9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2020 - Internet

Der Datenschützer Alan Dahi erklärt im Gespräch mit Svenja Bergt von der taz, warum er sich gegen die großen Internetkonzerne wehrt, die trotz europäischer Gesetze weiterhin persönliche Daten in die USA übermitteln. "Dadurch, dass Google und Facebook auf fast allen Webseiten zu finden sind, können sie Profile über die Nutzer erstellen. Und sie können jeden nachverfolgen und sehen: Aha, der besucht erst diese Seite und dann diese und dann eine dritte und kauft dort das. Und das wird sehr schnell sehr persönlich. Wenn zum Beispiel jemand Gartenmöbel kauft oder Naturkosmetik, Medikamente oder Kinderkleidung oder auch nur entsprechende Informationen sucht - das verrät viel über die Person dahinter. Das funktioniert natürlich auch mit politischen Vorlieben."

Auch ihre Mitarbeiter spionieren die Konzerne gern aus. Aaron Holmes berichtet in Businessinder.com, dass Amazon Geheimdienstagenten einstellt, um gewerkschaftliche Bestrebungen bei Mitarbeitern aufzuspüren. Das geht aus einer Stellenausschreibung des Konzerne hervor: "Ein Amazon-Sprecher reagierte nicht sofort auf eine Bitte um Stellungnahme, aber die Stellenausschreibung wurde kurz nachdem der Business Insider Amazon kontaktiert hatte, gelöscht. Die Anzeige wurde am Dienstagmorgen auf Twitter weit verbreitet, bevor sie gelöscht wurde." Bei Netzpolitik berichtet Alexander Fanta über die Überwachung von Mitarbeitern bei Amazon.
Stichwörter: Datenschutz, Amazon, Netzpolitik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2020 - Internet

"36 Facebook-Gruppen mit insgesamt 366.000 Followern gibt es, die ungehindert den Völkermord negieren, notiert Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen (eine Studie hat festgestellt, wie Facebook auch antisemitische Verschwörungstheorien fördert). Holocaust-Leugnung falle bei Facebook unter freie Meinungsäußerung, außer in Ländern wie Deutschland: "Wenn so etwas einmal passiert, ist es vielleicht ein Versehen. Geschieht es zweimal, könnte es noch Zufall sein. Beim dritten Mal beginnt es, nach einem Muster auszusehen. Auf Facebook passiert es ständig. Der Verdacht drängt sich auf, dass Zuckerberg Judenhass duldet, um Klicks zu generieren und so Geld zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2020 - Internet

Der Netztheoretiker Tim Wu begrüßt in der New York Times die amerikanische Politik gegen die Plattform TikTok als eine längst fällige Erwiderung auf den chinesischen Netznationalismus, der praktisch alle ausländischen Dienste vom heimischen Markt ausschloss und sein eigenes alternatives Internet entwickelte, das Chinas Interessen und der Gedankenkontrolle dient. Jahrelang "akzeptierten wir unter nur leisen Klagen die chinesische Zensur und die Blockade von externen Inhalten, während wir es chinesischen Unternehmen erlaubten, sämtliche Märkte auszuforschen und zu erobern. Kaum ein Unternehmen darf chinesischen Bürgern Ideen oder Dienstleitungen bringen, während die Welt weit offen ist für die chinesischen Online-Unternehmen. Diese Asymmetrie ermöglichte China einen Boom und diente sowohl ökonomischen als auch politischen Interessen." Tim Wu fragt, wie das ganze wohl von Europa aussieht, das auch für die amerikanischen Unternehmen offen ist - und nicht annähernd eine Konkurrenz entwickeln konnte.
Stichwörter: Tiktok, China, Internet in China

