9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2021 - Internet

In der Howard University, an der vor allem Schwarze studieren, werden die altphilologischen Fächer abgeschafft. Um sie gibt es in den USA wegen angeblichen Rassismus der Disziplin Streit. In der Washington Post protestieren der bekannte afroamerikanische Intellektuelle Cornel West und Jeremy Tate gegen diesen Beschluss: "Die anhaltende Kampagne in der akademischen Welt gegen die Klassiker  ist ein Zeichen für geistigen Verfall, moralischen Niedergang und eine tiefe intellektuelle Verengung, die in der amerikanischen Kultur wüten. Diejenigen, die diese schreckliche Tat begehen, behandeln die westliche Zivilisation entweder als irrelevant und nicht wert, priorisiert zu werden, oder als schädlich und nur der Verurteilung würdig. Traurigerweise sind in unserem Kulturbegriff die Verbrechen des Westens so zentral geworden, dass es schwer ist, das Beste des Westens im Auge zu behalten. Wir müssen wachsam sein und den Unterschied zwischen der westlichen Zivilisation und Philosophie einerseits und westlichen Verbrechen andererseits beachten. Die Verbrechen entspringen bestimmten Philosophien und bestimmten Aspekten der Zivilisation, nicht allen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2021 - Internet

Ein Prozess des Bundeskartellamts gegen Facebook vor dem OLG Düsseldorf ist für das Amt zunächst mal eher frustrierend verlaufen, berichtet Malaika Rivuzumwami in der taz: "Am Ende teilte das Oberlandesgericht mit: 'Die Frage, ob Facebook seine marktbeherrschende Stellung als Anbieter auf dem bundesdeutschen Markt für soziale Netzwerke deshalb missbräuchlich ausnutzt, weil es die Daten seiner Nutzer unter Verstoß gegen die DSGVO erhebt und verwendet, kann ohne Anrufung des EuGH nicht entschieden werden.' Das Gericht bezweifelte, dass Facebook seine Nutzer:innen ausbeute. Dafür, dass Facebook den Nutzer:innen die Datensammelei gegen ihren Willen aufzwinge, habe das Kartellamt keine 'belastbaren Belege' vorgelegt."
Stichwörter: Facebook, Eugh, Bundeskartellamt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2021 - Internet

Ganz groß präsentiert der Guardian die Geschichte der gefeuerten Facebook-Programmiererin Sophie Zhang, die aufdeckte, dass Regierungschefs in dem sozialen Netz ihre Followerzahlen manipulieren. Die Silicon-Valley-Korrespondentin Julia Carrie Wong resümiert: "Zhang arbeitete seit etwa sechs Monaten für Facebook, als sie bemerkte, dass Juan Orlando Hernández, der Präsident von Honduras, eine große Zahl von gefälschten Likes für Inhalte anhäufte, die er für seine 500.000 Follower auf Facebook postete. In einem Zeitraum von sechs Wochen, von Juni bis Juli 2018, erhielten Hernández' Facebook-Posts Likes von 59.100 Nutzern, von denen mehr als 78 Prozent keine echten Personen waren." In einem zweite Artikel hält sie fest: "Mit 2,8 Milliarden Nutzern spielt Facebook eine dominante Rolle im politischen Diskurs fast aller Länder der Welt. Doch die Algorithmen und Funktionen der Plattform können manipuliert werden, um die politische Debatte zu verzerren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2021 - Internet

Zeitungen waren einst, was heute Ebay oder Google sind: Organisatoren des Marktes. Da sie als Filter allerdings viel enger waren, konnten sie für ihre Anzeige und Inserate Mondpreise nehmen und lebten von einer Rente. Auch damals schon, schreibt Johannes Franzen in 54books, waren die Leser das Produkt, das an die Anzeigenkunden weitergereicht wurde. Dies Modell ist durch die Digitalisierung gründlich in die Krise geraten. Nun ist es an den Lesern, den Wert geistiger Arbeit zu finanzieren, appelliert Franzen: "Ein klares Bewusstsein für den Wert geistiger Arbeit muss dazu führen, dass die Leser*innen die Notwendigkeit anerkennen, ihr individuelles Medienbudget aufzustocken. Der digitale Wandel hat ein Finanzierungsmodell geistiger Arbeit zusammenbrechen lassen und in dieser Leerstelle muss ein neues Modell aufgebaut werden, eines, in dem sich die Menschen als aktive Leser*innen verstehen, und weniger als Produkt. Die Entwicklung ist nicht nur mit finanziellen Opfern verbunden, sondern auch mit einem Zuwachs an Emanzipation."

Rasmus Peters denkt in der FAZ zugleich über Digitalisierung in der Kulturwelt nach, die durch Corona noch beschleunigt wird und für ihn unweigerlich zu Kommerzialisierung führt: "Weil die digitale Umgebung Kunst allgemein zugänglich macht, wird sie zur Regel und nicht zur Ausnahme. Gleichzeitig festigt jeder Konzertstream und jede virtuelle Museumstour den Einfluss wirtschaftlich organisierter Digitalkonzerne, weil die Veranstalter auf deren Plattformen angewiesen sind. Bühne und Museum sind nicht dem Verwertungsdruck entzogen. Um ausreichend Publikum zu erschließen, wird das Ausweichen und Ausweiten von Kunst auf digitale Medien alternativlos sein, weil sich die Gesellschaft zunehmend digital organisiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2021 - Internet

