9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2022 - Ideen

Andreas Kilbs Erkenntnishunger wird durch die Moses-Mendelssohn-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin leider nicht gestillt. Es geht zu viel ums Leben und Atmo, klagt er in der FAZ, zu wenig um die Ideen, "sodass selbst das titelgebende Briefzitat, in dem sich der späte Mendelssohn beklagt, dass sein Traum 'von nichts als Aufklärung' und vom Sieg der Vernunft über die 'Schwärmerey' ausgeträumt sei, in seiner Dramatik verpufft. 'Wie wir sehen, steiget schon, von der andern Seite des Horizonts, die Nacht mit allen ihren Gespenstern wieder empor.' Wen meint er? Wer waren die deutschen Nachtgespenster? Die Frage verhallt im Museumsraum."

In der taz verteidigt Ilija Trojanow den Pazifismus: "Die wichtigste Lektion des Pazifismus ist die Erkenntnis, den Krieg nicht essenziell anders zu behandeln als den Frieden, ihn nicht zu überhöhen als apokalyptisches Endgefecht zwischen Gut und Böse, ein quasireligiöses Narrativ, das zur rhetorischen Grundausstattung jedes Kriegs gehört. Und die moralische Keule der Bellizisten infrage zu stellen, die jede Skepsis an der eigenen Eskalationspolitik stigmatisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2022 - Ideen

In der SZ fürchtet der Philosoph Michael Hampe, wir könnten uns anlässlich des Ukrainekrieges in der Illusion wiegen, "hier stünden die Freien und Guten für Gerechtigkeit und Wahrheit und gegen die lügende Despotie ein" und darüber unsere eigene Neigung zu Radikalismus und vor allem unseren Anteil an der Umweltzerstörung vergessen: "Vielleicht kämpfen die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht nur für unsere bestehenden Freiheiten. Sondern auch gegen unsere Selbsttäuschungen und zukünftigen selbst herbeigewählten Unfreiheiten, indem sie die Fluchtwege vor den Illusionen und Grausamkeiten der Despotie offenhalten. Vielleicht, so darf man hoffen, führt eine Verminderung der russischen Militärmacht, wie sie die USA nun in der Ukraine anzustreben scheinen, nicht nur zu einer Beschädigung des russischen Despotismus, sondern auch zu einem Rückgang der totalitären Tendenzen in Ungarn, Polen und den USA selbst." Eine Hoffnung, die Hampe auch gegenüber den Wählern der AfD, des Rassemblement National und Erdogans hegt.

In der NZZ denkt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho über ein "Zoopolis" nach, eine friedliche Gesellschaft des Lebendigen, die auch Tiere mit einschließt. Derzeit leben wir mit Tieren in zwei Dimensionen, meint er: Auf der einen Seite "in einer Welt, die bevölkert wird von Tieren, denen wir einen Namen geben, die wir lieben, bewundern, fotografieren oder betrauern, wenn sie sterben; auf der anderen Seite existiert eine erschreckende und nahezu unsichtbare Welt, in der Tiere massenweise unter grausamen Bedingungen gezüchtet, auf engstem Raum zusammengepfercht ein qualvolles Leben fristen, bevor sie getötet und in Nahrungsmittel transformiert werden, denen ihre Herkunft nicht mehr angesehen werden kann."

Weiteres: Der Kulturhistoriker Philipp Felsch blickt in der SZ zurück auf Ende 1971, als der amerikanische Präsident Richard Nixon das Ende der Goldbindung für den Dollar ankündigte und Jacques Derrida der Welt mit "prophetischer Triftigkeit" die Folgen dieser Entscheidung erklärte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2022 - Ideen

