche Thesen: er Klimawandel ist ein Problem; uneingeschränktes Wachstum keine gute Idee; Boomer sind schuld." Am Ende kommen sie mit Welzer auf einen gemeinsamen Nenner: "Es kann nicht der Sinn unseres Lebens sein, die Wirtschaft
noch mal ordentlich angekurbelt zu haben."
"Wie lebten Juden in der DDR, einem Staat, der Israel zu
einem seiner schlimmsten Feinde erklärte?" Dieser Frage geht eine
neue Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin auf den Grund,
berichtet Wiebke Hollersen in der
Berliner Zeitung. Zuerst war die Erinnerung an das Leid der Juden in Deutschland groß, doch "es blieb kompliziert, bis zum Ende der DDR. Es gab Jahre, in denen es für viele Juden kaum auszuhalten war. Nach dem
Slánsky-Prozess etwa. Ende 1952 gab es in Prag einen stalinistischen Schauprozess gegen 14 Mitglieder der Kommunistischen Partei,
darunter elf Juden. Die meisten der Angeklagten wurden hingerichtet. Die antisemitische Hetze, die den Prozess begleitete, war enorm, auch in der DDR. Eine große Fluchtwelle unter Juden setzte ein." Stella Leder hatte über dieses Thema vor einigen Monaten einen sehr erhellenden Essay geschrieben,
unser Resümee.
In der
Welt erinnert die FDP-Bundestagsabgeordnete Renata Alt an den russischen Oppositionellen
Kara-Mursa, der seinen 42. Geburtstag in einer russischen Strafkolonie feiern muss. Kara-Mursa setzte sich "erfolgreich für die Magnitski-Gesetze ein, mit denen die Verantwortlichen erstmals
für Menschenrechtsverletzungen persönlich sanktioniert und bestraft werden können. Zuvor waren solche Maßnahmen nur gegen Staaten möglich, nicht gegen Individuen. Der Richter, der Kara-Mursa im April dieses Jahres des Hochverrats schuldig gesprochen hat, steht aufbesagter Sanktionsliste".