9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1450 Presseschau-Absätze - Seite 31 von 145

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2024 - Kulturpolitik

Vorbildlich findet Jörg Häntzschel in der SZ die Arbeit des Leipziger Grassi-Museums, das unter Leitung von Leontine Meijer-van-Mensch nicht nur für die Restitution menschlicher Überreste aus kolonialen Kontexten eintritt: "Grundidee besteht darin, nach der Dehumanisierung der Toten in den Händen von Kolonialsoldaten, skrupellosen Händlern und Museumsleuten nun alles für deren 'Rehumanisierung' zu tun. 'Für uns sind diese Überreste keine Objekte mehr, sondern Subjekte', sagt Meijer-van Mensch. Menschliche Überreste sind daher immer getrennt von den Museumsobjekten und in einem geschlossenen Teil des Depots zu lagern: 'Es ist ein Friedhof im Kontext des Museums'. Und statt von 'Überresten' spricht man im Grassi-Museum von 'Ahnen'. Sie dürfen nicht fotografiert, nicht vermessen und Informationen zu ihnen nicht online gestellt werden. Die Mitarbeiter sollen alles tun, um die Ahnen in Ruhe zu lassen, das heißt auch, möglichst 'außerhalb des Blickfelds zu den Ahnen' zu arbeiten."

Den Optimismus, den Joe Chialo hinsichtlich seiner Pläne, das Gebäude der Galeries Lafayette bald als Zentralbibliothek zu nutzen, auch zum Jahresende noch verbreitete, will Elmar Schütze in der Berliner Zeitung nicht teilen, denn: "Im gerade verabschiedeten Doppelhaushalt sind keine Mittel vorgesehen. Und das liegt nicht nur an der schwieriger gewordenen Wirtschaftslage Berlins im Allgemeinen, sondern auch an den möglichen Finanzierungsmodellen des ZLB-Projekts im Besonderen. Denkbar sind dabei drei Varianten. Alle sind teuer für Berlins Steuerzahler. Eine private Finanzierung ist nahezu ausgeschlossen. Unter den drei Varianten gilt der Kauf als die wahrscheinlichste. Nach allem, was man hört, ruft Tishman Speyer 590 Millionen Euro für das Gebäude des französischen Stararchitekten Jean Nouvel auf. Hinzu käme eine dreistellige Millionensumme für den Umbau des Hauses mit seiner markanten Glasfassade zu einer Bibliothek. Das wären zusammen mindestens 700 Millionen Euro."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2023 - Kulturpolitik

Das Grassi-Museum für Völkerkunde soll unter dem Motto "Reinventing Grassi" ganz neu gestaltet werden. Es droht die übliche Ausrichtung nach dem "Zeitgeist von Postkolonialismus und Diversität", fürchtet Andreas Platthaus in der FAZ. Noch verfügt das Museum über seine Schätze, aber falls indigene Bevölkerungen in der ganzen Welt sie zurückhaben wollen, "wird es mehr Konzepte wie die in Leipzig jetzt zu findende Trias aus 'Care Room', 'Prep Room' und 'Raum der Erinnerung' brauchen, in denen das Museum vorführt, wie seine Bestände gepflegt, beforscht und rückgeführt werden. Die Zahl der darin zu sehenden alten ethnografischer Objekte kann man an den Fingern zweier Hände abzählen. Dafür ist die Zahl der Erläuterungen, Installationen und Fotodokumentationen Legion. Reinventing bedeutet in Leipzig auch Dematerialisierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2023 - Kulturpolitik

