9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 73 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2022 - Ideen

Mehr noch als gegen Abtreibungen richtet sich der evangelikale Fundamentalismus in den USA gegen den säkularen Staat, schreibt die Autorin Marcia Pally in der taz und sie erkennt darin das geistige Erbe der Puritaner und Siedlerkolonisten: "Der neuzeitliche Liberalismus legt großen Wert auf die Freiheit des Individuums und lehnt Autoritäten ab. Dies galt besonders in den USA, da viele der Eingewanderten unterdrückerischen politischen Systemen entkommen waren. Auch auf dem großen Treck westwärts war es ratsam, auf sich selbst gestellt zu überleben, sich in den neuen Siedlungen auf die Gemeinschaft verlassen zu können und sich vor Autoritäten und Fremden zu hüten (diese kollektive historische Erfahrung ist übrigens eine der historischen Wurzeln für das von außen befremdlich anmutende Beharren auf das Recht auf Waffenbesitz)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2022 - Ideen

Charlotte Wiedemann, taz-Kolumnistin und Autorin des Buchs "Den Schmerz der Anderen begreifen - Holocaust und Weltgedächtnis", wendet sich gegen einen antitotalitären Blick auf den Krieg in der Ukraine: "Wer eben noch mit dogmatischer Strenge auf der Singularität der Shoah bestand, nennt Putin nun den neuen Hitler. Wer gestern einer postkolonialen Linken vorwarf, sie relativiere den Judenmord, versenkt die Spezifik der NS-Verbrechen heute in einem wiederentdeckten Antitotalitarismus. Als wolle die öffentliche Debatte gar hinter den Historikerstreit von 1986 zurückfallen. Ich halte die neue Trivialisierung von NS-Verbrechen und die alte Ausgrenzung kolonialer Opfer für zwei Gesichter desselben Phänomens: eines seelenlosen und im Kern desinteressierten Gedenkens. Die Alternative dazu ist, Erinnerungskultur und Antifaschismus aus einem Geist der Empathie und Solidarität neu zu begründen."

Die Übersetzerinnen Claudia Dathe, Olga Radetzkaja und Thomas Weiler denken in einem FAZ-Essay darüber nach, wie der Krieg die ostslawischen Sprachen beeinflusst und deren Verhältnis zueinander neu sortiert. Insbesondere die russische Propaganda, die Begriffe wie "Faschismus" und "Nazis" bedeutungslos zu machen droht, entkerne die Sprache. Wie damit umgehen? "Wenn Putin öffentlich die 'endgültige Lösung' der ukrainischen Frage in den Raum stellt, machen wir die im Russischen darin hörbare 'Endlösung' im Deutschen explizit - im Bewusstsein, dass solche Zweideutigkeiten in der politischen Rhetorik gezielt eingesetzt werden? Parallelen zwischen der Sprache des zunehmend totalitären russländischen Regimes und der Sprache des Dritten Reichs sind nur eines der Probleme."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2022 - Ideen

Die russische Gesellschaft ist zutiefst geprägt von der Welt der Lager, schreibt der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili im Feuilleton-Aufmacher der FAZ. Er kommt auf den Film "Nichtliebe" des Regisseurs Andrej Swjaginzew zu sprechen, wo sich ein Kind umbringt, als es erkennt, dass seine Eltern es nicht wollten: "'Nichtliebe' als Gesellschaftszustand hat ihren Ursprung in der Sowjetunion, und zwar in deren dunkelsten Kapiteln", nämlich dem Gulag, so Andronikashvili, dessen Brutalität vor allem der Autor Warlam Schalamow beschrieben hat. "Schalamow zeigt auch, wie diese Gegenwelt die Kultur veränderte. In dem Text 'Was ich im Lager gesehen und erkannt habe' fasste er die Grundordnung der Lagerwelt zusammen. Er spricht von der Fragilität von Kultur und Zivilisation, davon, dass Schläge als Argument fast unwiderlegbar seien; dass die Passion für Macht, für das ungehinderte Morden bei allen Rängen der Schergen groß sei. Die Erosion der Gefühle ist die Kehrseite der Verherrlichung der Gewalt."

