9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2019 - Ideen

Die NZZ beschäftigt sich in ihrer Wochenendbeilage Literatur und Kunst mit der Schweiz als Heimat und Identität. Der Politikwissenschaftler Georg Kohler begreift das Land als Willensnation und verortet es zwischen dem "Alpenparadies" und Ben Vautiers "La Suisse n'existe pas": "Umgang mit Ambivalenz ist entscheidend für individuelle wie für kollektive Selbsterhaltung. Und auch Gemeinschaften können nicht überleben ohne positive Identitätsentwürfe. Aber sie scheitern, wenn es nicht gelingt, Selbstbild und Umwelt einander anzupassen. Eben diesen Sachverhalt meint Vautiers Spruch. 'La Suisse n'existe pas' macht klar, dass der uns noch immer berührende Mythos vom 'glücklichsten Volk auf Erden' nur dann nicht zum Opiat wird, wenn er daran erinnert, dass Leben auf der Höhe der eigenen Zeit - im 'Alpenparadies' - in erster Linie Auseinandersetzung mit der immer wieder sich erneuernden Wirklichkeit ist. Das Gesetz der Evolution heißt Anpassung."

Der Unternehmer und Bundesrat Kaspar Villinger plädiert für ein entspanntes Heimatgefühl.
Stichwörter: Schweiz, Kohler, Georg, Evolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2019 - Ideen

In einem sehr schönen Essay in der Zeit ermuntert Stephan Wackwitz zum Vertrauen auf die liberalen Kräfte in Polen - auch wenn sie nicht immer so aussehen, wie westliche Linke sich das vorstellen. Er erinnert dabei an zwei Künstler, die in den vierziger Jahren, während der deutschen Besatzung, im Untergrund die Freiheit verteidigten: Karol Wojtyla, damals Dichter und Schauspieler, und Tadeusz Kantor. "Wojtyla war als Johannes Paul II. das Oberhaupt der katholischen Kirche. Und die Kunst Tadeusz Kantors ist mit ihrer Theorie der 'Realität des geringsten Ranges', mit ihrer Verwurzelung in der jüdischen und christlichen Mystik, mit ihrer Umkehr der weltlichen Machtverhältnisse in seinem 'Theater des Todes', mit ihrer Nähe zur Ikone und zum Ritual im Kern religiös. Wojtyla und Kantor brachten auf ihrer Lebensreise Ergebnisse hervor, die zum Kernbestand der Moderne gehören: politische Freiheit, revolutionäre Kunst, Ermächtigung des Individuums und seiner ästhetischen und spirituellen Autonomie. Sie kamen zu diesen Errungenschaften von Positionen aus, die Westintellektuelle instinktiv und reflexhaft für reaktionär halten und zu bekämpfen bereit sind, von Positionen aus, auf die sich allerdings, wenn auch mit weit weniger Recht, zugleich die reaktionären Regierungen in manchen osteuropäischen Staaten derzeit berufen. Diese Paradoxie sollte Intellektuelle im Westen zu einer gewissen Demut anhalten."

Auf Zeit online scheint die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk dem beizustimmen: Der ermordete Danziger Bürgermeister "Paweł Adamowicz, ein moderner Konservativer und ausgezeichneter Lokalpolitiker, stand für all das, wofür PiS nicht steht. Obwohl er ein Traditionalist war, setzte er engstirniger Kirchturmpolitik seine Aufgeschlossenheit und Großherzigkeit entgegen. Er besaß außerdem einen seltenen Mut und soziales Feingefühl. Zum Beispiel unterwanderte er zusammen mit einigen anderen Bürgermeistern die Regierungspolitik: Sie luden Geflüchtete in ihre Städte ein und sagten ihnen Unterstützung, Arbeit und Unterkunft zu. Der Anschlag auf diesen Mann ist auch ein Angriff auf die Vision von einem liberalen progressiven Polen." Tokarcuk macht für den Mord vor allem die hasserfüllte Sprache der regierenden PiS und ihrer Anhänger verantwortlich.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2019 - Ideen

