9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2018 - Ideen

Ist Geschlecht nur eine Glaubensfrage? In der NZZ resümiert die feministische Journalistin Joanna Williams die Geschlechterdebatte der letzten siebzig Jahre, beginnend bei Simone de Beauvoir über Judith Butler bis hin zu jüngsten neurophysiologischen Untersuchungen: Die "Unterscheidung zwischen Gehirn und Denken ist ein Kernpunkt. Menschen lassen sich ebenso wenig auf ihr Gehirn wie auf ihre Genitalien reduzieren. Unser Bewusstsein, unsere Fähigkeit, im Einklang mit unserer biologischen Prägung oder auch gegen sie zu handeln, statt uns einfach von ihr regieren zu lassen - das ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2018 - Ideen

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen diagnostiziert in seinem neuesten Buch - übrigens in Anspielung auf Thomas Manns "Zauberberg" - "Die große Gereiztheit". Fluidum der großen Gereiztheit heutiger Ausprägung ist für ihn das Internet. Im Gespräch mit Claudia Schwartz von der NZZ exempliziert er seine These aber mit einem Ereignis in der Sphäre der alten Medien: "Es gibt natürlich den skandalisierenden Übereifer, das Hochjazzen minimaler Grenzüberschreitungen. Wir haben das gesehen bei Christian Wulff. Da kümmerten sich tatsächlich drei deutsche Journalisten der Financial Times um die Frage, ob Christian Wulff im Gymnasium seine Mitschüler mit After-Eight-Schokolade bestochen haben könnte, um Schülersprecher zu werden." Pörksen plädiert am Ende für eine Art medienpädagogischen Arbeit der Gesellschaft an sich selbst: "Wir müssen Diskursformen trainieren."

Der amerikanische Linguist und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker hält im SZ-Interview Intellektuelle und Journalisten ebenfalls nicht für unschuldig an der gegenwärtigen Krisenstimmung. Außerdem diagnostiziert er in Zeiten des Populismus von links und rechts eine Wiederkehr der Romantik und insbesondere der Politik der Authentizität und erklärt, weshalb wir umso mehr auf die Aufklärung angewiesen sind: "Eines der Ideale der Romantik ist, dass Menschen von Natur aus tugendhaft sind. Und dass ihre Tugendhaftigkeit von einem starken, charismatischen Führer verkörpert werden sollte und man deswegen die Mechanismen der Demokratie abbauen muss. Die populistische Rechte dämonisiert diese gerne als Verwaltungsstaat, als 'tiefen Staat'. Aber der demokratische Staat ist eine Erfindung der Aufklärung, um die Defizite des Menschen auszugleichen, eine Gegenmaßnahme gegen die Authentizität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2018 - Ideen

Nun ist der nicht abgschlossene letzte Band von Michel Foucaults "Geschichte der Sexualität", "Les aveux de la chair", doch noch erschienen. Helmut Mayer liest für die FAZ die französische Ausgabe: "Möglich geworden ist diese Edition, die genauso wie die Bände der Pléiade von Frédéric Gros verantwortet wird, durch einen Generationenwechsel bei den familiären Rechteinhabern. Der Neffe Foucaults, selbst Philosoph, hielt nicht mehr an der strikten Auslegung des testamentarischen Wunsches fest, sondern fand es wie die verlegerischen Sachwalter einleuchtend, den ausstehenden Band der 'Histoire' vorzulegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2018 - Ideen

Wohin man auch guckt in Deutschland: Zukunft sehen die Politiker heute nicht mehr. Alle Wahlversprechungen richten sich auf die Erhaltung des Status quo, meint Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ. "Umgeben von der blockierten Zukunft und der geradezu aggressiv präsenten Vergangenheit ist die einst nicht wahrnehmbare kurze Gegenwart des historischen Weltbilds in einen Prozess der Ausdehnung eingetreten. Es gibt eine neue, nicht selten von ökologischem Denken angestoßene Tendenz, Vergangenheit und Zukunft in maximalen Spannen zu denken, etwa als Anthropozän zwischen dem Erscheinen des Homo sapiens und seinem vorweggenommenen Verschwinden von der Oberfläche des Planeten. Zugleich und trotz einer alle Vergangenheiten in den Schatten stellenden Vielzahl einschneidender Veränderungen in unserem Alltag fällt es uns seit der Implosion des Staatssozialismus um 1989 eigenartig schwer, die Gegenwart in Schwellen oder Übergängen zwischen einem Vorher und Nachher zu erleben."

