9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2022 - Ideen

In der Berliner Zeitung behauptet der jüdisch-amerikanische Autor Peter Beinart, Kritik an Israel sei in Deutschland grundsätzlich als antisemitisch verschrieen, was er dem Einfluss der israelischen Regierung zuschreibt. Wir sollten statt dessen selbst entscheiden, welche Ideale uns "am meisten am Herzen liegen. Wenn eines dieser Ideale die Gleichheit vor dem Gesetz sein sollte, dann kann es kein Antisemitismus sein, für diese Gleichheit auch in Israel-Palästina einzutreten - beziehungsweise einen Staat, der Juden privilegiert, in einen Staat verwandeln zu wollen, der nicht aufgrund von Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion diskriminiert. Hört auf, bestimmte Menschen in Deutschland dafür zu bestrafen, dass sie in Israel-Palästina für die gleichen Prinzipien eintreten, die ihr in eurem eigenen Land zu schätzen wisst." Die Palästinenser treten dafür ein, dass man in den Palästinensischen Autonomiegebieten die Politik der Hamas so offen kritisieren kann wie in Deutschland israelische oder deutsche Politik?

Im Interview mit der Welt ist der polnische Historiker Jan Grabowski noch vollkommen fassungslos von einem Vorfall auf der Holocaust-Tagung "Hijacking Memory" in Berlin. Dort sprach auch Tareq Baconi, ein Aktivist der palästinensischen Organisation "Palestinian Policy Network", der Israel vorwarf, das Holocaust-Gedenken zur "Kolonisierung" Palästinas zu missbrauchen. Ein Vertreter Israels war nicht eingeladen, aber mehr noch als die Einseitigkeit der Veranstaltung verstörte Grabowski die Reaktion des Publikums, "das Baconis Äußerungen mit enthusiastischem Beifall quittierte. Im Zentrum Berlins saßen also, ich weiß nicht, 200 Vertreter der deutschen Intelligenzija - Intellektuelle, Studenten, Professoren, Journalisten - und applaudierten enthusiastisch, als Israel als Kindermörder, die Holocaust-Debatte als "jüdisches Psychodrama" bezeichnet wurde. Ich war entsetzt. Ich wusste natürlich, dass es solche Tendenzen innerhalb der akademischen Linken gibt, aber das war das erste Mal, dass ich das live mitansehen musste. ... Das ist nicht hinnehmbar für mich: Dieser Punkt, an dem sich in Deutschland, in Berlin, die extreme Rechte und die extreme Linke in ihrer Israel-Verurteilung vereinen. Noch mal: Davon habe ich gelesen, es aber nie in dieser Form erlebt; dieser Schock sitzt tief. Wenn Sie mir vor drei Tagen gesagt hätten, dass ich auf einer Historiker-Konferenz in Deutschland einen Redner erleben werde, der die Diskussion über den Holocaust als "jüdisches Psychodrama" relativiert und dafür tosenden Applaus bekommt - ich hätte gesagt, Sie sind verrückt."

Noch ein anderer Kongress fand am Wochenende in Berlin statt: "Socialism in our Time", veranstaltet von der deutschen Ausgabe des Jacobin Magazins, dem "Zentralorgan der trendigen Marxisten aus New York", so Jakob Hayner, der in der Welt mit einiger Sympathie über diese altmodische Linke berichtet, die lieber über Reformen statt über Intersektionalität diskutiert. Da hätte die Linkspartei noch was lernen können, meint er. "Jacobin ist deswegen so erfolgreich, weil man sich vom identitätspolitischen Mainstream verabschiedet hat. Diversitätssensible kosmetische Eingriffe sind nun nicht im Interesse der breiten Bevölkerung, die davon nichts hat - ebenso wie von Kriegen. Und bei Politik geht es nun einmal um Interessen, in der Hinsicht ist Jacobin ganz altmodisch. Und um die Frage, wer es am Ende bezahlen muss. Die einfachen Leute haben da selten was zu Lachen."