Populismus ist gut für die Demokratie, glaubt Zukunftsforscher Daniel Dettling in der Süddeutschen. Plötzlich wird diskutiert, welches Europa wir wirklich wollen. Und es geht dabei in die richtige Richtung: "Die Zustimmung zur Europäischen Union ist auf einem Rekordniveau (Eurobarometer 2018), vor allem bei den Jüngeren. Der nahende Brexit wird den pro-europäischen Parteien bei der Europawahl im Mai erhebliche Stimmenzuwächse bringen. Die globalen Zukunftsfragen Klimaschutz, Migration, Handel und Digitalisierung führen zu mehr Einigkeit innerhalb der EU als je zuvor." Dettling setzt auf die "Neodemokraten" wie Macron, Robert Habeck und Jesse Klaver. "Ihr Ziel ist eine bessere Zukunft, in der wir das Morgen nicht durch ein ideologisches Programm gewinnen, sondern durch ständiges Experimentieren und Improvisieren, Lernen und Verändern, Navigieren und Korrigieren."

Der Wien lehrende Romanist Georg Kremnitz plädiert im Interview mit dem Standard für mehr Demokratie in der EU und eine stärkere Beteiligung der Regionen. Der Nationalstaat hat für ihn eigentlich abgedankt: "Es war gefährlich, vorschnell Staaten in die EU aufzunehmen, die sich, vereinfacht gesagt, ihre Hörner noch nicht abgestoßen hatten. In anderer Hinsicht bedeutete die Europäische Union einen Rückfall in vordemokratische Zeiten. Sie besitzt weniger demokratische Kontrolle als irgendeines ihrer Mitglieder. Es wird wohl nötig sein, auf europäischer Ebene die Französische Revolution nachzuholen." Ohne Guillotine, versichert Kremnitz.

In der NZZ sieht das Thomas Risi ganz anders. Echte Demokratie ist für ihn nur in einem kleineren, überschaubaren Gebilde, eben einem Nationalstaat möglich: "Die Vorstellung, nichts behindere Europa mehr als das Festhalten an den Nationalstaaten, ist ein fataler Irrtum. Sie verkennt das, was den Kontinent im Kern ausmacht: Europas Identität liegt nicht in großräumiger Einheitlichkeit, sondern in der Vielfalt regionaler Kulturen, die sich auf engem Raum entwickelt haben. Europäer definieren sich noch immer in erster Linie als Deutsche, Franzosen oder Engländer, auch wenn Europa durchaus einen Aspekt ihres Selbstverständnisses spiegelt. Das heißt allerdings nicht, dass es eine europäische Identität nicht gäbe. Es gibt sie."

Globalgeschichte ist keine Absage an Nationalgeschichte, versichert der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel im Interview mit der NZZ, solange letztere einen Blick für größere Zusammenhänge behält. Eigentlich ergänzt sich das ganz gut: "Sie werden überrascht sein, wenn ich dafür plädiere, dem 20. Jahrhundert mehr Interesse zu schenken; es wird im Allgemeinen ja keineswegs vernachlässigt. Es ist aber auffällig, dass die intellektuell anspruchsvollsten globalhistorischen Arbeiten bisher im Zeitraum zwischen etwa 1500 und 1900 angesiedelt waren. Für das 20. Jahrhundert muss ein deutlicherer Begriff von Globalität entwickelt werden, der nicht mit wirtschaftlicher und kommunikationstechnischer Globalisierung identisch ist. Auch müssen die beiden Weltkriege plausibel einbezogen werden. Sie werden bis jetzt - für den Ersten Weltkrieg beginnt sich dies gerade zu ändern - als Ausnahmezeiten sui generis den Spezialisten überlassen, wo sie doch eigentlich 'Globalgeschichte pur' sein sollten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2019 - Ideen

Was Alan Turing und Martin Heidegger wohl zu sagen hätten, würden sie sich heute, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, über das Denken unterhalten? Der Kulturwissenschaftler Jan Söffner hält es in der NZZ jedenfalls mit Heidegger, wonach Denken immer ein Denken in der Welt ist, während Turing ein Denken über die Welt genügte. Das ist Söffner etwas unangenehm, denn Heidegger stand mit seinem Denken ja auf Seiten der Nazis: Man muss "auf den Ton achten, denn über ihn erkennt man am besten, auf welche Weise Gedanken an der Welt teilhaben. Im Ton aber schneidet Turing, der voller Leben, Rücksicht, Klarheit und Komik den Nerv seiner und auch noch unserer Zeit trifft, unendlich viel besser ab als Heidegger, der sich seinerseits notorisch im Ton vergreift. ... Der Ton des Denkens vergibt keine Falschheit, und vielleicht ist das ... auch eine Warnung für die heutige Auseinandersetzung mit der künstlichen Intelligenz."

