9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2022 - Ideen

In der Welt staunt Dirk Schümer, dass ausgerechnet im noch ganz frischen, von großen Umbrüchen geprägten 21. Jahrhundert so gern alte Männer gewählt oder zumindest geduldet werden: Trump, Berlusconi, Lula da Silva, Narendra Modi, Putin und Xiping. "Womöglich zeugen die wahren oder angedrohten Comebacks von Lula, Trump, Berlusconi von einer zartbitteren Versuchung der Diktatur, welcher sich immer größere Wählergruppen freiheitlicher Länder genussvoll hingeben. Die alten Volkstribunen stehen heute für 'radical chic'. An den Rändern pöbeln und rumoren die selbsternannten Retter in grellen Farben, wo hingegen in der Mitte die Unterhändler und Versöhner ihrem grauen politischen Tagwerk nachgehen. Die Komplexität der globalisierten Welt, bei der nicht wenige schuldlos unter die Räder kommen, empfinden immer mehr Menschen eben nicht als Verheißung, sondern als Invasion, gegen die ihnen ein bewährter Vereinfacher - möglichst mit Geld, Ego und Erfahrung - als letzte Rettung hinter nationalen oder nationalreligiösen Zäunen erscheint." Dagegen helfen würde nur "die Falsifizierbarkeit von Politik. Widerlegte Vorhersagen, Angstbotschaften ans Zwerchfell der Wählerschaft oder glatte Lügen müssten an den Urnen abgestraft werden. Aber gibt es das noch in der Ära der zähen Opis?"

Außerdem: In der NZZ wirft der Historiker Jürgen Grosse einen kritischen Blick auf die linken Bobos und ihre "moralische Weltinnenpolitik für Klima, Frauen, Unterprivilegierte aller Art". Auf Zeit online will Georg Diez von linker Cancel Culture nichts wissen: Seiner Ansicht nach gibt es nur rechte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2022 - Ideen

In der NZZ widerspricht der Philosoph Martin Rhonheimer seinem Kollegen Konrad Paul Liessmann, der, mit Carl Schmitt argumentierend, kürzlich erklärt hatte, Putins Krieg erinnere uns daran, "dass es keine Politik, die diesen Namen verdient, gibt, ohne zwischen Freund und Feind zu unterscheiden". Das sieht Rhonheimer etwas anders. Die Unterscheidung sei nur dann von Bedeutung, wenn das Recht gefährdet sei: "Nicht weil sich Putins Russland als unser Feind offenbart hat, sind wir jetzt in der Lage, das Politische wiederzuentdecken, sondern umgekehrt: Weil das Politische im Verständnis Europas auf dem Recht beruht, vermögen wir Putin, den großen Verächter des Rechts, als unseren Feind zu erkennen. Sonst wäre er ja vielleicht nur der Stärkere, Schlauere, einer, mit dem man vielleicht - mit etwas kommunikativer Vernunft - doch einen Kompromiss schließen könnte, damit wir im Winter nicht frieren müssen."

Doch, Geschichte wiederholt sich, meint die im Burgenland geborene Schriftstellerin Dine Petrik in einem Standard-Essay zum Krieg gegen die Ukraine: "Ein nicht selten zu hörender Satz. Und dazwischen gilt das, was am einfachsten ist, das Verdrängen. Das persönliche Trauma, das wohl jedem einzelnen der älteren Jahrgänge nachhängt. Und dazu dieses: nichts wissen wollen, nichts mehr erinnern, spüren. Und das kollektive Trauma: dass das 20. Jahrhundert das grausamste aller Zeiten gewesen ist. Ein uns bis heute nachhängender Mief."

