9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Medien

Im italienischen Mediengefüge geraten die gewohnten Konstellationen durcheinander. Die Agnelli-Familie hat große Anteile an der Zeitung La Repubblica gekauft, die einst als Anti-Establishment galt, aber in den Händen der Unternehmerfamilie De Benedetti ebenfalls Interessen diente. Sie ist ohne hin nur noch ein Schatten ihrer selbst, schreibt Tobias Piller in der FAZ: "Zuletzt gingen die Geschäfte aber nicht mehr so blendend. Die fetten Jahre mit einer verkauften Auflage der Repubblica von mehr als 600.000 Exemplaren, zwischen 1999 und 2007, liegen weit zurück. Zuletzt wurden in gedruckter und digitaler Form 221.000 Exemplare der Repubblica verkauft. In den ersten neun Monaten 2019 schrumpfte der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent auf 441 Millionen Euro."
Stichwörter: La Repubblica

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2019 - Medien

Im SZ-Gespräch mit Harald Hordych erklärt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda den neuen Medienstaatsvertrag, an dem er seit 2013 maßgeblich beteiligt war: "Es ist wichtig, dass ich als Nutzer darauf vertrauen kann, dass es stimmt, wenn ein Angebot sagt, dass es nicht nach einschränkenden diskriminierenden Merkmalen auswählt. Jeder sollte wissen, wenn bestimmte Angebote nach politischer Färbung, nach Religion, nach Rasse, nach Weltanschauung oder was auch immer ausgewählt werden." Bei Verstößen gegen das Transparenzgebot sollen Bußgelder verhängt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 - Medien

Für die Welt hat Christian Meier einen Blick in den neuen Medienstaatsvertrag geworfen: Geregelt werden soll, welche Formate im Internet als Rundfunk zu gelten haben und deshalb eine entsprechende Lizenz benötigen: "Die nun gefundene Grenze soll bei 20.000 gleichzeitigen Nutzern im Netz liegen." Und: "Inhalte, die einen besonderen 'Beitrag zur Meinungs- und Angebotsvielfalt' bieten, sollen von Nutzern beispielsweise in den Menüs von Smart- TVs und Kabelnetzanbietern, aber auch Fernsehplattformen wie etwa Zattoo leicht auffindbar sein, letztlich also bevorzugt werden gegenüber weniger gehaltvollen Sendungen. Welche Inhalte in diesem Sinne wichtig sind, soll alle drei Jahre überprüft werden. Klar, dass sich öffentlich-rechtliche Sender hier einen Vorteil versprechen. Einige Digitalverbände wie Bitkom und Eco sehen hier einen unzulässigen Eingriff in die Unabhängigkeit der Nutzer und damit eine 'Bevormundung der Verbraucher'".

In der NZZ ärgert sich der Publizist und Politologe Wolfgang Bok derweil über die politische Berichterstattung der Öffentlich-Rechten, die statt auf inhaltliche Analysen ganz auf "Skandalisierung und Personalisierung" setzen: "Die wenige Sendezeit, die für die politische Berichterstattung noch bleibt, wird gerne mit Interviews gefüllt. Weder im 'Bericht aus Berlin' (ARD) noch in 'Berlin direkt' (ZDF), für die jeweils nur 18 Minuten am Sonntagabend bleiben, ist Platz für inhaltliche Analysen. Wirtschaftsthemen werden bei den beiden öffentlichrechtlichen TV-Sendern auf Verbraucherfragen reduziert. Nach dem immer gleichen Motto: Böse Bosse ziehen arme Kunden über den Tisch. Und die Politmagazine ('Panorama', 'Monitor', 'Fakt', 'Frontal 21') haben sich offenbar ganz der 'Enthüllung' vermeintlicher Skandale verschrieben. Hier darf der Zuschauer weder Meinungspluralität noch thematische Überraschung erwarten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2019 - Medien

