9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2023 - Gesellschaft

Auf ZeitOnline ärgert sich Alan Posener über die "Verniedlichung" der DDR, wie sie einerseits von Rechten, andererseits von linken Historikerinnen wie Katja Hoyer oder Christina Morina vorgenommen wird. Und auch die Wende verlief keineswegs so friedlich, wie etwa die AfD glauben machen will, schreibt er: "Die angeblich friedliche Revolution der DDR war nur möglich als Ergebnis eines verbissen und auch von westlicher Seite weiß der Teufel nicht immer mit sauberen oder gar humanen Mitteln geführten - siehe Chile - und auch nicht immer nur 'kalten' Kriegs - siehe Vietnam. (…) Die 'friedliche Revolution' war nur möglich, weil Ronald Reagan, assistiert von Helmut Schmidt, der Aufrüstung des Warschauer Pakts die Aufrüstung der Nato entgegensetzte; weil islamische Mudschahedin in Afghanistan der sowjetischen Armee eine Niederlage bereiteten und katholische Arbeiter in Danzig streikten; weil arabische Scheichs Öl pumpten und damit den Preis für russische Ölexporte drückten; und weil - Freilandversuche hin, Utopien her - der gesamte Ostblock wirtschaftlich am Ende war und die Herrschenden nicht mehr weiterwussten."

Mit Geschäftsführerin Ulrike Teschke und Chefredakteur Christian Tretbar stehen zwei Ostdeutsche an der Spitze des Tagesspiegels. Zum Tag der deutschen Einheit haben sich die beiden zum Gespräch über ostdeutsche Mentalität, Benachteiligung und den Erfolg der AfD im Osten getroffen. Der Lohn sei im Osten pauschal und strukturell geringer, meint Teschke: "Hier sind die finanziellen Reserven nicht über Generationen hinweg gewachsen." Worauf Tretbar erwidert: Beim Thema Heizungsgesetz "sind die Westdeutschen doch genauso sauer, weil sich auch da eine Nachkriegsgeneration etwas aufgebaut hat, vererbt hat und nun steht es bei vielen gefühlt auf dem Spiel. Richtig ist, der Osten ist stärker auf Protest gepolt. Wobei es Unterschiede gibt zwischen denen, die damals gegangen sind und denen, die geblieben sind. Nicht alle wollten 1989 den Fall der Mauer. Viele haben es über sich ergehen lassen, weil sie keine andere Wahl hatten. Und dann kommt das Gefühl einer gewissen Ohnmacht, als würde einem alles aufgedrückt. Wende, Arbeit, Selbstbestimmung, Klimawandel, Flüchtlinge, eine neue Sichtweise auf Russland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2023 - Gesellschaft

Für fast so viel Wirbel wie das Beschmieren des Brandenburger Tores durch Aktivisten der Letzten Generation hatte ein Tweet der Historikerin Hedwig Richter gesorgt, der die Aktion verteidigte. Im Gespräch mit Susanne Lenz (Berliner Zeitung) plädiert sie nicht nur dafür, die Farbe am Brandenburger Tor zu lassen, sondern glaubt auch, dass die Klimakrise die Demokratie zerstören wird: "Die Menschen in unseren Gesellschaften leben alle momentan ein extrem unbürgerliches, undemokratisches Leben: Es ist zutiefst unanständig, Fleisch zu essen oder viel zu fliegen oder ein dickes Auto zu fahren, weil wir damit unsere Welt und unsere Demokratie, aber auch die Welt der Menschen in anderen Regionen zerstören. Warum nehmen wir das so gleichgültig hin? Wir randalieren doch auch nicht im Haus des Nachbarn oder schlagen auf Fremde ein oder verspeisen die Früchte aus dem Garten der Nachbarin und hinterlassen eine Wüste. Das ist unbürgerlich, undemokratisch, unanständig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2023 - Gesellschaft