Jörg Häntzschel unterhält sich in der SZ mit Bernd Scherer, dem Leiter des Berliner Hauses der Kulturen der Welt und beseelten Verfechter des Begriffs des "Anthropozäns", dem seine Haus viele Ausstellungen und Verantaltungen widmet. Der Begriff will widerspiegeln, dass der Mensch durch sein Eingreifen Erd- und Klimageschichte so maßgeblich beeinflusst und beschädigt hat, dass eine erdgeschichtliche Epoche danach zu benennen ist. Die Aufklärung hat uns in dieses Schlamassel geführt, so Scherer, der sie dennoch nicht aufgeben will. Aber man müsse einen neuen Freiheitsbegriff entwickeln: "Man muss sich fragen, ob es in den vorhandenen Freiheitsräumen nicht Alternativen gibt, die man bisher nicht mitdenkt. Locke hat Freiheit an Besitz gebunden, im 20. Jahrhundert wurde daraus der Konsum. Gibt es nicht andere Definitionen von Freiheit, die uns wieder ein Verhältnis zur Natur erlauben? Ein Beispiel: Ich habe vor vier Jahren das Auto abgeschafft, seitdem fahre ich mit Genuss Rad." Seine Theorien erklärt Scherer auch in seinem Buch "Der Angriff der Zeichen".

In der NZZ warnt Thomas Ribi vor Einschränkungen der Meinungsfreiheit - offiziell etwa durch den geplanten Digital Services Act der EU, inoffiziell etwa durch ein Totschweigen anderer Meinungen im linksliberalen Milieu. "Öffentlichkeit ist keine Kirche, die dem, was ich sage, einen gepflegten Nachhall geben soll. Sie ist eine Bar, in der alles zur Sprache gebracht werden kann, was zur Sache vorzubringen ist. Auch wenn es mir nicht passt. Auch wenn es lauter vorgebracht wird, als mir das lieb ist. Und selbst dann, wenn ich persönlich angegriffen werde. Wer sich öffentlich äußert, setzt nicht nur seine Meinung der Kritik aus, sondern bis zu einem gewissen Punkt auch sich als Person. Ich darf niemanden diskriminieren. Aber ich habe kein Recht, nicht beleidigt zu werden. Demokratie verlangt Stehvermögen. Und braucht Debatten, die nicht vorzeitig blockiert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2022 - Ideen

Im Interview mit Sonja Zekri in der SZ erklärt der amerikanische Historiker Timothy Snyder, warum er den Ukraine-Krieg am ehesten in der postkolonialen Optik begreifen will: "Dass Europa eine Geschichte der Nationalstaaten ist, beruht auf einem nachträglich konstruierten Mythos der Europäischen Union. In etwa so: Wir alle waren Nationalstaaten, aber nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir begriffen, dass wir uns besser nicht gegenseitig bekämpfen. In Wahrheit hatten die Europäer keine Nationalstaaten, sondern Imperien. Der Zweite Weltkrieg war ein imperialer Krieg, nur lag das deutsche Imperium in Europa."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2022 - Ideen

Für den britischen Journalisten Paul Mason - aktuelles Buch: "Faschismus: Und wie man ihn stoppt" - zeigt sich in der FR in Worten und Tat des Attentäters von Buffalo die "Architektur des modernen Faschismus": "Der faschistische Massenmörder ist in unserem Jahrhundert zu einem erkennbaren menschlichen Stereotyp geworden. Immer männlich, immer unter sozialem und persönlichem Versagen leidend, immer eloquent und wortreich in seinem Aufruf zum Völkermord. (...) Es gibt eine übergreifende Logik zwischen dem Schützen, der rechtsextremen Bewegung, rechtspopulistischen Parteien und den aufrührerischen Stimmen in den konservativen Medien. Das Narrativ des 'Großen Austauschs' ist das ideologische Rückgrat, das sie miteinander verbindet. Sie wurde 2010 von dem französischen Autor Renard Camus formuliert und ist im Grunde ein Aufguss der Theorien des arischen Vormachtpolitikers Houston Stewart Chamberlain aus der Zeit vor 1914."

Sprechen wir es aus: Putin ist Faschist, schreibt Timothy Snyder in der New York Times und dürfte damit auch bei vielen Linken ein unbehagliches Schlucken auslösen. Aber es gibt einen Kult des Führers, einen Kult des Todes und den Mythos von einem goldenen Zeitalter, wie es sich für einen ordentlichen Faschismus gehört. Das Zögern gegenüber diese Einsicht erklärt sich für Snyder aus der Tatsache, dass unser Geschichtsbild zur Hälfte unbelichtet ist: Stalin werde immer noch als "Antifaschist" gesehen: Dabei sei "Stalins Flexibilität gegenüber dem Faschismus der Schlüssel zum Verständnis des heutigen Russland. Unter Stalin war der Faschismus zunächst indifferent, dann war er schlecht, dann war er gut, bis er - als Hitler Stalin verriet und Deutschland in die Sowjetunion einmarschierte - wieder schlecht war. Aber niemand hat jemals definiert, was er bedeutet. Es war eine Box, in die alles hineingesteckt werden konnte. Kommunisten wurden in Schauprozessen als Faschisten abgestempelt. Während des Kalten Krieges wurden die Amerikaner und die Briten zu Faschisten. Und sein 'Antifaschismus' hinderte Stalin nicht daran, bei seiner letzten Säuberung die Juden ins Visier zu nehmen, so wie seine Nachfolger, Israel mit Nazideutschland in einen Topf warfen."

