9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2282 Presseschau-Absätze - Seite 164 von 229

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2018 - Ideen

Eine einheitliche Aufklärung hat es nie gegeben und angesichts von Weltkriegen, Holocaust oder Sklaverei muss man sich fragen, ob man die europäische Kultur überhaupt als aufgeklärt bezeichnen könne, schreibt Urs Hafner in der NZZ. Die gegenwärtige Anrufung der Aufklärung diene nur der "Selbstvergewisserung", meint er: "Aufgeklärt sind 'wir', unaufgeklärt 'die Anderen'. Oft heißt es: Weil das Abendland die Aufklärung durchlaufen habe, sei die westliche Gesellschaft freiheitlich, tolerant, individualistisch, humanitär - und christlich. 'Der Islam', der dies alles nicht sei, brauche daher dringend eine Aufklärung, er müsse den Rückstand aufholen. Sämtliche Differenzen innerhalb der arabischen und islamischen Welt verschwinden in dieser einfältigen Sicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2018 - Ideen

Erst wenn wir nicht mehr arbeiten, sind wir frei (und wirklich kommunistisch), meint der italienische Philosoph und Medientheoretiker Franco Berardi im Interview mit dem Freitag. Er propagiert die Anerkennung einer neuen "Semisphäre", in der Tätigkeiten nicht mehr berechenbar sind, und ein bedingungsloses Grundeinkommen: "Dem industriellen Kapitalismus gelingt es, Arbeit zu semiotisieren, die in Zeiteinheiten quantifizierbar ist. Nehmen Sie etwa die Muskelarbeit der Arme. Welche Arbeit in einer Stunde verrichtet werden kann, lässt sich bemessen. Wenn es aber darum geht, die Arbeit zu definieren, die es braucht, um ein Kind zu erziehen, einen alten Menschen zu pflegen oder eine geniale, architektonische Idee zu haben, wie macht man das? Benötigt man eine Minute oder zehn Jahre dafür?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2018 - Ideen

In der SZ hält Johan Schloemann wenig von dem Vorschlag der Gleichstellungsbeauftragten Kristin Rose-Möhring, die Nationalhymne geschlechtsneutral umzudichten: "Sollte man nicht so viel historisches Bewusstsein haben, dass man eine gewisse Spannung zur Gegenwart aushalten kann? Wie viel Identifikation erwartet man überhaupt? ... Man könnte auch so argumentieren: Wenn der Nationalismus heute ohnehin als problematisches, gar männliches, aber vielleicht notwendiges Gemeinschaftskonstrukt gesehen wird, warum sollen dann seine historisch bedingten Symbole das nicht auch widerspiegeln?
Stichwörter: Nationalhymne

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2018 - Ideen

Über Jahre hat die Religionslehrerin Lamya Kaddor, die als Gründerin des Liberal-Islamischen Bundes und Autorin zu einiger Prominenz gelangte, ihre religionskritische Diskursgegnerin Necla Kelek mit einem falschen Zitat verleumdet. Aufgedeckt hat es Jörg Metes bei den Ruhrbaronen, ergänzt wurde die Recherche von Thierry Chervel im Perlentaucher (unsere Resümees). Weder Kaddor noch ihre Unterstützer - etwa Jakob Augstein oder Volker Beck - haben sich entschuldigt oder sind von ihrer Position abgerückt. Metes resümiert ihre Reaktionen bei den Ruhrbaronen. Kaddor sah sich sogar selbst als die Verfolgte: "Dafür, dass sie Opfer einer Kampagne sein soll, erhält sie bemerkenswert wenig Beistand. Jenseits von Facebook und Twitter erhält sie überhaupt keinen. Den einzigen förmlichen Text, der zu ihrer Verteidigung erscheint, muss Kaddor sich am Ende selber schreiben. 'Sie fragen sich', beginnt dieser Text, 'warum ein Zitat nach sieben Jahren plötzlich wieder zum Thema wird?' - Kaddor ist der größte Troll von allen; das letzte Mal, dass sie selbst das Zitat zum Thema gemacht hat, ist gerade zwei Monate her."

Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt bleibt in der Welt bei seinem Projekt einer "konservativen Revolution": "Das politisch umzusetzen verstehe ich als Aufgabe von CSU und CDU. Die schon in gebückter Haltung, halb entschuldigend geführte vermeintliche Richtungsdebatte zwischen konservativ und christlich führt dabei in die Irre. Das Konservative und das Christliche sind keine Gegensätze, sondern bilden eine unauflösbare Einheit, denn das Christliche ist für das Konservative geradezu konstitutiv."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2018 - Ideen

Im NZZ-Interview mit Marc Neumann erklärt der konservative Journalist und Politikexperte Jonah Goldberg wie das Internet den Konservatismus in die Krise stürzte, wo der Unterschied zwischen Trump und Hitler liegt: "Hitler hätte Obamacare abgeschafft" - , warum er reine Demokratie für eine autoritäre Idee hält und weshalb Konservatismus nichts mit weißer Kultur zu tun: "Die Alt-Right-Typen haben beachtlichen Zuwachs unter Jungen, Idioten und erbosten Bürgern gewonnen. Sie sind ein eigener Stamm, für den gilt: Amerikanische Kultur ist synonym mit weißer Kultur. (...) Ein Unheil, das von Trump ausgeht, ist, dass er - auch mithilfe der strammen Linken - weiße Leute ermutigt, sich in erster Linie als Weiße zu denken. Je eher sich jemand als weiß identifiziert, statt als Christ, Klempner oder Alabamianer, desto wahrscheinlicher ist das eine Stimme für Trump. Wenn Amerikaner sein weiß sein bedeutet, dann ist dieses Land nicht mehr Amerika."