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2020 - Internet

TikTok ist das erste soziale Medium, das sich erfolgreich gegen amerikanische Plattformen behauptet hat. Wenn Trump TikTok verbietet, verstärkt das eine Tendenz, das Internet in nationale Blasen aufzuteilen, warnt Aline Blankertz, die in der Stiftung  Stiftung Neue Verantwortung zum Thema Plattformökonomie arbeitet, im Gespräch mit Svenja Bergt von der taz: "Wenn das Internet zunehmen regional aufgebaut ist, erschwert das dreierlei: erstens die Vernetzung von Menschen aus unterschiedlichen Regionen, was ja auch einer der Grundwerte des Internets ist. Zweitens und mit der Vernetzung verbunden: die Kommunikation. Wenn es in jedem Land einen anderen dominanten Messenger-Dienst gibt, bekommt grenzüberschreitende Kommunikation höhere Hürden. Und drittens die Information. Wer etwa Nachrichten aus einem anderen Land sucht, muss dann wissen, welche Suchmaschine oder welches Nachrichtenportal es dort gibt."

Auch James Ball fürchtet im Guardian eine Balkanisierung des Internets, wenn Trump TikTok verbietet oder einen Verkauf an Microsoft erzwingt: TikTok habe  keineswegs die strategische Dimension für China wie etwa Huawei. Und "eine Firma nur wegen ihrer Nationalität anzugreifen, wäre eine existenzielle Bedrohung für das Netz, wie wir es kennen". Und schließlich: "Wenn die USA es zum Grundsatz machen, dass jedes Land seine eigenen Online-Unternehmen haben und die internationale Interaktion einschränken sollte, sind es zweifellos auch die USA, die am meisten zu verlieren haben. Sie würden weltweit riesige Einnahmen (und damit Steuereinnahmen) verlieren, ihre Softpower im Online-Bereich erheblich schmälern und ihren immer noch riesigen Vorteil bei der Online-Überwachung schmälern."

In der NZZ sieht der Historiker Niall Ferguson dagegen einige gute Gründe, warum Trump mit seinem Verbot von Tiktok ausnahmsweise mal richtig liegt. Schließlich würden alle Daten der User an die chinesische Regierung weitergeleitet. Wer genauer wissen will, was das bedeutet (oder tatsächlich glaubt, das sei auch nicht schlimmer als wenn die Daten in den USA landen), sollte "The Panopticon Is Already Here" lesen, Ross Andersens Aufsatz im neuen Atlantic, empfiehlt er. "Andersen drückt es so aus: 'In nächster Zukunft könnte jede Person, die [in China] einen öffentlichen Bereich betritt, sofort von einer KI identifiziert werden, die sie mit einem Ozean persönlicher Daten abgleicht, darunter ihre gesamte Textkommunikation und das Schema der Proteinstruktur, die ihr Körper aufweist. Bald werden Algorithmen imstande sein, Datenpunkte aus einer Vielzahl von Quellen zu verknüpfen - Reiseberichte, Freunde und Geschäftspartner, Lesegewohnheiten, Einkaufsverhalten - und so politischen Widerstand vorherzusagen, ehe er sich manifestiert.'" Diese Technologie übernehmen wollen laut Andersen "Bolivien, Ecuador, Äthiopien, Kenya, Malaysia, Mauritius, die Mongolei, Serbien, Sambia, Simbabwe, Sri Lanka, Uganda und Venezuela".

Oder ärgert sich Trump tatsächlich nur über die Komikerin Sarah Cooper, die ihn auf TikTok so erfolgreich parodiert?

@whatchugotforme

How to tiktok

♬ original sound - whatchugotforme

Außerdem: Im Observer verweist Mark Townsend auf eine Studie, die behauptet, dass Facebook-Algorithmen Holocaust-Leugnung bestärken.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2020 - Internet

Der Medientheoretiker Tilman Baumgärtel inspiziert für die taz das soziale Netz TikTok, das er in vielem besser gemacht findet als Facebook oder Youtube - wären da nicht die Intransparenz und die in diesem Fall damit verbundene Gefahr, die durch die Datendiktatur China ausgeht. Baumgärtel hat eine Lösung für das Problem: "Darum müsste man von dem Unternehmen verlangen, seine Software als Open-Source-Programme im Netz öffentlich zugänglich zu machen. Die Methoden der Datenerfassung und -verarbeitung müssten ebenso transparent sein wie die internen Richtlinien für die Moderation von Inhalten. Den Nutzern von Tiktok müsste wie bei einer Genossenschaft über gewählte Vertreter Einfluss auf Geschäftsentscheidungen und inhaltliche Entwicklung eingeräumt werden, denn von ihnen stammen sämtliche Videos, die bei Tiktok gezeigt werden. Und wenn man schon mal dabei ist, müsste man diese Regeln auch gleich auf Facebook, Youtube und Co anwenden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2020 - Internet

