9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2022 - Gesellschaft

Gestern fand in Fürstenfeldbruck das Gedenken an die Opfer des Olympia-Attentats 1972 in München statt. Und diesmal hat die Bundesregierung es richtig gemacht, atmet Wolf Wiedmann-Schmidt bei Spon auf: "50 Jahre lang mussten die Angehörigen der elf ermordeten Israelis auf diese Worte warten. Nun steht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) in einem weißen Zelt auf dem Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck und sagt: 'Ich bitte Sie als Staatsoberhaupt dieses Landes und im Namen der Bundesrepublik Deutschland um Vergebung.' Vergebung für den mangelnden Schutz der israelischen Athleten und Trainer bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Und für die mangelnde Aufklärung danach. 'Dafür, dass geschehen konnte, was geschehen ist.' Es ist ein Bekenntnis zur deutschen Verantwortung - ohne Wenn und Aber. Ein Schuldeingeständnis, das mehr als überfällig war."

Es war eine würdige Entschuldigung, findet auch Thomas Kaspar in der FR. Aber sie reicht noch nicht: "Die Akten sind bis heute vertuscht und unter Verschluss. Das Debakel ist nicht beendet." Die Deutschen haben noch einiges aufzuarbeiten, meint auch Reinhard Müller in der FAZ. Aber er fragt sich auch: "Wo bleiben Entschuldigung und Entschädigung - auf Seiten der Palästinenser?" Ähnlich sieht das Klaus Hillenbrand in der taz: "Zu Recht werden hierzulande die NS-Gräuel verurteilt - aber viel zu selten gilt Gleiches für Judenhass ohne NS-Regime. So wie in München 1972."

Das Attentat war von der palästinensischen Organisation Schwarzer September begangen worden. Danach ging die Bundesregierung teils recht scharf gegen palästinensische Gruppen in Deutschland vor, die seit einigen Jahren daran gearbeitet hatten, "palästinensische Politik in Westdeutschland sozusagen heimisch zu machen, durch Anschluss an westdeutsche Diskurse", erinnert in der FAZ der Historiker Joseph Ben Prestel. Und die Debatten damals waren den heutigen schon sehr ähnlich: "In aktuellen Debatten um Antizionismus und Antisemitismus in Deutschland, etwa im Zusammenhang mit der Einladung des Philosophen Achille Mbembe zur Ruhrtriennale, entsteht manchmal der Eindruck, dass es sich um vollkommen neue Entwicklungen handele. Begriffe wie 'globaler Süden' oder antiisraelische Bewegungen wie BDS mögen neu sein. Viele der Konfliktlinien von heute waren jedoch bereits 1972 zu erkennen. Hierzu gehörten ein propalästinensischer Aktivismus, der sich auf den Kampf gegen Kolonialismus und Rassismus berief, ebenso wie eine öffentliche Debatte um den Zusammenhang von Migration, Antizionismus und Antisemitismus. So hatte sich beispielsweise die rhetorische Verknüpfung der palästinensischen Sache mit dem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika, mit der heute Autoren wie Mbembe provozieren, bereits vor fünfzig Jahre etabliert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2022 - Gesellschaft

In jedem Fall peinlich wird die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Attentats auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München, fürchtet Edo Reents in der FAZ: "Jede noch so gut gemeinte Besinnung auf diese Katastrophe, die sich auch nur den Anschein nostalgischer Fröhlichkeit gibt, ist nicht nur nicht opportun, sondern wirkt im Lichte des durch Staatsversagen begünstigten Grauens geschichtsvergessen, pietätlos, im Grunde obszön und hat schon deswegen zu unterbleiben. Es wird höchste Zeit, dass der Blutzoll, der mit aufs Konto des olympischen Geistes ging, indem er von diesem so fahrlässig begünstigt wurde, endlich ins öffentliche Bewusstsein vordringt und dort noch ganz lange Platz hat. Zu hoffen ist schließlich nur noch eines: dass an diesem schwarzen September-Tag niemand zu sagen wagt, es handele sich bei dem, was man damals geschehen ließ, um einen Anschlag auf 'unsere Werte', am Ende gar 'auf uns alle'. Es war, ganz gezielt, ein Anschlag auf jüdisches Leben und leider erfolgreich."