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Der Soziologe Steffen Mau nimmt in seinem zusammen mit Thomas Laux und Linus Westheuser veröffentlichten Buch "Triggerpunkte"" die vor allem vom Kollegen Andreas Reckwitz vertretene These auseinander, dass sich die Gesellschaft immer stärker polarisieren würde. Dafür hat er ordentlich empirische Forschung betrieben und das Ergebnis: "Bei vielen großen Fragen herrscht überraschend großer Konsens", erklärt er im Interview mit Spon. Die oft diagnostizierte Polarisierung sei vor allem eine gefühlte. "Gebildete Leute übersehen, wie viel sich in den letzten dreißig Jahren entwickelt hat. Eine stille Revolution! Sie übersehen außerdem, dass nicht alle Menschen in denselben politischen Kategorien denken wie sie selbst. In den oberen Schichten sind die Einstellungen zu Migration, Diversität und Klimakrise oft Teil eines politischen Portfolios, das den Parteiprogrammen entspricht. In den unteren Schichten dominiert ideologisches Patchwork. Das wird von Bildungseliten nicht gut verstanden." Die unteren Schichten sind insgesamt gesehen weder schwulen- noch ausländerfeindlich und auch keine Klimaleugner, versichert Mau, aber ihre Angst vor Kontrollverlust ist größer, was man bei Debatten zum Beispiel über neue Heizungen vielleicht mitbedenken sollte: "Das liegt nicht nur an materiellen Nöten, sondern auch daran, dass die unteren Schichten sich beruflich oft in einem Korsett von Vorgaben bewegen. Wer wenig Kontrolle hat, erlebt gesellschaftlichen Wandel als weiteren Kontrollverlust."

A propos Heizungen: In einem FAZ-Artikel über die Frage, ob Holz der Baustoff der Zukunft sei (wohl eher nicht), ziitert Julian Staib auch die Bauingenieurin Christine Lemaitre, die zum Thema Folgendes sagt: "In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Tage, an denen wirklich geheizt werden müsse, halbiert. Die Tage aber, an denen Gebäude gekühlt werden müssten, seien gestiegen. 'Wir haben mittlerweile eher ein Kühl- als ein Heizproblem.'"

Der Amerikaner Ibram X. Kendi gilt seit seinem Buch "Wie man Antirassist wird" als einer der wichtigsten Intellektuellen Amerikas, auch ein eigenes Forschungszentrum wurde ihm an der Boston University eingerichtet. Jenes "Zentrum für antirassistische Forschung" steckt aber trotz Millionenspenden nun in Geldnöten, mehr als die Hälfte der Belegschaft wurde entlassen, meldet Jörg Wilmasena, der sich in der Welt auf einen Artikel aus The Daily Beast bezieht, der vor allem Kendi kritisiert: "Eigentlich sollte das neue Wissenschaftszentrum vor allem datengestützte Forschung zu ethnischer Ungleichheit produzieren. Doch die meisten Projekte wurden nie verwirklicht. Stattdessen stand offenbar Fundraising im Mittelpunkt der Arbeit. Kendis ehemaliger Mitarbeiter Phillipe Copeland sagte: 'Wenn etwas (Anmerkung: ein Projekt) nicht genug Einnahmen generierte, war es für das CAR nicht interessant.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2023 - Gesellschaft

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Die Mitbegründerin der Letzten Generation Lea Bonasera hat nun ein Buch veröffentlicht - und es liest sich "als eine Art Gebrauchsanweisung" zum zivilen Widerstand, meint Kai Spanke in der FAZ, der es sehr ausführlich liest und dennoch nicht ganz ernstnehmen kann. "Wer zivilen Widerstand leistet, solle dabei nicht rennen, nicht laut lachen, nicht fluchen, nicht provozieren, dafür aber gerade sitzen, gut planen, friedlich bleiben, Repressionen sichtbar machen, um Unterstützung von Kirchen oder der Polizei werben. Den Achtsamkeitston, in dem all das zu bedenken gegeben wird, gilt es zu verkraften: 'Deshalb versuche ich [Bonasera] in Gesprächen mit Politiker*innen genau herauszuhören, was ihre Sorgen sind, und das dahinterliegende Bedürfnis zu erkennen.'"