Einen "Rollentausch der Ideologien" stellt in der SZ der italienische Schriftsteller Mario Fortunato fest. Die Rechte versuche mit ehemals linken Slogans die Stimmung der Armen einzufangen, während die Linke sich mehr und mehr mit der herrschenden Elite identifiziere, meint er - etwa beim Thema Einwanderung: Die Linke habe sich von einer "allgemeinen Großzügigkeit leiten lassen, die vom Evangelium inspiriert zu sein scheint - man muss diejenigen willkommen heißen, die vor Krieg und Armut fliehen, und den Migranten zu einem Domizil und einer anständigen Arbeit verhelfen. Das ist gewiss ein großartiger Gedanke. Dumm nur, dass sich mit den Flüchtlingen lediglich die Schlangen der Wohnung- und Arbeitsuchenden verlängert haben, soweit nicht, schlimmer als das, an den Rändern der Städte und all jenen Orten der Not und Armut unseres sozialen Gefüges explosive Situationen entstanden sind. Und wer hat auf die Proteste der ärmsten Europäer reagiert? Erneut die Rechte, nicht zuletzt die extreme. Weit entfernt davon, vernünftige Antworten auf die Probleme zu geben, schlachtete sie deren gefährliches Potenzial lieber aus, während die Linke es vorzog, wegzugucken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2018 - Ideen

Im Interview mit JP O'Malley vom New Humanist erklärt der Psychologe Steven Pinker ("Einlightenment Now"), warum er das Thema "Ungleichheit" nicht für so entscheidend hält: "Auch wenn Bill Gates' Haus dreißig mal größer ist als meines, hat das doch keine Auswirkung auf mein Leben, es sei denn, Sie nehmen an, dass da ein immer gleich großer Geldtopf ist, so dass der eine weniger hat, wenn der andere Mehr nimmt. Was moralisch tatsächlich zählt, ist nicht Ungleichheit, sondern Armut: wie gut es den Leuten am unteren Ende geht. Dein Kind überleben zu sehen, Urlaub nehmen zu können, an Kultur teilzuhaben, das sind die Grundgüter. Ob du es im selben Grad wie jemand anders hast, ist wirklich nebensächlich."

In der NZZ schaut Paul Jandl auf seine Familie und denkt über Heimat nach: "Die Familie meines Vaters war immer da, wo sie herkam. Im Familiengrab des kleinstädtischen Friedhofs liegt man Schicht auf Schicht. Der durch Titel belegte Aufstieg ist in einen Stein graviert, hinter dem seit Ewigkeiten die Trauerweide steht. Das Dasein war tautologisch. Wo sonst sollte man sein als da? Es gab wenige Geschichten zu erzählen, und in dieser Schweigsamkeit war die Wirklichkeit immer nur sie selbst. Ein paar Straßen, von denen die breiteren nach Wien führten und die schmäleren noch weiter aufs Land."

Außerdem: In der FAZ wendet sich der emeritierte Linguist Peter Eisenberg gegen die Genderisierung der Sprache. Ebendort setzt Dietmar Dath seine Serie über Marx fort.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2018 - Ideen

Wie zu erwarten sieht Didier Eribon im Interview mit Daniel Binswanger von republik.ch die Kritik Mark Lillas am Genderismus der modischen Linken eher kritisch: "Ach ja, Mark Lilla entdeckt heute ganz plötzlich die Tugenden des Klassenkampfes, dabei führt er schon seit Jahrzehnten einen erbitterten Krieg gegen das 68er-Erbe. Er hat eine lange Karriere des konservativen Kampfes gegen alle Emanzipationsbewegungen hinter sich, ob es sich nun um den Feminismus, die Schwulenbewegung, den Antirassismus oder kritische französische Philosophen wie Foucault, Derrida, Deleuze, Bourdieu handelt. Lilla ist ein reaktionärer Ideologe, und er hat gerade großen Erfolg, weil er sagt, was die Leute hören wollen. Leute, die denken, sagen aber Dinge, die man nicht erwartet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2018 - Ideen

Die Sozialdemokratie ist zerrissen zwischen neuer Unterklasse, alter Mittelklasse, die Angst hat vor der Deklassierung, und der neuen Mittelklasse mit ihrem modischen Multikulti, die auch eine Menge anderer politischer Angebote hat, diagnostiziert der Kultursoziologe Andreas Reckwitz ("Die Gesellschaft der Singularitäten") im Feuilleton-Aufmacher der Zeit: "Teile der Wähler aus der neuen Mittelklasse wandern in die liberale Mitte ab, wo sie unter ihresgleichen bleiben; Teile der Wähler aus der alten Mittelklasse und neuen Unterklasse wandern frustriert nach rechts außen (oder Letztere auch nach links außen). Schlimmstenfalls entfremdet man sich nach beiden Seiten und ist für niemanden mehr die erste Adresse. Das Band zerreißt."