In der NZZ hat der Politologe Stefan Luft einige Zweifel am Antirassismusprogramm der Bundesregierung, dass noch unter Angela Merkel mit 1,5 Milliarden Euro ausgestattet wurde. Zunächst mal teilt Luft nicht den generellen "Rassismusverdacht" unter den die deutsche Bevölkerung gestellt werde: Studien würden eher einen Rückgang rassistischer Denkmuster zeigen. Zum zweiten setze das Antirassismusprogramm auf "starke Gruppenidentitäten, was ein Kennzeichen multikulturalistischer Politik ist. ... Diese staatlich initiierte institutionelle Verfestigung von Gruppenidentitäten lässt das Risiko außer acht (oder nimmt es in Kauf), dass kulturelle, religiöse, ethnische oder nationale Identitäten zur Durchsetzung politischer Interessen genutzt werden. Gleiches gilt für Migrantenorganisationen, die sich aus ihrer strukturellen Logik heraus wie 'Identitätswächter' verhalten und damit die Abgrenzung ihrer Klientel als 'Gruppe' verfestigen. Verhielten sie sich wie 'Integrationslotsen', liefen sie Gefahr, sich damit auf Dauer überflüssig zu machen."

Im Osten Deutschlands wollen Linke wie Rechte auf Montagsdemos gegen die Regierung demonstrieren. Was die Linke angeht, hält das der Kulturwissenschaftler Alexander Leistner für keine gute Idee: "Der Montag ist seit Jahren von rechten Akteuren besetzt", erklärt er im Interview mit der taz. "Für mich ist dieser Bezug auf Montagsdemos ein Fall von Selbstüberschätzung aus den Großstädten. Die Zivilgesellschaft ist in vielen ostdeutschen Städten schwach, die kann das gar nicht leisten, nach Jahren mit rechten Protesten in der Fläche zu demonstrieren. Die spannende Frage wird sein, ob es trotzdem gelingt, soziale Proteste zu organisieren, die sich räumlich, zeitlich und inhaltlich klar davon abgrenzen. ... Es muss darum gehen, in der Energiekrise die rechten Deutungsmuster nicht zu übernehmen. Also die Frage nach solidarischer Lastenteilung zu stellen, ohne den russischen Angriffskrieg zu relativieren und damit Ursache und Wirkung zu verkehren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2022 - Gesellschaft

Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke arbeitet mit deutschen IS-Kämpfern und ihren Frauen und Kindern, die noch in Syrien sind, und versucht, sie  aus kurdischen Lagern nach Deutschland zurückzuholen, wo sie teilweise Gefängnisstrafen zu erwarten haben. Nicht Mitleid sollte uns dabei leiten, sondern wohlverstandenes Eigeninteresse, meint sie im Gespräch mit Yassin Musharbash in der Zeit: "Die sind mangelernährt. Viele haben Angst. Früher haben sie vom Märtyrertum geträumt, jetzt schicken sie ihren Müttern weinerliche Sprachnachrichten: Hol mich hier raus! Was macht dieser Gegensatz mit denen? Ich glaube, die sind tickende Zeitbomben, aus psychischer Sicht. Wir bekommen dann irgendwann Psychopathen zurück, voller Hass und Wut, ohne jede Aufarbeitung ihrer Taten. Deswegen denke ich, sie sollten so schnell wie möglich zurückgeholt werden."
Stichwörter: Islamischer Staat, Islamismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2022 - Gesellschaft

Die Epoche bürgerlicher Empfindsamkeit erlebt gerade ein Comeback, seufzt Ronald Pohl im Standard mit Blick auf die höchst empfindsamen woken Mitbürger: "Das Comeback der Zimperlichkeit ist auch ein Produkt der identitätspolitischen Neuausrichtung möglichst aller Gedanken, Worte und Werke. Die zahlreichen Härten, die der neoliberale Spätkapitalismus seinen Teilhabern zumutet, werden dadurch zur Privatsache erklärt. Nicht, dass die Ungerechtigkeit der gesellschaftlich wirksam werdenden Zwänge an Unzählige weitergereicht wird, bereitet der schönen Mittelstandsseele Sorge. Schwerer wiegt für sie die Befürchtung, durch die Überbringung schlechter Nachrichten schockiert zu werden."
Stichwörter: Wokeismus, Wokeness, Woke