Schon gestern hatte Marlene Knobloch Bonasera in der SZ porträtiert: "Deutschlands radikalste Klimabewegung hat eine rationale Radikale an der Spitze. Und die forscht gerade an einer Frage: Welches Maß an Radikalität ist angebracht in einer Zeit, die der UN-Generalsekretär António Guterres 'Highway zur Klimahölle' nennt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2023 - Gesellschaft

Es ist vor allem das Gefühl von Unsicherheit, das viele Menschen in die Fänge von Rechtspopulisten und Demagogen treibt, meint Robert Misik in der taz: "Das Unsicherheitsgefühl frisst sich überall hinein. Immer mehr Menschen haben die Sorge: Kann ich in vier Monaten noch meine Rechnungen bezahlen? 'Why Does Everyone Feel So Insecure All the Time?' - 'Warum fühlen sich alle permanent so unsicher?', fragte die New York Times vor zwei Wochen in einem großen Essay der Autorin, Filmemacherin und Aktivistin Astra Taylor. Das Schamgefühl, wenn das Inkassobüro klingelt oder gar der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht; der Adrenalinschub, wenn die nächste Miete fällig ist; die Angst, wenn man an die Rente denkt, die sowieso nicht reichen wird. Taylor lenkt die Aufmerksamheit auf 'fabrizierte Unsicherheit'. Unsicherheit wurde vorsätzlich verstärkt, um Menschen agiler zu machen, damit innerbetriebliche Solidarität untergraben wird, damit sie im Job spuren."

Die Letzte Generation als "Klimaterroristen" zu bezeichnen, hält Jürgen Kaube zwar für "maßlos", wie er heute im Aufmacher des FAZ-Feuilletons schreibt. Eine "Kausalität" oder gar Legitimität ihrer Aktionen sieht er aber nicht: "Die Letzte Generation suggeriert durch die Verwendung des Begriffs 'Druck' in ihren Selbstauskünften eine solche Kausalität. Sie kommt sich als Auslöser von Veränderungen vor." Das Brokdorf-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1985 mag diese Ansicht befördert haben, so Kaube, als es feststellte: "in einer Gesellschaft mit sehr ungleichen Zugängen zu den Medien wirke der zivile Protest politischen Ohnmachtserfahrungen und einer ungleichen Entwicklung politischer Willensbildung entgegen. Soll heißen: Wenn wir anders nicht in die Nachrichten kommen, dann eben durch öffentliche Störaktionen. Ob dieses Argument durch die sozialen Medien und eine erhebliche Verbreiterung des Markts für politische Kommunikation nicht obsolet geworden ist, muss gefragt werden."

Im Feuilleton der SZ ist Hilmar Klute zwar latent genervt von der Letzten Generation, das beschmierte Brandenburger Tor stört ihn aber nicht: "Am Denkmal entzündet sich nach wie vor die Empörung, sobald ein Klecks darauf geworfen ist. Unser Gedächtnis benötigt irgendetwas in Stein Gehauenes, auch wenn wir nicht mehr so genau wissen, für was das Ding nochmal dasteht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2023 - Gesellschaft

"Ausländer", also schon von ihrem Äußeren her als fremd erkennbare Menschen, gehören heute in Deutschland so selbstverständlich dazu, wie schon seit Jahrhunderten in Britannien, meint in der FAZ die Schriftstellerin Eva Lapido, der der Unterschied - und seine Abnahme - bei ihren Reisen zwischen London und Frankfurt aufgefallen ist: "Abseits aller akuten Debatten hat sich das alltägliche Straßenbild, also das, was normal ist, spürbar gewandelt. In London sind holpriges Englisch, andersartige Kleidung oder religiöse Kopfbedeckung schon lange kein Hindernis, um umstandslos zur Arbeitswelt dazuzugehören. In Frankfurt ist es jetzt auch so weit. In der Bäckerei weist der Chef die neue Aushilfe in gebrochenem, aber bestimmtem Deutsch ein, zunehmend ungeduldig, weil die Schlange vor dem Tresen wächst. Die teure Privatarztpraxis wird von drei jungen, perfekt geschminkten Arzthelferinnen im Hidschab geführt in einem Deutsch, das nur Muttersprache sein kann. Im Schwimmbad staucht die alte, hagere Afrikanerin an der Kasse jeden Badegast zusammen, der auch nur eine Minute länger bleibt als bezahlt. Und im Villenviertel freuen sich die Nachbarn über die Verlobung ihrer Tochter mit einem palästinensischen Maschinenbaustudenten."

