In der
SZ fragt sich der Soziologe
Armin Nassehi, erschöpft von der kindischen Debatte um die
Maskenpflicht, ob wir als Gesellschaft überhaupt noch mit
kollektiven Herausforderungen umgehen können: Den Kritikern, die sich auf medizinische Argumente erst gar nicht einlassen, hält er entgegen, dass unsere Freiheit immer auch einen Ordnungsrahmen hat - sonst gäbe es sie nicht. Doch "erst kollektive Herausforderungen machen darauf aufmerksam - und erzeugen einen Widerstand, der in manchen (sogar regierenden) Subkulturen so tut, als seien die Grundfesten der sozialen Ordnung in Gefahr. Anders ausgedrückt: Erst wenn durch Herausforderungen die
individuell erlebten Freiheitsmöglichkeiten eingeschränkt werden, entdeckt man die Widerständigkeit des Gesellschaftlichen und kämpft dagegen - blind dafür, wie stark die vorherigen Handlungsmöglichkeiten bereits
gesellschaftlich formiert waren und wie sehr die Privilegien mancher Lebensform exakt dieser Ordnung entstammen."
Salman Rushdie mag das identitätspolitische Paar
Saba-Nur Cheema und
Meron Mendel in seiner
FAZ-Kolumne noch verteidigen. Aber die
Mohammed-Karikaturen? "Wo wird solche Kritik und Satire nur als Vorwand genutzt, um Vorurteile und Ressentiments gegen eine Minderheit zu legitimieren? Wenn in den sogenannten Mohammed-Karikaturen, die von Dänemark bis Frankreich abgedruckt wurden,
Muslime als hakennasig abgebildet werden, mit einer natürlichen Neigung zu Gewalt und zur
Sodomie mit Kamelen - dann reden wir über etwas anderes, nämlich über Islamfeindlichkeit und Rassismus. In der Diskussion über antisemitische Kunstwerke auf der
Documenta 15 kam glücklicherweise auch niemand auf die Idee, dass die Darstellung von Juden mit blutunterlaufenen Augen, Vampirzähnen und Hakennase nur Religionskritik war." Die Behauptungen über die Mohammed-Karikaturen sind leider nicht mit Abbildungen belegt.
Spiegel-Redakteur René Pfister befasst sich in einem längeren Artikel mit
woken Ideologien und staunt unter anderem über eine Studie, die die Bundesregierung beim Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, kurz DeZIM, in Auftrag gegeben hat. Sie sollte herausfinden,
wie rassistisch die Deutschen sind. 90 Prozent sprechen sich gegen Rassismus aus, ein erfreuliches Ergebnis, findet Pfister, auch wenn die verbleibenden Rassisten nicht geleugnet werden dürfen. Und doch klingen die Autoren der Studie
pessimistisch, notiert Pfister: "Die Autoren beklagen, 'dass bei der Hälfte der Bevölkerung
Reflexe der Abwehr und eine damit einhergehende Bagatellisierung von Rassismus zu beobachten sind'. Um diese drastische These zu untermauern, haben sie den Befragten unter anderem folgende Aussage vorgelegt: 'Es ist absurd, dass einem Rassismus unterstellt wird, wenn man lediglich fragt,
wo jemand herkommt.' 63,4 Prozent stimmten zu. Aber wieso ist es Rassismus, wenn sich jemand für die Lebensgeschichte seiner Mitmenschen interessiert?"
Im
Standard unterhalten sich die Autorinnen
Sabine Scholl und
Eva Schörkhuber ausführlich über die Bedeutung von
Klassenunterschieden heute in Deutschland. Die Unterschiede zeigen sich schon bei der
Einschulung, erklärt Scholl: "Kinder aus prekären Verhältnissen müssen Bewegungen vollziehen, um an Bildung zu kommen. Meist befindet sich die
bessere Schule in einem eher bürgerlichen Terrain. Aber werden die Kinder von den Lehrpersonen dazu ermuntert, obwohl ihre Eltern nicht zum Sprechtag kommen, oder bekommen sie eine Gymnasialempfehlung, wenn sie ausländisch klingende Namen tragen? Muss das Kind sich aus den schlechteren Bezirken
in eine unvertraute Umgebung begeben? Muss es
gewisse Verhaltensformen lernen und mit Lehrern zurechtkommen, die andere Verhaltensformen erwarten als die, die dem Kind von Haus aus vertraut sind? Damit beginnt die Klassenreise." Dass Klassenunterschiede heute keine Bedeutung mehr haben, glaubt auch Schörkhuber nicht: "In Österreich gehören ja auch
angeblich alle zur Mittelschicht. Das hat, glaube ich, etwas mit der Kreisky-Ära in den Siebzigerjahren zu tun, aber es ist eben auch die Folie für diese Art von
hegemonialer Universalisierung, bei der bestimmte Standpunkte, bestimmte Praktiken oder bestimmte habituelle Ausdrucksformen
als normal gesetzt werden. Die Frage, warum bestimmte und auch sehr spezifische Schablonen als normal gelten, wird gar nicht mehr gestellt."