SPD-nahe Philosophen wie Münkler (siehe oben) oder Jürgen Habermas pflegen im Blick auf den Ukraine-Krieg eine Rhetorik des Dilemmas. Scharf antwortet in der FAZ der ukrainische Philosoph Anatoliy Yermolenko, selbst Habermasianer, auf Habermas' in der SZ dargelegtes (unser Resümee) "Dilemma", dass die Ukraine "nicht verlieren" solle, Russland aber auch nicht, damit Putin sein Gesicht behält und kein dritter Weltkrieg ausbricht. Die Logik, dass die Ukraine in diesem "Kompromiss" zur Hälfte besetzt bleibt, die daraus bei Habermas (wie auch bei Münkler) folgt, will Yermolenko nicht anerkennen, denn "Jede Besetzung von Territorien führt zu einer weiteren Besatzung von weiteren Territorien": "Die Zerstörung von Mariupol und der Genozid an der dortigen Zivilbevölkerung wären unmöglich gewesen, wenn Russland nicht 2014 die Krim und den Donbass besetzt hätte - da Mariupol von diesen besetzten Gebieten aus angegriffen wurde. Der Angriff auf Kiew wäre unmöglich gewesen, wenn Russland Lukaschenkos Belarus nicht besetzt hätte, denn die Stadt wurde von Belarus aus angegriffen, und der Genozid in Butscha ereignete sich eben deshalb, weil Belarus russischen Truppen den Zugang auf ukrainisches Territorium erlaubt hatte... Und wenn die Ukraine in diesem Krieg ihre Souveränität verliert, wird Russland zweifellos weiterziehen und Europa besetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2022 - Ideen

Im Leitartikel der Welt springt Jacques Schuster den Unterzeichnern des Emma-Briefes, vor allem aber Jürgen Habermas zur Seite, der sich, so Schuster, gegen die "geistige Mobilmachung" der "Kriegsredner" stellte (Unser Resümee): "Seither hat sich das Moralisierende in der Debatte abgeschwächt, dafür ist das Wiegen von Gründen und Gegengründen wieder stärker geworden. 'Die moralisierende Form politischer Auseinandersetzungen läuft stets Gefahr, im Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes zu enden', stellte der Philosoph Hermann Lübbe vor Jahren zu Recht fest. Wenn die Gegenposition eines Jürgen Habermas oder einer Alice Schwarzer und ihrer vielen Anhänger zur Überprüfung der eigenen Haltung und zur Selbstbefragung führt, hat der Wetzstein seine Aufgabe erfüllt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2022 - Ideen

In der NZZ ist Paul Jandl gerührt, wie fleißig Prominente in den letzten Monaten offene Briefe verfassten, um sich zu den drängendsten Probleme der Welt zu äußern. Bisschen eitel auch? Naja, gut gemeint ist es jedenfalls: "Wer schlechten Sachen dienen möchte, würde keine offenen Briefe schreiben. Für gewöhnlich kann der offene Brief also auf einen Konsens setzen, dem es ohnehin egal ist, ob sich auch Alice Schwarzer, Daniel Kehlmann oder Juli Zeh unter ihm einreihen. In diesem Sinn wäre es gut, wenn jetzt einmal ein bisschen Ruhe einkehrte. Wenn nicht gleich morgen wieder schlaflose Intellektuelle und Künstler der Welt sagen, wie man sie retten könnte. Uns ist alles Gute recht. Wir sind ganz bei Olaf Scholz. Auch wir respektieren jeden Pazifismus und jede Haltung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2022 - Ideen

Dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung den Krieg gegen die Ukraine unterstützt, wundert den Kulturwissenschaftler Alexander Mishnev in der NZZ nicht, werden die Russen doch mit Propaganda förmlich zugeschüttet. Bei den Intellektuellen gibt es Ausnahmen, aber sie finden kaum Gehör: "Bis heute sind die Traumata der neueren Geschichte in Russland nicht aufgearbeitet worden. In den neunziger Jahren konnten die sowjetischen Verbrechen und der stalinistische Terror benannt werden. In der Ära Putin verblassten solche Versuche allerdings hinter der Glorifizierung des Großen Vaterländischen Krieges. Es gibt keine russische Vergangenheitsaufarbeitung, sie wird aber von vielen Intellektuellen eingefordert. Deshalb hat Nikolai Epples Buch 'Unbequeme Vergangenheit. Die Erinnerung an staatliche Verbrechen in Russland und anderen Ländern' an Aufmerksamkeit gewonnen und muss nachgedruckt werden."

Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard beugt sich für die SZ über die neue Ausgabe der Zeitschrift für Medienwissenschaft: "X | Kein Lagebericht" ist der Titel dieses Sonderheftes über Rassismus und Medienwissenschaften. Wert legen Herausgeber und Autoren dabei vor allem auf die "identitätsstiftenden Fundamente" eines Sprechers, so Bernard, den das stark an die K-Gruppen der Siebziger erinnert, die sich erst einmal als revolutionäres Subjekt beweisen mussten, bevor sie ihre politischen Utopien vortragen durften. "An der heutigen Universität ist die politisch-ökonomische Utopie durch die Utopie der 'Vielstimmigkeit' und 'kulturellen Enthierarchisierung' ersetzt worden, aber das Bemühen um ein neues Bewusstsein und insbesondere die verwendete Sprache verbindet die beiden Bewegungen in auffälliger Weise. Die Einleitung des Heftes macht schon typografisch klar, dass die Kritik an den bestehenden Verhältnissen bis auf die Ebene des verfügbaren Buchstaben- und Zeichensatzes reichen muss; es wimmelt von Klammern, Bindestrichen, Unterstrichen, Kursivsetzungen, Anführungszeichen, unorthodoxen Klein- und Großschreibungen, die auch die äußersten Ränder der Sprache mit Bedeutung versehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2022 - Ideen

Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus, würde in der NZZ gern erst mal die Begriffe klären, bevor man über Antisemitismus und Rassismus diskutiert. Antisemiten, schreibt er, "imaginieren sich ihre Vernichtung durch den überlegenen Geist, die 'Herren des Geldes' oder die als illegitim begriffene jüdische Staatlichkeit. Dieser imaginierten Bedrohung gedenken sie in letzter Konsequenz durch Vernichtung zuvorzukommen." Rassisten dagegen sehen andere als minderwertig an. Das wirkt sich auch auf den Vorwurf der "Islamophobie" aus, so Grigat, denn keine "politisch relevante Gruppe" glaube, nur die Vernichtung aller Muslime könne uns retten. Darum zielt für ihn der Vorwurf der "Islamophobie" vor allem "auf die Abwehr einer dringend gebotenen Kritik nicht nur am Islamismus, sondern beispielsweise auch an antisemitischen Ausprägungen eines orthodox-konservativen Mehrheitsislam. Derartige Kritik unter Rassismusverdacht zu stellen, ist ein durchschaubares Manöver, das sehr viel offensiver in seiner intellektuellen Unredlichkeit und seinem antiaufklärerischen Impetus kenntlich gemacht werden sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2022 - Ideen

In der FR verteidigt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr das Scholz'sche Zaudern hinsichtlich der Waffenlieferungen: "Mit Blick auf Sokrates lässt sich Zaudern als Praxis zu verstehen, die Freiheitsspielräume eröffnet. (…) Gegenüber dem Durchregieren gewinnt der öffentliche Streit wieder an Macht. Öffentlich kann wieder aus alternativen Perspektiven darüber gestritten werden, wie die aktuelle Krisensituation in ihrer Komplexität zu analysieren und zu gestalten ist."

In der Welt legen die beiden Sprachwissenschaftler Ewa Trutkowski und Helmut Weiß dar, dass das generische Maskulinum älter ist als vermutet - und schließen: "Anstatt einer Machtverschiebung zugunsten von geschlechtermäßig Marginalisierten zu dienen, erscheint sogenannte geschlechtergerechte Sprache immer mehr als funktionales PrideDesign für Sprache: fernab der sprachlichen Realität, auf Internetseiten von Unternehmen, die sich dadurch 'pinkwashen' und entsprechende 'awareness' signalisieren wollen, aber bis zum Hals im GenderPayGap stecken ... Deshalb fragt sich: Wer außer denen, die so tun, spricht wirklich so?"