9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 65 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2022 - Ideen

Französische Putinisten haben ein Talent zur Perfidie und zitieren gern einen Montesquieu zugeschriebenen Satz: "Wer Krieg führt, verdient, verurteilt zu werden, mehr noch aber wer ihn unvermeidlich machte." Mit diesem Satz, so Jacques Pezet im Libération-Blog "Checknews" rechtfertigen Putin-Anhänger den russischen Einmarsch in die Ukraine. Der Satz ist allerdings gar nicht von Montesquieu, stellt Pezet nach einigen Suchabfragen im Werk des Philosophen fest. Statt dessen zeigte Montesquieu am Beispiel des alten Rom, dass es durch die Ausweitung seines Territoriums immer mehr zu einer autoritären Regierung, ja zu einem despotischen Regime wurde", sagt die  Montesquieu-Forscherin Catherine Volpilhac-Augeri im Gespräch mit Pezet.

Am Wochenende hat Cem Özdemir den Leo-Baeck-Preis verliehen bekommen. Die Welt publiziert die Laudatio von Ronya Othmann (die Dankesrede von Özdemir war in der FAS abgedruckt), die den Grünen-Politiker ausdrücklich für seinen Mut würdigte, sich "gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit" auszusprechen, ob das nun gegenüber Erdogan ist oder der AfD. Und der auch zum Antisemitismus immer klare Worte fand: "Cem Özdemir hat den Kampf gegen Antisemitismus zu seiner eigenen Sache gemacht, wie wir ihn alle zu unserer eigenen Sache machen sollten. ... Und das muss man hier noch einmal sagen: Auf Cem Özdemir kann man sich verlassen. Und er bleibt da ganz der Pragmatiker und Realpolitiker, der er ist. Gegen jeden Antisemitismus heißt bei Cem Özdemir auch wirklich gegen jeden Antisemitismus. Ob von den rechten Hetzern der AfD, den Erdogan-Fanboys bei Ditib, verbreitet durch Manar-TV, dem Propagandasender der Hisbollah auch in deutsche Wohnzimmer, von Linken im Namen des Postkolonialismus. Da wird nicht das eine oder das andere unter den Tisch gekehrt, weil es einem gerade nicht in den Kram passt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2022 - Ideen

Wahrer Konservatismus trauert um die verlorene Vergangenheit, aber er will die Zeit nicht zurückdrehen, höchstens ein wenig aufhalten, erklärt Gustav Seibt in der SZ. An idealisierte Ursprünge zurückkehren zu wollen, sei eher reaktionär: "Der Brexit war ein revolutionärer Akt im Namen einer idealisierten Vergangenheit. Er war ein Irrtum im Umgang mit historischer Zeit, weil er das Vorvergangene dem Vergangenen vorzog. Der Brexit hatte so von Anfang an einen ideologischen, unpraktischen, im Kern ahistorischen Zug, der ihn als eigentlich unkonservativ erscheinen lässt. Die Szenen, die sich seither in den nur scheinbar uralten Kulissen von Westminster abspielen, zeigen, wofür Konservativismus gut sein könnte: als Politik der Vorsicht und eines historischen Bewusstseins, das Kontinuität nicht in den vergoldeten Formen eines "Gothic Revival" begreift, sondern als Leben, das in der Zeit unvermeidlich weitergeht, auch wenn es sich nicht um Fortschritt handelt."