Es gibt zwar zum Teil große Unterschiede zwischen Incels und Islamisten, aber auch einige erschreckende Gemeinsamkeiten resümiert Helena Sommer bei hpd einen Vortrag der Frauenrechtlerin Rebecca Schönenbach, Vorsitzende des Vereins "Frauen für Freiheit e. V." für die Friedrich-Naumann-Stiftung: "Wo finden sich noch Überschneidungen zwischen Incels und Islamisten? Etwa beim frauenfeindlichen Influencer Andrew Tate, der unter anderem dafür plädiert, dass Männer Frauen schlagen dürften. Er erreiche mittlerweile ein großes Publikum junger Männer in westlichen Gesellschaften, auch muslimische Teenager. In Großbritannien teilten laut Befragungen 16- bis 17-jährige Jungen zu 46 Prozent seine Ansichten. Frustrierte Teenager würden online in eine solche Denkweise hineingezogen, was dann in die reale Gesellschaft hineinwirke. Gemeinsam sei Incels und Islamisten die Überzeugung, dass Frauen keine vollwertigen Menschen seien, die über ihr Leben entscheiden dürfen. Für muslimische Incels entstand so der Begriff 'Mincels'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2023 - Gesellschaft

Das verbreitete Gefühl politischer Ohnmacht liegt für den Politologen Peter Graf Kielmansegg in der FAZ daran, "dass Minderheiten, denen man sich nicht zugehörig fühlt, die Politik in einem irritierenden Maße dominieren". Diese Minderheit sind die Grünen, die nicht nur in der Bundesregierung, sondern auch in elf von sechzehn Landesregierungen vertreten sind und die laut Kielmansegg vor allem Migrations- und Sprachpolitik bestimmen: "Die Grünen haben eine Position im Parteiensystem, die ihnen besonderen Einfluss sichert. Und: Sie repräsentieren dank ihrer Doppelagenda ein intellektuelles und soziales Milieu, das sich in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen eine hegemoniale Stellung aufgebaut hat; ein Milieu, das seinem Selbstverständnis nach als progressive Vorhut der Gesellschaft den Weg zu weisen hat. Die öffentlich-rechtlichen Medien, durch eine Art von Steuer sicher und auskömmlich finanziert, sind eine Kernzone dieses Milieus. In den Hochschulen, vor allem den Hochschulleitungen, ist das Milieu dominant, überhaupt in kulturellen Einrichtungen aller Art. Auch die evangelische Kirche ist mit einer starken Fraktion hier zu nennen. Es handelt sich ausnahmslos um Institutionen, um Akteure mit weiten öffentlichen Resonanzräumen. Man sieht sie und man hört sie."

Recht umstritten scheint in der Ampelkoalition das von Grünen und SPD vorangetriebene Projekt eines Demokratiefördergesetzes zu sein, berichtet Jochen Buchsteiner in der FAS. Intendiert ist hier eine Art eine Art Verbeamtung der "Zivilgesellschaft". Wortführer von NGOS wie die "Neuen deutschen Medienmacher" fordern seit langem, dass ihre Arbeit vom Druck häufiger Evaluieurng befreit und die Subvention auf Dauer gestellt wird. Buchsteiner nennt etwa die Initiatvie "Claim", die Intoleranz gegen Muslime bekämpft und immerhin mit 550.000 Euro im Jahr subventioniert wird: "Projekte wie dieses setzen aus Sicht von Kritikern einen Pingpong-Mechanismus in Gang. Man kann sich vorstellen, wie viele 'Fälle antimuslimischen Rassismus' - manche sprechen von 'Hassverbrechen' - dereinst 'dokumentiert' sein werden, wenn schon ein Hidschab-Verbot darunter fällt, das für Lehrerinnen in manchen Bundesländern und Arbeiterinnen bestimmter Berufssparten gilt. Erhöhte Fallzahlen wiederum würden den Eindruck verstärken, dass die Islamophobie bedenklich wächst, was dann in weiterer Unterstützung für entsprechende NGO resultieren könnte."

In der NZZ hatten die Sinologen Thomas Heberer und Helwig Schmidt-Glintzer, die als führende Kapazitäten gelten, einen ausgesprochen China-freundlichen Text veröffentlicht, der sie in den Verdacht rückte, offizielle Formulierungen der kommunistischen Partei, zum Beispiel in Bezug auf die Uiguren, kommentarlos zu übernehmen (unser Resümee). Der Text ist in den sozialen Medien und auch in Medien empört kommentiert worden. Kai Strittmatter, ehemaliger China-Korrespondent der SZ,  stellt sich nun die Frage, wie stark die Sinologie von China beinflusst wird. "Ein Punkt, auf den sich Heberer und Schmidt-Glintzer in ihrem Stück berufen ist die zuletzt beobachtete Auflösung vieler Umerziehungslager. Die haben auch Xinjiang-Forscher gemeldet - und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass viele der Entlassenen gleich weitergereicht wurden in Gefängnisse oder Zwangsarbeit. 'Wahrscheinlich Hunderttausende sind noch immer in Gefangenschaft, deren Leben sind zerstört', sagt Xinjiang-Forscher Björn Alpermann. 'Und dann davon zu sprechen, wie die beiden Kollegen das tun, jetzt wäre die Phase der Verrechtlichung angebrochen, ist absolut zynisch.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2023 - Gesellschaft

