9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 63 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Ideen

Der Westen ist dort, wo Zweifel zugelassen ist - auch an sich selbst, schreibt der Kultursoziologe Detlef Pollack heute in der FAZ. Weder Dünkel noch radikale Kritik am Westen bringen die von diesem erfundene Moderne voran, so Pollack weiter: Zwar gehört "zur modernen Gesellschaft unausweichlich das normative Bild, das sie von sich hat. Die Moderne - das zeigt ihre Geschichte - besitzt aber auch das Potenzial zur Selbstkritik und Selbstkorrektur. Wenn es nicht verloren gehen soll, steht weder die Preisgabe der Moderne an noch ihre Selbstbehauptung. Vielmehr muss es heute, wie viele Sozial- und Geisteswissenschaftler anmahnen, um die reflexive Anwendung der Funktionsprinzipien der Moderne auf sie selbst gehen."

Ebenfalls in der FAZ fordern der FDP-Senior Gerhart Baum und Michael Schäfer, ehemals deutscher Botschafter in China, in Antwort auf einen Text von Claus Leggewie und Dany Cohn-Bendit (unser Resümee), dass Europa vertraglich auf eine neue Basis gestellt wird - um zur Not als "Kerneuropa" handlungsfähiger zu werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2022 - Ideen

Der Westen wird derzeit von allen Seiten belagert: Krieg in Russland, auflebender Marxismus in China, Islamismus, Kolonialismuskritik und amerikanischer Fundamentalismus, zählt Peter Sloterdijk im Interview mit dem Tagesspiegel auf, der seit heute im Tabloid-Format erscheint. Und dann ist da noch die Klimakrise, die dem Westen zum Vorwurf gemacht wird: "Das Argument ist in Grenzen gültig, aber es führt nicht weiter. Im Gegenteil, es führt in die falsche Richtung, man plädiert damit für nachholende Klimazerstörungsrechte - was völlig absurd ist", meint Sloterdijk, der generell mit dem westlichen Schuldkult wenig anfangen kann. "Will man denn so erklären, dass China vier Milliarden Tonnen Kohle jährlich nachträglich in die Luft blasen muss? Ironischerweise fand fast gleichzeitig mit dem Klimagipfel von Sharm el-Scheich die Öl-Weltmesse in Abu Dhabi statt, bei der mehr als 100.000 Vertreter der Ölindustrie zusammenkamen. ... Die Förderländer glauben, dass die nächsten 50 Jahre ihnen gehören und dass sie ihre Produktion noch für Jahrzehnte steigern werden. Sie gehen davon aus, es würden noch einmal so viele Lagerstätten zu erschließen sein, wie heute schon bekannt sind. Die Nachfrage steigt, nicht zuletzt, weil Schwellenländer Lizenzen für erhöhte Emissionen verlangen." An diesen Tatsachen, so Sloterdijk, "kommt niemand vorbei. Die Klimaaktivisten sind völlig im Recht, aber sie würden sich besser vor dem Tor zum Königspalast von Riad festkleben oder vor dem Kapitol in Washington oder vor den chinesischen Kohlekraftwerken - nicht auf der Berliner Stadtautobahn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2022 - Ideen

