9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2019 - Ideen

Im Gespräch mit Gary Younge vom Guardian kritisiert Arundhati Roy, die gerade in Amerika unterwegs war, die indische Linke: "Wenn man in Indien von 'links' spricht, meint man damit kommunistische Parteien. Und hier war das große Versagen der Linken, nicht mit dem Phänomen der Kasten umgehen zu können. Ich nehme an, in den USA ist es so, dass man mit Hautfarbe nicht umgehen konnte. Alle meine Bücher vom 'Gott der kleinen Dinge an' haben viel damit zu tun. Weil die Kaste der Motor ist, der das moderne Indien antreibt. Man kann in Indien nicht einfach mit den Worten 'Kaste ist Klasse, Kamerad' davonkommen. Es ist einfach nicht wahr."

Die berühmte, von Jean-Paul Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps modernes, die lange von Claude Lanzmann geleitet worden war, wird eingestellt, berichtet Rudolf Balmer in der taz: "Im Editorial zur ersten Nummer fasste Sartre den Menschen als 'Zentrum nicht hintergehbarer Unbestimmtheit' und definierte als Ziel der Zeitschrift nicht etwa die, sondern bescheiden 'eine Befreiung des Menschen'. Maurice Merleau-Ponty, der 1953 wegen politischer Differenzen mit Sartre aus dem Herausgeberkreis ausschied, formulierte in der vierten Nummer (1946) das philosophisch wie politisch Modernität verbürgende Motiv in einem haltbaren Satz: 'Es gibt nur noch beschädigte Ideen.'" Mit einer Buchreihe gleichen Namens und Debatten, die zu diesen Büchern organisiert werden, will der Gallimard-Verlag die Tradition lebendig halten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2019 - Ideen

Identität wird heute groß geschrieben, aber zur Identität gehört immer auch die Identitätskrise, erinnert Roman Bucheli in der NZZ. Man versucht ihr heute durch das Versinken "im bequemen Konformismus der Gruppe" zu entgehen, das aber sei gefährlich: "Längst nämlich haben Ermittlungsbehörden rund um den Globus registriert, dass die Gefahr nicht dort droht, wo einer seine Identität leugnet. Verdächtig macht sich nun, wer, ob willentlich oder unwillkürlich, zu einer Gruppe gehört. Es reicht darum, ein paar einschlägige Merkmale zu einem Profil zu konfigurieren und mit einer Rasterfahndung potenziell Verdächtige aus den massenhaft verfügbaren Personendaten herauszufiltern. Der profanere Anwendungsbereich solcher Praktiken heißt 'social profiling' und bewährt sich vorzüglich in der zielgruppenspezifischen Versorgung mit Konsumangeboten. Was hat sich nur der konforme Individualist von heute auf seine unverkennbare Eigenheit eingebildet! Und dann hinterlässt er unbekümmert seine Datenspur in der digitalen Welt und sieht sich alsbald zu einem armseligen Bündel an Eigenschaften reduziert, die man noch nicht einmal Charakter nennen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2019 - Ideen

"Wir erleben ein Comeback ideologisierter Begrifflichkeit, in dem sich ein Bedarf nach politischen Ideen zeigt", diagnostiziert der Politologe Jens Hacke auf Zeit online und macht sich daran, den Begriff Liberalismus neu zu definieren: "Wenn Regulierung für selbst erklärte Liberale das Unwort Nummer eins bleibt, dann versagen sie sich neue Gestaltungsräume, um über die gesellschaftliche und ökonomische Bedingtheit von Freiheit nachzudenken. Dass es in der Politik auch immer um die Freiheit der kommenden Generationen geht, betonen Liberale in Fragen verantwortlicher Haushaltspolitik beharrlich. Es fehlen aber überzeugende Ansätze, ein gehaltvolles Freiheitsverständnis in nichtmaterieller Hinsicht zu entwickeln. Die Bereitschaft, den eigenen Lebensstil nach ökologischen Maßstäben zu verändern und hier neues Bewusstsein zu schaffen, hat die FDP als Vertreterin des politischen Liberalismus in Deutschland bislang nicht erkennen lassen. Hier entsteht eine Leerstelle, die die Grünen - siehe Habeck - tatsächlich besetzen können."

