Sehr kritisch setzt sich die Medizinethikerin
Bettina Schöne-Seifert auf den Wissenschaftsseiten der
FAZ mit einer
Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zur
Neudefinition der Suizidhilfe aus - sie wurde gegen den erbitterten Widerstand von Lobbyisten aus den Kirchen und der Palliativmedizin bekanntlich vom Bundesverfassungsgericht als rechtens erklärt. Das Papier des 24-köpfigen Ethikrats, in dem fünf Theologen sitzen, ziele vor allem darauf, die "Beendigung des Lebens durch eine suizidale Handlung möglichst zu vermeiden". "Präventionsverantwortung und die Warnung vor
gesellschaftlich mitverschuldeter Suizidalität", so Schöne-Seifert, seien die Hauptzielrichtung des Papiers: "Kein einziges Wort dazu, dass es echten moralischen Fortschritt bedeutet, wenn suizidwillige Patienten Verständnis, Hilfe und nicht nur zähneknirschenden Respekt für ihre Entscheidungen erhalten und im Voraus darauf bauen können. Kein Wort auch dazu, dass es aus bestimmter Perspektive
sehr gute subjektive Gründe für Suizidentscheidungen geben kann, die mit den veränderten Bedingungen unseres Erlebens von Krankheit und Alter zu tun haben."
Was lässt sich daraus lernen, dass einige der wichtigsten Gestalten der
europäischen Rechten Frauen sind? Vor allem, "dass auch diese, ob sie es will oder nicht, Teil der Moderne ist", meint Alan Posener in der
Welt. "Indem etwa
Marine Le Pen mit dem traditionellen Antisemitismus des Front National brach - und sogar ihren Vater hinauswarf, der daran festhalten wollte - und stattdessen
die Muslime ins Visier nahm, wurde plötzlich ein Männertypus zum Feind, der - in dem Zerrbild, das von ihm gezeichnet wird - zusammen mit dem Geschlechter- und Familienmodell der rückschrittlichen Elemente des Islam viele
Ideale der traditionellen Rechten verkörpert. Das ist zwar nicht merkwürdiger als das Verhalten
vieler Linker, deren Befürwortung der Zuwanderung und Ablehnung eines angeblichen westlichen Kulturimperialismus zu einer absurden Verteidigung vormoderner und antimoderner Ideologien und Verhältnisse im Namen des Multikulturalismus oder des Postkolonialismus führt. Aber es zeigt auch, dass rechts und links, fortschrittlich und reaktionär, ja feministisch und antifeministisch zunehmend ihren Wert als
Kategorien zur Beschreibung politischer Positionen verlieren."
Bleibt die Frage, warum es
der Linken so schlecht geht. Sie vernachlässige die Dialektik, ihre einstige Stärke,
denkt sich in der
NZZ der Schriftsteller
Artur Becker: "Diese setzt stets ein kritisches Denken gegenüber der Wirklichkeit voraus... 'Links' kann nicht länger bedeuten, dass man Stalin oder Mao gut findet. Oder dass man das Sowjetimperium bewundert, zumal die Linke gegen jede Form von Imperialismus ist. Es kann auch nicht heißen, dass man sich
mit dem Kapitalismus arrangiert, um dann den Weg der Wokeness zu bestreiten. Nach wie vor bedeutet 'links', dass man den Kapitalismus mit seinen Ausbeutungsverhältnissen in die Schranken weisen muss." Kurz: "Die Linke müsste wieder skeptischer werden gegenüber Wahrheiten, Entzauberungen, dem scheinbar genauen, anerkannten Wissen und Definieren von Dingen, Subjekten und Objekten. Deren
permanente Überprüfung ist das, was sie weiterbringt.
In der
Welt beschreibt Jacob Hayner, wie metoo-Aktivistinnen wie der Verein
Themis oder
Sarah Waterfeld, die den Fall des ehemaligen Volksbühnenchefs
Klaus Dörr betrieben hat, die
Medien als Racheinstrument benutzen. Beispiel Dörr: Ihm waren von mehreren Mitarbeiterinnen Übergriffe vorgeworfen worden, die vor Gericht keinen Bestand hatten. Seinen Job - und seinen Ruf - ist Dörr trotzdem los. Und die Medien, allen voran die
taz, haben dabei eine wichtige Rolle gespielt: "Will man den als Schädiger Wahrgenommenen schädigen, bietet die heutige Verfassung der Medien beste Voraussetzungen, allein durch Reichweite und Geschwindigkeit der Verbreitung. Soziale Netzwerke werden zu asozialen Hetzwerken. In den etablierten Medien gefällt man sich in der Rolle der Fürsprecher von 'Betroffenen'. Das schmeichelt nicht nur dem
heroischen Selbstbild, sondern verringert die kritische Distanz zum Medienbetrieb selbst, der eher einer gruppentherapeutischen Sitzung hochgradiger Narzissten und
Gladiatorenarena ambitionierter Karrieristen gleicht als einem Hort frommer Sittlichkeit. Ob das nun die beste Anlaufstelle bei sexueller Belästigung oder Machtmissbrauch ist?"