Ist die westliche Kritik an Katar nicht heuchlerisch? Muss man nicht die katarische Kultur respektieren, auch wenn man sie als brutal und ungerecht empfindet? Keineswegs, meint Kenan Malik im Observer: "Viele Tausende von katarischen Frauen 'begrüßen und respektieren' die Verweigerung der Gleichberechtigung nicht. Ebenso wenig wie Zehntausende von Wanderarbeitern, die in einem Land, das Gewerkschaften verbietet, brutal behandelt werden. Es waren nicht westliche Liberale, die diese Fragen als erste aufgeworfen haben, sondern die unterdrückten Kataris selbst und die Arbeiter aus dem gesamten globalen Süden, die gezwungen sind, dort zu arbeiten. Das sind die Menschen, die wir verraten, wenn wir die katarische Kultur, wie sie von den katarischen Behörden definiert wird, 'respektieren'. Kulturen sind keine festen, homogenen Gebilde, sondern durchlässig und von innen heraus umkämpft. Ein Großteil der heutigen Diskussion über kulturellen Respekt ignoriert die Vielfalt und den Konflikt innerhalb von Kulturen und ist zu einem Mittel geworden, das es den Machthabern ermöglicht, ihre Vorstellung von einer 'authentischen' Kultur durchzusetzen. ... Das Konzept des Universalismus ist zweifellos für reaktionäre Zwecke missbraucht worden. Dem können wir jedoch nicht entgegentreten, indem wir die universalistische Perspektive zugunsten einer moosbewachsenen Idee des kulturellen Relativismus ablehnen, sondern nur, indem wir eine umfassendere Form des Universalismus einfordern, eine, die die Rechte aller verteidigt, ob in Europa oder in Katar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2022 - Ideen

Der belarussische Menschenrechtler Ales Bjaljazki, der in Minsk in Haft sitzt, wird - wohl in Abwesenheit - am 10. Dezember den Friedensnobelpreis erhalten. Karl-Markus Gauß erklärt in der SZ die Hintergründe des erbittert geführten belarussischen Sprachenstreits - und was dieser mit Bjalzaki zu tun hat. Das eine Lager verteidigt das Ur-Russische als Grundlage aller späteren Sprachen, das zweite Lager ist überzeugt, dass das Belorussische "sich schon sehr früh gemäß eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelte. (…) Für die Anhänger der ersten These ist der Versuch, die belorussische Sprache der russischen in der Öffentlichkeit gleichzustellen oder gar zur ersten Staatssprache zu machen, nichts anderes als das Kalkül nationalistischer Hetzer, die die Verbundenheit mit Russland aufkündigen und sich dem Westen anschließen möchten. Für die Anhänger der zweiten Sicht soll die These von der altrussischen Sprachgemeinschaft hingegen die koloniale Idee des russischen Imperiums, dem die Völker zu ihrem eigenen Nutzen angehören, mythologisch legitimieren und somit Belarus - wie auch der Ukraine - das Recht absprechen, sich unabhängig von Russland zu entwickeln. Bjaljazki gehört zu den Wissenschaftlern, welche die Eigenständigkeit der belarussischen Sprache und Literatur verfechten."
Stichwörter: Bjaljazki, Ales, Belarus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2022 - Ideen

Warum der Traum von der Einheit der Wissenschaft eine Utopie ist, erklärt die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston in der FAZ. Die hat ihre Dankesrede zur Verleihung des Gerda-Henkel-Preises abgedruckt. Weil seit der Mitte des 19. Jahrhundert für Forscher die fortschreitende Spezialisierung nicht als Stärke, sondern als bedrohliche "Zersplitterung" wahrgenommen wurde, so Daston, startete man das Projekt "Einheit der Wissenschaften" als weltumspannende Union von Forschung und Natur. "Der Erste Weltkrieg zerstörte den Traum von einer internationalen Akademie; der Aufstieg des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg zerstörten den Traum von einer Internationalen Enzyklopädie der Einheitswissenschaft. (…) Das dritte Projekt, die Vereinheitlichung der Maßeinheiten durch ihre Verknüpfung mit universellen Naturkonstanten, ist nach mehr als zweihundert Jahren endlich gelungen, aber es hatte wohl gerade wegen der wissenschaftlichen Spezialisierung Erfolg." Der Traum einer Einheit der Wissenschaften werde bis heute geträumt, aber durch die jahrhundertealte Konkurrenz und Streitsucht zwischen den Forschenden eine Utopie bleiben, sagte Daston wehmütig.

