Schwerpunkt #MeToo-Debatte Dunja Bialas
stellt bei
artechock den "
Aufruf der Catherines" (Catherine Millet, Catherine Deneuve, Catherine Robbe-Grillet) gegen #MeToo in den Zusammenhang der französischen Geistesgeschichte. Die Autorinnen seien weder klassische noch neumodisch genderistische Feministinnen: "Im Gegenteil halten sie eine Tradition hoch, die als Kulturgut in Frankreich eingeschrieben ist. Die Kunst zu gefallen und zu verführen, der '
libertinage' als sexuelle Freizügigkeit, das alles gab es bereits in der
höfischen Gesellschaft unter dem angeödeten, weil funktionslos gewordenen Adel von Versailles. Allenthalben wird für diese Zeit (und für herausgehobene Schichten) ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis festgestellt, in dem die
Frauen stilgebend (die Mode der Männer effeminierte sich zusehends), aber auch intellektuell äußerst einflussreich waren." Gleichzeitig wirft Bialas den Catherines vor, "absichtlich #Metoo und die daraus resultierende neue feministische Bewegung misszuverstehen".
Als Transmann (Ex-Frau) hat der französische Philosoph
Paul B. Preciado, dessen
Libération-Artikel von
Zeit online übersetzt wird, noch ganz andere Einsichten zur Angelegenheit: Heterosexualität sei eine
Regierungsform, das Bestehen der Catherines auf Verführung, ja nervender Anmache sei vorgestrig. "Die Verführung wird ästhetisiert, das Begehren stilisiert. Eine historische, konstruierte Form der Herrschaft stabilisiert das
Machtgefälle durch erotische Aufladung. Diese Politik des Begehrens hält das
geschlechtliche Ancien Régime am Leben, allen Versuchen der Gleichstellung und des Empowerments von Frauen zum Trotz. Das nekropolitische, heterosexuelle Regime ist genauso erniedrigend und zerstörerisch, wie es das Lehnswesen und die Sklaverei im Zeitalter der Aufklärung waren." Queerer Gott, erlöse uns von allem Übel!
Ganz anders
sieht es der (bekennend schwule) Großessayist
Andrew Sullivan im
New York Magazine. Er erzählt, wie er einmal eine
Testosteron-Therapie erhielt und die zweiwöchentliche Injektion fast wie einen Drogenrausch der Männlichkeit erlebte. "Diese Baucherfahrung öffnete mir die Augen für die schiere,
immense natürliche Differenz zwischen Mann- und Frausein und half mir, besser zu verstehen, dass Natur uns weit mehr im Griff hat, als wir glauben. Ich erzähle das, weil
diese natürliche Realität - die in Chrosomen und Genen, die kein Wissenschaftler bestreitet, festgeschrieben ist - in unserer immer hitzigeren Debatte um Geschlechterbeziehungen und #MeToo
kaum erwähnt wird. Sie scheint geradezu tabu zu sein. Man kann ein Leben mit Gender Studies verbringen, und sie wird nicht einmal erwähnt. Alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern, so sagt man uns heute, sind eine Funktion der
ewigen Unterdrückung der Frauen durch Männer, des 'Patriarchats', das diese Unterjochung verlangt und der Machtstrukturen, die zu Frauenfeindlichkeit führen."
Außerdem: Die Grünen-Politikerin
Tabea Rößner betont im
Tagesspiegel, dass es in der #MeToo-Debatte keinen Genie-Vorbehalt für die Kunstwelt geben darf.
=====================Die Philosophin
Donata Schoeller preist in der
NZZ den Wert des
Geplauders, weil sich manchmal Gedanken erst beim Sprechen herausbilden: "Nicht nur Dichter des 18., auch Wissenschafter des 20. Jahrhunderts setzen auf diese Methode, wenn sie, wie etwa Werner Heisenberg, ein
Sich-Heranreden zur Technik im Umgang mit einer noch diffusen Idee machen. In dieser Phase lehnte Heisenberg die Sprache der Mathematik ab. Man tastete sich vor, versuchte sich gegenseitig zu verstehen, wobei es vor allem darum ging, 'den Ball im Spiel zu halten', nämlich diejenige Idee, um die es noch unklar ging. Währenddessen wurden die Vorstellungen und
Begriffe schärfer."
Außerdem: Rolf Dobelli
denkt in der
NZZ über den Wert der
Allgemeinbildung im Zeitalter der Spezialisten nach.