Die Auseinandersetzung mit der der Ukraine ist auch eine mit unserer eigenen Fähigkeit zur Wahrnehmung, sagt Karl Schlögel in seinem Vortragt bei den Römerberggesprächen, den die FR abdruckt: "Dieses große Land hat es für uns lange nicht gegeben oder nur als Rand, als Störfaktor." Nun aber ist durch die Überblendung der Bilder des Zweiten Weltkrieges mit den aktuellen Bildern auch unser Bild der Vergangenheit grundsätzlich in Frage gestellt: "Es gibt kein Zurück zu einer Erinnerungspolitik, die die neueste Erfahrung ignoriert. Die Topografien von Verbrechen und Widerstand in Europa werden neu gezeichnet, kaum ein Begriff wird unberührt bleiben von der neuesten Erfahrung. Nicht einmal ein argloses Hören von russischer Musik oder die für nichts verantwortliche Sprache wird von der Kontamination durch das Verbrechen verschont bleiben - die Deutschen im Ausland in den 1950er Jahren können davon ein Lied singen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2022 - Ideen

Russlands Krieg gegen die Ukraine kratzt an den Lebenslügen einer deutschen Linken, die "in weiten Teilen einen verklärten Blick auf die Sowjetunion und ihren deutschen Frontstaat, die DDR" hatte, während sie sich an den USA abarbeitete, meint Eckart Lohse in der FAS. Das prägte auch die Lehren aus der Geschichte, die gezogen werden sollten: "In Westdeutschland wurde die nationalsozialistische Diktatur jahrzehntelang aufgearbeitet; auch heutige Schülergenerationen wurden mit dieser Katastrophe der Eltern, Groß- und Urgroßeltern konfrontiert. Vergleichbares geschah weder in der Sowjetunion noch anschließend in Russland auch nur annähernd in diesem Maß mit dem stalinistischen Erbe. Im Gegenteil: Putin konnte seine auf Expansion angelegte Diktatur auf dem Versprechen errichten, das Erbe des glorreichen Sowjetimperiums zu retten. Weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft war das aber entgangen."

In der NZZ denkt Reinhard Mohr darüber nach, warum es so schwer ist, alte, liebgewordene Überzeugungen zu hinterfragen. "Das verklärende Weltbild aus der Zeit von Willy Brandts Ostpolitik trübt noch fünfzig Jahre später den klaren, analytischen Blick auf die längst tiefgreifend veränderte Wirklichkeit. Der vor allem für die Sozialdemokraten typische Rückgriff auf die Ära der Entspannungspolitik ist zur Ideologie erstarrt. Diese wird angereichert durch eine diffuse Russophilie, Schuldgefühle aus der Nazizeit, die merkwürdigerweise gegenüber Tschechien und Polen geringer zu sein scheinen, und einen tiefen Glauben an die Macht der Verständigung durch Worte und Gesten. Das ebenso wohlfeile wie denkfaule Motto lautet: Wer redet, schießt nicht." Es ist gefährlich, "die Sicherheit eines festgefügten Weltbilds" zu verlieren, "das auch in schwierigen Fragen einfache Antworten liefert - oder sie geschichtsphilosophisch so weit in die Zukunft vertagt, dass sowieso niemand ihre Triftigkeit überprüfen kann. ... Das 'Denken ohne Geländer' (Hannah Arendt) setzt die Fähigkeit zur Selbstkritik voraus, eine Identität als Prozess, der auch ohne ständige Zufuhr von Nestwärme auskommt - dazu das Risiko, neue Irrtümer zu begehen. Eine zuweilen ungemütliche Angelegenheit, die sich geistige Freiheit nennt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2022 - Ideen

Großen Wellen schlägt Jürgen Habermas' gestriger Artikel in der SZ, in dem er die "schrille" Debatte um die Waffenlieferungen kritisierte, Bundeskanzler Olaf Scholz verteidigte und seine eigene Ratlosigkeit angesichts des politischen und moralischen Dilemmas bekundete, in das der russische Angriff auf die Ukraine den Westen und vielmehr noch ihn selbst stürze. In der FAZ reagiert Simon Strauss empört: "Das, was Habermas' Wortmeldung so zweifelhaft macht, ist nicht sein oberlehrerhafter Aufruf zur Mäßigung, nicht seine widersprüchliche Charakterisierung des russischen Präsidenten (in einem Absatz wird er als 'rational kalkulierender Machtmensch', im nächsten als 'unberechenbar' vorgestellt), nicht seine reflexhafte Verteidigung einer sozialdemokratischen Politik, die von heute aus gesehen alles andere als rational gehandelt hat - es sind vor allem die rhetorisch ummantelten, fahrlässigen Denunziationen der ukrainischen Regierung. Nicht nur Selenskyjs 'gekonnte Inszenierung' wird abwertend angeführt, sondern auch dessen eindrucksvolle Verzweiflungsrede vor dem Deutschen Bundestag als 'moralischer Ordnungsruf' desavouiert. Habermas versteigt sich sogar dazu, auf ukrainischer Seite den Versuch einer 'moralischen Erpressung' festzustellen."

