In der
Berliner Zeitung behauptet der jüdisch-amerikanische Autor
Peter Beinart,
Kritik an Israel sei in Deutschland grundsätzlich als
antisemitisch verschrieen, was er dem Einfluss der israelischen Regierung zuschreibt. Wir sollten statt dessen selbst entscheiden, welche Ideale uns "am meisten am Herzen liegen. Wenn eines dieser Ideale die
Gleichheit vor dem Gesetz sein sollte, dann kann es kein Antisemitismus sein, für diese Gleichheit auch in Israel-Palästina einzutreten - beziehungsweise einen Staat, der Juden privilegiert, in einen Staat verwandeln zu wollen, der nicht aufgrund von Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion diskriminiert. Hört auf, bestimmte Menschen in Deutschland dafür zu bestrafen, dass sie in Israel-Palästina
für die gleichen Prinzipien eintreten, die ihr in eurem eigenen Land zu schätzen wisst." Die Palästinenser treten dafür ein, dass man in den Palästinensischen Autonomiegebieten die Politik der
Hamas so offen kritisieren kann wie in Deutschland israelische oder deutsche Politik?
Im Interview mit der
Welt ist der polnische Historiker
Jan Grabowski noch vollkommen fassungslos von einem Vorfall auf der Holocaust-Tagung "Hijacking Memory" in Berlin. Dort sprach auch
Tareq Baconi, ein Aktivist der palästinensischen Organisation "Palestinian Policy Network", der Israel vorwarf, das Holocaust-Gedenken zur "
Kolonisierung"
Palästinas zu missbrauchen. Ein Vertreter Israels war nicht eingeladen, aber mehr noch als die
Einseitigkeit der Veranstaltung verstörte Grabowski die
Reaktion des Publikums, "das Baconis Äußerungen mit
enthusiastischem Beifall quittierte. Im Zentrum Berlins saßen also, ich weiß nicht, 200 Vertreter der deutschen Intelligenzija - Intellektuelle, Studenten, Professoren, Journalisten - und applaudierten enthusiastisch, als Israel als
Kindermörder, die Holocaust-Debatte als "jüdisches Psychodrama" bezeichnet wurde. Ich war entsetzt. Ich wusste natürlich, dass es solche Tendenzen innerhalb der akademischen Linken gibt, aber das war das erste Mal, dass ich das live mitansehen musste. ... Das ist nicht hinnehmbar für mich: Dieser Punkt, an dem sich in Deutschland, in Berlin, die
extreme Rechte und die extreme Linke in ihrer Israel-Verurteilung vereinen. Noch mal: Davon habe ich gelesen, es aber nie in dieser Form erlebt; dieser Schock sitzt tief. Wenn Sie mir vor drei Tagen gesagt hätten, dass ich auf einer Historiker-Konferenz in Deutschland einen Redner erleben werde, der die Diskussion über den
Holocaust als "
jüdisches Psychodrama" relativiert und dafür tosenden Applaus bekommt - ich hätte gesagt, Sie sind verrückt."
Noch ein anderer Kongress fand am Wochenende in Berlin statt: "
Socialism in our Time", veranstaltet von der deutschen Ausgabe des
Jacobin Magazins, dem "Zentralorgan der trendigen Marxisten aus New York", so Jakob Hayner, der in der
Welt mit einiger Sympathie über diese altmodische Linke berichtet, die lieber über Reformen statt über Intersektionalität diskutiert. Da hätte die
Linkspartei noch was lernen können, meint er. "
Jacobin ist deswegen so erfolgreich, weil man sich vom identitätspolitischen Mainstream verabschiedet hat. Diversitätssensible kosmetische Eingriffe sind nun nicht im Interesse der breiten Bevölkerung, die davon nichts hat - ebenso wie von Kriegen. Und bei Politik geht es nun einmal
um Interessen, in der Hinsicht ist
Jacobin ganz altmodisch. Und um die Frage, wer es
am Ende bezahlen muss. Die einfachen Leute haben da selten was zu Lachen."
Viktor Orban ist der Held der trumpistischen Rechten in den USA, schreibt Nina Rehfeld in der
FAZ und durchleuchtet ein wenig die mit Trump und Orban sympathisierenden Medien und Intellektuellen in den USA: "Dass der Traum von einer 'illiberalen Demokratie' Amerikas Rechte fasziniert, liegt nicht zuletzt
an der Opferlegende, die sie sich zurechtlegt: Sie handelt von einer Welt, in der gottlose und moralisch bankrotte Liberale die Medien und die Universitäten und damit die Köpfe und die Zukunft des Landes kontrollieren. Die Debatte, die zweifellos vorhandene Auswüchse der
Cancel Culture und der Intoleranz von links aufgreift, beantwortet diese mit derselben Ausschlusshaltung."