Viktor Orban ist der Held der trumpistischen Rechten in den USA, schreibt Nina Rehfeld in der FAZ und durchleuchtet ein wenig die mit Trump und Orban sympathisierenden Medien und Intellektuellen in den USA: "Dass der Traum von einer 'illiberalen Demokratie' Amerikas Rechte fasziniert, liegt nicht zuletzt an der Opferlegende, die sie sich zurechtlegt: Sie handelt von einer Welt, in der gottlose und moralisch bankrotte Liberale die Medien und die Universitäten und damit die Köpfe und die Zukunft des Landes kontrollieren. Die Debatte, die zweifellos vorhandene Auswüchse der Cancel Culture und der Intoleranz von links aufgreift, beantwortet diese mit derselben Ausschlusshaltung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2022 - Ideen


Der Schriftsteller Clemens J. Setz ist völlig hingerissen von dem Bildprogramm Dall-E, eine KI, die jede beliebige Texteingabe in ein Bild verwandeln kann. Zum Beispiel das "A Bao A Qu" aus Jorge Luis Borges' "Libro de los seres imaginarios", "das auf der Treppe des 'Siegesturms' wohnt und nur dann lebendig wird, wenn ein Besucher die Treppe hochsteigt", so Setz, der es auf Twitter bei dem Kognitionsforscher Joscha Bach gefunden hat. Und dann ist das Programm noch in seiner ganz unschuldigen, spielerischen Phase. Sex ist ihm unbekannt, was zum Entzücken von Setz zu "ungeheuren Explosionen aus Fehldeutungen und gedanklichen Sackgassen" führt. "Wie ein kleines Kind noch vor der Aufklärung weiß es nicht, was das putzige Wort 'fucking' bezeichnen soll, stellt sich unter 'Blowjob' logischerweise etwas mit gepusteter Luft vor und liefert, wenn man etwas connaisseurhaftere Ideen wie 'a man enjoying cock and ball torture' eingibt, das Bild eines Mannes mit Krawatte, vor dem ein Fußball und ein Hahn in der Luft schweben, deren Zudringlichkeit er würdevoll erträgt. Und das Wort 'assfuck' liefert - man staunt - lauter Wesen aus derselben herrlichen Fabeltiertruhe wie aus dem 'Buch der imaginären Wesen' von Borges! Sie sind so schön, so mysteriös, man möchte ihnen sofort Namen geben!" (Für Dall-E muss man sich anmelden, Dall-E mini kann man dagegen sofort benutzen)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2022 - Ideen

In Berlin fand am Wochenende die vom Potsdamer Einstein-Forum veranstaltete Konferenz "Hijacking Memory - The Holocaust and the New Right" statt. Es ging um die Frage, warum radikale Israelkritiker wie der BDS in Deutschland oft als antisemitisch angesehen werden. Liest man den Bericht Till Brieglebs, war auf der Konferenz niemand dabei, der den BDS für antisemitisch hielt (jedenfalls erwähnt er niemanden). Also: endlich mal eine ausgewogene, "wohltuend angstfreie" Diskussion, jubelt der SZ-Kritiker, der auch gleich klar machte, wo die BDS-Kritiker stehen: ganz rechts. Die Teilnehmer ließen sich "nicht vom sonst in Deutschland oft spürbaren Klima der Verdächtigungen anstecken. Wer sich nicht schnell genug vom Kontakt im weitesten Sinne mit irgendeiner Art von BDS-Ideen distanziere, so wurde es in Beiträgen und Kommentaren betont, setze sich sofort der Unterstellung antisemitischer Tendenzen aus. Differenzierte Argumentationen und historische Einordnungen, wie sie auf dieser wissenschaftlichen Konferenz aus vielen Perspektiven geliefert wurden, fänden in einer Atmosphäre der Reizworte kaum noch Gehör. Dass dies auch ein strategisches Ziel speziell der rechten Netanjahu-Politik der letzten Jahre war, die mit Geldern des 'Ministry of Strategic Affairs and Public Diplomacy' darauf hingewirkt hat, Anti-BDS-Beschlüsse durch Parlamente in der westlichen Welt sanktionieren zu lassen (unter anderem erfolgreich in 33 Bundesstaaten der USA), wurde in vielen Vorträgen beleuchtet."

Auch Hanno Hauenstein (Berliner Zeitung) zeigt sich höchst zufrieden über die große Harmonie der ersten Konferenz, die nach Kriterien der "Weltoffenheit"-Initiative kuratiert wurde.

Mehr zur BDS-Thematik heute auch in efeu.

Der Historiker Andreas Rödder und die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder, beide CDU, entwerfen in der FAZ ein konservatives Gegenprogramm zur Idee der Gleichstellung, der sie den Begriff der Gleichberechtigung entgegenstellen. Einer "Debatte über Eigentum und Besteuerung" wollen sie aber nicht ausweichen: "Wenn solvente Mittelschichten ihre Kinder auf Privatschulen in England oder Amerika schicken oder ihnen die teuersten Vorbereitungskurse zum Aufnahmetest für das Medizinstudium finanzieren, während die untere Hälfte der Gesellschaft verzweifelt gegen die Inflation kämpft, dann sind die fairen Startchancen von vielen gefährdet. Insofern ist die Idee, allen jungen Erwachsenen ein 'Grunderbe' zur Verfügung zu stellen, das für Investitionen in die eigene Qualifikation verwendet werden kann, ein durchaus bedenkenswerter Gedanke."