In der Welt hat Olaf Gersemann langsam die Nase voll von der allzu wohlfeilen Globalisierungskritik (er guckt dabei auf die taz und Norbert Niemann im Freitext-Blog der Zeit): "Zu Beginn der achtziger Jahre, als die zweite Welle der Globalisierung Fahrt aufnahm, lebte mehr als 40 Prozent der Menschheit in extremer Armut. Heute sind es weniger als zehn Prozent. Das sind immer noch zu viel. So wie es nicht reicht, dass die Zahl der Kinder, die jedes Jahr sterben, bevor sie fünf Jahre alt geworden sind, bei gleichzeitig stark wachsender Weltbevölkerung von 20 Millionen auf zuletzt 5,6 Millionen gefallen ist. Aber dass es diese Trends gibt, ist so erfreulich wie es unbestreitbar ist, dass es sie ohne Globalisierung kaum hätte geben können. Der Gedanke, dass die Desintegration des entstehenden Weltbinnenmarkts diese Entwicklung beschleunigen statt ausbremsen könnte, ist reichlich verwegen. Oder sind die Länder mit dem weltweit geringsten Exportanteil an der Wirtschaftsleistung, nämlich Äthiopien, Afghanistan und der Jemen, leuchtende Vorbilder?"

In der Zeit schlachtet Josef Joffe eine andere heilige Kuh der Kapitalismuskritik: die Behauptung, durch die neuen Ökonomien wachse unaufhaltsam ein unterbezahltes Prekariat. Es wächst aber nicht, jedenfalls nicht zur Zeit und nicht in den USA, es schrumpft: "Seit 2017/18 herrscht Überbeschäftigung in den USA - das Machtverhältnis hat sich zugunsten der Arbeitnehmer gedreht. Sie können nicht nur höhere Löhne herausschlagen, sondern auch sichere Arbeitsplätze. Wenn Hände und Köpfe fehlen, muss der Kapitalismus zahlen und attraktive Arbeitsbedingungen hergeben. Die Hochkonjunktur macht's möglich, weshalb das Rätsel der Arbeitsmarkt-Normalisierung keines ist. Je höher das Wachstum, desto stärker die Position der Erwerbstätigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2019 - Ideen

In der FR halten Claus Leggewie und Horst Meier gar nichts von dem Versuch, die AfD mit Hilfe des Verfassungsschutzes zu bekämpfen. Wissen wir nicht genug über diese Partei? "Die Delegation einer inhaltlichen Kontroverse an einen Geheimdienst ist Gift für die politische Freiheit aller und bleibt ein deutsches Kuriosum. Demokraten müssen strikt unterscheiden zwischen anstößigen, schädlichen, kurz: zu bekämpfenden Ansichten einerseits und dem unverbrüchlichen Recht des politischen Gegners andererseits, diese Ansichten frei äußern zu dürfen. Der Marktplatz der Ideen, der free flow of discussion, darf nicht unter geheimdienstliche Aufsicht gestellt werden. Wer die Meinungsfreiheit einzelner zur Disposition stellt, verletzt die Freiheit aller. Anstatt legale 'Extremisten' von einer Behörde prüfen zu lassen, sollte man die eigene Urteilskraft schärfen und den politischen Kampf mit ihnen führen, also energisch und kreativ dagegenhalten."