Wenn man überlegt, mit welcher Hingabe die Öffentlichkeit fragte, ob Hubert Aiwanger im Alter von 17 Jahren ein Flugblatt verfasst hat, das als antisemitisch ausgelegt werden muss, staunt man über die Gelassenheit, mit welcher Hochschulen zum Beispiel Äußerungen wie "Zionism is the new Nazism" von Professoren hinnehmen. Die Rede ist von dem berühmten, an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrenden Fotografen Adam Broomberg (Fotolot, hier und hier), der auf Instagram gern Verschwörungstheorien postet wie die, dass die Israelis die Geschichte mit den geköpften Babys nur inszeniert hätten. Boris Pofalla für die Welt hat beim Land Baden-Württemberg nachgefragt, das die sehr unwillige Hochschule nun offenbar aufgefordert hat, die Vorgänge rechtlich zu prüfen: "Das klingt, als schätze das Ministerium die Aussage 'Zionismus ist der neue Nazismus' als potenziell strafbar ein. Und es lässt durchblicken, dass man die Untätigkeit der Hochschule für ein Problem hält. Spätestens seit den Ereignissen an anderen Universitäten in den letzten Wochen, bei denen Aktivisten mit blutrot bemalten Händen den Präsidenten der Universität der Künste in Berlin niederschrien und an der FU einen Hörsaal besetzten, stehen die Hochschulen im Fokus der Politik. Es mangelt nicht an Erklärungen und Beschlüssen zum Thema, wie ihn etwa die Kulturministerkonferenz am 8. Dezember 2023 fasste."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2023 - Kulturpolitik

Etwas entgeistert reagiert FAZ-Redakteur Andreas Kilb auf einen offenen Brief der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz an Jeanine Meerapfel, die Präsidentin der Akademie der Künste. Diese hatte sich selbst in einem Statement zwar gegen Ausschlüsse israelkritischer Künstler gewandt, aber das reichte Breitz nicht aus, "offenbar vor allem, weil ihr eigener Name darin nicht auftaucht": Nun entsteht also eine Lage, in der "die jüdischstämmige Südafrikanerin Breitz die deutsch-argentinische Jüdin Meerapfel dafür abstraft, dass diese sich nicht wie eine Interessenverbandsvorsitzende, sondern wie die gewählte Präsidentin einer Künstlervereinigung öffentlichen Rechts verhält. Wie lange will sich die deutsche Kulturszene im Zeichen einer unaufhaltsamen Polarisierung aller Diskurse eigentlich noch selbst zerlegen, ehe sie begreift, dass künstlerische Freiheit keinen Anspruch auf staatlich geförderten politischen Aktionismus begründet?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2023 - Kulturpolitik

Beim Thema NS-Raubkunst versagt der deutsche Staat seit Jahrzehnten, konstatiert in der Welt der Historiker Julien Reitzenstein, der, nachdem Claudia Roth ein Raubkunstgesetz verweigerte, begrüßt, dass Roth nun auf der Festveranstaltung zum 25-jährigen Bestehen der Washingtoner Prinzipien versprach, "an gesetzlichen Verbesserungen zum Ausschluss der Verjährung bei NS-Raubgut, zur Bestimmung eines zentralen Gerichtsstands und zu einer gesetzlichen Verankerung des Auskunftsanspruchs" von Eigentümern gegenüber Museen zu arbeiten. Aber: "Eine Zustimmung zu einem eigenen Gesetz zum Umgang mit geraubtem Kulturgut ist insbesondere seitens Bayern zweifelhaft, das darauf verweist, dass Kultur Ländersache sei. Insofern steht seit Roths Festlegungen die Frage im Raum, wozu einem Gericht nun die Zuständigkeit für Raubkunst erteilt werden sollte, falls kein Raubkunstgesetz kommt, auf dessen Grundlage das Gericht urteilen kann. Möglicherweise hat sich Roth also - vielleicht aufgrund des Widerstandes einiger Bundesländer - von der Idee eines gesonderten Raubkunstgesetzes verabschiedet, nicht aber von einem Raubkunstgesetz auf dem Weg der Änderung und Ergänzung bestehender Gesetze?"

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Omri Boehm erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. In der Begründung der Jury heißt es: Boehm werde ausgezeichnet "für die Konsequenz, mit der er den Kern des humanistischen Universalismus, die Verpflichtung zur Anerkennung der Gleichheit aller Menschen, gegen jegliche Relativierung verteidigt. In seinem jüngsten Buch 'Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität' (2022) tritt Boehm den ideologischen Verhärtungen der Gegenwart entschieden entgegen, nimmt Immanuel Kants Definition von Aufklärung als ,Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit' beim Wort und unterzieht den westlichen Liberalismus, vor allem aber das Denken in Identitäten, die sich absolut setzen, einer kritischen Revision."