In der Welt - und in seinem Blog - fragt sich Thomas Schmid, wie so manch "krude Behauptung" und boshafte "Unterstellung" in dem von Susan Neiman und Michael Wildt herausgegebenen Band zum "Historikerstreit 2.0" überhaupt gedruckt werden konnte. Dabei täte eine kritische Auseinandersetzung mit der "Verstaatlichung" der deutschen Vergangenheitspolitik dringend Not, meint er: "Durch diese Verstaatlichung erfuhr das Gedenken eine Ritualisierung ins Starre, ins Phrasenhafte, ins Gestellte, in eine hohlklingende Endlosschleife. Das Gedenken wurde so zur Betroffenheitsattitüde. Angemessenes Gedenken kann nicht unmittelbar, kann nur als vermittelte, bedachte, intellektuelle Auseinandersetzung von Dauer sein. (…) Große Gesten, gar staatliche, sind dabei nicht von Nutzen. Deswegen war die - in ihrem Gehalt berechtigte - Resolution des Bundestags ein Fehler, die empfahl (nicht verordnete!), der anti-israelischen Boykottbewegung BDS keine staatlichen Räume zur Verfügung zu stellen. Denn damit versuchte die Politik einen Schutzwall gegen Antisemitismus und Hass auf Israel zu errichten. Damit überfordert sie sich, maßt sich eine bewusstseinsbildende Kraft an, die sie nicht haben kann. Denn das kann nur, in der steten Folge von Alltagen, der viel bemühten Bürgergesellschaft gelingen."

Im NZZ-Gespräch erklärt Peter Sloterdijk, weshalb wir keine Zeitenwende erleben und weshalb er glaubt, dass es in einer "Welt aus Kleinstaaten" den Krieg gegen die Ukraine nicht gegeben hätte: "Wenn Sie die Hypothese von der höheren Zukunftstüchtigkeit der kleineren Einheiten konsequent durchführen könnten, dann gäbe es ja dieses übergroße Geo-Monstrum namens Russland nicht. Stattdessen existierten, sagen wir, acht oder zehn kleinere politische Einheiten, keine von ihnen wäre angriffskriegsfähig, jede aber ausreichend wehrhaft. Wir hätten einen Flickenteppich aus hübschen, kleinen, lebenswerten Kleinstaaten."

Außerdem: Elena Witzeck hat für die FAZ am Rande einer Tagung über die Krise der Kritik die israelische Soziologin Eva Illouz über Individualismus in der Pandemie und die Radikalisierungsgefahr in der Isolation befragt (hinter der Bezahlschranke).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2022 - Ideen

Der Althistoriker Stefan Rebenich klagt in der FAZ, dass in  gesellschaftlichen Debatten immer weniger Bezug auf das klassische Altertum oder das frühe Christentum genommen wird: "Ohne Not wird eine intellektuelle und kulturelle Tradition marginalisiert, die Antworten auf drängende Fragen geben könnte. Auf der linken Seite sind es präsentistische - und mithin ahistorische - Anathemata, die das antike Erbe delegitimieren; im rechten Spektrum fürchtet man möglicherweise den Vorwurf, die Rede vom christlichen Abendland passe nicht mehr zu einem weltoffenen Konservativismus. Man fragt sich indes, wie ein identitätsstiftendes Projekt für Deutschland und Europa gelingen soll, wenn wir uns nicht unserer Anfänge vergewissern."
Stichwörter: Rebenich, Stefan, Christentum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2022 - Ideen

Im Interview mit der FR plädiert der Soziologe Natan Sznaider für mehr Ehrlichkeit im Umgang mit Antisemiten - bei der Documenta und anderswo: "In nachträglichen Korrekturen und erschrockenen Bekundungen wie 'Das haben wir nicht gewollt' drückt sich eine intellektuelle Unehrlichkeit aus. Zweifellos war das Bild von Taring Padi antisemitisch, aber es ist aufgehängt worden, also müssen wir damit umgehen. Das gilt ebenso für den Preis an Caryl Churchill sowie für den Literaturnobelpreis an Annie Ernaux. Insbesondere Juden müssen erkennen, dass viele Angehörige der Kulturelite kein Problem in BDS-Positionen sehen. Eine nachträgliche Bestürzung sollte man sich schenken (...) Juden sollten erkennen, dass der Satz 'Für Antisemitismus gibt es in Deutschland, in Europa keinen Ort' einfach nicht stimmt. Es gibt Antisemitismus im öffentlichen Raum, und er kommt keineswegs nur von rechts. Und es gibt nicht nur rassistischen Antisemitismus, sondern eben auch antirassistischen Antisemitismus, der vorgibt, sich an Universalismus, einer Kultur der Menschenrechte und der Gleichheit zu orientieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2022 - Ideen