Die Annehmlichkeiten der Moderne wollen viele in Anspruch nehmen, weiß in der NZZ der in Marokko geborene Schweizer Schriftsteller Kacem El Ghazzali, anders sieht es bei ihren Grundsätzen aus, bei Säkularismus und persönlicher Freiheit: "Wer Neuankömmlinge zur Integration auffordert, will damit nicht kulturelle Unterschiede verleugnen. Die Aufforderung ist vielmehr eine Einladung, Citoyen zu sein, Europäer zu sein, Universalist zu sein. Die Citoyenneté ist das Sicherheitsventil gegen die Vertreter der Identitätspolitik, die versuchen, den Staat zum Eigentum einer bestimmten Religion, Rasse oder Klasse zu machen. Staatsbürger zu sein, bedeutet, Demokrat zu sein, die Freiheit seiner Tochter zu respektieren und die Redefreiheit anzuerkennen, auch wenn über das Allerheiligste gelacht wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2019 - Ideen

Didier Eribon, Edouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie, die drei Hübschen von der Kapitalkritik, feiern im Gespräch mit Daniel Binswanger von republik.ch die "Gilets jaunes". Dass sich hier rechte mit linken Diskursen mischen (unser Resümee), stört sie nicht im geringsten, wie sich auch in den Deutschland-Passagen des Gesprächs zeigt. Selbst für die AfD-Anhänger hat Eribon durchaus Verständnis: "Die Bevölkerung würde sich nicht so bedroht fühlen durch die Flüchtlinge, wenn der Sozialstaat nicht abgebaut worden wäre. Es wird häufig gesagt, dass die Bürger AfD wählen, weil sie um ihre eigene wohlfahrtsstaatliche Unterstützung fürchten. Das ist sehr gut nachvollziehbar, schließlich wurde ihr staatliches Sicherheitsnetz tatsächlich massiv abgebaut, allerdings nicht wegen der Flüchtlinge, sondern lange davor durch Gerhard Schröder." Der Neoliberalismus ist an allem schuld, meint auch der Schriftsteller Norbert Niemann im Freitext-Blog der Zeit, neidisch in Richtung Frankreich auf die Gelbwesten schielend. Auch in Deutschland fordert er "demokratischen Widerstand".

Zwar musste der eine Ehepartner bei einer Tagungseinladung des anderen immer als Geisel in Budapest bleiben, aber im kommunistischen Ungarn konnten wir wenigstens erforschen, was wir wollten, sagt im FR-Interview mit Arno Widmann Eva Kondorsi, Molekularbiologin und Direktorin am Institut für Biochemie der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die zur Symbiose von Hülsenfrüchten und Knöllchenbakterien forscht. Heute greife die Politik immer mehr in die Forschung ein: "Es wird heute viel von Innovation geredet. Innovation steht für die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Aber Innovation ist nur möglich bei einem möglichst umfassenden freien Austausch von Informationen und Gesichtspunkten. Davon wollen die Politiker, dieselben, die so gerne über Innovation sprechen, allerdings nichts wissen. Die Politik maßt sich immer mehr an, darüber zu entscheiden, was förderungswürdige Forschungsvorhaben sind und was nicht. Sie hören immer weniger auf Experten. Sie sind nur an schnellen Ergebnissen interessiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2019 - Ideen

Der Geograf Christophe Guilluy ist seit den Gilets jaunes in aller Munde. (Der Perlentaucher hat natürlich früher auf ihn hingewiesen.) Als Geograf ist ihm eine Ungleichheit aufgefallen, die sich auf dem Territorium manifestierte. Im Gespräch mit Spiked Online gibt er einen Abriss seiner Theorie: "Technisch gesehen funktioniert unser globalisiertes Wirtschaftsmodell gut. Es bringt viel Reichtum hervor. Aber es braucht nicht die Mehrheit der Bevölkerung, um zu funktionieren. Es gibt keinen wirklichen Bedarf an Handwerkern, Werktätigen und sogar Kleinunternehmern außerhalb der Großstädte. Paris schafft genug Reichtum für ganz Frankreich, und London tut dasselbe in Großbritannien. Aber man kann keine Gesellschaft darauf aufbauen. Die Gilets jaunes sind eine Revolte der Arbeiterklasse, die an diesen Orten lebt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2019 - Ideen