In der letzten Zeit hatte Constantin Schreiber annonciert, nach Attacken auf ihn nichts mehr über den Islam sagen zu wollen (unser Resümee). Die Zeit hat einige mit dem Thema Islam befasste AutorInnen um Reaktionen gebeten. Hamed Abdel-Samad schreibt: "Wie oft habe auch ich erwogen zu schweigen. Auf offener Straße werde ich trotz Polizeischutz angegriffen. Am meisten bedrücken mich aber Rufmordkampagnen durch vermeintliche Liberale, die mich und andere Kritiker des Islamismus als Rassisten brandmarken. Dazu kommen falscher Beifall von rechts und fehlende Solidarität von links. Spitzenpolitiker versichern uns hinter verschlossenen Türen, wie wichtig wir sind für die Debatte. Aber wenn wir diffamiert oder attackiert werden, lassen sie uns im Stich."

Die Ethnologin Susanne Schröter schreibt sowohl in der Zeit, als auch in der FAZ zum Thema, dort ausführlicher: "Ungehindert verbreiten radikale Organisationen wie 'Muslim interaktiv' oder die im Rhein-Main-Gebiet beheimatete Gruppe 'Realität Islam' in sozialen Medien Videos, in denen Islamismuskritiker als Feinde des Islam dargestellt werden. Welche Konsequenzen dies haben kann, wissen wir seit der Fatwa gegen Salman Rushdie, der in diesem Jahr schwer verletzt einen Anschlag überlebte, sowie der Ermordung der Mitarbeiter von Charlie Hebdo und des Lehrers Samuel Paty." Bei t-online.de schreibt Ahmad Mansour.

Der Rechtsextremismusforscher Oliver Decker hat eine Ursache für das Erstarken der AfD gefunden: Es ist die Wirtschaft, Dummkopf. Im Gespräch mit Caspar Shaller von der taz erläutert er seine These. "Es gibt die sogenannte Deprivationsthese: Wenn Leute Abstiegsängste haben, dass sie nächstes Jahr weniger zur Verfügung haben, dann steigt in der Regel auch die Zustimmung zu antidemokratischen Ansichten. Dieser Befund gilt eigentlich in allen untersuchten Ländern. In Deutschland ist es aber nicht die befürchtete eigene Deprivation, die zum Fremdeln mit der Demokratie führt, sondern die nationale. Wenn die Befürchtung verbreitet ist, dass es 'uns' als Nation ökonomisch schlechter geht, dann steigt die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen." Die Wirtschaft sei in Deutschland zur Ersatzreligion geworden. Auch dass die AfD in den Neuen Ländern besonders stark ist, kann er erklären: "Es gibt kaum tarifliche Bindung, selten Betriebsräte. In Sachsen war es seit 1989 eine Strategie der Politik, faktisch ein innerdeutsches Niedriglohnland zu etablieren."

Die Abaya, eine Art Überkleid, gilt als "modest fashion", also ein Kleidungsstück, das Frauen zum Beispiel in Saudi-Arabien immer im öffentlichen Raum tragen müssen, um "anständig" zu sein. Jetzt wurde auf der Grundlage des 2004 verabschiedeten Gesetzes über das Verbot von religiösen Symbolen an französischen Schulen für das Schuljahr 2023/2024 ein Verbot der Abaya beschlossen. Ein Teil der Linken brandmarkt dies als "Islamophobie", schreibt Saida Keller-Messahli, Präsidentin eines Schweizer "Forums für einen fortschrittlichen Islam", in der NZZ. "Laizität ist in den Augen dieser Linken ein überholtes Konzept, das die angeblich strukturelle 'Islamophobie' und den Rassismus des Staates verschleiern soll. Vertreter dieser Richtung verkennen jedoch hartnäckig, dass Teenager, die provokativ mit ihrer religiösen Zugehörigkeit in der Schule spielen, sehr oft von islamistischen Organisationen oder Personen aus ihrem Umfeld instrumentalisiert werden."