Der Bochumer Literaturwissenschaftler Manfred Schneider, Fachmann für paranoische Vernunft, blickt in der NZZ in die seelischen Abgründe von Despoten, in denen sich Hass und Narzissmus zu finsterem Wahn vermengen: "Was unterscheidet Diktatoren wie Cromwell, Robespierre, Napoleon, Stalin, Mussolini, Franco, Salazar, Hitler, Ghadhafi, Putin und ihre amerikanischen Äffchen von den vielen anderen Machtlüsternen? Sie sind skrupelloser, korrupter, wahrheitsresistenter und brutaler als ihre Rivalen, und es ist die Serie der Erfolge durch Lüge, Rücksichtslosigkeit und Gewalt, die ihren Größenwahn nährt. Nichts anderes ist Charisma, wonach die politische Welt so lechzt. Der Preis für den Erfolg sind allerdings die Schlaflosigkeit und die Angst vor den Rivalen. Denn niemand kennt die Seele des Tyrannenmörders besser als der Tyrann selbst. Er ist sein Ebenbild... Putin ist weder verrückt noch krank, noch von bösen Geistern besessen. Es ist viel schlimmer. Er ist überzeugt. Um noch einmal Nietzsche zu zitieren, der den feinsten Sinn für Irrtümer und Verirrungen hatte und bemerkte: 'Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht.' Der Wahnsinn der Gewissheit hat nichts klinisch Pathologisches, er ist vielmehr die Krankheit des Ressentiments, das Diktatoren und Terroristen unserer Zeit zu Mordtaten treibt."

Die FAZ druckt zudem die Dankresede des Grünen-Politikers Cem Özdemir zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises durch den Zentralrat der Juden in Deutschalnd: "Antiliberalismus und Antisemitismus gehen stets Hand in Hand. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2022 - Ideen

Warum ist die hiesige Linke so zahnlos in der Unterstützung der iranischen Frauen, wo bleibt Annalena Baerbocks "feministische Außenpolitik", fragt der Philosoph Arnd Pollmann in einem Denkstück für Dlf Kultur. Zwei Maximen der Aufklärung geraten für ihn bei der Linken in Widerspruch: einerseits das Plädoyer des Aufklärung für universelle Werte, andererseits die Skepsis aller Aufklärung gegen absolute Wahrheiten, die in Relativismus führen kann: "Die Herausforderung liegt darin, skeptisch zu bleiben und sich doch zugleich ein Plädoyer für universelle Wertansprüche zuzutrauen. An diesem Punkt muss sich die Aufklärung über sich selbst aufklären, sonst bleibt sie auf halbem Wege in Platons Höhle stecken." Wo anscheinend auch die neuen Feministinnen zu schmoren scheinen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2022 - Ideen

In der Welt verteidigt der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller den Intellektuellen, der sich öffentlich einmischt. Aber er muss eben auch Kritik einstecken können, etwa wenn "in einem intellektuellen Urteil Expertenwissen einfach souverän ignoriert wird - wie für viele Auslassungen zum Ukraine-Krieg typisch": "Bekanntlich haben behaglich privilegierte Intellektuelle sich angewöhnt, Widerspruch, den sie bisher nicht gewohnt waren, als Angriff auf die Redefreiheit und zudem auf die eigene Person zu deklarieren. Häufig ist man zwar gegen Identitätspolitik, streicht aber gern die Prämie auf den selbst deklarierten Opferstatus durch Personalisierung ein. Wenn Personalisierung schon darin besteht, dass jemand etwas persönlich nimmt, kann man sich Kritik bequem verbitten."

Von der Einmischung von Elon Musk in den Krieg in der Ukraine hält Nils Markwardt bei Zeit Online (hinter einer Paywall) hingegen nichts: Seit Musk "das von SpaceX betriebene Satellitennetzwerk Starlink zur Verfügung gestellt hatte, das für die ukrainischen Truppen offenbar eine zentrale Rolle bei ihrer Kommunikation auf dem Schlachtfeld spielt, avancierte Musk in dem Land zu einer Art Volksheld. (…) Doch sollte das eben nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dadurch auch eine Art Kalifornisierung des Krieges vollzieht, in der ein Silicon-Valley-Unternehmer über eine derart wichtige Infrastruktur verfügt, dass er sich im Zuge internationaler Krisen als Weltenretter aufspielen kann. Sollten hyperselbstbewusste Tech-Enterpreneure geopolitische Konflikte noch öfter als Möglichkeit der genialischen Selbstverwirklichung begreifen und dabei gleichermaßen auf diplomatisches Feingefühl und tatsächliche Expertise pfeifen, dürfte der bestenfalls naive 'Friedensplan' Musks nur der Anfang gewesen sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2022 - Ideen

