9punkt - Die Debattenrundschau

Mein geliebter Kant

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.07.2020. In Zeit online attackiert der Literaturwissenschaftler Jan Freyn eine "ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, 'ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren'". In der Berliner Zeitung antwortet Aleida Assmann entnervt auf ihre Kritiker - für die Vergiftung des Debattenklimas in Deutschland macht sie unter anderem den Antisemitismusbeauftragen der Bundesregierung verantwortlich. Trotz der polnischen Migrationspolitik gibt es auch in Polen Rassismus: der urbanen modernen PolInnen gegen die RüpelInnen, die für Kaczynski stimmen, schreibt Szczepan Twardoch in der Welt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2020 finden Sie hier

Ideen

Auf Zeit online kritisiert Literaturwissenschaftler Jan Freyn vehement eine Linke, die den öffentlichen Diskurs beaufsichtigen und wenn nötig "canceln" wollen: "Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal hellsichtig bemerkt hat, kann es geschehen, 'dass die Linke, die in die Mechanik der Macht verstrickt … ist, ihre Tugenden verliert, daß sie erstarrt und die Übel erbt, die gewöhnlich der Rechten eignen'. Diese Beschreibung trifft unsere kulturelle Situation sehr genau. Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, 'ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen' (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer."

Die Linke hat vergessen, dass Zensur vor allem den Machtlosen schadet, schreibt Kenan Malik im Guardian und erinnert an die Reaktionen auf die Ermordung der Mitarbeiter von Charlie Hebdo, als im Westen viele Linke das Magazin nicht verteidigen wollten: "Vergleichen Sie das mit der Reaktion in der arabischen Welt. Schriftsteller und Künstler, selbst diejenigen, die dem Magazin kritisch gegenüberstanden, waren, wie die in Beirut lebende Kritikerin Kaelen Wilson-Goldie bemerkte, in ihrer Unterstützung eindeutig, weil sie die Morde als Teil einer umfassenderen Bedrohung sahen. Bei einer Mahnwache für Charlie Hebdo in Beirut 'fügte man dem Je suis Charlie-Hashtag hinzu: Je suis Samir Kassir, Je suis Gebran Tueni, Je suis Riad Taha, Je suis Kamel Mroue'. Alle waren Schriftsteller, Karikaturisten oder Intellektuelle, die wegen ihrer Arbeit ermordet wurden... Würden viele der Witze oder Karikaturen, für die Araber ihr Leben riskieren, im Westen veröffentlicht werden, ohne von den Liberalen zurückgewiesen zu werden? Das bezweifle ich."

Entnervt antwortet Aleida Assmann in der Berliner Zeitung auf Angriffe gegen ihren Begriff des "kulturellen Gedächtnisses", die inzwischen häufig mit Antisemitismusvorwürfen einhergingen. In Deutschland ist für sie das Klima vor allem durch einen Faktor vergiftet worden: "Seit es einen Antisemitismus-Beauftragten gibt, ist das Bedürfnis sprunghaft gewachsen, Menschen in Deutschland als Antisemiten zu identifizieren. Allein der Versuch, einen Kollegen gegen diesen Vorwurf zu verteidigen, kann bereits dazu führen, dass die verteidigende Person selbst ins Fadenkreuz des Antisemitismusvorwurfs gerät. Die Strategien dafür sind unerschöpflich. Ein einfacher Vergleich kann bereits den Vorwurf der 'Holocaust-Relativierung' nach sich ziehen."

Kai Spanke referiert in der FAZ die Positionen einige Denker, die sich für Tierrechte einsetzen und besonders Bernd Ladwigs, dessen jüngste "Politische Philosophie der Tierrechte" viel von sich reden macht. Er "behauptet gegen jede Intuition, die Menschenrechte seien strenggenommen Tierrechte. Bei genauerer Betrachtung ist das so abwegig allerdings nicht, immerhin sind wir das Ergebnis derselben Naturgeschichte, welche Amphibien, Fische und Vögel hervorgebracht hat. Von vielen vermeintlichen Alleinstellungsmerkmalen, etwa Werkzeuggebrauch oder Intentionalität, mussten wir uns ohnehin längst verabschieden."

Im Interview mit Zeit online besteht die Philosophin Susan Neiman auf dem Prinzip Hoffnung, auch oder gerade in Zeiten von Corona: "Ich fange mit einem Hinweis auf meinen geliebten Kant an: Er hat auch klar gesagt, dass wir manchmal doch empirische, historische Zeichen brauchen, um weiter hoffen zu können. Für ihn war ein solches Zeichen zwar nicht die Französische Revolution selbst, denn dafür war deren Ausgang zu ungewiss. Doch die weltweit verbreitete Freude über die Revolution war für Kant damals solch ein reales Zeichen der Geschichte, das Anlass gab zu hoffen. Und als ein solches Zeichen verstehe ich heute, dass die Gesellschaften seit Corona gegen den Rassismus aufstehen. Eine Mehrheit der weißen US-Amerikaner unterstützt heute Black Lives Matter. Fast zwei Drittel von ihnen sprechen heute von systemischem Rassismus. Ein Wort, das noch Hillary Clinton nicht gewagt hat zu verwenden, als sie vor vier Jahren kandidierte."
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Kulturpolitik

Nicola Kuhn schildert im Tagesspiegel die Schwierigkeiten der Staatlichen Museen zu Berlin, nachdem das Gutachten des Wissenschaftsrats zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz einschlug wie ein Meteorit. Es sieht nicht so gut aus, etwa für die moderne Kunst. Der Mies-van-der-Rohe Bau der Nationalgalerie wird noch renoviert, für das neue Museum für moderne Kunst ist noch kein Bagger aufgefahren. "Die Rieck-Hallen neben dem Hamburger Bahnhof aber werden nächstes Jahr abgerissen, Flick zieht damit seine Sammlung ab. Und um das Hauptgebäude wird mit dem Eigentümer, einer Wiener Immobiliengesellschaft, immer noch gerungen, damit es als Museum der Gegenwart gesichert ist. Das klingt nach unsicheren Zeiten, nicht nach einer gloriosen Zukunft, die ein ambitionierter neuer Direktor, besser noch: Direktorin, gerne einleiten würde."

