9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2020 - Internet

Amerikanische Konservative wenden sich ab von Twitter und Co und anderen Plattformen zu, weil sie sich zensiert fühlen. In der NZZ ist Adrian Lobe zwiegespalten: In den sozialen Netzwerken "zumindest findet noch Kommunikation zwischen den verfeindeten Lagern statt. Selbst wenn man einen Nutzer blockiert, ist das noch eine Form der sozialen Interaktion. Wenn nun aber immer mehr konservative Nutzer Plattformen wie Facebook oder Twitter den Rücken kehren und sich in alternativen Foren organisieren, droht die Öffentlichkeit in immer kleinteiligere Neben- und Scheinöffentlichkeiten zu zerfallen - in homogene 'gated communities', in denen man gar nicht merkt, was auf der anderen Seite der Mauer stattfindet. Die Diskussionen verlaufen dann zwar gesitteter, sind aber auch tendenziell selbstreferenzieller."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2020 - Internet

(Via Meedia). Die New York Times verabschiedet sich mehr oder weniger von digitaler Werbung die ihr (wie auch dem Perlentaucher auf ein paar Werbeplätzen) von dritten Anbietern zugespielt wird und die meist auf eine ziemlich enge Überwachung der Nutzer setzen, wie Robin Berjon in der Times in einem ausufernden Blogbeitrag erklärt. Im Grunde läuft's darauf hinaus, dass man wieder selber akquiriert: "Wir verringern unsere Abhängigkeit von Dritten, indem wir unsere eigenen Fähigkeiten entwickeln, Anzeigen zu platzieren, die nicht auf der Verfolgung der Leser über ihr gesamtes vernetztes Leben hinweg basieren. Um Anzeigen effektiv zu gestalten, ohne zu wissen, wem sie präsentiert werden, haben wir verbesserte kontextbezogene Targeting-Funktionen entwickelt."

(Via turi2) Und noch ein Problem, das vielleicht die New York Times und überhaupt fast jeden betrifft, der im Internet etwas aufbauen will: Google lenkt inzwischen vierzig Prozent der Suchanfragen auf eigene  Seiten, wo es die Nutzer prächtig überwachen und mit eigener Werbung bombardieren kann, berichten Adrianne Jeffries and Leon Yin in themarkup.org und zitieren einen Betroffenen: "'Google hat mit dazu beigetragen, das freie Internet aufzubauen. Jetzt trägt es dazu bei einzureißen, was es aufbaute', sagt Chris Cummings, der Chef von Curiosity Media, dem die Übersetzungswebsite SpanishDict.com gehört. Die Seite bietet freie Übersetzungen und Wörterbucheinträge, viele von Linguisten und Übersetzern geschrieben. Es lebt von Werbung und braucht Traffic um zu überleben. Jahrelang, sagt er, wuchs seine Website mit Google. Aber dann war Google Translate der Top Spot bei Übersetzungssuchen..."

Marian Turski, geboren 1926, schreibt heute in der FAZ einen offenen Brief an Mark Zuckerberg mit der Aufforderung, Hassrede auf Facebook zu unterbinden: "Wenn auf Facebook jemand dazu anstiftete, mich, Marian Turski, umzubringen, dann glaube ich, dass Sie das sicher für unzulässig halten würden. Aber Menschen, die heute den Holocaust leugnen, verfolgen eine Ideologie und geben sie an die junge Generation von heute weiter, die den Tod von sechs Millionen Marian Turskis verursacht hat. Deshalb appelliere ich heute an Sie, - nicht wider die Demokratie, sondern der Demokratie zuliebe - nicht zuzulassen, dass Holocaust-Leugner auf Facebook in Erscheinung treten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2020 - Internet

Das Pekinger Unternehmen Bytedance, das die superpopuläre App und Plattform TikTok betreibt, kommt besonders in den USA (aber auch in Indien) immer mehr unter Druck - eben weil es ein Pekinger Unternehmen ist, berichtet der Pekinger taz-Korrespondent Fabian Kretschmer: "ByteDance versucht jetzt vor allem, sich ein internationales Image zu verpassen, das potenzielle Verbindungen zu Chinas Kommunistischer Partei vergessen machen soll: So wurde der frühere Disney-Vorstand, Kevin Mayer, als CEO rekrutiert und eine Horde PR-Lobbyisten angeheuert. Doch kommt TikTok aus seinem Herkunftsdilemma nicht heraus: Sollte Peking tatsächlich Informationen von dem Start-up anfordern, gäbe es praktisch keine rechtliche Grundlage, dagegen vorzugehen."