Die aktuellste Version rechtsextremer Verschwörungstheorien  läuft unter dem Kürzel "QAnon". Ari Sen veröffentlicht bei NBC News einen sehr viel retweeteten Artikel mit geleakten Informationen, die zeigen, dass die Zahl der QAnon-Anhänger bei Facebook in die Millonen geht (drei Millionen, um genau zu sein). Genützt haben Facebooks Algorithmen: "Es gibt mehr als zehn Millionen Aktivistengruppen, sagte ein Facebook-Sprecher gegenüber NBC News im Jahr 2019, eine Zahl, die wahrscheinlich gewachsen ist, seit das Unternehmen begann, Gruppenpostings in den Hauptfeeds der Nutzer einzuspielen. Während sich die meisten Gruppen harmlosen Inhalten widmen, haben Extremisten, von QAnon-Verschwörungstheoretikern bis hin zu Anti-Impfungs-Aktivisten, das Gruppen-Feature auch genutzt, um ihr Publikum zu vergrößern und Fehlinformationen zu verbreiten. Facebook unterstützte dieses Wachstum mit seiner Empfehlungsfunktion, die auf einem geheimen Algorithmus basiert und den Benutzern Gruppen vorschlägt, die auf Interessen und bestehender Gruppenzugehörigkeit basieren."

Digitale Techniken haben vielen Menschen - auch Kranken! - während der Corona-Lockdowns geholfen, lernt Victor Sattler (FAZ) aus mehreren amerikanischen Studien. Eine "fundamentale Grenze" hat alles Digitale am Ende aber doch: "Forscher der Universität von Arizona haben in einer Studie mit knapp fünfhundert Zwillingspaaren Anhaltspunkte dafür gefunden, dass zumindest bei Frauen die Neigung zu zärtlichem Körperkontakt nicht bloß sozial erlernt wurde. Ihr 'Haut-Hunger', das Bedürfnis nach Umarmungen oder Handschlägen, könne zu einem Teil (hier waren es im Mittel 45 Prozent) auch durch Vererbung erklärt werden. Die Ergebnisse bei den männlichen Zwillingen erlaubten eine solche Schlussfolgerung nicht. Obwohl es dazu keine Auswertung gab, wäre es dieser Studie nach plausibel, dass Frauen, denen ein starkes Bedürfnis nach Körperkontakt in den Genen steckt, im Lockdown Probleme bekommen. Digitales hält hier vorerst keine Lösung bereit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2020 - Internet

Der geschlossene Messengerdienst Telegram, der anders als soziale Medien die Posts von Gruppen nicht durch Algorithmen hierarchisiert und darum noch aktueller ist, hat sich als ideales Ökosystem für den Rechtsextremismus erwiesen, schreibt Stefan Krempl in golem.de, unter anderem unter Bezug auf den Experten Miro Dittrich von der NGO "De:hate": "Dienste wie Telegram erhöhen laut Dittrich 'die Wirkungsmacht rechter Falscherzählungen enorm'. Abonnenten hätten 'das Gefühl einer parasozialen Beziehung - sie glauben nach einiger Zeit, den Absender wirklich zu kennen'. So entstehe eine Bindung, Widerspruch oder korrigierende Informationen fänden sich in der Gruppenkommunikation in der Regel nicht. Selbst offene Neonazi-Gruppen fühlten sich auf Telegram gänzlich unbeobachtet, posteten Hakenkreuze oder bereiteten sich auf den Tag X ihrer Machtübernahme vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2020 - Internet