Olaf Scholz könnte nichts besseres passieren, als von Jürgen Habermas, dem Philosophen der abwägenden Vernunft, verteidigt zu werden, meint dagegen Kurt Kister in der SZ. Er hat es aber auch nötig, denn bei Scholz verschmelze die politische Erfahrung zu einem intransparent sprachlosen Kern: "Dies ist in Zeiten, in denen dank digitaler Jederzeit-Technik das ins Mikrofon gesprochene Wort, der inszenierte Auftritt, das nächtliche Video eigentlich zu den schweren Waffen zählen, besonders misslich. Da gibt es einerseits den ukrainischen Präsidenten, der zu Ostern gravitätisch und scheinbar diskret von hinten gefilmt durch eine wie von Kerzen erleuchtete, eigentlich dunkle Kirche schreitet. Der Mann muss nicht einmal sprechen, weil dies eine zur viralen Verbreitung geschaffene Ikonografie ist, die man als Muslim, Christin oder Atheist gleichermaßen versteht. Und dann gibt es andererseits Olaf Scholz, der an einem Stehpult seine Waffenexportpolitik in einer Weise einkreist, bei der man nicht weiß, ob das Pult, an dem Scholz spricht, nicht mit mehr Leben erfüllt sein könnte als der Sprechende."

Im Tagesspiegel schätzt Gregor Dotzauer dagegen die "wohltuende Abgeklärtheit" und bezwingende Klarheit: "Wenn in ferner Zukunft einmal ein Dokument gesucht wird, das der heillosen Zerrissenheit dieser Zeit exemplarisch Ausdruck verleiht: Habermas hat es geschrieben." Thomas Ribi resümiert in der NZZ respektvoll Habermas' Beitrag, ahnt aber vor allem die Ausweglosigkeit: "Mit der 'Verhängung drastischer Sanktionen', das ist für Habermas klar, hätten die westlichen Staaten keinen Zweifel an ihrer faktischen Kriegsbeteiligung gelassen. Umso mehr müssten sie jeden weiteren Schritt der militärischen Unterstützung sorgfältig abwägen. Und zwar weil der Entscheid darüber, wo die Grenze des faktischen Kriegseintritts überschritten sei, nicht bei ihnen liege, sondern bei Putin. Krieg, heißt das, folgt nicht dem Recht, sondern den Regeln, die die Macht setzt."

Im taz-Interview mit Sebastian Moll erklärt Yascha Mounk noch einmal kurz und bündig, warum viele Formen der Identitätspolitik kontraproduktiv sind: "Die liberale Demokratie ist nicht naturgegeben, und damit wir sie bewahren können, brauchen wir Institutionen, Schulen, Medien, Universitäten, die über diese Gruppen hinaus ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2022 - Ideen