Thomas Thiel lässt in der FAZ kein gutes Haar an dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari. Der "eisige Hauch des Determinismus" wehe durch seine Bücher und finde begeisterte Aufnahme im Silicon Valley, so Thiel. "Wenn der Mensch eine Maschine ist, dann ist auch der freie Wille eine Illusion, ebenso wie die liberalen Staatsordnungen, die auf ihm aufbauen. Wir würden bei Wahlen nicht denken, (…) sondern nur fühlen (sogar ohne Innenleben). Das Silicon Valley hört so etwas gern - ein freier Wille würde ja auch nur stören in den Affektuniversen des Überwachungskapitalismus. Es verwundert dann nicht mehr, dass die politischen Ordnungen, ohnehin nur Fiktionen, in Hararis Zukunftsbuch von einem Maschinenuniversum weggespült werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2022 - Ideen

Trump, Johnson, Bolsonaro. Überall erleben Populisten Pleiten. Caroline Emcke schöpft in iher SZ-Kolumne Hoffnung: "Der Populismus taugt offensichtlich nicht zum Regieren. Lügen und Ressentiments mögen für kurz aufwallende Affekte mobilisieren, sie dienen als rhetorisches Transportmittel, aber nicht als politisches Programm."

Der ukrainische Autor Oleksiy Radynski versucht in einem Essay für die taz, das intensive Bündnis zwischen den ehemaligen totalitären Partnern, dann Feinden, dann Freunden Deutschland und Russland mit der Rhetorik des Antifaschismus zu fassen: "Wie kam es dazu, dass das immer offensichtlichere Abgleiten der Russischen Föderation in eine unverkennbar faschistische Politik ein blinder Fleck der deutschen Eliten - und eines Großteils der Öffentlichkeit - blieb?", fragt er. Er bemüht den Begriff des "Fossil-Faschismus" des Aktivisten Andreas Malm, den dieser allerdings nicht auf Russland, sondern nur auf die USA applizierte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2022 - Ideen

Das Entstehen von Autoritarismus und autokratischen Ideologien hat für den politischen Denker Ivan Krastev, den Mariam Lau für die Zeit interviewt, eine Menge damit zu tun, dass unsere Gesellschaften altern. Sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken sind Ideologien entstanden, die sich nur durch eine Fixierung auf Vergangenheit erklären lassen, so Krastev. Die Zukunft sei dagegen aus dem Horizont verschwunden: "Die Linke fürchtet die Zukunft, weil sie glaubt, dass wir mit dem Weltklima die Grundlagen des Lebens schlechthin zerstören. Die Rechte hat Angst, dass wir die Grundlagen unserer spezifischen - israelischen, italienischen, ungarischen - Lebensweise zerstören. Beide wenden sich der Vergangenheit zu. Konservative haben früher etwas verteidigt, das sie bewahren wollten - jetzt verteidigen sie etwas, das verschwunden ist und nicht wiederkommen wird, ethnische Homogenität zum Beispiel. Auch die Linke wendet sich immer häufiger der Vergangenheit zu, indem sie sich zum Beispiel darauf konzentriert, dass aus dem Unrecht der Sklaverei heute neue Rechte erwachsen."

