9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2018 - Medien

Die Namen der beiden Halbbrüder, die den Schauspieler Walter Sedlmayr ermordet hatten, dürfen weiterhin genannt werden, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden. Die beiden hatten ein "Recht auf Vergessen" erklagen wollen, berichtet Christian Rath in der taz. Das Straßburger Gericht habe wie die deutschen Vorinstanzen entschieden: "Die Pressefreiheit wäre gefährdet, wenn Medien ihre Archive immer wieder daraufhin kontrollieren müssten, ob einst zulässige Namensnennungen inzwischen Persönlichkeitsrechte verletzen. Dies könnte dazu führen, dass Medien ganz auf Online-Archive verzichten oder dass sie sich in der Berichterstattung gleich so beschränken, dass eine spätere Anonymisierung nicht erforderlich ist." Interessant ist übrigens, dass keines der heute berichtenden Medien die Namen nennt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2018 - Medien

Vermutlich aus Angst um seinen Job will es ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz allen recht machen, schreibt der Jurist und Chefredakteur des Wiener "Falters", Florian Klenk, bei Zeit Online mit Blick auf die Forderung nach Social-Media-Regeln für ORF-Mitarbeiter und glaubt, vor allem kritische Journalisten wie Armin Wolf seien den Regierenden ein Dorn im Auge: "So wird Wolf vom FPÖ-Chef und Vizekanzler Strache als Lügner diffamiert, der ORF als Fake-News-Plattform attackiert. Und die junge ÖVP unter Bundeskanzler Sebastian Kurz steht schweigend daneben, denn eine kritische Presse schätzt auch 'der Basti' nicht. Wer zu frech ist, darf zum Beispiel nicht auf sein schickes Kanzlerfest." Und im Zeit Online Interview mit Tomasz Kurianowicz ärgert sich der ORF-Redaktionsvertreter Dieter Bornemann über den von den beiden Regierungsparteien verpassten "Maulkorb".

Im FAZ-Gespräch mit Boris Reitschuster rechtfertigt Arkadi Babtschenko seine höchst umstrittene Scheinermordung unter anderem mit Beweisen, die der ukrainische Geheimdienst vorgelegt habe - "Gesprächsmitschnitte mit dem Drahtzieher in Moskau, wo gesagt wird, wer getötet werden soll, wo zu hören ist, dass es in Russland einen Fonds gebe, dessen Ziel die Destabilisierung der Ukraine sei. Es gibt Beweise, dass Waffen, selbst Panzerfäuste, in die Ukraine geschmuggelt wurden, dass es Pläne gab, einmal pro Woche Polizeiautos in die Luft zu jagen. Russlands Rolle bei den Mordaufträgen ist belegt. Offenbar wird das im Westen nicht wahrgenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2018 - Medien

Richtig großen Ärger gibt es zur Zeit beim Deutschlandfunk Kultur, berichtet Anne Fromm in der taz. Der Sender hat unter Programmdirektor Andreas-Peter Weber feststellen müssen, dass er mit seinem Geld nicht auskommt. Einige freie Mitarbeiter werden jetzt abgewickelt. Auf einer Personalversammlung gab es wütende Szenen: "Die Programmreformen hätten nicht funktioniert, man habe heute eine angespannte Finanzlage und weniger Hörer als je zuvor. Das stimmt: Laut der aktuellsten Mediaanalyse hat Deutschlandfunk Kultur rund 420.000 tägliche Hörer bundesweit, das ist weniger als vorher. Die Verantwortung für dieses Scheitern sehen die Berliner Mitarbeiter beim Programmdirektor Weber."

(Via turi2) ORF-Mitarbeiter werden par ordre de Mufti (und natürlich aus Respekt vor der Regierungspartei FPÖ) auch privat gleichgeschaltet, berichtet Harald Fidler im Standard und zitiert aus einem internen Schreiben des Senders: "Es verlangt etwa 'auch im privaten Umfeld' auf Social Media den Verzicht auf 'öffentliche Äußerungen und Kommentare in sozialen Medien, die als Zustimmung, Ablehnung oder Wertung von Äußerungen, Sympathie, Antipathie, Kritik und 'Polemik' gegenüber politischen Institutionen, deren Vertreter/innen oder Mitgliedern zu interpretieren sind'."

