9punkt - Die Debattenrundschau

Nix mit Romantik

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.07.2019. Historikerin Karina Urbach erklärt in der FR, warum es nicht in Frage kommt, die Hohenzollern zu entschädigen:  Hitlers Kriege waren in ihren Augen echte Hohenzollernpolitik. Masih Alinejad stört seit Monaten die iranische Behörden auf, indem sie Videos von Frauen ohne Kopftuch auf Twitter publiziert - nun bedroht der Iran Frauen, die solche Videos machen, laut Telegraph mit zehn Jahren Gefängnis. In der taz erklärt Jan Feddersen, warum er lieber schwul als queer ist. Und in der NZZ erklärt Hermann Parzinger, wie er sich Restitution vorstellt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2019 finden Sie hier

Politik

Die Iranerin Masih Alinejad, die heute im amerikanische Exil lebt, hat die Social-Media-Aktionen #mystealthyfreedom, #WhiteWednesdays und #mycameraismyweapeon gegründet, die darin bestehen, dass Iranerinnen ihr per Twitter Videos von sich ohne Kopftuch schicken. Oft zeigen die Videos, wie Frauen Ärger mit schwarzverkleideten Sittenwächterinnen bekommen. Nun bedroht das iranische Regime Frauen, die solche Videos an Alinejad schicken, mit bis zu zehn Jahren Gefängnis, meldet etwa Ahmed Vahdat im Telegraph: "Frau Alinejad wurde vom iranischen Regime beschuldigt, mit der Website My Stealthy Freedom als Agentin der US-Regierung  gearbeitet zu haben. 'Da Masih Alinejad einen Vertrag mit den Amerikanern hat, werden alle Frauen, die ihr das Videomaterial über das Entfernen ihres Hijab schicken, gemäß Artikel 508 des Islamischen Strafgesetzbuches zu Strafen zwischen einem und zehn Jahren Gefängnis verurteilt', sagte der Leiter des Klerikers des Teheraner Revolutionsgerichtshofs, Mousa Ghazanfarabadi, gegenüber Fars News." Im Independent berichtet Samuel Osborne.

Alinejad reagiert natürlich mit Videos:

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Geschichte

In vielen Ländern - etwa China oder Indien - wird der großen Schlächter Vinayak Damodar Savarkar  oder Mao Tsetung wieder als Volksheiliger gedacht. Und in Gori, Georgien, gibt es nach wie vor eine Kultstätte für Stalin, die Ilija Trojanow für seine taz-Kolumne besucht hat: "Bemerkenswert, wie schnell sich beim Besucher die Ungeheuerlichkeit dieser Inszenierung abnutzt und einer neuen Normalität weicht. Nach einer Stunde hat man sich mit dieser Ikonisierung eines der schlimmsten Staatsverbrechers der Menschheitsgeschichte fast abgefunden."

Dass die Hohenzollern 1,2 Millionen Euro Entschädigung haben wollen für Liegenschaften, die die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet hatte, ist ja inzwischen bekannt. Die Historikerin Karina Urbach lehnt das im Interview mit der FR allerdings rundheraus ab: Eine Entschädigung komme nämlich nicht in Betracht, wenn die Hohenzollern einst dem "nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub" geleistet hätten. Und das war laut Urbach definitiv der Fall: "Sie waren begeistert von Hitlers Eroberungskriegen. Das war in ihren Augen echte Hohenzollernpolitik. Der Kronprinz gratulierte Hitler am 26 Juni 1940 per Telegramm: 'Mein Führer! Ihrer genialen Führung, der unvergleichlichen Tapferkeit unserer Truppen (…) ist es gelungen, in der unvorstellbar kurzen Zeit von knapp 5 Wochen Holland und Belgien zur Kapitulation zu zwingen, die Trümmer des englischen Expeditionscorps in das Meer zu treiben. (…) Mit dem heutigen Tage ruhen die Waffen im Westen, und der Weg ist frei für eine endgültige Abrechnung mit dem perfiden Albion. In dieser Stunde von größter historischer Bedeutung möchte ich Ihnen als alter Soldat und Deutscher voller Bewunderung die Hand drücken. Gott schütze Sie und unser deutsches Vaterland!'" (Weiterer Satz wegen einer strittigen Textpassage im Zitat gestrichen, d.Red., 9. 9. 2019)
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Europa