Gendersensibilität führt zu einer Inflation der Sonderzeichen, denen eine große Bedeutung aufgepropft wird, beobachtet die Literaturwissenschaftlerin Dagmar Lorenz in der FAZ. Sie liest und verwirft universitäre Leitlinien für Gendergerechtigkeit in der Sprache: "Ebenso wie das 'Binnen-I' oder der in die Wortmitte eingefügte Doppelpunkt soll das 'Sternchen' für moralische Werte, subjektive Emotionen ('wertschätzend') und gesellschaftspolitische Konzepte ('Gleichberechtigung') stehen. Sein Gebrauch, so wird suggeriert, ist dazu geeignet, erwünschte Gedanken und Gefühle bei Autoren und ihren Lesern hervorzurufen. Diese Überfrachtung banaler Satzzeichen, Buchstaben und Schreibweisen mit geradezu hybriden Ansprüchen weist Züge eines fast schon sprachmagischen Wunschdenkens auf."
Stichwörter: Gleichberechtigung, Inflation

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2022 - Ideen

Francis Fukuyamas Buch "Der Liberalismus und seine Feinde" ist gerade auf Deutsch erschienen, weshalb der amerikanische Politikwissenschaftler, der einst das "Ende der Geschichte" verkündet hatte, auf Interviewtour durch deutsche Medien ist. Das die Geschichte nun doch nicht mit dem strahlenden Sieg der Demokratien endete, daran gibt er im Interview mit der FR auch einem falsch verstandenen Liberalismus die Schuld: "Der Neoliberalismus hat die Marktprinzipien in ein Extrem ausgeweitet, das für eine enorme Ungleichheit gesorgt hat. Zudem ist er für die Instabilität des globalen Finanzsystems verantwortlich. Das hat sowohl auf der linken und auch auf dem rechten politischen Spektrum eine Reaktion hervorgerufen. Auch die erhebliche Zunahme der Migration, etwa bedingt durch die Syrien-Krise, hat für eine erhebliche politische Verschärfung in Europa gesorgt. Etwas Ähnliches passiert nun in den USA mit den Menschen, die aus Mexiko und Zentralamerika kommen. Das ruft entsprechende politische Gegenreaktionen durch die heimische Bevölkerung hervor." Dennoch ist er überzeugt, dass am Ende der Liberalismus überleben wird, wie er auch im Interview mit der SZ bekräftigt: "Ich habe immer gesagt, dass der Liberalismus potenziell universell ist, weil er grundlegende gesellschaftliche Probleme lösen kann. "

Der Autor und Regisseur Milo Rau schreibt in der taz den Nachruf auf den Philosophen Bruno Latour. Hauptwerk war für ihn Latours Schrift "Wir sind nie modern gewesen - Versuch einer symmetrischen Anthropologie" (1995): "Darin kam seine Soziologie kurz nach dem Fall der Berliner Mauer zu sich selbst: sie erhielt eine moralische und politische Konsequenz. Im letzten Kapitel des 'Versuchs' fordert Latour ein 'Parlament der Dinge', eine politische Ökologie, einen Übergang von der modernen Doktrin der Naturbeherrschung zu einer Doktrin der Partizipation aller an der Demokratie, auch der 'Ding-Kulturen': 'Wir haben keine Wahl. Wenn wir nicht in ein anderes gemeinsames Haus ziehen, werden wir die anderen Kulturen, die wir nicht mehr beherrschen können, nicht darin unterbringen.'"

