Der Historiker
Götz Aly, Kolumnist der
Berliner Zeitung,
verteidigt Verleger
Holger Friedrich vor allem gegen die Berichterstattung der
Welt am Sonntag, die die Stasi-Verstrickungen Friedrichs als erste offengelegt hatte: "Obwohl die
WamS und der Springer-Verlag wussten, dass sie nur einen
Teil der Akten und damit der Fakten kennen, erwecken sie den Eindruck, als verbreite Friedrich eine übliche, im Grunde wenig glaubwürdige Schutzbehauptung. Erst ganz am Schluss des Artikels steht, was der damals 22-jährige NVA-Soldat seinem Stasi Führungsoffizier nach wenigen Monaten konspirativer Mitarbeit sagte, nämlich dies: '… dass er die Sache
nicht freiwillig angefangen habe, und sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird'."
Hubertus Knabe dagegen
legt in der
NZZ den Finger auf die Hauptwunde der Affäre: Der Verleger habe "
dreißig Jahre geschwiegen. Weder gegenüber der Belegschaft noch in seinen zahlreichen Interviews hat er seine Spitzeltätigkeit mit einem Wort erwähnt. Noch in der vergangenen Woche hatte er in einem
dpa-Gespräch über seine Armeezeit berichtet und sich selbst
als moralischen Helden präsentiert."
Friedrich könnte sich aber auch wirtschaftlich verspekuliert haben, vermutet Michael Ashelm auf den Wirtschaftsseiten der
FAZ. Friedrich hatte in einem Interview von dem Portal
berlin.de als dem eigentlichen Schatz seines Deals gesprochen. Berlin.de ist das "
reichweitenstärkste Stadtportal Deutschlands", weiß Ashelm. Mit betrieben wird das Portal vom Berliner Verlag im Auftrag der damit offenbar überforderten Stadt. Aber der Vertrag laufe ohnehin nur bis 2021, so Ashelm. Und "hinzu kommen neue
juristische Hindernisse. Aktuelle Gerichtsurteile aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit Fällen aus Crailsheim und Dortmund stellten fest, dass eine
Vermarktung städtischer Medienauftritte mit presseähnlichen Artikeln rechtswidrig sei. Die Verquickung von journalistischen Inhalten und
Werbung mit amtlichen Angeboten ist nicht möglich." Noch ist das aber das Prinzip der bis dato wie Kraut und Rüben aussehenden Seite berlin.de.
Heute läuft sehr spät Abends im
WDR der
Dokumentarfilm "Wie '
Holocaust' ins Fernsehen kam" von
Alice Agneskirchner. Sie zeigt eine Glanzstunde in der Geschichte der Öffentlich-Rechtlichen, die zugleich auch problematisch war - denn in den Siebzigern weigerte sich das Erste, die heute so berühmte Serie "Holocaust" zu zeigen und verbannte sie in die
dritten Programme. Agneskirchners Doku stellt auch die Frage "nach dem
ursprünglichen Umgang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens" mit dem Thema Nazizeit,
schreibt Steffen Grimberg in der
taz: "Die Fernsehfilmkoordinatoren der
ARD, damals wie heute für solche Ankäufe und Produktionen sowie die Sendeplätze zuständig, lehnten ab. 'Sie waren
unisono dagegen', erinnert sich Günther Rohrbach: 'Die
ARD wollte es nicht.' Wie wäre das wohl heute?" Rohrbach war seinerzeit Fernsehspielchef des
WDR.
Schuld ist mal wieder
das Internet. Vor allem, weil es bei den Zeitungen einen
empfindlichen Anzeigenverlust ausgelöst hat. "Der
Kollaps des Ökosystems der Information stellt ein großes Risiko für die Menschheit dar",
schreibt die
Huffington-Post- und Ex-
New-York-Times-Journalisin Lydia Polgreen im
Guardian: "Der Zusammenbruch des Informationsökosystems hat bereits
verheerende Auswirkungen auf unsere politischen Systeme gehabt. Er hat die demokratischen Wahlen untergraben. Er hat das Grundvertrauen in die Institutionen erschüttert. Es hat uns eine Welt hinterlassen, in der jeder frei ist,
seine eigenen Fakten zu wählen. Er droht, die bestehende Weltordnung grundlegend zu destabilisieren." (Zeigt nicht der Streit um Handke, dass über ein unklares Verhältnis zu Fakten auch in anderen "Ökosystemen" diskutiert wird?)