Außerdem in der FAZ antwortet der Historiker Egon Flaig auf eine Erwiderung Rebekka Habermas' zu seinem FAZ-Essay gegen Reparationsforderungen für Sklaverei (unsere Resümees hier und hier). Flaig hatte in seinem ursprünglichen Essay betont, dass nicht die Sklaverei, wohl aber der Abolitionismus spezifisch für den Westen sei. Habermas hatte undeutlich geantwortet, dass die Sklaverei von Europäern nach Afrika gebracht worden sei. Flaig setzt heute mit ausufernden Darlegungen zu Geschichtsleugnungen in der Geschichtswissenschaft nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2022 - Ideen

Das Goethe-Institut Tel Aviv wollte den 9. November zum Anlass nehmen, um im Namen der "Multidirektionalität" über Koinzidenzen der jüdisch-israelischen und der palästinensischen Erinnerungskulturen zu sprechen (unsere Resümees). Die Vorlage zur Diskussion sollte Charlotte Wiedemanns Buch "Der Schmerz der anderen" sein, das sämtliche Urkatastrophen mit dem grünen Band der "Empathie" verbinden will. Die Kritik daran, dass die Diskussion ausgerechnet am 9. November stattfinden sollte, leuchtet Jannis Hagmann, der in der taz berichtet, nicht ein, er sieht eine Instrumentalisierung von der anderen Seite: "Im zunehmend rechtslastigen und teils offen antipalästinensischen Diskurs in Israel wird der Begriff Nakba mitunter als 'antiisraelisch', teils auch als antisemitisch gebrandmarkt, was die Erinnerung an die Flucht und Vertreibung von Araber*innen aus Palästina delegitimiert. Auch in Deutschland sind derartige Stimmen seit Jahren zu vernehmen." Das alles wäre nicht passiert, wenn nicht Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, "die öffentliche Debatte losgetreten" hätte, meint der Israel-Korrespondent der FAZ, Christian Meier: "Der Diplomat, der seit August auf seinem Posten ist, hat Israels Botschaften einmal als 'Kommandozentren an der Front' eines 'diplomatischen Kriegs' bezeichnet."

Pia Lamberty und Katharina Nocun, Autorinnen des Buchs "Gefährlicher Glaube" über die Gefahren der Esoterik, erklären im SZ-Gespräch mit Julia Werthmann noch einmal, wo Esoterik, Antisemitismus und Rechtsextremismus anknüpfen: Zum einen ist es "der Glaube an eine gerechte Welt. Das klingt für Außenstehende hilfsbereit, sozial und demokratisch, aber darum geht es in dem Fall nicht. Unter Gerechtigkeit verstehen Esoteriker eher, dass jeder bekommt, was er verdient hat. Im Sinne des Karma-Konzepts: 'Wer Gutes tut, dem wird Gutes passieren.' Das hört sich nett an, aber im Umkehrschluss bedeutet es eben auch: 'Wem Schlechtes widerfährt, der hat Schlechtes getan.' (…) Wir sehen seit Jahren, dass Teile der Szene ein massives Problem haben, sich abzugrenzen. Es grassieren antidemokratische Führungskulte, ein klarer Antifeminismus und antisemitische Verschwörungserzählungen oder der Holocaust wird mit einer angeblichen 'Karmaschuld' von Juden begründet. Dazu hat die Esoterikszene eine antimoderne Haltung gegenüber Fortschritt oder Medizin, die nicht selten antisemitisch konnotiert ist. All das ist anschlussfähig im rechten Lager."

"Die Situation ist noch gefährlicher als 2015", sagt der Soziologe Johannes Kiess, der am Else-Frenkel-Brunswik-Institut der Universität Leipzig die Autoritarismus-Studie durchgeführt hat, im ZeitOnline-Gespräch mit Doreen Reinhard zu den Anschlägen auf Unterkünfte für Geflüchtete: "In den letzten Jahren haben wir in dieser Szene eine weitere Verstärkung gesehen, Netzwerke haben sich verdichtet und vergrößert. Nun befinden wir uns in einer Verkettung von Krisen, da ist die Pandemie, der Krieg Russlands gegen die Ukraine, die Folgen von Inflation und steigenden Energiepreisen. Gesellschaftlich und politisch erleben wir eine fragile Situation. Wir beobachten über unser Telegram-Monitoring Kommunikation von radikalen Gruppen und Akteuren und sehen, dass es dort ein hohes Erregungspotenzial gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2022 - Ideen