Man kann durchaus stinkkonservativ und gleichzeitig woke sein, meint Lorenzo Vidino, Direktor des Extremismus-Programms an der George Washington University, in der NZZ. Wokeism ist nämlich inzwischen auch Mode geworden bei Islamisten, "die religiöse Gebote traditionell über demokratische Werte stellen. Eine junge Generation von im Westen geborenen Aktivisten, die zwischen Muslimbrüdern, College-Campus und progressiven Milieus aufgewachsen ist, macht sich den Wokeism zu eigen, indem sie ihn zur Verbreitung islamistischer Positionen benutzt." Unterstützt würden sie dabei von al-Jazeera+, einem Ableger von Al-Jazeera, der vor allem die TicToc-Generation ansprechen soll. "Die meisten Geschichten von AJ+ haben oberflächlich betrachtet wenig oder gar nichts mit islamistischen Themen zu tun. Sie beschuldigen die westlichen Gesellschaften jedoch auffällig oft, ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten zu unterdrücken und zu diskriminieren. Dass sich der Sender dabei auch für LGBT-Rechte und religiöse Minderheiten einsetzt, ist besonders heuchlerisch, denn Homosexualität wird in Katar - jenem Staat, der AJ+ gehört - mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft."

Außerdem: In der FAZ erinnert der polnische Historiker Maciej Gorny an Kulturkämpfe europäischer Intellektueller zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Und in der FR erinnert Arno Widmann an die Weltumweltkonferenz von Stockholm 1972.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2022 - Ideen

Besudelte Aufklärung. Das Voltaire-Denkmal nach dem Farbanschlag. Foto. Thierry Chervel
Das Pariser Voltaire-Denkmal stand bisher an unauffälliger, aber öffentlicher Stelle in der der Nähe der Académie française. Dann verübten Antirassisten einen Farbanschlag auf das Monument. Seitdem befindet es sich in der Werkstatt zur Restauration, berichtet Jürg Altwegg in der FAZ: "Längst ist der Zwangsaufenthalt im Depot zum Symbol der geistigen Kapitulation Frankreichs vor dem Islamismus geworden. Jetzt wird das postume Schicksal des Satirikers auch zur zeitgenössischen Realsatire: Die Statue wird demnächst im Innenhof der medizinischen Fakultät aufgestellt. Er kann durch ein Eisentor verschlossen werden."


Unter dem Titel "Hijacking Memory - Der Holocaust und die Neue Rechte" hat die Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein Forums Susan Neiman eine Tagung zum Thema Antisemitismus in Deutschland organisiert. Seit der BDS-Resolution werde der Vorwurf des Antisemitismus in Deutschland instrumentalisiert, sagt sie im SZ-Gespräch mit Sonja Zekri und erzählt, weshalb sie die "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" (Unsere Resümees) unterstützt, in der die Chefs der wichtigsten deutschen Kulturinstitutionen eine Öffnung für BDS-Positionen fordern: "Im vergangenen Jahr gehörte ich einem Gremium an, das einen Preis vergeben sollte. Wir hatten uns auf einen Kandidaten geeinigt, aber drei Tage später hat eine Mitarbeiterin einen Blogeintrag gefunden, der den Kandidaten als Antisemiten verschrie. Anstatt zu recherchieren, wer der Blogger ist und wer ihn unterstützt, hieß es sofort: Um Gottes Willen, wir dürfen diesen Menschen nicht auszeichnen. Ich bin umgehend aus der Jury ausgetreten, denn das war der blanke McCarthyismus. Weil ich aber zur Verschwiegenheit verpflichtet bin, gehe ich damit nicht an die Öffentlichkeit. Ähnliche Geschichten höre ich auch von anderen - aus Gremien, von Jobsuchen oder Projektanträgen. Der Mangel an Mut in einem Land, in dem immer zur Zivilcourage aufgerufen wird, überrascht mich jedes Mal aufs Neue."

