Das Entstehen von Autoritarismus und
autokratischen Ideologien hat für den politischen Denker
Ivan Krastev, den Mariam Lau für die
Zeit interviewt, eine Menge damit zu tun, dass
unsere Gesellschaften altern. Sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken sind Ideologien entstanden, die sich nur durch eine Fixierung auf Vergangenheit erklären lassen, so Krastev. Die Zukunft sei dagegen aus dem Horizont verschwunden: "
Die Linke fürchtet die Zukunft, weil sie glaubt, dass wir mit dem Weltklima die
Grundlagen des Lebens schlechthin zerstören.
Die Rechte hat Angst, dass wir die Grundlagen unserer spezifischen - israelischen, italienischen, ungarischen - Lebensweise zerstören. Beide wenden sich der Vergangenheit zu. Konservative haben früher etwas verteidigt, das sie bewahren wollten - jetzt verteidigen sie etwas, das
verschwunden ist und nicht wiederkommen wird, ethnische Homogenität zum Beispiel. Auch die Linke wendet sich immer häufiger der Vergangenheit zu, indem sie sich zum Beispiel darauf konzentriert, dass aus dem
Unrecht der Sklaverei heute neue Rechte erwachsen."
Peter Sloterdijk mäandert in der
Zeit im Gespräch mit Cathrin Gilbert und Peter Kümmel mal wieder ideenreich durchs Weltgeschehen. Anlass sind diesmal die
Fußball-WM in Katar und die die damit zusammenhängende Korruption. Zu schnell passiert er einige Ideen, als dass sie Substanz gewännen. Ein Punkt wäre etwa dieser: "Das Zusammenspiel mit den Massenmedien ist dabei der
eigentliche Teufelspakt. Durch den Verkauf der
Übertragungsrechte werden die ganz großen Umsätze erzielt, nur so kommen die perversen Spielergehälter zustande. Es sind nicht die Tickets der Zuschauer, die für Spielergehälter von 20 Millionen Euro sorgen."
Sowohl bei den
Corona-
Maßnahmen als auch beim
Ukraine-
Krieg gibt es postfaktische
Allianzen zwischen
Aktivisten auf der Straße und ihren medialen Fürsprechern, etwa Sahra Wagenknecht, Ulrike Guerot oder den Unterzeichnern des
Emma-Briefes,
konstatiert der Politikwissenschaftler
Markus Linden auf
ZeitOnline. Zum Verständnis dieser Verbindungen empfiehlt er
Hannah Arendts 1951 erschienenes Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", in dem Arendt "vom 'zeitweilige[n]
Bündnis zwischen Mob und Elite', welches der totalitären Herrschaft vorausgehe", schreibt. "Arendt berichtet davon, dass Teile der 'geistliche[n] und künstlerische[n] Elite' ein erstaunliches Verständnis, bisweilen sogar eine Bewunderung für totalitäre Bewegungen und für den radikalen Mob aufbringen. Mob und Elite seien dabei 'als erste sozial und
politisch heimatlos geworden', woraus eine 'merkwürdige Koinzidenz ihrer Überzeugungen und Bestrebungen' resultiere. Arendt spricht von einem 'Bündnis' der '
Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Verzweiflung' und von einer 'Heldenverehrung der Gangster von Seiten der Elite'."
Indes rudert
Richard David Precht, zumindest was seine
Kritik an der
Ukraine-
Politik der westlichen Staaten betrifft, zurück,
meldet Michael Hesse in der
FR: "'Die Ukraine in eine Position der Stärke zu bringen, ist viel besser geglückt, als nahezu alle Beobachter, auch ich, zu hoffen gewagt haben", sagte Precht beim Ständehaustreff der
Rheinischen Post in Düsseldorf."
Thomas Assheuer
stellt derweil, ebenfalls auf
ZeitOnline, das
Claremont-
Institut vor, die inzwischen bekannteste Denkfabrik der USA, die versucht, unter intellektuellem Anstrich
Konservative und Rechtsradikale zusammenzubringen: "Konservative, die vom 'totalitären Staat' reden (...) sind
Systemsprenger. Sie wollen nicht nur an Reformschräubchen drehen, sondern eine
konservative Revolution anzetteln, die die Gesellschaft im Ganzen verändert. Familien, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Militär, Kulturindustrie, vor allem die 'Rattennester' von Justiz und FBI (Steve Bannon) - all das müsse von der 'Gegenrevolution' erfasst, gesäubert und mit
neuem patriotischem Geist gefüllt werden."
Eine Gemeinsamkeit der anderen Art
sieht Felix E. Müller in der
NZZ:
Linke Aktivisten und
Rechtspopulisten bemühen gern die
Apokalypse: "Dieser penetrante Endzeitdiskurs führt zu einer
religiösen Aufladung der Politik. Diese ist heute nicht mehr dazu da, Sachprobleme sachlich zu lösen. Vielmehr bildet sie einen öffentlichen Gerichtshof zur Verhandlung moralischer Fragen: Wodurch zeichnet sich die
richtige Gesinnung aus, und wer gehört zu den Erlösten? Rassismus, Flüchtlingspolitik, Klima: Immer geht es um Gut oder Böse, also letztlich um die Frage, wer zu den Auserwählten gehört und wer in der Verdammnis enden wird. Wenn unsere Zeit, wenn die gegenwärtige Politik zunehmend als Streit konkurrenzierender Modelle von Weltuntergang geführt wird, beschädigt dies das Gespräch unter Andersdenkenden."