Liberalismus ist nicht nur Neoliberalismus? Da gabs schon gewagtere Ideen: In der FR erinnert Arno Widmann an Isaac La Peyrère, der dem Kardinal Richelieu 1642 mitteilen ließ, dass es schon Menschen vor Adam und Eva gegeben habe.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2019 - Ideen

"Wir hatten etwas gemeinsam, zumindest in diesem Land, zumindest in diesem Sprachraum, wir wussten so ungefähr voneinander und wie es uns ging", und das zerfällt gerade, klagt Eva Menasse (NZZ) in ihrer Rede zum Börne-Preis. Gemeint ist die Öffentlichkeit, die früher durch die Massenmedien hergestellt wurde und sich jetzt digitalen Raum fragmentiert. "Heute ist es schwer, Erwachsenen zu erklären, was ein Kompromiss ist und wozu man ihn braucht. Fast unmöglich, für ein zeitweiliges taktisches Nachgeben zu werben. Andere Meinungen dienen längst nicht mehr dazu, unsere eigenen zu überprüfen, nur dazu, den Gegner dingfest zu machen. Und so ist die alte Öffentlichkeit an ihr Ende gekommen. Sie ist fast komplett ins Private diffundiert. Es ist nicht mehr annähernd festzustellen, was der eigene Nachbar weiß, erfährt und glaubt, welcher Minderheit er anzugehören wünscht oder welchen Phantasmen er gerade aufsitzt. Jeder hat seine eigene winzige Öffentlichkeit, er hat sie sich nämlich personalisiert. Das aber ist, nach allem, was man bis jetzt sehen kann, so gefährlich wie eine Autoimmunkrankheit." Hoffnung gibt ihr aber die Fridays-for-Future-Bewegung.

In der SZ würden Theresa Hein und Quentin Lichtblau widersprechen. Massenmedien, das waren früher die Medien, in der die Masse zuhörte, was einige Auserwählte ihr predigten. Das Netz war auch von dem Traum geprägt, einen Raum zu schaffen, in dem jeder Gehör finden kann, und den nutzen die jungen Menschen gerade: Hier "ist ein Kommunikationsraum entstanden, in dem junge Menschen sich massentauglich und unvermittelt zu Wort melden können, ohne den Umweg über eine Parteikarriere oder Redakteursstelle nehmen zu müssen und damit im Zweifelsfall sogar mehr Menschen erreichen, als auf dem traditionellen Weg. Diese Deutungsmacht schwappt nun gerade in die reale Welt: Wenn der Youtuber Rezo mit seinen Beiträgen Millionen von Zuschauern im Netz findet, noch bevor Medien und Politik eine Ahnung von diesem Vorgang haben, verschafft ihm dass eine Art Schock-Relevanz, mit der sich auch analoge Hierarchien infrage stellen lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2019 - Ideen

Jürg Altwegg porträtiert in der FAZ den Autor Hervé Juvin, der wohl den Front (neumodisch: rassemblement) national intellektuell salonfähig machen soll - Altwegg hat sich jedenfalls bestens mit ihm unterhalten: "'Wenn sich England von Europa abwendet und Deutschland seine Übermacht ausspielt, ist es für Frankreich nie gut ausgegangen', sagt er: Die EU als 'Negation der Nation' sei darauf angelegt, den 'fragil gewordenen' Zentralstaat Frankreich zu zersetzen. 'Wir sind allein, Macron hat uns isoliert'" Juvin glaubt an Frankreichs Bestimmung, in einem 'Europa der Nationen' und Populisten die Führung zu übernehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2019 - Ideen

Der Journalist Lukas Egger legt in der taz einen Essay über linke Identitätspolitik vor, in dem er zu Anfang bestreitet, dass Identitätspolitik für die Schwächung der klassischen Linken verantwortlich sei, während er im folgenden ausführt, dass multikulturalistische Politik, wie sie etwa von Labour sehr intensiv betrieben wurde, sehr wohl ein Problem darstellt: "Der Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Konservativen wurde nun vor allem auf kulturellem Gebiet verortet: Auf den autoritären Antimigrationsdiskurs der Tories antwortete Labour mit Multikulturalismus. Dieser hatte jenem jedoch kaum etwas entgegenzusetzen. Vielmehr reproduzierte der Multikulturalismus den Antimigrationsdiskurs unter umgedrehten Vorzeichen. Der problematische Kulturbegriff der Neuen Rechten wurde so auch für Linke immer selbstverständlicher, die nun anfingen, für ein Recht auf Differenz einzutreten. Kulturen seien an sich wertvoll und bedroht, hieß es jetzt, weswegen sie beständig gehegt und beschützt werden müssen." Eggers Thesen, die er bereits in der Jungle World äußerte, erinnern ein wenig an Kenan Maliks Kritik an Multikulti (mehr hier).

Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und einer gleichzeitig zunehmenden Idealisierung der Natur wendet sich der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ Voltaires "Poème sur le désastre de Lisbonne" zu, in dem Voltaire nach Gründen für das Erdbeben von Lissabon suchte. Nachdem die üblichen Verdächtigen - sündige Menschen - freigesprochen waren, wandte er sich der Natur zu: "Der Mensch wird in ein Dasein geworfen, das er nicht versteht, und Kräften ausgeliefert, die ihn vernichten, ohne dass er weiß, warum - der 'Mythos von Sisyphos' klingt hier an, zweihundert Jahre vor Camus. Doch dominiert unter dem Strich das Prinzip Widerstand: In einer Welt mit einer wahllos zeugenden und vernichtenden Natur, in einem Dasein zum Tod sind die Menschen dazu aufgerufen, sich solidarisch zusammenzuschließen und ohne Glaubenskriege das Licht der Vernunft, das ihnen als alleinige Orientierung in der Finsternis dient, weiter auszubilden."

Außerdem: Der Politologe Eckhard Jesse erzählt in der NZZ eine Art Geschichte der Intellektuellen in der Bundesrepublik: von Wilhelm Röpke bis Margarete Stokowsky.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2019 - Ideen

"Theodor Adorno, dieser Linke, ist der eigentliche Vordenker der 'gilets jaunes'" und auch an Donald Trump hätte er seine Freude - steile These, die der Germanist und Stanford-Professor Russell Berman im Interview mit der NZZ aufstellt. Gilets jaunes wie Trump-Wähler protestieren - wie schon die 68er - gegen die Vergesellschaftung aller Lebensbereiche, die sie als Bevormundung empfänden, so Berman: "Ich meine damit die Kollektivierung bzw. Monopolisierung der Wirtschaft, die Verrechtlichung des alltäglichen Lebens und die Politisierung des Privaten, kurzum: das Schrumpfen nichtverwalteter Lebenszonen. Erstmals seit langem macht sich eine heftige Reaktion der Bürger gegen diese verwaltete Welt bemerkbar. ... Es ist die immanente Tendenz des modernen Staates seit dem 19. Jahrhundert, sich immer weiter auszudehnen, sofern ihm von Bürgerseite kein Widerstand erwächst. Die Bürokraten in staatlicher Besoldung streben naturgemäß nach mehr Macht, und ein Teil der meinungsführenden politischen Eliten ruft reflexhaft nach mehr Staat, wenn es darum geht, Probleme des gesellschaftlichen Lebens zu bewältigen. Wo ein Angebot ist, da entsteht auch ein Bedürfnis - das ist eine Logik der Bevormundung, die moderne Staaten perfektionieren wollen. Endstation: chinesischer Überwachungsstaat. Adorno wusste um diese Tendenz".

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ widerspricht Felix Philipp Ingold dem Romanisten Gerard Cheshire von der University of Bristol, der behauptet hat, das Rätsel um das Voynich-Manuskript gelöst zu haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2019 - Ideen

In der FR probt Arno Widmann schon mal sein bestes Lächeln für den Roboter, der ihn möglicherweise irgendwann pflegen wird. Kritik daran kommt ihm eurozentrisch vor: "Wir stecken so tief im Humanismus, den wir doch ständig verraten, dass Moral für uns darin besteht, Menschen nicht zu behandeln wie Dinge. Auf die Idee, den Humanismus auf die Dinge auszudehnen, Dinge pfleglich wie Menschen zu behandeln, kommen wir nicht. ... Inzwischen wissen wir, dass der Mensch im Wesentlichen aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht. 2,15 Prozent Stickstoff stecken in uns und 0,06 Prozent Eisen. Man geht davon aus, dass 90 Prozent aller Atome im Weltall Wasserstoffatome sind. Der Mensch ist das Produkt eines Mischungsverhältnisses. Pflanzen, Tiere, Steine, alles, das wir kennen, setzt sich aus denselben Grundstoffen zusammen. Der Mensch hat nichts Apartes für sich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2019 - Ideen