In der NZZ denkt der italienische Philosoph Maurizio Ferraris über das Glück nach. Sind die Menschen heute glücklicher als die Menschen der Vormoderne? "Vor allem sind sie weniger dazu bereit, sich mit der Vorstellung anzufreunden, dass Glück weder ein Recht noch eine Pflicht, sondern vielmehr ein flüchtiges und oft unverdientes Geschenk darstellt, aus dem sich keine Forderungen ableiten lassen. Im Gegenteil: Wie Kant zu Recht bemerkte, ist Glückseligkeit höchstens die Belohnung dafür, dass man sich ihrer würdig erwiesen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2019 - Ideen

Kein Autor bringt die "Entfesselung des rivalisierenden Sich-Vergleichens" so auf den Punkt wie der französisch-amerikanische Anthropologe René Girard, schreibt Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ, auch mit Blick nach Frankreich dringend zur Lektüre ratend. Je mehr sich die wirtschaftlichen Möglichkeiten der global wachsenden Mittelkasse anglichen, desto mehr nehmen auch Neid, Ressentiment und Identitätspolitik zu, so Gumbrecht: "Aus internationaler Perspektive lebt die große Mehrheit der Franzosen ja gerade nicht unter Bedingungen skandalöser Ungleichheit, sondern unter den Vorzeichen eines (erfolgreichen und kaum mehr zu finanzierenden) Wohlfahrtsstaates mit seinen typischen Gleichheitsforderungen. Eine Reihe anderer Gesellschaften scheinen derzeit die aus ähnlichen Situationen entstandenen Gewalttendenzen, könnte man in einem über Girard hinausgehenden Schritt vermuten, durch Syndrome von unnachgiebigen Vorschriften der 'politischen Korrektheit' zu neutralisieren. Denn sie sind ja nichts anderes als Regeln der absoluten Konfliktvermeidung (niemand darf sich je zurückgesetzt fühlen), deren Effekt nur paradoxerweise zu immer höherer Spannung, psychischer Blockierung und schwindender Produktivität in allen sozialen Bereichen führt. Für Frankreich hingegen ist das Gewaltvermeidungs-Netzwerk der politischen Korrektheit nicht mehr wirksam - wenn es denn dort je existiert hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2019 - Ideen

Auch der Buchdruck produzierte eine Menge verschwörungstheoretischen Schrott, schreibt Alexander Kluge im Tagesspiegel: "In der Aufklärung fanden sie das Gegenmittel, den Gegen-Algorithmus zu Gutenberg: die Lust an der Kritik. Die drei großen Kritiken von Immanuel Kant sind eine Festung gegen die Sintflut des Gedruckten. In drei Bänden ist zu lesen: was ich nicht wissen kann und was ich nicht wissen muss, auf was ich hoffen darf. Ähnlich, nehme ich an, wird es, noch in diesem 21. Jahrhundert, eine Gegenbewegung der Nutzer gegen die Überflutungen in den digitalen Netzen geben: die Suche nach Oasen inmitten der Siliziumwüste."

Direkte Demokratie hilft immer nur den Rechtspopulisten? Das stimmt so nicht, erklärt die sozialdemokratische Schweizer Politikerin Gret Haller in der SZ. Aber man kann auch direkte Demokratie richtig oder falsch machen. Voraussetzung für ihr Funktionieren sind klare Regeln, schreibt sie: "Volksentscheide müssen 'von unten' verlangt werden können. Plebiszitäre Referenden, Volksentscheide also, die nach Belieben der Machtträger 'von oben' ausgelöst werden, zerstören die direkte Demokratie. Das Brexit-Referendum ist da ein gutes Beispiel: Volksabstimmungen dürfen nicht unter Umgehung des Parlaments inszeniert werden, denn die Stimmberechtigten haben ein Anrecht darauf zu wissen, was ihre Vertreter über die Materie denken. In der Parlamentsdebatte müssen die entscheidenden Argumente im Hinblick auf die Volksabstimmung ausformuliert werden. Die Lernfähigkeit der Demokratie macht auch eine Zweitabstimmung über denselben Gegenstand sinnvoll, wenn sich Resultate nachträglich als Fehlentscheide erweisen. Das Volk ist nicht ein gottgleiches Wesen, das den Monarchen ersetzt, so wie eine Verfassung immer Menschenwerk ist und deshalb nie heilig sein kann."