In einem Gastbeitrag gewährt Hartmut Dorgerloh im Tagesspiegel einen Ausblick auf seine zweite Amtszeit als Generalintendant des Humboldt Forums. Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte sei weiterhin sehr wichtig, das Forum sollte aber internationaler denken. "So berichten uns etwa Menschen vom Pazifik-Atoll Tuvalu, dass der durch uns im globalen Norden maßgeblich verursachte steigende Meeresspiegel ihre Lebensgrundlage alsbald für immer zu vernichten droht. Es muss also auch für uns mehr um das Zuhören gehen - weit über die hiesigen Debattenräume hinaus. Denn wir sollten nicht schon wieder zu wissen glauben, was woanders gebraucht wird. Mit dem für 2026 vorgesehenen Schwerpunktthema 'Erbe und Eigentum' wollen wir in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und seinen weltweiten Netzwerken genau dies: Zuhören. Zuhören, um sich anderen Fragen zu öffnen." Außerdem soll "die Realisierung, respektive Weiterentwicklung des kulturellen Nutzungskonzepts Humboldt Forum als 'Ort der demokratischen, weltoffenen Debatte'" weiter voran getrieben und dadurch mehr Besucher angezogen werden.Mit dem für 2026 vorgesehenen Schwerpunktthema "Erbe und Eigentum" wollen wir in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und seinen weltweiten Netzwerken genau dies: Zuhören. Zuhören, um sich anderen Fragen zu öffnen,

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2023 - Gesellschaft

Am Budget der Bundeszentrale für politische Bildung kann es nicht liegen, dass die AfD in letzter Zeit so angewachsen ist: Dessen Entwicklung lief eher parallel und stieg von 37,8 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 96 Millionen Euro aktuell. Nun soll es um 20 Millionen Euro gekürzt werden, ein Plan, der auf viel Kritik stößt, berichtet Johan Schloemann in der SZ, der allerdings auch den etwas skeptischen Zeithistoriker Tim Schanetzky zitiert. "Klar ist nur: 'Da ist viel Geld im System.' So wertvoll viele Initiativen zur Demokratieförderung im Einzelnen sein mögen - leider zeigt sich, dass insgesamt trotz stark gewachsener Aufwendungen 'nicht die erwünschten Effekte zu beobachten sind', stellt Schanetzky nüchtern fest. Das heißt: Parallel zu immer mehr Ausgaben für die Politikerziehung in den vergangenen zehn Jahren gibt es auch immer mehr Politikskepsis, gibt es immer mehr Populismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2023 - Gesellschaft

In Frankreich wird neu über eine Rechtschreibreform debattiert, ein Thema, das die Nation im Grunde seit der Gründung der Académie française beschäftigt. In keiner romanischen Sprache ist die Differenz zwischen Aussprache und Schreibung so groß wie im Französischen, hinzukommen Marotten wie Akzente für Buchstaben, die nicht mehr ausgesprochen werden. Selbst in Frankreich schreibt kaum mehr jemand das Wort "maître" mit accent circonflexe für das ausgefallene s.  Einer der Protagonisten der konservativen Seite war der sehr populäre Fernsehmoderator Bernard Pivot, der die Franzosen jahrelang mit Diktat-Wettbewerben quälte. Clara Cini resümiert in Le Monde die immer wieder aufflammende Debatte: "Im Jahr 2012 stellte Pivot auf France Inter Reformen, die die Etymologie verunklaren, in Frage und wetterte: 'Hier wird die Ästhetik der Rechtschreibung angetastet'. Er plädierte für einen Unterricht, der die 'Liebe zu den Wörtern' vermittelt. Ihm gegenüber steht der Linguist André Chervel, der die Notwendigkeit einer grundlegenden Vereinfachung unterstützt: 'Es besteht heute ein echter Bedarf an einer Rechtschreibreform für die Schüler, deren Niveau erheblich gesunken ist.' Die Verbundenheit mit der Sprache offenbart hier ihre zwei Gesichter und verspricht noch lange Diskussionen in der Zukunft, was Chervel und seiner Kollegin Claire Blanche-Benveniste Recht gibt, die wie folgt schrieben: 'Das Schreiben, diese große Erfindung, muss immer wieder neu erfunden werden'."