9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2014 - Internet


(Peter Sunde, das Foto wurde unter CC-Lizenz von Share Conference bei Flickr veröffentlicht.)

(Via Boingboing) Die Piraten-Europaabgeordnete Julia Reda erzählt in ihrem Blog, wie sie Peter Sunde von der Pirate Bay in Schweden im Gefängnis besuchte. Leicht war es nicht - erst nach einer Beschwerde Sundes und dem Hinweis auf ihren Abgeordnetenstatus konnte sie ihn besuchen. ""Gefängnis ist ein bisschen wie Copyright", sagt Peter. In beiden Gebieten fehlt Transparenz, und die Leute an der Macht profitieren davon, dass die Leute dem Thema normalerweise nicht viel Aufmerksamkeit widmen. Nur wenige fühlen sich davon wirklich betroffen... Darum ist es schwierig, die traditionelle Politik dazu zu bringen, wenigstens die krassesten Ungerechtigkeiten zu bekämpfen."

Schlimm, dieses Internet, selbst in den Gesetzfindungsprozess der uns Regierenden mischt es sich ein, stöhnt Thomas de Maizière in einem ganzseitigen FAZ-Artikel zur kommenden "Digitalen Agenda" der Regierung: "So hat es nur Stunden gedauert, bis der erste Entwurf der Digitalen Agenda "geleakt" wurde. Nur wenig später folgten die ersten Verrisse der Technooptimisten sowie der naiven Technoagnostiker. Sodann wurden zwischenzeitlich durchgeführte Veränderungen und Konkretisierungen des Entwurfs als Einflussnahme der Hauptstadtlobbyisten hochstilisiert und verdammt."

Recht interessant schreibt Caroline O"Donovan im Nieman Journalism Web, was freies Internet, Netzneutralität und die Ereignisse in Ferguson miteinander zu tun haben. Gibt es keine Netzneutralität, können Nachrichten gefiltert werden - und das geschah in Ferguson auf recht handfeste Weise: "Die Bedeutung der mobilen Geräte und des Netzzugangs wird von der Festnahme zweier Journalisten unterstrichen, die ihre Telefone bei McDonald"s aufluden und das schnelle Internet der Fastfoodkette benutzten, das somit einen unfreiwillig demokratisierenden Effekt hatte - wenn eine Nachricht sich herumspricht hat das freie Internet das Potenzial, Leute an ungewöhnlichen Orten zusammenzubringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2014 - Internet

In der FAZ beschreibt Fridtjof Küchemann, wie amerikanische Unternehmen mit europäischen Kundendaten handeln und damit das Safe-Harbor-Abkommen unterlaufen. Der Tagesspiegel dokumentiert, wie Amazon seinen Preiskampf mit Bonnier begründet. In der Welt beschwert sich Hans Zippert wortreich bei Amazon über sein schlechtes Ranking.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2014 - Internet

Der Widerstand deutscher Autoren gegen Amazon müsste breiter ausfallen, meinen Corinna Visser und Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Einen Grund dafür, dass hauptsächlich Autoren der Unterhaltungsliteratur, bisher aber zu wenig genuin literarische Autoren unterzeichnet haben, nenne bereits der offene Brief, den deutsche Autoren in Anlehnung an ein amerikanisches Vorbild verfassten (wir verlinkten): ""Viele Autoren und Autorinnen haben Amazon unterstützt, als es eine kleine Startup-Firma mit neuen Ideen war. Wir haben Amazon Millionen in die Kassen gespült, viele haben mit Amazon kooperiert und tun das noch heute. Viele von uns haben ihre Backlist bei Amazon, haben Rezensionen und Beiträge geschrieben. Diese Autoren und Autorinnen, uns, jetzt "in Beugehaft" zu nehmen, ist keine Art mit Geschäftspartnern umzugehen.""

In der FAZ erzählt Melanie Mühl am Beispiel eines Kinds mit Down-Syndrom, das von Adoptiveltern nach Entdeckung dieses Gendefekts im Stich gelassen wurde, wie schlimm dieses Internet als Hassgenerator funktioniert.