Thomas Thiel resümiert in der FAZ eine Tagung der liberalkonservativen Denkfabrik "Republik 21" um Andreas Rödder, Susanne Schröter und einige FDP-Granden, die die "bürgerliche Mitte gegen den woken Extremismus" verteidigen wollen. "Nach fünf Stunden Diskussion war klar, dass Identitätspolitik keine politische Randerscheinung ist, sondern eine gefährliche Ideologie; aber es blieb weiter offen, wie man das Politikern beibringt, die meinen, ausgerechnet damit Freiheit und Demokratie verteidigen zu müssen." In der NZZ berichtet Oliver Maksan über die Tagung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2022 - Ideen

Der israelische Botschafter Ron Prosor protestiert auf Twitter: "Am Gedenktag an die Novemberprogrome 1938 haben das @goetheinstitut und die @rosaluxstiftung beschlossen, die Erinnerung an den Holocaust zu verharmlosen. Und das ausgerechnet in Israel. Das ist inakzeptabel und respektlos!" Hintergrund ist eine am 9. November im Goethe-Institut Tel Aviv geplante Diskussion über Charlotte Wiedemanns Buch "Den Schmerz der Anderen begreifen". Multidirektional werden hier die konfligierenden Erinnerungen von Israelis und Juden einerseits und Palästinensern andererseits aufgearbeitet. Im Ankündigungstext des Goethe-Instituts heißt es: "In ihrem Buch plädiert die Publizistin Charlotte Wiedemann für ein neues empathisches Erinnern, das verschiedenen Seiten gerecht wird und Solidarität statt Opferkonkurrenz fördert. In Bezug auf die Erinnerungspraktiken in Deutschland ist sie überzeugt, dass ein Bewusstsein für die kolonialen Verbrechen der Kaiserzeit entwickelt werden muss, und das stellt die Besonderheit der Shoa nicht in Frage."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2022 - Ideen

Um tatsächlich lebende Menschen wie etwa Flüchtlinge oder misshandelte Tiere in einer Mastanlage zu retten, ist manches an Grenzüberschreitung zu rechtfertigen, meint Björn Hayer in der FR. Kaum Anwendung könne diese Maxime aber "bei abstrakten Systemen finden. Um etwa eine behauptete Coronadiktatur abzuschaffen oder die globale Klimakrise einzudämmen, wären also Widerstandsformen, wie wir ihrer derzeit im Rahmen von Vergehen gewahr werden, nicht gedeckt, zumal sie sich im Falle der Anschläge auf die Gemälde nicht einmal annähernd auf ein Objekt beziehen, das in irgendeinem kausalen Zusammenhang mit dem Anliegen der Aktivistinnen und Aktivisten steht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2022 - Ideen

Der Kampf gegen das Kopftuch im Iran und der Kampf für das Kopftuch in westlichen Gesellschaften sind eigentlich dasselbe, behaupten der Soziologe Eric Fassin und die Historikerin Joan W. Scott im NouvelObs: "Es handelt sich stets um einen 'Pro-Choice'-Feminismus. Es geht um Freiheit - oder anders gesagt: um einen universalistischen Wert. Deshalb ist es kein Widerspruch, das Recht von Frauen zu unterstützen, hier ein Kopftuch zu tragen und dort keines zu tragen, kurz: sich so zu kleiden, wie sie es wollen. Im einen wie im anderen Fall protestieren Feministinnen gegen einen Staat, der die Freiheit ihrer Wahl behindert. In beiden Fällen bekämpfen sie alle Formen patriarchaler Herrschaft, das aufgezwungene Kopftuch ebenso wie die erzwungene Enthüllung." Nur: Wenn das Kopftuch eine Modeoption ist, ist es dann noch das Kopftuch?
Stichwörter: Kopftuchdebatte, Feminismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2022 - Ideen