Carolin Wiedemann porträtiert in der FAS den kanadischen Psychologen Jordan Peterson, der zu Ruhm gelangte, nachdem er in einem Youtube-Video erklärte, warum er sich der genderisierten Sprechweise verweigert. Es folgte ein Channel Four-Interview, in dem er sich von der Interviewerin nict aufs Glatteis führen ließ: "Für die Kommentatoren, die ihn feierten, offenbart sich in diesem Interview jedoch etwas anderes: Der Mann aus der Wissenschaft argumentiert logisch, während eine radikale Feministin ihn grundlos als Sexisten anprangert. Dass diese Dame auch noch eine Talkshow moderieren darf, bestätigt in den Augen von Petersons Anhängern genau das, was Peterson in seinen Youtube-Videos beschwört: eine postmoderne Invasion, die unsere westliche Zivilisation bedrohe, mit ihren Sprechverboten etwa."

Mit Ironie ist Wladimir Putin nicht beizukommen, lernt Julian Hans (SZ) in einer Putin-Ausstellung im hippen Moskauer Design-Zentrum Artplay. Sie verschleiere nur den Unterschied zwischen Kult und Kritik: "Die Ironie ist längst Teil der Propaganda. Das Muster trifft nicht nur auf die Person des Präsidenten zu, es gilt auch in den Staatsmedien und beim Militär. Immer geht es um ein Spiel damit, was eigentlich gemeint und was wahr ist. Den Spezialkommandos der russischen Armee, die im Februar 2014 als 'örtliche Selbstverteidigungskräfte' getarnt die Krim besetzten, werden in zynischem Stolz 'höfliche Leute' genannt - Völkerrechtsbruch mit Humor. Dass der Westen ernst macht mit Sanktionen - die verstehen echt keinen Spaß und verderben allen die Laune! Ironie ist gespielte Grenzüberschreitung, und konkrete Grenzüberschreitungen lassen sich so hervorragend verharmlosen."

Außerdem: In der NZZ schreibt Roman Bucheli eine kleine Geschichte unseres Wunsches nach Unsterblichkeit. Und Julia Encke unterhät sich in der FAZ mit dem Kulturwissenschaftler Helmut Lethen über sein neues Buch "Die Staatsräte", das ein fiktives Gespräch zwischen Carl Schmitt, Wilhelm Furtwängler, Gustaf Gründgens und Ferdinand Sauerbruch inszeniert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2018 - Ideen

Mit dem 68er-Jubiläum kommt auch Adorno zurück, stöhnt Tilman Krause in der Welt. Dabei war er nie weg, wie Krause mit Blick auf unser "Zeitalter der politisch korrekten Sprachgebote und  -verbote" feststellt, war er doch der erste Publizist, der die Beurteilung eines Kunstwerks nach moralpolitischen Kriterien in die Welt brachte: "Was nach dem Holocaust, als man nach den Ursachen für den ungeheuren Zivilisationsbruch suchte, vorübergehend für eine sinnvolle Vorgehensweise gehalten werden konnte, hat sich seitdem verselbstständigt und ist im schlimmsten Fall heute zur puren politischen Gesinnungsschnüffelei degeneriert. Warum? Was machte Adornos Methode so populär, dass sie auch dort noch angewendet wird, wo der Zusammenhang mit dem Urheber niemandem mehr bewusst ist? Die Antwort ist schnell gegeben: Populär und praktikabel macht sie, dass sie so einfach geht!"

"Kunst muss frei sein", fordert auch Hermann Parzinger, wie Nicola Kuhn den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über den Umgang der Museen mit Bildern, die unter Sexismus-Verdacht stehen, im Tagesspiegel zitiert: "Museen sind Orte freien und kritischen Denkens. Gerade wir Deutsche haben mit Zensur in der Kunst viel zu schreckliche Erfahrungen gemacht, als dass wir hier leichtfertig einem äußerst fragwürdigen Trend folgen sollten. Was wäre dann noch der Unterschied zu Ländern, in denen zum Beispiel keine Bilder mit Nackten gezeigt werden dürfen, und die wir dafür gerne hart kritisieren?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2018 - Ideen

Perlentaucher Thierry Chervel erklärt in einem Artikel für die Welt, warum der Begriff der Kultur so zwiespältig ist und warum Kultur in Demokratien vor Zensur zu schützen ist - auch vor der allerneuesten Zensur im Namen von #MeToo, der Religion oder der Verletzlichkeit gesellschaftlicher Gruppen: "Erst Demokratien entwickelten jene Sphäre der Kultur als Spiel, als Raum der Zwanglosigkeit, der Selbstreflexion und der Möglichkeit von Sinn ohne Transzendenz. Sie ermöglichte es, all die Totems vergangener Kulturen mit ihren zornigen Götterfratzen, eben als solche zu erkennen, schützenswerte Zeugnisse von Kulturen, die man studieren und bewundern kann, ohne sie fürchten zu müssen. Möglich wurde das in demokratischen Ländern, weil man sich ein Stück weit auch aus der eigenen Kultur löste, die Zwangszusammenhänge der Dörfer, Familien und Religion verließ, sein Bündel schnürte, sich emanzipierte."