Stichwörter: Amazon, Startup, Down-Syndrom

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2014 - Internet

Auch deutsche Autoren veröffentlichen jetzt einen offenen Brief gegen Amazon (aber anders als ihre amerikanischen Vorbilder wohl nicht als bezahlte Anzeige, von der etwa die FAZ profitierte). Man wendet sich gegen die verzögerte Auslieferung von Büchern missliebiger Verlage und gegen die angebliche Manipulation von Empfehlungslisten bei Amazon, berichtet das Handelsblatt, dem der Wortlaut des Brifs vorliegt. Zu den Unterzeichnern gehören Ingrid Noll, Günter Wallraff und Elfriede Jelinek.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2014 - Internet

Facebook behauptet, nichts gegen die islamistischen Snuff-Videos tun zu können, mit denen die Gotteswütigen des "Islamischen Staats" für ihre Sache werben - und heuchelt, wie Fabian Schmid im Standard zeigt: "Bei Urheberrechtsverletzungen oder Pornografie ist das Löschverhalten der sozialen Medien jedoch um einiges effizienter. Facebook sorgte wiederholt für Aufregung, weil Seiten mit nackten Brüsten gesperrt wurden. Zu spüren bekamen das beispielsweise die Aktivistinnen von Femen."

Gibt es in Bezug auf die EuGH-Entscheidung zum "Recht auf Vergessen" einen Konflikt zwischen Datenschützern und Anhängern eines offenen Netzes? "Natürlich wollen wir guten Datenschutz", schreibt Rigo Wenning bei internet-law.de, "Ich bin froh, dass es den Datenschutz gibt. Aber der Datenschutz wandelt sich gerade von der gütigen Fee zum Kafka-Monster. Das Urteil hat ein Hinterfragen dieser Entwicklung ausgelöst. Und das ist gut so." Wenning antwortet damit auf einen Text der Datenschützerin Kirsten Fiedler auf Netzpolitik, die das Gerichtsurteil verteidigt hatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2014 - Internet

Andreas Platthaus zählt in der FAZ die neuesten Volten der Amazon-Strategie auf verschiedenen Schlachtfeldern auf. Unter anderem verlegt der Konzern die Auslieferung deutscher Bücher nach Polen und Tschechien, um Kosten zu sparen und den Ärger mit den Gewerkschaften loszuwerden. Zusatzkosten sollen die Verlage decken: "Damit wird der Druck hin zur digitalen Verbreitung von Büchern, den Amazon auf seine Lieferanten ausübt, weiter verstärkt. Denn bei E-Books fallen keine Versandkosten an, doch auf diesem Feld ist Amazons Dominanz auch auf dem deutschen Markt am größten."

Amazon praktiziert auch am besten von allen den neuen Kundenkapitalismus, den Andreas Zielcke in der SZ nach Managerkapitalismus und Shareholder-Value aufziehen sieht: "Für den Kunden quetscht man Lieferanten über die Maßen aus. Für ihn überrollt man den stationären Handel. Und für ihn annektiert man immer größere Teile der Wertschöpfungskette." In der Welt zweifelt Holger Ehling am Geschäftsmodell des "Milliardenkonzerns".

Weiteres: Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons informiert der Literaturwissenschaftler Robert Pogue Harrison aus Stanford, dass Silicon Valley ja doch nur die "optimale Vermarktung einer ewig jugendlichen, regressiven Kultur" betreibe.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2014 - Internet

Voilà, 900 Autoren haben die Anzeige gegen Amazon und pro Hachette, die schon von sich reden machte (unsere Links, auch zum Text der Anzeige), in der New York Times veröffentlicht. Kostenpunkt laut Times: 100.000 Dollar. Alison Flood schreibt im Guardian: "Beide Seiten haben ihren Ton nach und nach verschärft. Hachette sagt, es wäre selbstmörderisch, die Vorschläge von Amazon zu akeptieren. Und Amazon, dass Hachette aufhören solle, "seine Leser als menschlichen Schutzschild zu benutzen"." Inzwischen hat das Amazon Books Team eine readersunited-Seite ins Netz gestellt, in der es seine Leser auffordert E-Mails unter anderem folgenden Inhalts an Hachette zu schicken: "Wir haben Ihre illegalen Absprachen zur Kenntnnis genommen. Arbeiten Sie nicht so hart an zu hohen Preisen für Ebooks. Sie können und sollten preiswerter sein." Mehr auch bei Mashable und Engagdet (hier und hier).