Außerdem: In der Welt schreibt Martina Meister zum Tod des französischen Philosophen Bruno Latour. In der SZ gratuliert Ronen Steinke dem israelischen Historiker Saul Friedländer zum Neunzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2022 - Ideen

Vor hundert Jahren hielt Thomas Mann seine berühmte Rede "Von deutscher Republik", wo er sich aus dem nationalistischen Mief der "Betrachtungen eines Unpolitischen" löste und sich zum ersten Mal eindeutig zur Demokratie bekannte. Der Ideenhistoriker Alexander Gallus nimmt das Jubiläum in der FAZ zum Anlass, Mann gegen die Kritik Jürgen Habermas' zu verteidigen, der Mann sein Schwanken vorgeworfen hatte: "Wer mit hochgradig präformierten Demokratiemodellen an die Ideengeschichte von Weimar herangeht, dürfte ihre eigentümliche Dynamik, ihren Hang zu Schwebelagen, zu gedanklichen Umbau- und Anpassungsleistungen nur unzureichend erkunden können. Die Weimarer Republik glich einem Laboratorium, in dem politische Ordnungsvorstellungen erst entstanden und erprobt werden mussten."

Der Wissenschaftssoziologe und Philosoph Bruno Latour ist im Alter von 75 Jahren gestorben (allein der Perlentaucher führt ein halbes Dutzend Bücher von ihm in seiner Datenbank). Michael Hesse würdigt in der FR Latours Beitrag zur Kontextualisierung naturwissenschaftlicher Forschung: "Dass Soziologen wie eben dieser Latour nun die Mechanismen ihrer Wahrheitsfindung erkundeten, empfanden Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler als einen frontalen Angriff. Denn schließlich waren sie es ja, so argumentierten sie, die den Anspruch objektiver Erkenntnis über die Jahrhunderte hinweg eingelöst hätten. Und insofern waren sie das Vorbild für alle anderen Wissenschaften. Latour hingegen wollte lediglich die Fähigkeit wissenschaftlicher Netzwerke erkunden, Objektivität hervorzubringen. An einen Angriff hatte er nicht gedacht." In der FAZ schreibt Jürgen Kaube zum Tod Latours.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2022 - Ideen

Anne Applebaum lotet in einer Rede, die sie in Odessa hielt und die in der SZ abgedruckt ist, die Abgründe von Geschichte aus. Sie erinnert an den Holodomor und die Kollaboration so vieler Menschen bei diesem Massenmord. Sie hatte die Hoffnung gehabt, sagt sie, dass Bücher wie die von Wassili Grossman oder Lew Kopelew, die in der Glasnost-Zeit veröffentlicht wurden, etwas geändert hätten: "Früher gingen wir davon aus, dass allein das Erzählen dieser Geschichten eine Wiederholung durch wen auch immer unmöglich machen würde. In den späten Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts, in der Zeit von Glasnost, waren Bücher und Memoiren über das stalinistische Regime und den Gulag in Russland Bestseller. Seitdem hat sich die Stimmung geändert. Derartige Bücher sind in Russland theoretisch erhältlich, aber niemand kauft sie."

Der Perlentaucher bringt Marie-Luise Knotts Dankrede für den Tractatus-Essaypreis, den sie Ende September erhalten hat. Sie erinnert sich unter anderem an ihre erste Hannah-Arendt-Lektüre, den Essay "Die Nachwirkungen des Nazi-Regimes", und "wie erschrocken sie damals war, als sie dort las, dass Deutschland in weniger als sechs Jahren das moralische Gefüge der westlichen Welt zerstört habe, und dass dennoch nirgends dieser Alptraum von Zerstörung und Schrecken weniger verspürt werde als in Deutschland. Die Gedankenschärfe dieses Textes, der den allgegenwärtigen 'nihilistischen Relativismus gegenüber den Tatsachen' als Hinterlassenschaft des NS-Regimes diagnostizierte, hatte sie damals beim Lesen berührt und erschrocken. Endlich hatte sie damals etwas davon verstanden, wie schmerzlich es für ihre Generation gewesen war, in dem verdrucksten Schweigen des Ärmelaufkrempel-Deutschlands aufgewachsen zu sein, das die Täter und ihre Taten verhüllte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2022 - Ideen