Allerheiligen und dann Allerseelen stehen vor der Tür, erinnert uns Karl-Markus Gauß in der SZ und empfiehlt einen Besuch auf einem Friedhof in Osteuropa, in Zips zum Beispiel, einer Region im Osten der Slowakei. Allein die Grabsteine erzählen Geschichten einzelner und gleichzeitig die Geschichte aller, erklärt er: "Da sind etwa die Grabsteine der deutschen Bergarbeiterfamilie Klein. Nach ihrem langsamen sozialen Aufstieg hat sie sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts der führenden ungarischen Schicht, die einen enormen Druck der Magyarisierung ausübte, angepasst und ihren Namen auf 'Kiss' verändert, was im Ungarischen 'klein' bedeutet. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Region dem neuen Staat der Tschechoslowaken zufiel, wird aus den Klein-Kiss die Familie Kiska. Dieses Wort hat im Slowakischen keine Bedeutung - 'klein' lautet wörtlich übersetzt 'malý' -, aber der Name ist nicht selten, er ist aus dem Wunsch entstanden, deutsche oder ungarische Namen klanglich zu slowakisieren. Der Wechsel der Nationalität ist gerade in Mitteleuropa eine alltägliche Sache, die für sich weder rühmenswert noch verwerflich ist, sondern für viele eine schlicht lebenspraktische Entscheidung dargestellt hat und weiterhin darstellt."
Stichwörter: Gauß, Karl-Markus, Slowakei

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2022 - Ideen

taz-Kolumnist Georg Diez bekennt stolz, Faschisten als Faschisten bezeichnen zu wollen. Sein Artikel gilt dabei ganz allein rechten Regierungen wie in Schweden oder Italien - über Putin verliert Diez kein Wort. Faschismus funktioniere heute "oft weniger über sichtbare und mehr über unsichtbare Machtausübung oder besser: Gewalt. Die Werte mögen die gleichen sein, Gott, Familie, Vaterland, wie es die faschistischen Brüder Italiens von Giorgia Meloni formulieren, ganz im Geist von Benito Mussolini - die Wirkweisen aber sind andere. Es ist bislang eine Art Trickle-down-Faschismus, der sich langsam seinen Raum nimmt in den Gesellschaften, eine Grundhaltung des Verdachts statt des Vertrauens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2022 - Ideen

Im Gespräch mit der FR diagnostiziert der Philosoph Jean-Pierre Wils einen tiefen Riss, einen gewissen gewollten Realitätsverlust in der Gesellschaft, die sich nicht damit abfinden mag, dass die goldenen Zeiten vorbei sind - Stichwort Klima-, Flüchtlings-, Coronakrise - und sich statt dessen in Nostalgie flüchte. Er plädiert "für die Kunst der ständigen Improvisation. Das ist eine schwierige Aufgabe, weil wir seit der Neuzeit davon ausgehen, dass Gewissheiten herstellbar sind. Dass das Leben steuerbar ist und wir die Zufälle aussortieren können. Es hat sich eine träge Zuversicht ausgebreitet. Wir sind so arrogant zu glauben, dass die westliche Moderne leistungsfähig genug ist, um immer eine schlaue Alternative zu finden, damit wir uns aus den Krisen herauswinden können. Von diesem Bild müssen wir uns dringend verabschieden. Wir werden gehörig improvisieren müssen in der Zukunft..."

Andrew Prokop porträtiert für vox.com den Blogger Curtis Yarvin, der offenbar immer mehr Einfluss auf die trumpistische Rechte in den USA hat.  Yarvin plädiert glatt für eine "Monarchie" - also einen starken Mann, der die demokratischen Institutionen der USA schleift: "Für Yarvin sind schrittweise Reformen und halbherzige Maßnahmen zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Der einzige Weg zu erreichen, was er will, ist die Übernahme der 'absoluten Macht'... Kritiker haben seine Ideen als 'faschistisch' bezeichnet - ein Begriff, den er mit dem Argument bestreitet, dass es Zentralisierung der Macht unter einem Herrscher lange vor dem Faschismus gab und dass sein idealer Monarch für alle herrschen sollte, anstatt einen Klassenkampf zu schüren, wie es Faschisten täten. 'Autokratisch' passt als Beschreibung, obwohl er den Begriff 'monarchistisch' bevorzugt. Man wird nicht viele auf der Rechten finden, die Yarvins Programm voll und ganz unterstützen - vor allem das mit der 'Monarchie' -, aber seine Kritik am Status quo und einige seiner Ideen, wie man ihn verändern könnte, haben mehrere zunehmend prominente Persönlichkeiten beeinflusst."