Für die SZ hat Nils Minkmar "After the Fall", das neue Buch von Ben Rhodes, einst Obamas Redenschreiber gelesen. Rhodes gibt darin dem Westen die Mitschuld am "illiberalem Kapitalismus und seinem Repressionsapparat", schließlich auch am Krieg: "Das Streben nach Wachstum, nach Geld hat im Westen alle anderen Ideale überlagert und auch jene politischen Kräfte, die die Flamme der Freiheit und der Menschenrechte schützen müssten, haben diesen Teil ihrer Mission vergessen. Ein Kennzeichen westlicher Werte ist uralt, schon der französische Philosoph Michel de Montaigne beschrieb es in seinen Essais: die Ablehnung der Folter. Westliche Demokratien foltern keine Gefangenen und betreiben auch keine Geschäfte mit Ländern, die das tun. Es ist eine alte und simple Regel, aber in diesem Jahrhundert wurde sie verraten. Und mehr noch: Nie wird jemand zur Verantwortung gezogen. Du kannst die Weltwirtschaft crashen, Kriege vom Zaun brechen, durch den Verkauf von Lügen und Ressentiments reich werden und als Hobby das Klima mit privaten Weltraumflügen belasten - das hat alles keine Folgen, denn vor dem Gesetz sind eben nicht mehr alle gleich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2022 - Ideen

Jens Uthoff unterhält sich in der taz mit den belarussischen AutorInnen Alhierd Bacharevič und Julia Cimafiejeva, die auch vom Exil aus weiter über die Lage in ihrem Land schreiben. Bacharevič spricht über seinen Essay "Das letzte Wort der Kindheit - Faschismus als Erinnerung", der bei der Edition Fototapeta erschienen ist. "Es ist nicht die Art des Faschismus wie in Deutschland oder Italien im 20. Jahrhundert, es ist ein neuer Typus von Faschismus in einem relativ kleinen Land. Keiner erhörte unsere Warnungen. Im Westen hat man uns nicht ernst genommen, nach dem Motto: Das sind belarussische Schriftsteller, sie müssen ihre Regierung kritisieren, es ist ihre Aufgabe. Was die westlichen Intellektuellen nun aussprechen - dass Russland ein faschistischer Staat ist -, wurde in Belarus schon lange erkannt. Aber der Westen betrieb seine Russlandpolitik über unsere und über ukrainische Köpfe hinweg."

Der Politologe Gert Krell prüft in der FR verschiedene politologische Theorien an der Realität von Russlands Krieg gegen die Ukraine. Weder die gepolitischen Ästhetiken der Kälte à la Münkler, noch der institutionalistische Ansatz ("Wandel durch Handel") schneiden dabei gut ab. Zu letzterer Theorie, in der es sich die Sozialdemokratie und ganz Deutschland gemütlich machte, schreibt Krell: "Nach wie vor ist richtig, dass Handelsbeziehungen tendenziell die Wahrscheinlichkeit gewaltsamer Auseinandersetzungen reduzieren; aber sie sind keine Garantie für Demokratisierung (China und Russland wollen beide Handel, aber keinen Wandel), und sie können zu heiklen Abhängigkeiten führen. Jetzt gibt es eine neue Debatte über die Risiken von Interdependenz, denn in dem Wort steckt ja nicht nur das 'inter', sondern auch die 'Dependenz'."

Ulrike Guérot, lange Zeit eine überall gefeierte Politologin, die auf keinem Podium zu europäischen Fragen fehlen durfte, steht seit kurzem in der Kritik, auch wegen impfkritischer Äußerungen und Kommentaren zum Ukraine-Krieg. Der Politologe Markus Linden warf ihr in der FAZ jüngst Plagiate in ihrem Bestseller "Wer schweigt, stimmt zu" vor (unser Resümee). Nun untersucht er ihren Band "Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie" auf nicht gekennzeichnete Zitate: "Diese Großflächigkeit nähert sich dem Guttenberg-Standard."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2022 - Ideen

Wie einfach der "Historikerstreit 2.0" sich aus der Ferne darstellt, kann man in einem Text Enzo Traversos, immerhin eines renommierten Historikers, für das betonlinke amerikanische Magazin The Jacobin nachlesen. A. Dirk Moses ist in dieser Version natürlich der Held. Für Traverso gestaltet sich die Debattenlage so: "Die Zeit der Schuld ist vorüber. Trauer wurde durch die obsessive Jagd nach antisemitischen Verschwörungen ersetzt. Die Fatwas dieses neuen deutschen Konformismus haben eine lange Liste von Persönlichkeiten getroffen, von Philosophen wie Judith Butler und Achille Mbembe (ein in Südafrika lebender Wissenschaftler, der es gewagt hat, Gaza und das palästinensische Westjordanland mit der Apartheid zu vergleichen) bis hin zu Historikern wie Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2022 - Ideen

