Populismus ist gut für die Demokratie,
glaubt Zukunftsforscher
Daniel Dettling in der
Süddeutschen. Plötzlich wird diskutiert, welches Europa wir wirklich wollen. Und es geht dabei in die richtige Richtung: "Die Zustimmung zur Europäischen Union ist auf einem
Rekordniveau (Eurobarometer 2018), vor allem bei den Jüngeren. Der nahende Brexit wird den pro-europäischen Parteien bei der Europawahl im Mai erhebliche Stimmenzuwächse bringen. Die
globalen Zukunftsfragen Klimaschutz, Migration, Handel und Digitalisierung führen zu mehr Einigkeit innerhalb der EU als je zuvor." Dettling setzt auf die "
Neodemokraten" wie Macron, Robert Habeck und Jesse Klaver. "Ihr Ziel ist eine bessere Zukunft, in der wir das Morgen nicht durch ein ideologisches Programm gewinnen, sondern durch
ständiges Experimentieren und Improvisieren, Lernen und Verändern, Navigieren und Korrigieren."
Der Wien lehrende Romanist
Georg Kremnitz plädiert im
Interview mit dem
Standard für mehr Demokratie in der EU und eine stärkere Beteiligung der Regionen. Der
Nationalstaat hat für ihn eigentlich abgedankt: "Es war gefährlich, vorschnell Staaten in die EU aufzunehmen, die sich, vereinfacht gesagt, ihre Hörner noch nicht abgestoßen hatten. In anderer Hinsicht bedeutete die Europäische Union einen Rückfall in
vordemokratische Zeiten. Sie besitzt weniger demokratische Kontrolle als irgendeines ihrer Mitglieder. Es wird wohl nötig sein, auf europäischer Ebene die
Französische Revolution nachzuholen." Ohne Guillotine, versichert Kremnitz.
In der
NZZ sieht das Thomas Risi ganz anders. Echte Demokratie ist für ihn nur in einem kleineren, überschaubaren Gebilde, eben einem Nationalstaat möglich: "Die Vorstellung, nichts behindere Europa mehr als das Festhalten an den Nationalstaaten, ist ein
fataler Irrtum. Sie verkennt das, was den Kontinent im Kern ausmacht: Europas Identität liegt nicht in großräumiger Einheitlichkeit, sondern in der Vielfalt regionaler Kulturen, die sich auf engem Raum entwickelt haben. Europäer definieren sich noch immer in erster Linie als Deutsche, Franzosen oder Engländer, auch wenn Europa durchaus einen Aspekt ihres Selbstverständnisses spiegelt. Das heißt allerdings nicht, dass es eine
europäische Identität nicht gäbe. Es gibt sie."
Globalgeschichte ist keine Absage an Nationalgeschichte,
versichert der Globalhistoriker
Jürgen Osterhammel im Interview mit der
NZZ, solange letztere einen Blick für größere Zusammenhänge behält. Eigentlich ergänzt sich das ganz gut: "Sie werden überrascht sein, wenn ich dafür plädiere, dem
20.
Jahrhundert mehr Interesse zu schenken; es wird im Allgemeinen ja keineswegs vernachlässigt. Es ist aber auffällig, dass die intellektuell anspruchsvollsten globalhistorischen Arbeiten bisher im Zeitraum zwischen etwa 1500 und 1900 angesiedelt waren. Für das 20. Jahrhundert muss ein
deutlicherer Begriff von Globalität entwickelt werden, der nicht mit wirtschaftlicher und kommunikationstechnischer Globalisierung identisch ist. Auch müssen die
beiden Weltkriege plausibel einbezogen werden. Sie werden bis jetzt - für den Ersten Weltkrieg beginnt sich dies gerade zu ändern - als Ausnahmezeiten sui generis den Spezialisten überlassen, wo sie doch eigentlich '
Globalgeschichte pur' sein sollten."