Helmut Hartung, Chefredakteur des Blogs medienpolitik.net, begrüßt in der FAZ den neuen Medienstaatsvertrag, mit der die zuständigen Behörden (irgendwo ist ja immer eine), das wilde Internet in den Griff bekommen wollen. Dort erfährt mach auch, was ein "Medienintermediär" ist: "Medienintermediär ist laut Medienstaatsvertrag 'jedes Telemedium, das auch journalistisch-redaktionelle Angebote Dritter aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert, ohne diese zu einem Gesamtangebot zusammenzufassen'. Von der Regelung betroffen ist aber nur, wer im Durchschnitt der letzten sechs Monate in Deutschland mehr als eine Million Nutzer pro Monat erreicht hat."
Stichwörter: Medienstaatsvertrag

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2019 - Medien

Nicht nur die Politik versagt vor dem Klimawandel, schreibt Bernhard Pötter auf Uebermedien, auch etliche Medien ziehen sich auf eine seltsam neutrale Beobachterposition zurück, anstatt selbst Fakten und Hintergründe zu recherchieren. Sein schlagendes Gedankenexperiment: "Man stelle sich folgende Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor: Thema ist die Bedrohung durch Krebs-Erkrankungen, und in der Talkrunde sitzt eine ahnungslose Staatssekretärin, ein abwiegelnder Heilpraktiker, ein Journalist, der behauptet, Krebskranke seien eigentlich eine Sekte, und ein Onkologe, der als Teil seiner Forschungsgruppe einen Nobelpreis bekommen hat. Dann fragt die Moderatorin: 'Glauben Sie an den Krebs?'".

In einer Debatte über die Klimawandel hat die BBC Boris Johnson durch einen Eisblock ersetzt, weil er nicht am Schlagabtausch teilnehmen wollte, meldet Buzzfeed. Jetzt schäumen die Tories vor Wut.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2019 - Medien

In der SZ berichtet Wolfgang Janisch, dass das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe grundsätzlich zum Recht auf Vergessen geurteilt hat. Demnach gilt dies im Prinzip auch für Menschen, die Kapitalverbrechen begangen haben, aber nicht vollständig und lückenlos: "Wenn ein Betroffener einen berechtigten Anspruch auf Schutz seiner Persönlichkeitsrechte geltend macht - und nur dann müssen die Medien überhaupt tätig werden -, muss man die Suche nach solchen Artikeln einfach ein wenig komplizierter machen. Und zwar, indem man den Namen im Artikel belässt, aber für die Suchmaschine nicht auffindbar macht." Janisch kommentiert den Urteilsspruch in einem weiteren Text als klugen Kompromiss, besonders gut gefällt ihm dabei ein poetischer Satz der Richter: "Die Möglichkeit des Vergessens gehört zur Zeitlichkeit der Freiheit." In der taz findet Carolina Schwarz das Urteil in Bezug auf die Resozialisierung von Straftätern, auf die Menschenwürde und die Fehlbarkeit des Menschen richtig. Eine Gefahr sieht sie in der Entscheidung aber auch: "Sie darf nicht als Vorbild für alle Fälle verwendet werden. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem gut und gerne vergessen und verdrängt wird, ist es wichtig, zu erinnern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2019 - Medien

Die Finanzkommission Kef will den Öffentlich-Rechtlichen sage und schreibe 1,6 Milliarden Euro mehr Gebühren im Jahr zusprechen, was die Sender allerdings düpert, sie hätten gern das Doppelte gehabt, wie Michael Hanfeld in der FAZ berichtet. Und er weiß auch, warum sich die Kef so unspendabel zeigt: "Die Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verdienen überproportional gut, lautet der Befund eines Gutachtens der Beratungsgesellschaft Kienbaum mit Blick auf das Gesamtpaket der Gehälter: Grundgehalt, Sonderzahlungen, Nebenleistungen und Altersversorgung. Nimmt man dies zusammen, fällt die Bezahlung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk laut von der Kef eingeholtem Gutachten besser aus als diejenige für vergleichbare Jobs in der öffentlichen Verwaltung und in privaten Medienunternehmen. Insbesondere die Gehälter beim Bayerischen, Hessischen, Norddeutschen, Westdeutschen Rundfunk und beim ZDF seien üppig."