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2022 - Gesellschaft

Das multikulturelle Paar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel verteidigt ins einer jüngsten FAZ-Kolumne zwar Salman Rushdie (unser Resümee), aber es denunziert en passant die Mohammed-Karikaturen und behauptet gar, sie unterstellten Muslimen eine Neigung zu Sodomie. Religionskritik leisteten sie ebensowenig wie die Documenta-Zeichnungen, sondern seien bloß antimuslimisch und rassistisch. Darauf antwortet Perlentaucher Thierry Chervel: Die beiden täten so "als würden sich die Documenta-Zeichnungnen und die Mohammed-Karikaturen auf einem Niveau bewegen. Aber die Documenta-Karikaturen wiederholen nur uralte antisemitische Klischees. Die dänischen Mohammed-Karikaturen thematisieren dagegen selbst - mehr oder weniger originell und gekonnt - die Schwierigkeit der westlichen Öffentlichkeit im Umgang mit der islamistischen Herausforderung."

Vor 25 Jahren starb Lady Diana ihren tragischen Unfalltod. Was folgte, hat in den Augen von Perlentaucher-Kolumnist Richard Herzinger eine unheimliche Aktualität: "Die Verabsolutierung von Stimmungen und Gefühlen gegenüber rationalen Argumenten und Erkenntnissen, von kollektiven Projektionen und Phantasmen gegenüber nachprüfbaren Fakten, lässt die Trauerhysterie um Diana wie ein Vorspiel zu dem Ausbruch von Irrationalismus anlässlich der Brexit-Entscheidung von 2016 erscheinen."

Im Jemen verbreitet sich Kinderlähmung. Schuld sind Impfgegner, berichtet taz-Korrespondent Najm Aldain Qasem aus Saada: "Im September 2014 übernahm die Huthi-Gruppe die Kontrolle über das Gouvernement Saada. Seitdem hat sie Impfungen behindert. Denn Impfstoffe seien, so die Propaganda der Gruppe, 'eine jüdische Industrie, die darauf abzielt, die Gesellschaft zu zerstören'. Sie schwächten außerdem die sexuellen Fähigkeiten von Männern und verursachten bei Frauen Sterilität. Von den Huthi bestimmte lokale 'Kulturaufseher' wiederholen die Verschwörungsmythen in ihren jeweiligen Bezirken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2022 - Gesellschaft

In der SZ fragt sich der Soziologe Armin Nassehi, erschöpft von der kindischen Debatte um die Maskenpflicht, ob wir als Gesellschaft überhaupt noch mit kollektiven Herausforderungen umgehen können: Den Kritikern, die sich auf medizinische Argumente erst gar nicht einlassen, hält er entgegen, dass unsere Freiheit immer auch einen Ordnungsrahmen hat - sonst gäbe es sie nicht. Doch "erst kollektive Herausforderungen machen darauf aufmerksam - und erzeugen einen Widerstand, der in manchen (sogar regierenden) Subkulturen so tut, als seien die Grundfesten der sozialen Ordnung in Gefahr. Anders ausgedrückt: Erst wenn durch Herausforderungen die individuell erlebten Freiheitsmöglichkeiten eingeschränkt werden, entdeckt man die Widerständigkeit des Gesellschaftlichen und kämpft dagegen - blind dafür, wie stark die vorherigen Handlungsmöglichkeiten bereits gesellschaftlich formiert waren und wie sehr die Privilegien mancher Lebensform exakt dieser Ordnung entstammen."

Salman Rushdie mag das identitätspolitische Paar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel in seiner FAZ-Kolumne noch verteidigen. Aber die Mohammed-Karikaturen? "Wo wird solche Kritik und Satire nur als Vorwand genutzt, um Vorurteile und Ressentiments gegen eine Minderheit zu legitimieren? Wenn in den sogenannten Mohammed-Karikaturen, die von Dänemark bis Frankreich abgedruckt wurden, Muslime als hakennasig abgebildet werden, mit einer natürlichen Neigung zu Gewalt und zur Sodomie mit Kamelen - dann reden wir über etwas anderes, nämlich über Islamfeindlichkeit und Rassismus. In der Diskussion über antisemitische Kunstwerke auf der Documenta 15 kam glücklicherweise auch niemand auf die Idee, dass die Darstellung von Juden mit blutunterlaufenen Augen, Vampirzähnen und Hakennase nur Religionskritik war." Die Behauptungen über die Mohammed-Karikaturen sind leider nicht mit Abbildungen belegt.