Nicht zur Beruhigung, eher zur Untermauerung der nackten Panik empfiehlt der Kleinverleger Jörg Sundermeier in der taz zwei Bücher über Amazon und die "Bücherdämmerung": "Katja Spichal etwa schreibt, dass in Deutschland seit einiger Zeit jährlich rund 80.000 Erstauflagen von Büchern veröffentlicht werden. Das entspreche, so Spichal, einer Datenmenge von rund 40 Gigabyte. Diese immense Datenmenge wird in Deutschland im Netz jedoch "an jedem Tag in weniger als 3 Minuten produziert"."

Joachim Huber kommentiert dazu im Tagesspiegel: "Amazon ist nicht amoralisch, Amazon ist Händler, es geht um 9,99 Dollar für Literatur und nicht um Literatur für 9,99 Dollar."

Netzpolitik wird zehn! Perlentaucher gratuliert. Und Netzpolitik sich selbst auch: "Wir haben schon über die Totalüberwachung durch Geheimdienste berichtet, als Edward Snowden noch nicht für die NSA gearbeitet hat. Und wir werden weiter darüber berichten, wenn andere Medien das Interesse verloren haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2014 - Internet

Auf Zeit Online berichtet Patrick Beuth von der Hackerkonferenz Black Hat in Las Vegas, wo eine bange Frage die Runde machte: Ist das Internet ein Failed State, ein digitales Somalia? "Dan Geer, ein Pionier des Risikomanagements und Vordenker der Branche, hat es in seiner Keynote ähnlich ausgedrückt: Die Werkzeuge der Stunde seien Angriffswerkzeuge, sagte er. Und Jeff Moss, der Begründer und Organisator der Konferenz, sagt im Gespräch mit Zeit Online: "Die Angreifer sind so dermaßen überlegen, dass wir ein Gefühl von Hilflosigkeit entwickelt haben." Die Angreifer, von denen alle, Healey, Geer und Moss, sprechen, sind Kriminelle, aber auch Regierungen."

Warum brechen wir eigentlich aus schlechten Beziehungen so selten aus?, fragt die britische Autorin Priya Basil im Tagesspiegel angesichts des destruktiven Verhältnis von Datenschutz und Internet: "Wir haben bereits in Kauf genommen, dass unsere Iris als Identifikationsmerkmal benutzt wird. Werden wir Unternehmen auch unsere Herzen zur Verfügung stellen? Der Herzschlag jedes Einzelnen ist unverwechselbar. Eine Firma namens Nymi bietet bereits an, ihn als ultimatives Password für alle digitalen Geräte einzusetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2014 - Internet

Im Kampf gegen die Social-Media-Propaganda der IS-Miliz blockierte die irakische Regierung im Juni 2014 das Internet im eigenen Land, viele Iraker fanden allerdings schnell eine Kommunikations-Alternative, schreibt Johannes Wendt in der Zeit. Die App Firechat, bisher noch nur über Bluetooth und Wifi-Direct nutzbar, könnte die nächste digitale Revolution bedeuten: "Niemand würde hinter dieser Funktion ein mächtiges Tool vermuten, das Zensur verhindern und freien Meinungsaustausch ermöglichen kann. Aber genau das ist sie. Sie ist sogar so mächtig, dass sie das Internet in Teilen ersetzen könnte. Denn sie erlaubt unabhängig von der Infrastruktur des Internets den Aufbau eines alternativen Netzwerks. Solche alternativen Netze werden Mesh-Netzwerke (mesh networks, übersetzt etwa: vermaschtes Netz) genannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2014 - Internet

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sitzt im Beirat, den Google gegründet hat, um das "Recht auf Vergessen" konkret auszugestalten. Im Gespräch mit Claudia Tieschky in der SZ begrüßt sie das Urteil des EuGH gegen Google: "Die Meinungsfreiheit wird nicht baden gehen. Man muss immer beachten: Es geht hier nicht um Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, Stars oder Politiker, sondern um die sogenannten normalen Bürgerinnen und Bürger. Und da ist eben das Öffentlichkeitsinteresse nicht so hochrangig anzusehen."

Auch Sascha Lobo schreibt in seiner Spiegel-Online-Kolumne zum Thema und und fordert die Entwicklung einer "Datensouveränität".