Außerdem: In einem Urteil zum "Recht auf Vergessenwerden" hat der Bundesgerichtshof festgestellt, dass Entscheidungen im Einzelfall getroffen werden müssen, weil "auf der einen Seite das Persönlichkeitsrecht des Antragsteller, (steht) auf der anderen Seite die unternehmerische Freiheit von Google, die Pressefreiheit des verlinkten Mediums sowie das Informationsinteresse der Öffentlichkeit", berichten Christian Rath in der taz (hier) und Charlotte Pekel in Netzpolitik (hier). Kurz: das Recht ist eine Gelddruckmaschine für Rechtsanwälte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2020 - Internet

In seinem neuen Buch "Der kommende Neo-Feudalismus" warnt der amerikanische Geograf Joel Kotkin vor einem an das Mittelalter erinnernden Schulterschluss zwischen der "Oligarchie des Silicon Valley" und einer intellektuellen Klasse von "linken Klerikern", deren Dogmen alle andere Meinungen unterbinden. Im von der Welt übersetzten Gespräch mit Laura Mandeville (Le Figaro) erläutert er: Das Vermögen liege in der Hand der Tech-Giganten, Mittel- und Arbeiterklasse verarmen, während linke Intellektuelle "versuchen, die Werte der Familie und der individuellen Freiheit, die für den Erfolg Amerikas in der Nachkriegszeit und den Wohlstand der Mittelklasse gesorgt hatten, durch ein Credo zu ersetzen, das die Verteidigung des Globalismus, der sozialen Gerechtigkeit (definiert als Verteidigung von ethnischen und sexuellen Minderheiten; Anm. d. Red.) und ein dauerhaftes, von oben her vorgeschriebenes Entwicklungsmodell und eine Neudefinition der Rollen innerhalb der Familie verbindet. Sie sagen, dass eine nachhaltige Entwicklung wichtiger ist als das Wachstum, das die Arbeiterklassen aus der Armut führen könnte. Dieser Punkt wird für erhebliche soziale Spannungen sorgen. Wirklich verblüffend ist dabei die Geschlossenheit dieses 'Klerus'. Unter den Journalisten bezeichnen sich nur sieben Prozent als Republikaner..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2020 - Internet

Soziale Medien wie Facebook und Twitter haben in Hongkong nach den neuen Sicherheitsgesetzen jede Zusammenarbeit mit den Behörden verweigert. Nun kommt die Meldung, dass das bei jungen Leuten populäre Netzwerk TikTok Hongkong ganz verlässt - mit der Begründung, dass man der chinesischen Regierung keine Daten geben will. TikTok - ein rein chinesisches Untenehmen - war wegen der Zensur mancher Videos unter Verdacht geraten, schreibt Karishma Vaswani auf der Website der BBC: "Aus diesem Grund hat TikTok versucht, sein globales Image zu verändern - und dies könnte ein weiterer Schritt in diese Richtung sein. TikTok hat auch immer wieder erklärt, dass es, wenn es darum gebeten würde, niemals Daten an Peking übergeben würde - und dass es auch niemals um Benutzerdaten gebeten wurde. Ein Verbleiben in Hongkong nach dem neuen Gesetz könnte es für das Unternehmen schwierig machen, diesem Versprechen treu zu bleiben."
Stichwörter: Tiktok, Hongkong, Soziale Medien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2020 - Internet

Caspar Busse und Andrian Kreye unterhalten sich in der SZ mit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, und dem Präsidenten  der TU München, Thomas Hofmann, die beide zu einer Initiative gehören, die ein "europäisches Internet", beziehungsweise eine "digitale Souveränität Europas" will (hier das Grundsatzpapier). Was genau das sein soll, wird im Gespräch nicht klar - aber es geht wohl auch um Förderung von  Digitalindustrien und öffentlich-rechtlichen Sendern in Corona-Zeiten. Hofmann sagt: "Wenn wir die Digitalwirtschaft anderen überlassen und es nicht schaffen, unsere Forschungseinrichtungen, etablierten Unternehmen und ideenreichen Ausgründungen gemeinsam in die Zukunft zu führen, dann wird Europa vor einem Problem stehen - wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ein Weckruf wie unsere heutige Initiative hätte Europa eigentlich schon vor zehn Jahren aus dem Dornröschenschlaf holen müssen." Immerhin wollen die beiden, dass im europäischen Internet offene Standards angewandt werden - und sie hoffen, dass Influencer à la Rezo von Youtube zu gemeinnützigen Plattformen wechseln.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2020 - Internet