Spiegel-Redakteur René Pfister befasst sich in einem längeren Artikel mit woken Ideologien und staunt unter anderem über eine Studie, die die Bundesregierung beim Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, kurz DeZIM, in Auftrag gegeben hat. Sie sollte herausfinden, wie rassistisch die Deutschen sind. 90 Prozent sprechen sich gegen Rassismus aus, ein erfreuliches Ergebnis, findet Pfister, auch wenn  die verbleibenden Rassisten nicht geleugnet werden dürfen. Und doch klingen die Autoren der Studie pessimistisch, notiert Pfister: "Die Autoren beklagen, 'dass bei der Hälfte der Bevölkerung Reflexe der Abwehr und eine damit einhergehende Bagatellisierung von Rassismus zu beobachten sind'. Um diese drastische These zu untermauern, haben sie den Befragten unter anderem folgende Aussage vorgelegt: 'Es ist absurd, dass einem Rassismus unterstellt wird, wenn man lediglich fragt, wo jemand herkommt.' 63,4 Prozent stimmten zu. Aber wieso ist es Rassismus, wenn sich jemand für die Lebensgeschichte seiner Mitmenschen interessiert?"

Im Standard unterhalten sich die Autorinnen Sabine Scholl und Eva Schörkhuber ausführlich über die Bedeutung von Klassenunterschieden heute in Deutschland. Die Unterschiede zeigen sich schon bei der Einschulung, erklärt Scholl: "Kinder aus prekären Verhältnissen müssen Bewegungen vollziehen, um an Bildung zu kommen. Meist befindet sich die bessere Schule in einem eher bürgerlichen Terrain. Aber werden die Kinder von den Lehrpersonen dazu ermuntert, obwohl ihre Eltern nicht zum Sprechtag kommen, oder bekommen sie eine Gymnasialempfehlung, wenn sie ausländisch klingende Namen tragen? Muss das Kind sich aus den schlechteren Bezirken in eine unvertraute Umgebung begeben? Muss es gewisse Verhaltensformen lernen und mit Lehrern zurechtkommen, die andere Verhaltensformen erwarten als die, die dem Kind von Haus aus vertraut sind? Damit beginnt die Klassenreise." Dass Klassenunterschiede heute keine Bedeutung mehr haben, glaubt auch Schörkhuber nicht: "In Österreich gehören ja auch angeblich alle zur Mittelschicht. Das hat, glaube ich, etwas mit der Kreisky-Ära in den Siebzigerjahren zu tun, aber es ist eben auch die Folie für diese Art von hegemonialer Universalisierung, bei der bestimmte Standpunkte, bestimmte Praktiken oder bestimmte habituelle Ausdrucksformen als normal gesetzt werden. Die Frage, warum bestimmte und auch sehr spezifische Schablonen als normal gelten, wird gar nicht mehr gestellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2022 - Gesellschaft

Ronya Othmann  reicht es langsam. Sie kommt in ihrer FAS-Kolumne nochmal auf den Artikel der taz-Korrespondentin Julia Neumann (unser Resümee) zurück, die Kritik am Kopftuchzwang im Iran als "rechts" denunziert hatte. Aber der Islamismus ist immer noch virulent, insistiert Othmann mit Verweis auf den Mordversuch an Salman Rushdie. Und einiges sollte auch dem gewogenen deutschen Publikum klar werden: "Dass hierzulande Menschen von Islamisten bedroht werden. Dass die meisten eingeleiteten Terrorverfahren sich auch heute noch gegen Islamisten richten. Den Islamismus ernst zu nehmen bedeutet auch, endlich über den ideologischen, religiösen und politischen Nährboden zu sprechen, in dem er blüht und gedeiht. Und das, ohne die Täter gleich wieder zu Opfern umzudeuten (Opfer von Rassismus, Kolonialismus) und sich damit als Erklärung zufriedenzugeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2022 - Gesellschaft

