Wohin man auch guckt in Deutschland:
Zukunft sehen die Politiker heute nicht mehr. Alle Wahlversprechungen richten sich auf die Erhaltung des
Status quo,
meint Hans Ulrich Gumbrecht in der
NZZ. "Umgeben von der blockierten Zukunft und der geradezu aggressiv präsenten Vergangenheit ist die einst nicht wahrnehmbare kurze Gegenwart des historischen Weltbilds in einen
Prozess der Ausdehnung eingetreten. Es gibt eine neue, nicht selten von ökologischem Denken angestoßene Tendenz, Vergangenheit und Zukunft in maximalen Spannen zu denken, etwa als
Anthropozän zwischen dem Erscheinen des Homo sapiens und seinem vorweggenommenen Verschwinden von der Oberfläche des Planeten. Zugleich und trotz einer alle Vergangenheiten in den Schatten stellenden Vielzahl
einschneidender Veränderungen in unserem Alltag fällt es uns seit der Implosion des Staatssozialismus um 1989 eigenartig schwer, die Gegenwart in Schwellen oder Übergängen zwischen einem Vorher und Nachher zu erleben."
Carolin Wiedemann porträtiert in der
FAS den kanadischen Psychologen
Jordan Peterson, der zu Ruhm gelangte, nachdem er in einem Youtube-
Video erklärte, warum er sich der genderisierten Sprechweise verweigert. Es folgte ein
Channel Four-Interview, in dem er sich von der Interviewerin nict aufs Glatteis führen ließ: "Für die Kommentatoren, die ihn feierten, offenbart sich in diesem Interview jedoch etwas anderes: Der Mann aus der Wissenschaft
argumentiert logisch, während eine radikale Feministin ihn grundlos als Sexisten anprangert. Dass diese Dame auch noch eine Talkshow moderieren darf, bestätigt in den Augen von Petersons Anhängern genau das, was Peterson in seinen Youtube-Videos beschwört: eine
postmoderne Invasion, die unsere westliche Zivilisation bedrohe, mit ihren Sprechverboten etwa."
Mit
Ironie ist Wladimir Putin nicht beizukommen,
lernt Julian Hans (
SZ) in einer Putin-Ausstellung im hippen Moskauer Design-Zentrum Artplay. Sie verschleiere nur den Unterschied zwischen Kult und Kritik: "Die Ironie ist längst
Teil der Propaganda. Das Muster trifft nicht nur auf die Person des Präsidenten zu, es gilt auch in den Staatsmedien und beim Militär. Immer geht es um ein Spiel damit, was eigentlich gemeint und was wahr ist. Den
Spezialkommandos der russischen Armee, die im Februar 2014 als 'örtliche Selbstverteidigungskräfte' getarnt die Krim besetzten, werden in zynischem Stolz '
höfliche Leute' genannt - Völkerrechtsbruch mit Humor. Dass der Westen ernst macht mit Sanktionen - die verstehen echt keinen Spaß und verderben allen die Laune! Ironie ist gespielte Grenzüberschreitung, und
konkrete Grenzüberschreitungen lassen sich so hervorragend verharmlosen."
Außerdem: In der
NZZ schreibt Roman Bucheli eine kleine Geschichte unseres Wunsches nach
Unsterblichkeit. Und Julia Encke unterhät sich in der
FAZ mit dem Kulturwissenschaftler
Helmut Lethen über sein neues Buch "Die Staatsräte", das ein fiktives Gespräch zwischen Carl Schmitt, Wilhelm Furtwängler, Gustaf Gründgens und Ferdinand Sauerbruch inszeniert.