Es gibt viel internen Ärger bei Facebook, unter anderem, weil Facebook-Angestellte fürchten, dass die Plattform rechte Medien wie Breitbart bevorzuge, berichten Craig Silverman und Ryan Mac bei Buzzfeed. Breitbart gehört immer noch - wie etwa Buzzfeed selbst - zu den "Medienpartnern" bei Facebook, das heißt zu den Medien, die von Facobook für News, die sie bringen, bezahlt werden. "Einige Facebook-Mitarbeiter haben Belege gesammelt, die zeigen sollen, dass Breitbart - wie andere rechtsgerichtete Organisationen und Persönlichkeiten... - eine besondere Hilfestellung erhalten hat, die ihm geholfen hat, nicht mit den Leitlinien der Platform in Konflikt zu geraten. Sie sehen sie als Teil einer Vorzugsbehandlung für rechte Verleger und Seiten, von denen allerdings viele sagen, das soziale Netzwerk sei gegen Konservative voreingenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2020 - Internet

Im Aufmacher der SZ-Feuilletons testet Michael Moorstedt die KI "GPT-3", eine Software, die ohne menschliche Hilfe Kurzgeschichten, Bilanzanalysen, Artikel oder Abhandlungen schreibt, im Selbstversuch: "Um einen Text zu verfassen, ermittelt die KI, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Wort auf das vorherige folgt. Denn wie alle anderen Deep-Learning-Systeme versucht GPT-3, Muster in den ihm vorliegenden Daten zu erkennen", erklärt er und verweist auf die Gefahren: "Weil Open AI das Modell mit Text trainiert hat, der frei im Internet zugänglich ist, kann es passieren, dass die Software nun alle Vorurteile und Verknüpfungen wiedergibt, die von Menschen zuvor ins Internet geschrieben wurden. In dem Paper, in dem GPT-3 beschrieben wird, widmen sich die Entwickler daher auch Fragen zu sexistischen oder rassistischen Vorurteilen, die von dem Modell reproduziert werden. Männliche Pronomina verknüpft das Modell etwa mit Wörtern wie lustig, fantastisch oder stabil, weibliche Fürwörter dagegen mit Adjektiven wie zierlich, wunderschön, unanständig oder schwanger. Die gleichen Probleme tauchen auch hinsichtlich Hautfarbe oder Religion auf - das Wort Islam wird mit Terrorismus assoziiert, Judentum mit Rassismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2020 - Internet

Nina Rehfeld berichtet auf der Medienseite der FAZ über die Vorladung der Chefs von Apple, Amazon, Googles Mutterfirma Alphabet und Facebook vor den Kartellausschuss im amerikanischen Kongress. Der Vorwurf: Alle vier sollen ihre Machtstellung benutzt haben, bevorzugt eigene Produkte zu verkaufen. Aber eine Zerschlagung der Konzerne ist wohl kaum zu befürchten, meint Rehfeld - "dank veralteter Gesetzgebung, politischer Polarisierung und einer uramerikanischen Faszination für wirtschaftlichen Erfolg." Das Kartellrecht, das vor allem gegen Preisabsprachen vorgeht, greife bei den vier nicht recht: "Die Tech-Konzerne bieten ihre Leistungen scheinbar gratis oder besonders günstig an - im Austausch für die Preisgabe persönlicher Informationen. Die gesammelten Datenmengen sind der Rohstoff, mit dem die Tech-Firmen nicht nur den jeweiligen Markt dominieren."

Immerhin hat die öffentliche Debatte über Datenkontrollverlust der User und die Manipulation der öffentlichen Meinung schon einige Veränderungen bei den Big Four bewirkt. Aber das reicht nicht, meint Ruben Verborgh, Professor für Webtechnologie in Gent, in der SZ, solange es fast unmöglich ist, seine Daten in ein anderes soziales Netzwerk mitzunehmen: "Gemeinsam mit dem Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, arbeite ich an digitalen Datentresoren, die es ermöglichen werden, unsere Daten sicher zu speichern und Informationen mit Kontakten zu teilen, die eine andere Plattform verwenden. Diese Art von Lösungen wird uns nicht nur vor großen Datenlecks schützen. Auch Innovationen von unabhängigen App-Entwicklern werden wieder möglich sein."