Im Tagesspiegel kommentiert Gregor Dotzauer: "Er will nichts davon wissen, den BDS vorbehaltlos als antisemitisch zu bezeichnen, kämpft aber auch gegen die hemmungslos propalästinensische Parteinahme der postkolonialen Linken, und er will Nakba und Shoah als doppelten Bezugspunkt einer gerechten Politik verankern. Omri Boehm macht es vielen nicht leicht. Aber Versöhnung lässt sich nur erzielen, wo zuvor Streit war. Für die hoffnungslos zerfallene Öffentlichkeit kann dies nur von Vorteil sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2023 - Kulturpolitik

Gestern hat der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Rundumerneuerung beschlossen, berichtet Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Im Kern geht es um die vom Wissenschaftsrat aufgegebene Stärkung der Staatlichen Museen, denen größere Autonomie und Eigenverantwortung angetragen wird. Vor dem Stiftungsrat entwarf der Interimsvorstand eine 'Vision 2030', die den Wandel der Museumswelt in der allernächsten Zukunft in den Blick nehmen soll. Der Name Interimsvorstand signalisiert einen organisatorischen Übergang, gerade auch gegenüber der Presse legte man zuletzt großen Wert darauf, den partizipativen, von vielen Mitarbeitern gelebten Prozess kenntlich zu machen. Zur Forcierung der Neuorganisation, die bis 2025 abgeschlossen sein soll, sind nun fünf Museumsteams gebildet worden, die an den Standorten Museumsinsel, Hamburger Bahnhof und Humboldt-Forum/Dahlem ihren spezifischen Fragestellungen nachgehen sollen. Für das Kulturforum am Potsdamer Platz sind gleich zwei Teams gebildet worden."

Über die Finanzierung wurde indes nicht gesprochen, kommentiert Andreas Kilb in der FAZ: "Die größte europäische Kulturstiftung ist chronisch unterfinanziert. Im Moment liegt ihr Jahresbudget bei etwa 370 Millionen Euro; das ist nur ein Drittel von dem, was einem vergleichbaren Verbund wie der Smithsonian Institution in Washington zur Verfügung steht, und kaum mehr als das, was allein der Louvre jährlich ausgibt. Eine Münchner Beratungsfirma hat den Mehrbedarf der SPK mit mindestens 66 Millionen Euro beziffert. Man kann es auch in Personal ausdrücken: der Stiftung fehlen 400 Stellen, um das zu leisten, was die Öffentlichkeit zu Recht von ihr erwartet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2023 - Kulturpolitik

Es ist komplex und doch ganz einfach: Nachfahren von Nazis bestohlener Juden sollen bei geraubten Kunstwerken die "Beratende Kommission NS-Raubgut" von sich aus anrufen können, um die Werke von deutschen Museen zurückzuerhalten. Das soll im Prinzip auch seit Jahren so gehandhabt werden, berichtet der Kunsthistoriker und Kurator Hubertus Butin in der FAZ, wird aber nicht, durch hinhaltenden Widerstand von verschiedenen Seiten. (Mehr in unserem Efeu gestern). Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK), das Museen bei der Provenienzforschung finanziell unterstützt, soll die einseitige Anrufbarkeit zwar zur Voraussetzung für die Finanzierung machen. Aber bisher lassen sich die Ansprüche nur bei den seltenen Museen mit Bundesfinanzierung durchsetzen, so Butin. "Vor allem gilt für jene Kultureinrichtungen, die keine Bundesmittel erhalten, dass es für sie auch in Zukunft keine Verpflichtung gibt, die Beratende Kommission zu akzeptieren. Wenn ein Museum nicht will, dass ein Streitfall über NS-Raubgut von den Mitgliedern des Gremiums bewertet wird, braucht es also lediglich auf einen Förderantrag beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste zu verzichten. Und der Bund kann auf Museen, die nicht von ihm finanziell unterstützt werden, keinen wirksamen Druck ausüben, da dies sonst die Kulturhoheit der Bundesländer tangieren würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2023 - Kulturpolitik

In der SZ bittet Gerhard Polt in einem Brief an die "Sehr geehrte Frau Baerbock", sich das mit der Schließung einiger Goetheinstitute in Frankreich und Italien doch nochmal zu überlegen: "Die Kosten generieren doch keine Albträume, geehrte Frau Baerbock, wenn man weiß, dass sich diese à la longue auszahlen! Unser Land, so hört man, möchte vielen ausländischen Fachkräften eine Heimstatt bieten. Das Goethe-Institut wäre doch der beste Lockvogel, um diesen Menschen zu zeigen, dass weder unsere Sprache noch unser Gebaren ein Catenaccio sind. Ja, wie wär's denn gar, wenn man das Pferd von hinten aufzäumen würde: doppelt und dreifach investieren in die maroden Institute, sie ausstatten mit den modernsten digitalen Mitteln!"