Im  Freitag führen der Philosoph und Pazifist Olaf Müller und die Journalistin und Romancière Elke Schmitter ein von Michael Angele moderiertes Streitgespräch über die Position, die sie zum Krieg einnehmen. Müller fragt, "ob eine sofortige Kapitulation die bessere Option gewesen" wäre, und exemplifiziert es am Beispiel der Stadt Mariupol: "Wir haben noch keine belastbaren Zahlen, wissen aber, dass allein in Mariupol schon vor drei, vier Wochen über 20.000 tote Zivilisten gemeldet worden sind. Das ein entsetzlicher Leichenberg. Wie soll man das gegen staatliche Unabhängigkeit, gegen Selbstbestimmung und Demokratie verrechnen?" Schmitter sagt dagegen: "Für mich ist die 1938-Analogie überzeugend: dass wir es also tatsächlich mit einem 'real agierenden Bösen', einem neuen Faschismus zu tun haben. Und dass er nur militärisch gestoppt werden kann." Sie verteidigt aber auch "diese Aktenschrank-Rhetorik von Scholz..., weil sie performativ zum Ausdruck bringt, dass es keine eindeutig sichere Haltung gibt, sondern dass die ganze Zeit abgewogen werden muss."

Timothy Snyder durchleuchtet im Gespräch mit Konrad Schuller in der FAS den Carl-Schmittianischen Ideenhintergrund Putins, der für ihn ein Faschist ist. Dabei sucht er die Verbindung zu postkolonialen Diskursen und macht den Deutschen implizit den von A. Dirk Moser bekannten Vorwurf, den Holocaust zu verabsolutieren und damit den Blick auf Realitäten zu versperren: "Putin will die Ukraine zur Kolonie machen, und genau das wollten auch die Nazis. Nur: Das hat sich dem deutschen Gedächtnis nicht eingeprägt. Hitlers koloniale Haltung zur Ukraine war nie Gegenstand der deutschen Erinnerungspolitik. Deshalb fühlen die Deutschen heute so wenig Verantwortung für die Ukraine." Snyder hat für die "Aktenschrank-Rhetorik" Scholz' wenig Verständnis: "Es ist jedenfalls unendlich traurig, dass Deutschland sich hier nicht an die Spitze setzt. Es wäre eine historische Chance für Deutschland, hier auf der richtigen Seite zu stehen."

Ebenfalls in dr FAS ruft Marcel Beyer in Antwort auf den Emma-Brief zum Ukraine-Krieg und von ihm verabscheute Alice Schwarzer: "Es lebe die Ukraine. Es lebe Gayropa."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2022 - Ideen

"Der Zorn der angeblich linken und emanzipatorisch gesinnten Empfindlichen richtet sich auffällig oft gerade gegen linke, emanzipatorische Kräfte", schreibt der Philosoph Robert Pfaller in seinem neuen Buch "Zwei Enthüllungen über die Scham". Im Welt-Gespräch mit Marie-Luise Goldmann erklärt er: "Die Aufforderung, dass sich jemand schämen soll, wird in der Regel von jungen Aktivisten gegen ältere Linke gerichtet. Sie beanspruchen, im Namen einer angeblich besonders empfindlichen Minderheit zu sprechen und versuchen mit der Schambehauptung ihre älteren Mitstreiter mundtot zu machen. Hier geht es um Karriereinteressen - nicht selten auf Kosten der Sache, für die man zu kämpfen vorgibt. Denn oft werden damit besser qualifizierte Leute aus dem Weg geräumt. Bezeichnend ist, dass man jetzt die Wahrheit, die man zu besitzen meint, nicht mehr für andere zugänglich macht. Man behauptet nur, sich zu schämen oder verletzt zu sein, und das ist es dann schon."
Stichwörter: Pfaller, Robert, Scham