China baut immer weiter an einem zensierten und überwachten lokalen Internet als Alternative zu amerikanischen Anbietern. Die Amerikaner saugen überall Daten ab und versuchen, die chinesische Konkurrenz auszuschalten. Selbst die EU macht mit, das globale Internet zu zerschlagen, warnt Jannis Brühl in der SZ: Sie "möchte Facebook und Google mit Datenschutz- und Kartellrecht möglichst klein halten. In einer Studie vom Mai rät zudem eine Beratungsfirma, die ein EU-Parlamentsausschuss beauftragt hat: Unter dem Schutz einer 'europäischen Firewall' könnten wettbewerbsfähige Start-ups entstehen. Diese könne 'wie die chinesische Firewall' dann 'unrechtmäßige' Inhalte aus Drittländern blockieren. Wenn Facebook einen illegalen Beitrag nicht löscht, wäre der ganze Dienst in der EU plötzlich nicht mehr zu erreichen."

Ins große Überwachungsgeschäft ist auch das polnische Startup PimEyes eingestiegen. Es analysiert Gesichter auf Fotos, die man im Netz hochlädt. Die Datenbank soll laut Unternehmen 900 Millionen Gesichter umfassen, berichtet auf netzpolitik Markus Beckedahl, der mehr Datenschutz fordert: "Es gibt doch für jeden Mist automatisierte Entscheidungssysteme, warum eigentlich nicht für das millionenfache Abgrasen von Fotos? Wir brauchen eine bessere Umsetzung von Datenschutz als Grundeinstellung und im Design. Solchen Unternehmen wird es sehr einfach gemacht, indem die Grundeinstellungen in sozialen Medien immer auf öffentlich stehen. Wer das ändern will, braucht die Kompetenz und häufig einen langen Atem, die richtigen Einstellungen zu finden und zu verschärfen. Warum ist dieses Privacy-by-Design immer noch nicht eingeführt? Es wäre so einfach: Alles wird erst mal auf nicht-öffentlich gestellt - und wer freizügig sein will, hat die Freiheit, sich zum Verlust seiner privaten Daten mühsam durchzuklicken! Dann hätten wir sofort weniger Probleme."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Internet

Erst gerierte sich Facebook als verfolgte Unschuld, dann ging der Konzern nur widerwillig Hass und Hetze in seinen sozialen Medien vor. Dass sich die großen Marken Honda, Coca-Cola, Unilever, Verizo von Facebook abwenden, kommentiert Joachim Käppner in der SZ erfreut: "Ja, das Netz braucht Freiheit, aber es ist kein rechtsfreier Raum. Die Boykottbewegung spricht die einzige Sprache, die Facebook zu verstehen scheint: Der Konzern hat mit dem Hass viel Geld verdient, und jetzt kostet ihn dieser Hass viel Geld. Facebook muss lernen, the hard way, wie man in den USA sagt."

In der Washington Post rekonstruieren Elizabeth Dwoskin, Craig Timberg und Tony Romm, wie sich Mark Zuckerberg Donald Trump annäherte: "Facebook hat nur wenig Anstrengungen gegen Falschbehauptungen und irreführende Meldung unternommen, das Netzwerk erlaubt Politikern explizit zu lügen und änderte seinen Algorithmus, um Behauptungen entgegenzutreten, es benachteilige konservative Medien, wie Dokumente von mehr als einem Dutzend Mitarbeiter belegen, die der Washington Post vorliegen... Das Zugeständnis gegenüber Donald Trump hat zu einer Wandlung des weltweiten Informationsschlachtfeldes geführt. Es ebnete den Weg für eine wachsende Zahl von digital versierten Politikern, die immer wieder Falschinformationen und Aufwiegelungen an Milliarden von Menschen senden können. Es hat nicht nur zu einer Polarisierung der Öffentlichkeit geführt, sondern auch dazu, dass große Ereignisse wie die Pandemie oder die Protestbewegung immer weniger verstanden werden. Und während Trumps Macht zunahm, trieb die Angst vor seinem Zorn Facebook dazu, mit seinen rechten Nutzern ehrerbietiger umzugehen und die Balance der Nachrichten aufzuheben, wie gegenwärtige und früühere Mitarbeiter bestätigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2020 - Internet