Auf Qantara findet der deutsche Islamwissenschaftler Stefan Weidner den Vorwurf des Antisemitismus oft rassistisch: Weil er vor allem gegen nicht-weiße Menschen erhoben wird, schreibt er und zählt auf: Achille Mbembe, Bonaventure Ndikung, Adania Shibli, Sharon Dodua Otoo, die aus Bangladesch stammenden Kuratoren der Biennale für aktuelle Fotografie, der Kunstkritiker Ranjit Hoskote. "Während Frauen, Nicht-Weiße, Jüdinnen und Juden in dieser Debatte verstärkt aufs Korn genommen werden, war der letzte prominente weiße Mann, dem massiv Antisemitismus vorgeworfen wurde, Hubert Aiwanger. Das war vor dem 7. Oktober, und Aiwanger ist nicht gecancelt worden, im Gegenteil. Seine Partei Freie Wähler hat bei der letzten Landtagswahl mit 15,8 Prozent mehr Stimmen bekommen als je zuvor." Weidner fordert nun eine Rehabilitation der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit", denn "sie lehnt den BDS ab, stellt sich jedoch ebenfalls gegen einen Boykott der Boykotteure. Gewiss: Das fordert der gegenwärtigen deutschen Politik und ihren Medien einiges an Selbstdisziplin ab. Mit dem Finger auf Andersaussehende und Andersdenkende zu zeigen, ist ein Mittel, um sich beliebt zu machen. Wenn die gemeinsame Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus keine leere Phrase sein soll, verzichtet man jedoch besser darauf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2023 - Kulturpolitik

"Denunziatorisch und höhnisch" nennt die Historikerin Gesine Krüger auf geschichtedergegenwart.ch das Argument, die Benin-Bronzen seien "am Hof von Sklavenhändlern hergestellt worden, das Material mit dem Blut von Sklaven gekauft worden, und bei dem heutigen Herrscherhaus in Benin City handele es sich um die direkten Nachfolger von Sklavenhändlern, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte kein Recht an den Kunstwerken hätten." Zum einen gebe es längst eine Aufarbeitung der Geschichte in Nigeria, zum anderen treffe die Anklage die Falschen, meint sie: "Dass sich heutige (kulturelle) Königtümer in vorkolonialer Tradition sehen und damit auch in einer Tradition mit Sklavengesellschaften, hängt zentral mit der Geschichte des Kolonialismus zusammen, der neben der Entmachtung einheimischer Herrscherhäuser auch die Geschichtslosigkeit afrikanischer Gesellschaften propagierte. Zugleich ist es royaler Geschichte eigen, nicht mit der eigenen Tradition zu brechen - oder hat sich das englische Königshaus von seiner imperialistischen Vergangenheit losgesagt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2023 - Kulturpolitik

Nachdem der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier in einer aufsehenerregenden Intervention gefordert hatte, der "Beratenden Kommission NS-Raubgut" sehr viel mehr Befugnisse zu geben (Unsere Resümees), kommt ein neues Restitutions-Gesetz weiterhin nicht zustande, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. Es scheitere dabei besonders am Bundesland Bayern, das ein Picasso-Gemälde nicht zur Untersuchung durch die Kommission freigeben lassen wolle und eine eigene Agenda verfolge: So schiebe Kulturstaatsministerin Claudia Roth die Schuld nicht zu Unrecht auf die Bundesländer, "doch das ist nur die halbe Wahrheit. Hätte Roth die Unterstützung ihrer FDP-Kollegen aus dem Finanz- und Justizministerium, könnte die Bundesregierung problemlos ein Gesetz verabschieden, mit dem Deutschlands unwürdiges Agieren ein für alle Mal vorbei wäre. Ja, es würde dann auch private Sammler betreffen, die vom Staat entschädigt werden müssten. Allerdings handelt es sich bei den wenigsten Raubkunstbildern um millionenschwere Meisterwerke wie 'Madame Soler'. Die meisten sind ein paar Tausend Euro wert, nicht mehr."