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2022 - Ideen

Im britischen Onlinemagazin Unherd protestiert der britische Journalist Tomiwa Owolade gegen alle Versuche, alle Schwarzen außerhalb Afrikas durch die Brille afroamerikanischer Erfahrungen zu sehen. So geschehen bei der globalen Übernahme der BLM-Proteste. In ihrem Gefolge werde jetzt auch in Britannien das Wort black oft mit großem B geschrieben, in der London Review of Books und im Times Literary Supplement etwa, obwohl diese Schreibweise von amerikanischen Autoren wie Lori Tharpe eingeführt wurde, um an die Versklavung der Afroamerikaner zu erinnern: "Im Gegensatz zu Tharps bin ich jedoch kein Amerikaner. Meine Vorfahren wurden nicht gegen ihren Willen in das Land gebracht, in dem ich jetzt lebe. Tatsächlich sind die meisten schwarzen Briten heute jüngste Einwanderer oder Kinder von Einwanderern aus unabhängigen afrikanischen Staaten. Die besondere historische Beziehung zwischen dem transatlantischen Sklavenhandel und den schwarzen Amerikanern lässt sich nicht ohne Weiteres auf die heutige schwarze britische Bevölkerung übertragen. So zu tun, als ob dies der Fall wäre, hieße, die Geschichte meines Volkes zu leugnen, um es mit den Worten von Tharps auszudrücken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2022 - Ideen

Innerhalb der pazifistischen Bewegung können Frieden und Menschenrechte konkurrieren, das wusste schon Petra Kelly, schreibt auf Zeit online der Historiker Philipp Gassert. Und genau das wurde in den letzten Jahren kaum ernst genommen. Heute für Frieden zu demonstrieren, würde "de facto bedeuten, dass Russland Teile der Ukraine behalten kann, Putins Völkerrechtsbruch hätte sich also ausgezahlt - und könnte ihm, so zumindest eine Befürchtung, über kurz oder lang Appetit auf mehr machen. Vor dem 24. Februar war das anders. Und da hat die Friedensbewegung ihre Chance verpasst. Nennenswerte Friedensdemonstrationen gab es keine, auch dann nicht, als Russland längst Hunderttausende Soldaten und Panzer an der Grenze zusammenzog. Kein Friedensaktivist aus Europa oder den USA stellte sich im Vorkriegswinter 2021/22 nach Kellys Vorbild auf den Roten Platz in Moskau und demonstrierte für Abrüstung. Und warum bildeten sich nicht entlang der ukrainischen Grenze kilometerlange Menschenketten, um das bedrohte Land zu schützen, so wie es 1983 vor Atomwaffendepots in ganz Westeuropa zu Blockaden und Menschenketten kam?"

Frankreich ist in einer Depression gefangen, die nicht weichen will, mit dem frühen Sommer sogar noch stärker wird, beschreibt der französische Philosoph Pascal Bruckner in der NZZ den Zustand seiner Landsleute. "Auf immer neue Weise werden die Franzosen mit ihrer geringen Bedeutung konfrontiert. Jüngst konnten sie zum Beispiel beobachten, wie Emmanuel Macrons Verführungskünste an Wladimir Putin scheiterten. Die Dialogversuche des Franzosen liefen ins Leere, der russische Autokrat schenkte weder den Höflichkeiten noch den Drohungen unseres Präsidenten die geringste Beachtung. Von seinem Erbe gefangen, ist Frankreich auch ein seltsam konservatives Land: Man bekämpft hier jede noch so kleine Veränderung - und setzt dabei auf revolutionäre Gesten. Wenn das Rentenalter dereinst endlich mühsam von 62 auf 64 Jahre erhöht werden wird, wird uns das Monate des Aufruhrs und der Proteste eintragen. Die Repräsentanten unserer Gewerkschaften treten auf wie Sansculotten und bringen ihre Forderungen in der Sprache von Robespierre und Lenin vor."

Auch die deutsche Gesellschaft wird von einer Angstwelle überspült - wie schon in den Achtzigern, als man sich vor dem Atomkrieg fürchtete, und in den Neunzigern, als man erst mit dem Golfkrieg und später mit dem Eingreifen der Nato im Kosovo den dritten Weltkrieg heraufziehen sah und der Begriff der German Angst um die Welt ging, erzählt Reinhard Mohr, ebenfalls in der NZZ. Jedesmal "wurde dem Aggressor tendenziell mehr Verständnis entgegengebracht als jenen - westlichen - Kräften, die versuchten, ihn zu stoppen. Dahinter stand nicht zuletzt jene notorische Hassliebe zur Ohnmacht, die es erleichtert, sich aus Konflikten herauszuhalten. Wer vorgibt, machtlos zu sein, kann leicht das Gefühl pflegen, sich selbst nicht aktiv schuldig machen zu müssen."

Außerdem: Kolonialgeschichte muss diskutiert werden, aber wem nützt es, wenn die afrikanischen Staaten in der Opferrolle stecken bleiben, fragt in der NZZ Toni Stadler.