In Polen, Ungarn, Wien und den USA (ein bisschen auch in der CSU) rufen Politiker derzeit die konservative Revolution aus. Was sie damit meinen, wissen sie oft selbst nicht, meint Ivo Mijnssen in der NZZ, außer, dass sie an der Macht bleiben wollen: "Die nostalgischen Revolutionäre planen keinen Weltenbrand und keine Bürgerkriege. Vielmehr handeln sie in den entscheidenden Fragen oft erstaunlich pragmatisch. Sie sind trotz aller anderslautenden Rhetorik nicht bereit, die Kosten einer Abwendung von der globalisierten Welt zu tragen. Welcher Politiker will denn schon verantwortlich gemacht werden für eine mutwillig herbeigeführte Wirtschaftskrise oder einen erheblichen Wohlstandsverlust der Bevölkerung? Beim Kampf um die Macht sind die modernen Revolutionäre hingegen bereit, die Grenzen der Demokratie und des Rechtsstaats zumindest zu strapazieren."

Revolution? Das ist nur noch ein Hohlwort, meint der Schriftsteller Norbert Niemann auf Zeit online. Es dient heute vor allem der Erzeugung eines vagen Gefühls: "Der Verfall politischer Begriffe zu populistischen Parolen ist symptomatisch für unsere desaströse Politikkultur. Er ist Teil einer Systemkrise, der wenn schon nicht mit Revolution, so doch wenigstens mit einer Kampfansage der kritischen Intelligenz begegnet werden sollte. Denn die Übertragung von Werbestrategien in die Politik führt nicht allein zu einer ständig wachsenden Emotionalisierung der großen gesellschaftlichen Streitfragen. Sie höhlt die politischen Inhalte selbst aus, sodass inzwischen offenkundig nicht einmal so manche politisch Handelnden noch wissen, was die da politisch eigentlich genau tun (wie ein prominentes amerikanisches Beispiel zurzeit beinahe täglich belegt). Und sie führt, insofern sie Affekte anstachelt, zwangsläufig zu einer Radikalisierung beim Austragen politischer Konflikte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2018 - Ideen

Gibt es eine Besonderheit des französischen Feminismus?, fragt Anne Chemin ausführlich in Le Monde mit Blick auf den "Aufruf der Catherines", der einen Akzent in der #MeToo-Debatte setzte: "Die Debatte kristallisiert sich in der Tat an der politischen Zweideutigkeit des Begriffs der Galanterie: Mona Ozouf und Elisabeth Badinter erblicken darin eine Befriedung der Sitten, während Michelle Perrot sie als soziale List anklagt, die dazu bestimmt sei, die Frauen weiterhin zu unterdrücken."

In der NZZ wundert sich Claudia Wirz, dass gerade in den doch freien Universitäten das Gendern im Sprachgebrauch wie ein Dogma von oben auf die Studierenden herab fällt - letztlich mit keinem Gewinn für die universitären Gleichstellungsabteilungen, denen sich Männer noch immer fern halten. Diese "permanente Gehirnimpfung" ist fehl am Platz, findet Wirz: "Ideologische Anleitung hat an einer Universität nichts verloren. Dass sie im Genderbereich trotzdem fast widerspruchslos praktiziert und gefördert wird, zeigt den Grad der Verzagtheit, der sich gegenüber dem Diktat der politischen Korrektheit eingestellt hat. Wer sich wehrt, gilt als reaktionär, also ist man lieber still."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2018 - Ideen

#MeToo oder die Angst vor dem neuen Faschismus von Bannon und Co - alles nur Kinkerlitzchen, Ablenkungsmanöver, die uns davon abhalten sollen, den Reichen an den Kragen zu gehen, meint Slavoj Zizek in der NZZ: "Unsere Aufgabe besteht nicht darin, eine Koalition zwischen der radikalen Linken und der faschistischen Rechten zu bilden, sondern darin, den Schlauch zu durchtrennen, über den die neue Rechte die Arbeiterklasse mit Sauerstoff versorgt. Das kann aber nur gelingen, wenn sich die Demokraten nach links bewegen, und zwar mit einer klaren kritischen Botschaft. Wenn sie also genau das tun, was Sanders und Corbyn gemacht haben und was die Ursache von deren zumindest relativem Erfolg war."