Die BBC hat einem Bericht des Guardian zufolge zugegeben, dass sie das Gelächter herausgeschnitten hat, mit dem das Publikum im TV-Duell Boris Johnsons Bekenntnis zur Wahrheitsliebe quittierte. Aus Zeitgründen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2019 - Medien

Silke und Holger Friedrich, die Neubesitzer des Berliner Verlags, antworten im Interview mit Harald Staun von der FAS auf die Frage, warum sie nicht früher über Holger Friedrichs Stasi-Vergangenheit gesprochen haben mit taktischen Argumenten: "Das haben wir schon beantwortet. Was wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen? Hätten wir das im Editorial machen sollen? Das glauben wir nicht, weil wir darin eine Aussage dazu gemacht haben, welchen Beitrag wir in der Zukunft leisten wollen. Vor dem Kauf des Verlages? Dann würden wir nicht hier sitzen - und wir glauben, dass damit eine Chance vertan wäre. Insofern diskutieren wir dieses Thema zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns der Redaktion gegenüber schon als neue Eigentümer bewiesen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2019 - Medien

Kriegsreporter und vielleicht noch mehr -reporterinnen sind tollkühne Menschen, deren Arbeit oft nicht gewürdigt wird. In der NZZ porträtiert Karin A. Wenger die australisch-libanesische Reporterin Rania Abouzeid, Autorin des Buchs "No Turning Back - Life, Loss, and Hope in Wartime Syria", die für ihre Reportagen heimlich nach Syrien einreist: "Im Buch beschreibt Abouzeid eine Szene, die dem Leser wie ein Fresko an den Wänden des Gedächtnisses haften bleibt. Ein Spital in Sarakeb, Blutlachen am Boden, Schreie von Müttern, die ihre Söhne suchen, hallen durch die Gänge. Eine Krankenschwester schneidet das pinkfarbene, blutdurchtränkte T-Shirt eines kleinen Mädchens auf. In ihrem linken Auge ist ein Splitter, mindestens zwei stecken im Nacken, sie hat einen Schnitt unten am Kopf. Ein Arzt näht die Haut am kleinen Schädel zu. Es gibt kein Narkosemittel, ihr Vater hält ihre Hand, die Schreie des Mädchens füllen den Raum."

Alexander Nabert und Daniél Kretschmar haben für die taz mit Michael Maier gesprochen, Herausgeber der Berliner Zeitung, bei der er schon einmal Chefredakteur war und die "Maierschen Säuberungen" einiger ehemaliger Stasi-IMs zu verantworten hatte. Nun wurde bekannt, dass der neue Eigner der Zeitung, Holger Friedrich, ebenfalls Stasi-IM war, auch wenn er beteuert, niemandem geschadet zu haben. Heutzutage sei Maier zwar versöhnlicher, schreiben Nabert und Kretschmar: "Doch was bedeutet das heute für eine unabhängige Aufarbeitung, die schließlich zu einem vernichtenden Urteil über Holger Friedrich kommen könnte? Einen Eigentümer kann man schließlich weder entlassen noch degradieren. Holger Friedrich könnte trotzdem geschwächt aus der Affäre hervorgehen. Nicht unbedingt, weil er der Stasi zulieferte, sondern vielmehr, weil er diesen Teil seiner Biografie nicht von sich aus öffentlich machte."

Im Interview mit Birgit Baumann vom Standard verteidigt Maier den Eigentümer der Berliner Zeitung: "Friedrich hat länger im neuen Deutschland gelebt als in der DDR. Die Stasi war nur eine Mini-mini-Episode, nicht einmal zwei Jahre. Er hat sehr viel mehr gemacht. Er war Schlosser, Physiker, Software-Unternehmer und McKinsey-Partner. Er hat in einer äußerst schwierigen Lage glaubwürdig reagiert. Er hat die Redaktion bestärkt, dass die ehemalige Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk die Angelegenheit untersuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2019 - Medien

Der Historiker Götz Aly, Kolumnist der Berliner Zeitung, verteidigt Verleger Holger Friedrich vor allem gegen die Berichterstattung der Welt am Sonntag, die die Stasi-Verstrickungen Friedrichs als erste offengelegt hatte: "Obwohl die WamS und der Springer-Verlag wussten, dass sie nur einen Teil der Akten und damit der Fakten kennen, erwecken sie den Eindruck, als verbreite Friedrich eine übliche, im Grunde wenig glaubwürdige Schutzbehauptung. Erst ganz am Schluss des Artikels steht, was der damals 22-jährige NVA-Soldat seinem Stasi Führungsoffizier nach wenigen Monaten konspirativer Mitarbeit sagte, nämlich dies: '… dass er die Sache nicht freiwillig angefangen habe, und sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird'."