Im NZZ-Gespräch mit René Scheu deutet der amerikanische Politphilosoph Francis Fukuyama islamistischen Radikalismus mit dem griechischen Begriff des "Thymos" - dem Zentrum des Stolzes in der menschlichen Seele, ergründet Gemeinsamkeiten von Nationalisten und Islamisten, plädiert für einen "liberalen Patriotismus", der Menschen unabhängig von Ethnie und Religion als Bürger eines Landes versteht und spricht über den Zusammenhang von linker Identitätspolitik und antiuniversalistischem Kulturrelativismus: "Die marxistische Linke wurde durch eine nietzscheanische Linke ersetzt. Marx glaubte an Fortschritt, Moderne, Rationalität und Wissenschaft, also Werte, die aus der Aufklärung hervorgingen. Nietzsche blies einen Teil derselben weg, denn er war überzeugt, diese Werte seien christlich und ließen sich mit guten Gründen durch neue ersetzen. Nach Gottes Tod ist alles möglich, der Relativismus triumphiert. Dann ist eben nicht mehr die Klassenunterdrückung das Problem, sondern die Unterdrückung durch die westliche Kultur per se. Nun sitzen plötzlich westliche Werte auf der Anklagebank - sie sollen für Kolonialismus, Rassismus und Krieg verantwortlich sein. Fraglos haben westliche avancierte Länder viel Übles angerichtet im 20. Jahrhundert - wer aber so simplizistisch argumentiert, schüttet das Kind mit dem Bade aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2018 - Ideen

In der NZZ beharrt der notorisch optimistische Steven Pinker darauf, dass die Aufklärung die Welt besser stetig mache, dass zwar nicht die Ungleichheit abgenommen habe, wohl aber Armut, Verbrechen, Sterblichkeit. Und nein, das ist nicht naiv: "Es gibt Aktivisten, die Pessimismus für eine gute Sache halten - er sei ein Antrieb, Missstände aufzudecken, die Wohlstandsgesellschaft aufzurütteln, die Machthaber zur Rechenschaft zu ziehen. Aber nein. Nicht Pessimismus ist gut; Sachlichkeit und Genauigkeit sind es. Sicher müssen wir Leiden und Unrecht wahrnehmen, aber wir müssen uns auch im Klaren darüber sein, auf welche Weise sie gelindert werden können. Undifferenzierter Pessimismus kann in Fatalismus umschlagen und uns zur Überlegung verleiten, warum wir überhaupt Zeit und Geld investieren sollen, wenn die Lage ohnehin hoffnungslos ist. Und er kann zum Radikalismus führen - zu Destruktivität oder zum Glauben an einen charismatischen Tyrannen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2018 - Ideen

Die "Verdammten dieser Welt" machen keine Revolution mehr, sie emigrieren. Die Osteuropäer, die solche Angst davor haben, sollten das am besten verstehen, meint Ivan Krastev in der NZZ. Die in Polen, Ungarn oder der Slowakei "im Gang befindliche Gegenrevolution begreift sich als Kampf zur Verteidigung der Normalität. Das Paradoxe daran ist, dass die liberale Revolution von 1989 sich selber auch als Revolution verstand, die Normalität schaffen würde. Die Migrationswelle, die in Ostmitteleuropa einen Backlash auslöste, ist in vielerlei Hinsicht der Zwilling der 'samtenen Revolutionen' von 1989. Im Rückblick erkennen wir, dass die damaligen osteuropäischen Revolutionen die ersten Revolutionen waren, in denen Migration wichtig war."

Steven Pinker, der gerade das Buch "Enlightenment Now - The Case for Reason, Science, Humanism, and Progress  veröffentlicht hat, erklärt im Gespräch mit Adam Rubenstein im Weekly Standard, warum Identitätspolitik nicht aufklärerisch ist: "Wenn sie über das Ziel der Bekämpfung von Diskriminierung und Unterdrückung hinausschießt, ist sie ein Feind der Vernunft und aufklärerischer Werte, und das betrifft ironischerweise auch die Suche nach Gerechtigkeit für unterdrückte Gruppen. Vor allem anderen beruht Vernunft auf der Annahme einer objektiven Realität und universeller logischer Standards. Wie Tschechow sagte, gibt es keine nationalen Multiplkationstabellen und es gibt auch keine für ethnische oder LGBT-Gruppen."