Die Unterdrückung der Frauen im Iran soll nichts mit Religion zu tun haben, wie Außenministerin Annalena Baerbock kürzlich behauptete (unser Resümee)? "Das ist ein neuer Tiefpunkt in der Unfähigkeit, die Ursachen für Terror, Unterdrückung und Ungleichberechtigung zu erkennen. Und zeigt: Debatten um den Islam und seine Ausprägungen sind im Westen nicht gewollt", ärgert sich in der NZZ der Psychologe Ahmad Mansour. Das sei verhängnisvoll, denn "der Imam von nebenan und der Ayatollah in Iran, teilen viele Werte, Ängste, Tabus, Abwehrstrategien, Ideale. Ihre Haltung zum Umgang mit 'Ungläubigen' oder zur Rolle von Mann und Frau unterscheidet sich nur graduell, nicht prinzipiell. Die Basis ist die gleiche. Es sind diese veralteten Inhalte, die mit der aufgeklärten Moderne derart in Kollision geraten, dass aus der Reibung Islamismus entstehen kann. Gefährlich sind die radikalen Strömungen nicht etwa, weil sie so anders sind als der vom 'Mustafa'-Normalbürger gelebte Islam - es ist vielmehr die Ähnlichkeit mit diesem Islam, der sie gefährlich macht." Und darüber müsse man endlich reden, ohne sich von Rassismusvorwürfen einschüchtern zu lassen.

Die Schriftstellerin Widad Nabi hasste es, als 13-Jährige in Aleppo unter das Kopftuch gezwungen zu werden. Aber sie machte mit, erzählt sie auf Zeit online: es war der Preis für die Erlaubnis ihres Vaters, weiter zur Schule gehen zu dürfen. In Deutschland legte sie es sofort wieder ab. Denn: "Freiheit bedeutet nicht nur die Freiheit, ein Kopftuch zu tragen, es gibt die Freiheit des Willens, es nicht zu tun, wie es die Frauen im Iran gerade beeindruckend zeigen. Sie erheben sich gegen die Autorität der Mullahs. Sie erheben ihre Stimme gegen die Macht und das Patriarchat und für die Freiheit, die ihnen geraubt wurde. Gegen die Angst und das Gefühl der Demütigung, nicht Nein zu sagen zu können gegen die Unterdrückung, weil ein Nein dich deine Ausbildung, deinen Traum und deine Hoffnung und oft auch dein Leben kosten kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2022 - Ideen

Kenan Malik bekennt in seiner Observer-Kolumne seine Skepsis gegenüber dem Begriff des "Gemeinwohls", der sowohl von Rechtspopulisten wie Giorgia Meloni als auch von linken Theoretikern wie Maurice Glasman in seinem Buch "Blue Labour" verfochten wird: "Die Idee des 'Gemeinwohls' kann ebenso viel verdunkeln wie erhellen und wird ebenso oft zum Ausschluss und zur Spaltung wie zum Integration und zur Bindung eingesetzt. Als Aristoteles über das Gemeinwohl schrieb, schloss er die Belange von Frauen, Arbeitern, Sklaven und anderen, die nicht als Bürger angesehen wurden, aus. Im frühneuzeitlichen England wurden Katholiken als außerhalb der moralischen Gemeinschaft stehend betrachtet, Juden sogar noch mehr. Heute spielen Migranten und Muslime oft eine ähnliche Rolle wie die Menschen, gegen die die moralische Gemeinschaft definiert wird."

Texte gegen "Wokeness" gibt es schon seit dreißig Jahren, schreibt René Rusch (Regisseur beim Österreichischen Rundfunk ORF) in der taz. Den Fortschritt in ihrem Lauf konnten sie nicht aufhalten: "Um die Diskrepanz zwischen Narrativ und Wirklichkeit zu kaschieren, behelfen sich die Anti-Wokeness-Warriors mit einem simplen Trick: Sie verlagern ihre Schreckensbilder in die Zukunft. So gut wie nie behaupten sie, dass die freie Rede im Hier und Jetzt substanziell eingeschränkt wäre. Stattdessen 'greift etwas um sich' oder 'ist auf dem Vormarsch'. Die neue alte PC-Kritik behandelt im Grunde keine faktischen Zustände. Ihr Standardmodus ist das Verkünden von Prophezeiungen."