Hubertus Knabe dagegen legt in der NZZ den Finger auf die Hauptwunde der Affäre: Der Verleger habe "dreißig Jahre geschwiegen. Weder gegenüber der Belegschaft noch in seinen zahlreichen Interviews hat er seine Spitzeltätigkeit mit einem Wort erwähnt. Noch in der vergangenen Woche hatte er in einem dpa-Gespräch über seine Armeezeit berichtet und sich selbst als moralischen Helden präsentiert."

Friedrich könnte sich aber auch wirtschaftlich verspekuliert haben, vermutet Michael Ashelm auf den Wirtschaftsseiten der FAZ. Friedrich hatte in einem Interview von dem Portal berlin.de als dem eigentlichen Schatz seines Deals gesprochen. Berlin.de ist das "reichweitenstärkste Stadtportal Deutschlands", weiß Ashelm. Mit betrieben wird das  Portal vom Berliner Verlag im Auftrag der damit offenbar überforderten Stadt. Aber der Vertrag laufe ohnehin nur bis 2021, so Ashelm. Und "hinzu kommen neue juristische Hindernisse. Aktuelle Gerichtsurteile aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit Fällen aus Crailsheim und Dortmund stellten fest, dass eine Vermarktung städtischer Medienauftritte mit presseähnlichen Artikeln rechtswidrig sei. Die Verquickung von journalistischen Inhalten und Werbung mit amtlichen Angeboten ist nicht möglich." Noch ist das aber das Prinzip der bis dato wie Kraut und Rüben aussehenden Seite berlin.de.

Heute läuft sehr spät Abends im WDR der Dokumentarfilm "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam" von Alice Agneskirchner. Sie zeigt eine Glanzstunde in der Geschichte der Öffentlich-Rechtlichen, die zugleich auch problematisch war - denn in den Siebzigern weigerte sich das Erste, die heute so berühmte Serie "Holocaust" zu zeigen und verbannte sie in die dritten Programme. Agneskirchners Doku stellt auch die Frage "nach dem ursprünglichen Umgang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens" mit dem Thema Nazizeit, schreibt Steffen Grimberg in der taz: "Die Fernsehfilmkoordinatoren der ARD, damals wie heute für solche Ankäufe und Produktionen sowie die Sendeplätze zuständig, lehnten ab. 'Sie waren unisono dagegen', erinnert sich Günther Rohrbach: 'Die ARD wollte es nicht.' Wie wäre das wohl heute?" Rohrbach war seinerzeit Fernsehspielchef des WDR.

Schuld ist mal wieder das Internet. Vor allem, weil es bei den Zeitungen einen empfindlichen Anzeigenverlust ausgelöst hat. "Der Kollaps des Ökosystems der Information stellt ein großes Risiko für die Menschheit dar", schreibt die Huffington-Post- und Ex-New-York-Times-Journalisin Lydia Polgreen im Guardian: "Der Zusammenbruch des Informationsökosystems hat bereits verheerende Auswirkungen auf unsere politischen Systeme gehabt. Er hat die demokratischen Wahlen untergraben. Er hat das Grundvertrauen in die Institutionen erschüttert. Es hat uns eine Welt hinterlassen, in der jeder frei ist, seine eigenen Fakten zu wählen. Er droht, die bestehende Weltordnung grundlegend zu destabilisieren." (Zeigt nicht der Streit um Handke, dass über ein unklares Verhältnis zu Fakten auch in anderen "Ökosystemen" diskutiert wird?)