Peter Sloterdijk mäandert in der Zeit im Gespräch mit Cathrin Gilbert und Peter Kümmel mal wieder ideenreich durchs Weltgeschehen. Anlass sind diesmal die Fußball-WM in Katar und die die damit zusammenhängende Korruption. Zu schnell passiert er einige Ideen, als dass sie Substanz gewännen. Ein Punkt wäre etwa dieser: "Das Zusammenspiel mit den Massenmedien ist dabei der eigentliche Teufelspakt. Durch den Verkauf der Übertragungsrechte werden die ganz großen Umsätze erzielt, nur so kommen die perversen Spielergehälter zustande. Es sind nicht die Tickets der Zuschauer, die für Spielergehälter von 20 Millionen Euro sorgen."

Sowohl bei den Corona-Maßnahmen als auch beim Ukraine-Krieg gibt es postfaktische Allianzen zwischen Aktivisten auf der Straße und ihren medialen Fürsprechern, etwa Sahra Wagenknecht, Ulrike Guerot oder den Unterzeichnern des Emma-Briefes, konstatiert der Politikwissenschaftler Markus Linden auf ZeitOnline. Zum Verständnis dieser Verbindungen empfiehlt er Hannah Arendts 1951 erschienenes Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", in dem Arendt "vom 'zeitweilige[n] Bündnis zwischen Mob und Elite', welches der totalitären Herrschaft vorausgehe", schreibt. "Arendt berichtet davon, dass Teile der 'geistliche[n] und künstlerische[n] Elite' ein erstaunliches Verständnis, bisweilen sogar eine Bewunderung für totalitäre Bewegungen und für den radikalen Mob aufbringen. Mob und Elite seien dabei 'als erste sozial und politisch heimatlos geworden', woraus eine 'merkwürdige Koinzidenz ihrer Überzeugungen und Bestrebungen' resultiere. Arendt spricht von einem 'Bündnis' der 'Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Verzweiflung' und von einer 'Heldenverehrung der Gangster von Seiten der Elite'."

Indes rudert Richard David Precht, zumindest was seine Kritik an der Ukraine-Politik der westlichen Staaten betrifft, zurück, meldet Michael Hesse in der FR: "'Die Ukraine in eine Position der Stärke zu bringen, ist viel besser geglückt, als nahezu alle Beobachter, auch ich, zu hoffen gewagt haben", sagte Precht beim Ständehaustreff der Rheinischen Post in Düsseldorf."

Thomas Assheuer stellt derweil, ebenfalls auf ZeitOnline, das Claremont-Institut vor, die inzwischen bekannteste Denkfabrik der USA, die versucht, unter intellektuellem Anstrich Konservative und Rechtsradikale zusammenzubringen: "Konservative, die vom 'totalitären Staat' reden (...) sind Systemsprenger. Sie wollen nicht nur an Reformschräubchen drehen, sondern eine konservative Revolution anzetteln, die die Gesellschaft im Ganzen verändert. Familien, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Militär, Kulturindustrie, vor allem die 'Rattennester' von Justiz und FBI (Steve Bannon) - all das müsse von der 'Gegenrevolution' erfasst, gesäubert und mit neuem patriotischem Geist gefüllt werden."

Eine Gemeinsamkeit der anderen Art sieht Felix E. Müller in der NZZ: Linke Aktivisten und Rechtspopulisten bemühen gern die Apokalypse: "Dieser penetrante Endzeitdiskurs führt zu einer religiösen Aufladung der Politik. Diese ist heute nicht mehr dazu da, Sachprobleme sachlich zu lösen. Vielmehr bildet sie einen öffentlichen Gerichtshof zur Verhandlung moralischer Fragen: Wodurch zeichnet sich die richtige Gesinnung aus, und wer gehört zu den Erlösten? Rassismus, Flüchtlingspolitik, Klima: Immer geht es um Gut oder Böse, also letztlich um die Frage, wer zu den Auserwählten gehört und wer in der Verdammnis enden wird. Wenn unsere Zeit, wenn die gegenwärtige Politik zunehmend als Streit konkurrenzierender Modelle von Weltuntergang geführt wird, beschädigt dies das Gespräch unter Andersdenkenden."