Internet

Soziale Medien wie Facebook und Twitter haben in Hongkong nach den neuen Sicherheitsgesetzen jede Zusammenarbeit mit den Behörden verweigert. Nun kommt die Meldung, dass das bei jungen Leuten populäre Netzwerk TikTok Hongkong ganz verlässt - mit der Begründung, dass man der chinesischen Regierung keine Daten geben will. TikTok - ein rein chinesisches Untenehmen - war wegen der Zensur mancher Videos unter Verdacht geraten, schreibt Karishma Vaswani auf der Website der BBC: "Aus diesem Grund hat TikTok versucht, sein globales Image zu verändern - und dies könnte ein weiterer Schritt in diese Richtung sein. TikTok hat auch immer wieder erklärt, dass es, wenn es darum gebeten würde, niemals Daten an Peking übergeben würde - und dass es auch niemals um Benutzerdaten gebeten wurde. Ein Verbleiben in Hongkong nach dem neuen Gesetz könnte es für das Unternehmen schwierig machen, diesem Versprechen treu zu bleiben."
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Europa

Von der hiesigen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt protestieren die Bulgaren seit einiger Zeit gegen Korruption. In der taz spricht der Schriftsteller Zachary Karabashliev mit Barbara Oertel über die Ursachen der Proteste: "Sie sind das Ergebnis einer unvollendeten Transition. 1989, als mit dem Fall der Berliner Mauer auch der Umbruch in Osteuropa begann, waren wir jung, unerfahren und dumm. Wir dachten, wir könnten das System innerhalb weniger Jahre ändern. Aber das System hat sich selbst geändert. Die damals regierende Kommunistische Partei hat sich in Sozialistische Partei umbenannt und niemals aufgehört zu funktionieren. Die alten Genossen, die immer noch mit der DS (Staatssicherheit) verbunden sind, haben ihre politische Karriere fortgesetzt."

Wenn Rafal Trzaskowski den Wahlsieg bei den polnischen Präsidentschaftswahlen knapp verpasst hat, dann liegt das nicht an ihm, sondern an seinen Anhängern, der liberalen Intelligenzia, der der Schriftsteller Szczepan Twardoch in der Welt ganz unverhohlenen Rassismus gegenüber ihren eigenen Landsleuten vorwirft: "Wie üblich waren Intellektuelle, Fernsehstars, Schauspieler, Sänger, Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht in der Lage, ihre Verachtung für die, wie sie genüsslich betonten, nach Wodka und Wurst stinkenden Dorfbewohner zu zügeln, die auch noch die Frechheit besäßen zu wählen: Die Alten vom Land schreiben den Jungen vor, wie Polen zu sein hat! Schrecklich! Deren Wahlstimmen wiegen genauso viel wie die Stimmen der Klugen, Aufgeklärten, gut Gekleideten, die sich regelmäßig die Zähne putzen! Oh Graus! Die strukturelle Verachtung, die die polnischen Eliten bei der Vorstellung überkommt, dass auch die einfachen Leute vom Land wählen dürfen, erinnert mich an das Entsetzen, das nach dem amerikanischen Sezessionskrieg nicht nur die weißen Grundbesitzer im Süden überkam, sondern auch die armen Weißen dort: Dieser ihrem Empfinden nach abstoßend riechende, barfüßige und schlecht Englisch sprechende ehemalige Sklave durfte jetzt abstimmen, und seine Stimme sollte so viel wiegen wie die des jungen Herrn mit Harvard-Diplom?"

Im Iran wurden drei junge Männer zur Todesstrafe verurteilt, berichtet in der Welt der FDP-Politiker Bijan Djir-Sarai. Ihr Vergehen: Sie hatten sich im vergangenen November an den Protesten gegen die Regierung beteiligt. "Den Folterkellern Teherans eilt ihr Ruf voraus, Massenhinrichtungen stehen auf der Tagesordnung. Erst kürzlich wurde ein Mann für den Konsum von Alkohol getötet. Sowohl die Vereinten Nationen als auch Amnesty International bestätigen die bittere Wahrheit regelmäßig. Für die Tausenden von Menschen, die im Zuge der November-Proteste inhaftiert wurden, besteht nur wenig Grund zur Hoffnung. Doch anders als im Fall Khashoggi blieb die internationale Verurteilung und Empörung bislang aus. Abgesehen von einer Petition im Internet und ein wenig medialer Berichterstattung scheint das Schicksal der jungen Männer, die stellvertretend für Tausende andere bestraft werden sollen, kaum relevant zu sein." Djir-Sarai fordert wenigstens ein europäisches Magnitski-Gesetz, das es ermöglicht, Personen, die die Menschenrechte verletzen, zu bestrafen, ihre Vermögen einzufrieren und ihnen die Einreise zu verweigern.
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