In der Welt platzt der Schriftstellerin Mirna Funk der Kragen: Mahmud Abbas relativiert neben dem schweigenden Olaf Scholz den Holocaust, es folgt ein bisschen Empörung auf Twitter und anderen Medien, das war's? Hat mal jemand überlegt, wie sich Juden in Deutschland damit fühlen, fragt sie: Natürlich nicht, denn "das, worum es Amtsträgern und Institutionen hier in diesem Land geht, ist sowieso, den eigenen Kopf zu retten. Denn nichts wiegt schwerer als der Vorwurf, Antisemitismus zu verbreiten oder Antisemitismus zu verharmlosen. Längst ist alles, was sich um den Holocaust dreht, in den Besitz der Deutschen übergegangen. Die Enteignung des Holocausts könnte man das Spektakel nennen." Dazu komme, dass Abbas Behauptungen "längst zum guten Ton der Argumentation der 'progressiven Linken' gehören: 'Da in Gaza findet ein Holocaust statt'. Das hört man doch nun schon seit Jahren aus unterschiedlichen politischen Lagern. Das hört man in Universitäten, auf queeren Demonstrationen und auf Leftist-Twitter." Volker Beck macht unterdessen in der Jüdischen Allgemeinen einen pragmatisachen Vorschlag: Solange sich Mahmud Abbas, der zu den Finanziers des Olympia-Attentats gehört haben soll, nicht entschuldigt hat, sollte die Entschädigung der Opfer aus der deutschen Unterstützung für die Palästinensischen Autonomiebehörde entrichtet werden.

Die postkolonialen Studien sind nicht "strukturell antisemitisch" und gerade im Hinblick auf die Documenta-Debatte wichtig, insistiert in der FR Aram Ziai, Leiter des Fachgebiets Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel: "Der Generalverdacht gegenüber der Documenta und der postkolonialen Perspektive beruht … auf einem Antisemitismusbegriff, der nicht hinreichend zwischen einer Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und dem Hass auf jüdische Menschen unterscheidet. Gerade die viel gescholtenen postkolonialen Studien erweisen sich in dieser aufgeheizten Debatte jedoch als höchst produktiv. Denn wenn Stuart Hall und Edward Said die These vertreten, dass der Westen die nichtwestlichen Anderen als rückständige Barbaren konstruiert, um die eigene Identität als kulturell und moralisch überlegen zu festigen, dann ist der pauschal gegenüber dem globalen Süden erhobene Antisemitismus-Zeigefinger im Kontext der Documenta eine zeitgenössische Bestätigung dieser These." Auch Ziai wirft Deutschland vor, zu denken, es verfüge "über den einzig richtigen, ja sogar den einzigen Antisemitismusbegriff."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2022 - Gesellschaft

Musa Deli ist ein Psychologe, der sich mit den Problemen eingewanderter und doch nie recht angekommener Türken in Deutschland befasst, und die sind groß, in allen drei Generationen. Deli hat ein Buch darüber geschrieben, "Zusammenwachsen". Elena Witzeck hat ihn für die FAZ getroffen:. "Die Ursachen ihrer Krankheiten liegen oft in den über mehrere Generationen entstandenen Traumata, dem Leben zwischen den Stühlen. Viele sehnen sich zurück nach einer Kindheit, in der sie mit ihren Eltern vereint sind. Das verstehen am besten die, die ihre Kultur teilen. 'Wenn ein Türke mich anschaut', sagt Deli, 'weiß ich, was er mir sagen will. Wenn der sagt: Meine Leber brennt, dann weiß ich, das heißt, er ist depressiv und antriebslos. Oder wenn er sagt: Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter. Dann weiß ich, er kann seiner Wut über seine Mutter, die ihn vielleicht alleingelassen hat, keinen Ausdruck verleihen.' Delis Interventionen sollen vorübergehend sein, aber manche von ihnen haben schon fünf Jahre gedauert. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2022 - Gesellschaft

Im NZZ-Interview mit Beatrice Achterberg kritisiert der Strafverteidiger Udo Vetter das Schrankenlose des neues Selbstbestimmungsgesetz, das Menschen per Willenserklärung erlaubt, ihr Geschlecht zu ändern: "Hier wird ein derartiges Missbrauchspotenzial präsentiert, da kann man sich nur an den Kopf fassen. Eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn die wechselseitigen Interessen der Bürger gesehen werden und in einen gerechten Ausgleich gebracht werden. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wieso derartige Rechte nun mit der Giesskanne gewährt werden sollen. Transpersonen, die wirklich im falschen Geschlecht gefangen sind, sind ja nicht das Problem. Die Frage lautet: Wieso muss das jeder machen dürfen? Mindestens fünfzig Prozent der Bevölkerung, nämlich Frauen, müssen Angst davor haben, dass ihnen künftig ihre Schutzräume genommen werden."