Jürgen Habermas himself greift in die Diskussion um den Krieg in der Ukraine ein: Auf 18 Minuten schätzt die SZ die Lesezeit für seinen Artikel. Aber kriegt er die Sache klar? In Deutschland sei ein "schriller, von Pressestimmen geschürter Meinungskampf über Art und Ausmaß der militärischen Hilfe für die bedrängte Ukraine ausgebrochen", schimpft er zunächst. Im wesentlichen verteidigt er dann Olaf Scholz' unscharfe Linie. Deutlich wird Habermas selbst nicht, das Gespräch mit Putin will er aber nicht abreißen lassen, so viel wird klar: "In meinem Alter verhehle ich nicht eine gewisse Überraschung: Wie tief muss der Boden der kulturellen Selbstverständlichkeiten, auf dem unsere Kinder und Enkel heute leben, umgepflügt worden sein, wenn sogar die konservative Presse nach den Staatsanwälten eines Internationalen Strafgerichtshofes ruft, der weder von Russland und China noch von den USA anerkannt wird. Leider verrät sich in solchen Realitäten auch der doch noch hohl klingende Boden einer erregten Identifizierung mit den immer schriller gewordenen moralischen Anklagen der deutschen Zurückhaltung. Nicht als hätte es der Kriegsverbrecher Putin nicht verdient, vor einem solchen Gericht zu stehen; aber noch nimmt er im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen den Sitz einer Vetomacht ein und kann seinen Gegnern mit Atomwaffen drohen. Noch muss mit ihm ein Ende des Krieges, wenigstens ein Waffenstillstand verhandelt werden."

"Weder Scholz noch Merkel noch irgendein anderer deutscher Politiker, nicht einmal der grausam verpeilte Zyniker Schröder, tragen eine Schuld, die mit jener Putins sinnvoll zu vergleichen wäre", schreibt der Historiker Norbert Frei ebenfalls in der SZ und erinnert daran, dass dank der Ostpolitik "vier Jahrzehnte lang ein kalter Frieden zwischen den Blöcken herrschte (in dem es sich im Westen natürlich angenehmer lebte als im Osten) und drei weitere Dekaden lang wenigstens der große Krieg in Europa undenkbar blieb". Mehr noch: "Von diesen Geschäften - in den USA schon damals kritisch beäugt - hat die energiehungrige bundesdeutsche Wirtschaft, ergänzend zu ihren Hauptbeziehungen im Westen, vortrefflich profitiert, und mit ihr der damals noch gern so genannte Otto Normalverbraucher, für den der sozioökonomische Lift auch deshalb jahrzehntelang nur in eine Richtung fuhr. Unter der Formel 'wirtschaftlicher Riese, politischer Zwerg' fühlten sich die aus Notwendigkeit und Einsicht postnational gewordenen Westdeutschen wohl." Oder vielleicht allzu pudelwohl?

Hinter dem irreführenden Untertitel "Darf man in Diktaturen Urlaub machen?" (und hinter der Paywall) greift Caroline Fetscher im Tagesspiegel einen interessanten Gedanken auf. Sie kommt auf den "irregeleiteten Kulturrelativismus der postkolonialen Theorie" zu sprechen, der Kritik an Autokratien verpönt: "Kritik an undemokratischen Zuständen, etwa in arabischen oder afrikanischen Staaten, gilt dabei als postkoloniale Arroganz. Ursachen für die Existenz von Autokratien, Diktaturen, Kleptokratien und 'Failed States' im globalen Süden verortet die wirkmächtige Diskursmode generell im globalen Norden. Dessen koloniales, imperialistisches Erbe manifestiert sich heute in einer 'euro-amerikanischen Matrix der Macht', verantwortlich für alle Übel der Welt. (...) So richtig und wichtig es ist, Europas Kolonialepoche historisch aufzuarbeiten, so gern übersehen die Postcolonial Studies, dass die einstigen Kolonialimperien heute Demokratien sind, die sich ihrer ambivalenten Geschichte stellen und Frieden in Freiheit ermöglichen. Dennoch wird es in einschlägigen Texten als 'Menschenrechtsimperialismus' bezeichnet, bei 'anderen Kulturen' und 'anderen Systemen' Menschenrechte anzumahnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2022 - Ideen

Unsere Aufgabe heißt jetzt, "Putin beim Scheitern zu assistieren", sagt Peter Sloterdijk im Gespräch mit Peter Neumann in der Zeit und führt aus: "Es bedeutet, ihn so scheitern zu lassen, dass wir nicht mit untergehen. Als vorerst letzter Vertreter eines großen Planhandelns, angesichts seiner destruktiven Arsenale, muss man ihm so widerstehen, dass man seine Tendenzen zum Verrücktwerden nicht verstärkt." Sloterdijks neues Buch, über das die beiden auch reden, heißt: "Wer noch kein Grau gedacht hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2022 - Ideen

Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus, warnt in der taz vor eine Gleichsetzung von Antisemitismus und Rassismus oder Muslimfeindlichkeit. Der Antisemitismus betrachte das Objekt seines Hasses als überlegen. Und bisher "käme kein noch so verschwörungstheoretisch versierter rechter Agitator auf die Idee, 'der Moslem' wäre in der Lage, die internationale Finanzwelt zu kontrollieren und die europäischen Nationen in die Krise zu stürzen. Die gegenüber in Europa lebenden Muslimen und gegenüber Flüchtlingen aus islamisch dominierten Ländern ausagierten fremdenfeindlichen Ressentiments erinnern in aller Regel an Aspekte von klassisch rassistischen Vorstellungen von zwar gewalttätigen, aber letztlich unterlegenen und minderwertigen Einwanderern."

Dass der Staatssozialismus in Europa untergegangen ist, war gut und richtig, meint im Interview mit dem Standard die Politologin Lea Ypi, die gerade ein Buch über ihre Kindheit in Albanien veröffentlicht hat. Aber an einen demokratischen Sozialismus glaubt sie immer noch: "Ein sozialistisches Konzept, das die Welt im Blick hat und Vergesellschaftung nicht nur auf der politischen Ebene demokratisch umsetzt, hätte nicht diese selbstzentrierte, nach innen gewandte Sicht, mit der der Sozialismus der Vergangenheit die Demokratie betrachtete. Und über einen solchen Sozialismus, der über die Grenzen der Nationalstaaten hinweggeht und beides verwirklicht, Demokratie und wirtschaftliche Gerechtigkeit, sollten wir nachdenken."

Weiteres: Im Standard denkt Thomas Edlinger, künstlerischer Leiter des Donaufestivals Krems, darüber nach, wann kulturelle Aneignung okay ist und wann nicht. In der SZ bedauert Thomas Steinfeld das sich abzeichnende Ende der schwedischen Neutralität. Im Interview mit der NZZ erklärt die Soziologin Carolyn Chen, wie Silicon Valley für viele hochqualifizierte Amerikaner zu einer "Quasireligion" werden konnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2022 - Ideen

Lukas Leuzinger interviewt für die NZZ Francis Fukuyama zum Krieg in der Ukraine und der Reaktion der Demokratien. Auf die Frage, ob diese stärker von innen oder außen bedroht seien, antwortet Fukuyama: "Das hängt von dem jeweiligen Land ab. Die osteuropäischen Nato-Mitglieder sind einer direkten Bedrohung durch Russland ausgesetzt, die die USA nicht kennen. Die USA werden stärker von innen bedroht. Donald Trump und seine Anhänger sind von Putin manipuliert worden und scheinen gerne mit Russland zusammenzuarbeiten. Mit solcher internen Subversion hatten wir während des Kalten Krieges nicht zu tun. Doch letztlich handelt es sich um eine einzige Bedrohung."

In der taz zieht Annekathrin Kohout, Autorin einer "Popkulturgeschichte" über den Typus des "Nerds", im Gespräch mit  Julia Hubernagel Analogien: "Ich glaube, dass der Nerd für das 20. Jahrhundert eine ähnliche Figur ist wie das Genie für die Romantik, für das 18. Jahrhundert. Er ist eine Art Künstlerfigur, nur eben nicht für das klassische Bildungsbürgertum, sondern für das digitale Bildungsbürgertum, nicht High Culture, aber High Technology."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2022 - Ideen

"Wir stecken mitten in einer Demokratie-Rezession", sagt Michael J. Abramowitz, Präsident der NGO Freedom House im Interview mit Susanne Lenz (Berliner Zeitung). "Ich glaube auch, dass die weltweiten Veränderungen im Mediensystem zum Niedergang beitragen. Die unabhängigen Medien werden schwächer. Journalisten stehen heute unter großem Druck. Sie werden ermordet, bedroht. Aber auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit von unabhängigen Medien nimmt ab. Das bedeutet weniger Kontrolle für die Politik."