In einem - online nachgereichten - Zeit-Artikel geht der Soziologe Oliver Nachtwey noch weiter: Die Linke ist in der Krise, weil sie keine Vorstellung von einer besseren Welt, einer Alternative zum globalen Kapitalismus mehr hat, schreibt er. "Deshalb ist sie keine Kraft der Zukunft, keine Treiberin des Fortschritts, keine Energiequelle von Reformanstrengungen mehr. Sie hat kein eigenes Narrativ einer Gesellschaft jenseits von universeller Konkurrenz, grenzenlosem Wachstum, Umweltzerstörung, der Auflösung lokaler Gemeinschaften, in der jede Pore des Lebens zur Ware gemacht wird. Die Linke ist nur noch auf dem Papier, in den Grundsatzprogrammen, antikapitalistisch oder sozialistisch. Sie denkt nicht mehr in gesellschaftlichen Antagonismen. Dadurch ist sie konservativ geworden, sie will den alten, sozial regulierten Kapitalismus möglichst bewahren, obwohl der Strom des sozialen Wandels ihn schon im Innern zu weit aufgelöst hat." Auch Nachtwey empfiehlt Corbyn als Vorbild.

In einem Interview zu Merkel und dem Stand der Koalitionsverhandlungen beklagt der Soziologe Herfried Münkler im Tagesspiegel eine "Verkurzfristigung von politischem Handeln", sowohl bei Politikern als auch bei den Wählern: "Es setzt sich eine Konsumentenhaltung gegenüber der Politik durch. Die Bürger engagieren sich, wie der dramatische Rückgang der Parteimitgliedschaft zeigt, weniger in Parteien, wo man häufig Kompromisse machen muss. Sie engagieren sich projektbezogen, wie in der Flüchtlingskrise. Oder sie gehen in NGOs und Bürgerinitiativen, wo es ein Vorhaben gibt, mit dem sie sich moralisch identifizieren können. Bei Greenpeace oder Human Rights Watch müssen sie keine Kompromisse machen. Wenn es ihnen nicht mehr gefällt, gehen sie eben woandershin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2018 - Ideen

In der NZZ hat der französische Philosoph Pascal Bruckner weder für rechte Kolonial-Nostalgiker Verständnis, noch für linke, die nicht akzeptieren können, dass die ehemaligen Kolonien längst frei und für sich selbst verantwortlich sind: "In einer nüchternen Betrachtung gilt es, zwei Dinge grundsätzlich zu unterscheiden. Auf der einen Seite steht der Kolonialismus, der für uns moderne Menschen wie der Faschismus und der Kommunismus etwas ist, das wir aus Prinzip verdammenswert finden. Auf der anderen Seite gibt es die britische, holländische oder portugiesische Kolonisation, die vielschichtig war, schädlich und nützlich zugleich. Ihre Geschichte mit allem Respekt gegenüber den Fakten und Nuancen präzise darzustellen, obliegt den Historikern. Die französische Präsenz in Afrika zum Beispiel hat es erlaubt, der Sklaverei ein Ende zu setzen, die im Maghreb genauso wie in der Sahelzone und in Benin noch sehr verbreitet war. ... Der Kolonialismus ist an einem fundamentalen Widerspruch gestorben: Er hat ganze Kontinente den Gesetzen eines Mutterlandes unterworfen, das zugleich die Konzepte der Freiheit und der Selbstbestimmung propagierte. Jenen, die er dominierte, gab der Kolonialismus demnach auch den Schlüssel zur Emanzipation in die Hand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2018 - Ideen

Die NZZ widmet ihr Feuilleton heute John Brockmans Cybersalon edge.org, einer Community, in der der Literarturagent und Hauptvertreter der dritten Kultur, die die Grenzen zwischen Wissenschaft und Philosophie untersucht, Wissenschafter, Ingenieure und Unternehmer aufforderte, eine letzten Frage zu stellen. Der Psychologe David Pizzaro fragte etwa: "Sind wir klug genug um zu erkennen, wann wir die Grenzen unserer Fähigkeit, das Universum zu verstehen, erreicht haben?" Martin Rees, Professor für Kosmologie und Astrophysik: "Werden posthumane Existenzformen organisch oder elektronisch sein?"
Stichwörter: Edge.org, Brockman, John