Für die New York Times hat Ben Smith zu jenem ominösen Gipfeltreffen recherchiert, zu dem sich Donald Trump, Jared Kushner und Peter Thiel mit Mark Zuckerberg im Oktober 2019 getroffen hatten und das seitdem in Washington als eines der "ungelösten Rästel amerikanischer Macht" gilt. Gab es einen Handel bei diesem ? Wie andere Tech-Giganten steckte auch Facebook in einer politischen Zwickmühle: Die Demokraten hassen und misstrauen dem Netzwerk, weil es rechte Desinformation verbreitete und der Wahl Donald Trumps den Weg ebnete; die Republikaner hassen und misstrauen Facebook, weil es von kalifonischen Liberalen geführt wird und einige rechte Beiträge löschte. Aber Facebook ist dieser Falle in den vergangenen dreieinhalb Jahren entkommen, indem es sich schneller und ernsthafter als seine Konkurrenten darum kümmerte, die Konservativen zu besänftigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2020 - Internet

In der Coronakrise, die zur Schließung vieler Bibliotheken führte, hat das Internet Archive eine "National Emergency Library" gegründet und die Ausleihe eingescannter Bücher erleichtert. Dagegen klagen nun einige amerikanische Verlage, darunter Randomhouse, Hachette und HarperCollins, schreibt Julia Barthel in Netzpolitik. Internet-Archive-Gründer Brewster Kahle begründet seine Initiative in einem Blogpost so: "Als Bibliothek erwirbt das Internet-Archiv Bücher und leiht sie aus, wie es Bibliotheken schon immer getan haben." Aber mit der Klage der vier Verlage hat sich diese Situation nun verändert, so Barthel: "'Trotz des Spitznamens Open Library gehen die Handlungen des Internet Archives weit über die legitimen Bibliotheksdienste hinaus, verletzen das Urheberrechtsgesetz und stellen vorsätzliche digitale Piraterie im industriellen Maßstab dar', schreiben die Kläger. Damit werde nicht nur das temporäre Projekt der National Emergency Library, sondern die digitale Bücherleihe grundsätzlich angegriffen, antwortet das Internet Archive in einem Blogpost mit der abschließenden Aufforderung: 'Lasst uns ein digitales System bauen, das funktioniert.'"

Trotz einiger Fortschritte beim Breitbandausbau steht Deutschland in der Digitalisierung allenfalls mittelmäßig da, schreibt Jörg Hunke in der Berliner Zeitung nach Lektüre einer EU-Studie zum Thema: "Besonders schlecht sieht es .. bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung aus. Hier steht Deutschland nur auf Rang 21... Und das machte sich auch in der Coronakrise bemerkbar, als bundesweit die Gesundheitsbehörden mit den neuen Herausforderungen bei der Erfassung von Infizierten und Erkrankten an ihre Grenzen kamen, weil sie noch auf Faxgeräte angewiesen sind." Im Kommentar erklärt Hunke den Lesern nochmal, dass das Internet nicht wieder weggehen wird.

Der in Mode gekommene Videokonferenzendienst Zoom beugt sich (anders als Twitter) der chinesischen Regierung und lässt Menschenrechtler nicht konferieren - ein schwerer Fehler, meint Sebastian Christ im Tagesspiegel: "Offene Kommunikation im Netz ist nur dann möglich, wenn die dazu genutzten Kanäle allen Menschen gleich zur Verfügung stehen. Ein expandierendes Unternehmen wie Zoom lebt davon, möglichst viele Menschen mittels Videokonferenzen zu verbinden. Der Opportunismus, den Zoom gegenüber der chinesischen Regierung nun an den Tag gelegt hat, könnte das Unternehmen am Ende teuer zu stehen kommen."

Twitter ist in China verboten. Aber die chinesische Regierung nutzt Twitter für ihre Propaganda. Twitter hat jetzt zurückgeschlagen und Tausende Konten aus Russland, der Türkei und eben China gelöscht, berichtet Deniz Yücel in der Welt: "Betroffen sind 1152 Accounts aus Russland, 7340 aus der Türkei und 23.750 aus China. Zusätzlich zu diesen 'hochaktiven' Konten habe man, so teilte das US-Unternehmen am Donnerstagabend mit, rund 150.000 weitere chinesische Accounts gesperrt, die als Verstärker gedient haben sollen."

Außerdem: In der FAZ stellt Wolfgang Kleinwächter eine Initiative der Vereinten Nationen für ein "weltweit freies Internet" vor (mehr dazu hier).