In einem ellenlangen und recht trocken zu lesenden Guardian-Artikel legt der niederländische Politologe Cas Mudde dar, dass keine Korrelation zwischen dem Aufstieg der Rechtspopulisten und dem Niedergang der Sozialdemokratie bestehe. Im Schluss fordert er, statt eines hektischen Schielens auf die Rechten etwa beim Thema Migration, eine Erneuerung der Sozialdemokratie: "Dazu sollten auch die Gewerkschaften gehören, die trotz geschwächter Mitgliedschaft und Macht immer noch bessere Verbindungen zu den Arbeitnehmern haben. Dazu sollten progressive Minderheitenorganisationen, insbesondere solche, die sich auf sozioökonomische Belange konzentrieren, und neue Basisorganisationen mit Wurzeln in den lokalen Gemeinschaften gehören. Kurz gesagt, die Wiederbelebung der Sozialdemokratie erfordert eine neue sozialdemokratische Bewegung - eine, die größer, mutiger und energischer ist als die bestehenden Parteien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2019 - Ideen

Saskia Hödl porträtiert in der taz die in Berlin tätige Juristin Kimberlé Crenshaw, die den Begriff der "Intersektionalität" erfunden hat. Abgeleitet ist er von "Intersection", dem amerikanischen Begriff für Straßenkreuzung, erläutert sie. Erfunden hat den Begriff Crenshaw, um einen Fall von vier schwarzen General-Motors-Arbeiterinnen zu beschreiben, die bei Kürzungsmaßnahmen 1968 als erste entlassen wurden: "Sie beklagten, dass es bei General Motors lange Praxis gewesen sei, für gewisse Jobs nur Männer einzustellen, etwa in der Fabrik, und für andere Jobs nur Frauen, etwa im Sekretariat. Darüber hinaus machten die Klägerinnen aber die Beobachtung, dass für die 'Männerjobs' zwar auch schwarze Männer eingestellt wurden, für die 'Frauenjobs' aber nur weiße Frauen. Schwarze Frauen kamen also lange für keine der Jobkategorien in Frage. Bis 1970 habe es in der ganzen Niederlassung in St. Louis deshalb nur eine Afroamerikanerin gegeben." Ob in dem Begriff auch Diskriminierungen innerhalb von Gruppen oder nur solche durch den "weißen Mann" gemeint sind, lässt Hödl offen. Hier Crenshaws urspünglicher Essay von 1989 als pdf-Dokument.

Kevin Kühnerts Verstaatlichungsideen sind doch prima, und liberal sind sie auch, behauptet der Philosoph und Schriftsteller Hannes Bajohr auf Zeit online und argumentiert mit der amerikanischen Philosophin Judith N. Shklar. Für sie war Liberalismus nicht das freie Spiel als frei gedachter Marktteilnehmer, sondern ein Spiel zwischen Mächtigen und Schwachen, das immmer wieder ausgeglichen werden muss, weil die Schwachen sonst eben nicht frei sind: "Gerade große Konzerne, schreibt Shklar, haben einen Status, der eher öffentlich als privat ist und staatlicher Machtausübung in wenig nachsteht. 'Eigentümerschaft darf aber nicht unbegrenzt sein', mahnt sie, denn sobald Eigentum selbst Furcht erzeugt, erfüllt es seine Abwehrfunktion nicht mehr. Wenn also die Macht, die ein Immobilienunternehmen auf sich vereint, zur plausiblen Quelle von Furcht für diejenigen wird, die von ihm abhängen, ist es nach Shklar für den Staat möglich, einzugreifen. Neben Zerschlagung kann das auch Vergemeinschaftung bedeuten - vorausgesetzt, sie ist kein Endzweck, sondern ein Instrument, mit dem die Bedingungen gewährleistet werden, unter denen die Ausübung von Freiheit möglich ist."