(Via Meedia) Der von Google gefürchtete Suchmaschinenoptimiererpapst Rand Fishkin hat in seinem Blog sparktoro.com eine neue Analyse veröffentlicht, die den Suchkonzern als gefräßige Netzmaschine entlarvt, die Informationen aufsaugt, ohne Klicks weiterzugeben: "Von Januar bis Dezember 2020 endeten 64,82 Prozent der Suchanfragen bei Google (Desktop und Mobilgeräte zusammen) in den Suchergebnissen, ohne dass ein Klick auf ein anderes Webangebot erfolgte. In dieser Zahl sind wahrscheinlich einige mobile und fast alle sprachgesteuerten Suchanfragen unterrepräsentiert, und daher ist es wahrscheinlich, dass mehr als zwei Drittel aller Google-Suchanfragen das sind, was ich als 'zero-click-Suchanfragen' bezeichne."
Stichwörter: Google

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2021 - Internet

Deplatforming - also das Löschen von Nutzerkonten auf Plattformen wie Facebook und Twitter, kann auch zu Radikalisierung von Extremisten führen, befürchtet der Extremismus-Forscher Jakob Guhl im Zeit-Online-Interview mit Tanya Falenczyk: "Die Verschwörungstheoretiker schaffen sich ihren abgeriegelten ideologischen Raum. Auf Telegram kommt noch dazu, dass die Influencer unheimlich viele Inhalte aus anderen Kanälen weiterleiten, in deutschen rechts- und verschwörungstheoretischen Kanälen sind das laut unseren Untersuchungen am ISD sogar ungefähr 40 Prozent aller Inhalte. Scrollt man durch einen Kanal wie den von Attila Hildmann, ist man schnell in 20 anderen Kanälen mit ähnlicher Gesinnung. Wer sich am Anfang der Corona-Krise von Verschwörungstheorien über gefälschte Infektionszahlen anlocken ließ, landet über dieses Netzwerk an Telegram-Kanälen, die sich gegenseitig Follower zuspielen, heute ziemlich schnell bei der Holocaust-Leugnung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2021 - Internet

Entsetzt kommentiert Sebastian Grüner bei golem.de, dass Richard Stallman, der Pionier der Freien-Software-Bewegung, wieder in den Vorstand der Free Software Foundation (FSF)  eintritt. Stallman hatte Opfer von Jeff Epstein denunziert, um sich mit seinem Freund Marvin Minsky, der Epstein nahestand und dem Vergewaltigung vorgeworfen wurde, zu solidarisieren. Das schadet vor allem der Idee von Open Source, so Grüner. "Denn eines ist klar: In einer Welt von Gadgets und Smartphones, die hauptsächlich mit proprietärer Software laufen und in der freie Software inzwischen ihren Siegeszug als Open-Source-Software hauptsächlich in Serversystemen und Enterprise-Software vollzieht, braucht es eine von Endnutzern und Entwicklern getragene Organisation, die sich weiter für die ideale freie Software einsetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2021 - Internet

Bei Soziopolis spricht Martin Bauer mit dem Philosophen Joseph Vogl über dessen neues Buch "Kapital und Ressentiment". Unter anderem thematisiert Vogl die "Privilegierung von Meinungsmärkten auf Plattformen" und hat im Communications Decency Act von 1996 eine Ursache für die heutige Macht von Facebook und anderen Netzwerken erkannt: "Netzanbieter sind von nun an keine Publisher oder Verleger mehr, sondern nur noch Makler oder bloße Vermittler, die keine Verantwortung und Haftung für ihre Produkte, für die dort vertriebenen Inhalte übernehmen müssen. Ein beispielloses Haftungsprivileg: Wer veröffentlicht, ist nicht verantwortlich, wer aber Content verantwortet, betreibt keine Veröffentlichung. Die dort zirkulierenden Äußerungen werden mit Berufung auf den Ersten Verfassungszusatz über Meinungsfreiheit auf das Meinungshafte reduziert, also von jeder Haftung, von Rechtfertigungs- oder Begründungszwängen dispensiert." In der Welt befragt Marc Reichwein Vogl zu seinem Buch.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2021 - Internet

Die Türkei geht voran in der Regulierung der sozialen Medien, erzählt K. Zeynep Sariaslan bei geschichtedergegenwart.ch. So muss jedes Netzwerk künftig "mindestens einen bevollmächtigten Vertreter oder eine Vertreterin in der Türkei benennen, der von der Justiz bestraft werden kann, wenn das Netzwerk nicht innerhalb von 48 Stunden auf offizielle Aufforderungen zur Entfernung von Inhalten reagiert, die der Staat für unerwünscht hält. Außerdem muss der Vertreter des entsprechenden Internetunternehmens nun alle sechs Monate bei den Behörden einen Bericht mit Informationen über dessen Nutzer in der Türkei einreichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2021 - Internet

Der Philosoph Joseph Vogl versucht im Gespräch mit Julia Encke und Harald Staun von der FAS zu erklären, wie Populismus im Netz und vor allem den sozialen Medien funktioniert. Es gehe "um Strukturen sozialer Mobilisierung. Dazu gehören die Vorherrschaft des Meinungshaften, wuchernde Urteilslust, sich selbstverstärkende Mechanismen, eine auf schnelle Treffer ausgerichtete 'ballistische' Kommunikation - also einige Faktoren, die vielleicht den Begriff eines 'strukturellen Populismus' rechtfertigen. Und wenn Facebook von Anhängern des brasilianischen Präsidenten oder von der italienischen Lega gefeiert wird, so liegt das schlicht an der politischen Effizienz eines Businessplans."