Da Ärztinnen  nicht selbst auf ihren Websites über Schwangerschaftsabbruch informieren dürfen, sollte  nach einem Koalitionskompromiss durch eine bundesweite Liste informiert werden. Dort stehen aber bisher nur 87 von 1.200 Ärzten, schreibt Dinah Riese in der taz, die heute ein Dossier zum  Thema bringt. Viele scheuen vor der Liste zurück: "Auch nach der Reform bleibt die Information darüber, wer Schwangerschaftsabbrüche wo und wie durchführt, streng reglementiert. Was genau nun erlaubt ist, darin sind sich derzeit nicht einmal die Gerichte einig. Was folgt, ist ein Klima maximaler Verunsicherung. Dabei bräuchte es Ermutigung und Rückendeckung - zumal die Zahl derer, die den Abbruch überhaupt anbieten, zurückgeht." Hier Rieses Bericht.
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Stichwörter: Abtreibung, Paragraf 219a

Gesellschaft

Jan Feddersen erklärt in der taz, warum er schwul ist, und nicht queer, und warum er für Rechte kämpfte, nicht um Identität: "Das Klischee will, dass man männliche Homosexualität mit Neigung zu Schönem verbindet, zu Eiskunstlaufen und Blumenpflege. Sorry, kann ich nicht mit dienen. Fußball, Biathlon, Splatterkrimis im Fernsehen und Tarantino im Kino, aber nix mit Romantik im kitschigen Sinne. Queer, also schräg und schrill, mag ich in den Augen anderer sein, mein Job war es immer, und sollte es sein!, mich als normal zu nehmen."

Jonathan Fischer hat für die SZ die neue Bibliothek von Timbuktu besucht, die besonders für junge Menschen gedacht ist: "'Dies ist ein Hoffnungsort für unsere Jugendlichen', erklärt Mahamane Sangaré, der junge Leiter der Organisation 'Lecture Vivante' vor der Pforte seiner Bibliothek. ... Knapp 60 Jugendliche hat der gelernte Finanzbuchhalter bisher für seinen Lesezirkel gewonnen, das Gros von ihnen junge Frauen. Besuche der historischen Bibliotheken stehen auf dem Programm. Vor allem aber, erklärt der 31-jährige Gründer von 'Lecture Vivante', gehe es um die Konfrontation mit einer Welt voller neuer Ideen, wie etwa die gesellschaftliche Mitsprache von Jugendlichen, die Rechte der Kinder und die Selbstverwirklichung der Frauen. 'Du bist in aller Welt gefeiert' zitiert er aus einem Timbuktu-Gedicht einer seiner Schülerinnen, 'weil in deinen Mauern der freie Gedanke regiert'." Was man jetzt noch gut gebrauchen könnte, wären mehr Bücher für Jugendliche in französischer Sprache!
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Kulturpolitik

Deutsche Museen haben schon Kulturgüter restituiert, französische nicht, erinnert Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, im Interview mit der NZZ seine Kritiker, denen alles nicht schnell genug geht. Überhaupt findet er manche Pauschalforderung völlig übertrieben. Er würde lieber auf eine Zusammenarbeit mit den jeweiligen Herkunftsländern setzen: "Ein Beispiel: Vertreter der Chugach aus Alaska haben in unserer Sammlung an Objekten ihrer Vorfahren gearbeitet. Sie haben rund 200 Objekte digitalisiert. Und am Ende haben sie uns darauf hingewiesen, dass darunter neun Objekte sind, die - laut Auskunft der Erwerbungsunterlagen - aus Gräbern entnommen worden sind. Und zwar nicht im Rahmen von archäologischen Ausgrabungen, sondern aus Gräbern einer damals bestehenden Dorfgemeinschaft. Deshalb baten sie um Rückgabe genau dieser Objekte. Dem haben wir sofort zugestimmt. So stelle ich mir eine Zusammenarbeit vor: Zugang ermöglichen, gemeinsam forschen und gemeinsam entscheiden."