Slate.fr erinnert mit seinen berühmtesten Fotos daran, dass der ägyptische Fotograf Mahmoud Abou Zeid, bekannt unter dem Pseudonym Shawkan, seit fünf Jahren in Haft sitzt. Am Samstag soll das Urteil gegen ihn und weitere 738 Angeklagte gefällt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2018 - Medien

Weil er auf eine Frage nicht antworten wollte, hat Horst Seehofer in einem Interview gesagt: "Wir müssen nicht nach Russland schauen. Die meisten Fake News werden in Deutschland produziert, von Medien wie von Politikern." Constanze Kurz schreibt dazu in ihrer FAZ-Kolumne: "Man muss solche Aussagen als Angriff auf die freie Presse begreifen, die in geradezu trumpöser Weise ohne Belege geschehen. Wo und wer diese Falschnachrichten verbreitet hätte, wird gar nicht erst versucht zu erklären. Dass Journalisten verlogene Gestalten sind, scheint schon eine Art Konsens zu sein, sie zu verunglimpfen kein Problem mehr."
Stichwörter: Seehofer, Horst, Fake News

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2018 - Medien

Der Axel Springer Verlag, der so sehr unter der Digitalisierung leidet, dass er ein europaweites Leistungsschutzrecht zum Überleben braucht, feiert seinen prächtigen, von Rem Koolhaas geplanten Neubau mit einem Baustellendinner, lesen wir in der Welt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2018 - Medien

Das niederländische Online-Magazin De Correspondent hat nach fünf Jahren 60.000 zahlende Abonnenten und kann sich gut über Wasser halten, schreibt Tobias Müller in der taz. Dass ein solches Modell in Deutschland nicht zustande kam, mag auch mit einem Ansatz von Journalismus zu tun haben, der deutschen Kollegen recht fremd sein mag: "Zentrale Elemente: ein Schwerpunkt auf Hintergrund, absolute Werbefreiheit sowie die Autoren, nach denen das gesamte Projekt benannt ist. 'Korrespondenten' gibt es unter anderem für die Kategorien Bildung, Ökonomie, Mobilität und Stadtleben, Extremismus sowie Technologie und Kultur. Es handelt sich um Spezialisten, die permanent mit ihrer Materie beschäftigt sind und in eigenen Newslettern darüber informieren. Zugleich bitten sie die Abonnenten auch um Anregungen, Feedback und Mithilfe durch Teilen ihres Wissens."

Die Uebermedien übernehmen einen sehr gut belegten Blogartikel des Juristen Henning Ernst Müller, der noch einmal die gesamte, heute ziemlich haltlos wirkende Recherche des "Rechercheverbunds" aus SZ, NDR und Radio Bremen zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und seiner Bremer Zweigstelle auseinander nimmt und zu einem vernichtenden Urteil kommt: "Die Rechercheure von SZ, NDR und Radio Bremen haben etwas getan, was sie auf keinen Fall tun durften: Sie haben Menschen mit Vorwürfen maximal geschadet, um eine Geschichte zu bringen, die schlecht recherchiert und unausgegoren war und damit den Rufmord vor die Recherche gestellt." Die Uebermedien präsentieren unter dem gleichen Link auch die Antwort des NDR-Investigativchefs Stephan Wels : "Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2018 - Medien

Der Urheberrechtler Leonhard Dobusch führt für Netzpolitik eine Kolumne über sein Wirken in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehrat. Den neuen "Telemedienauftrag" der Sender mit dem Kompromiss über die Reduktion "presseähnlicher" Texte in den Online-Angeboten der Sender nennt er eine Kapitualtion vor der Verlagslobby und zählt neun Gründe für mehr öffentlich-rechtliche Texte im Netz auf. Einer davon: "Abgesehen davon, dass die lautesten Kritiker von öffentlich-rechtlichen Textinhalten Vertreter hochprofitabler Medienkonzerne sind, ist öffentlich-rechtliche Konkurrenz kein Grund für wirtschaftliche Probleme einzelner Verlag(sangebot)e. Das lässt sich in den USA beobachten, wo das Zeitungssterben besonders weit fortgeschritten ist, es aber keine nennenswerte öffentlich-rechtliche Konkurrenz gibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2018 - Medien

In Zeiten, wo die im bösen Internet kursierenden Fake News beklagt werden, freuen sich Politiker, Sender und Zeitungen über den jetzt stolz präsentierten neuen "Telemedienauftrag" für die öffentlich-rechtlichen Sender. Die Zeitungen, die mehr Inhalte hinter Paywalls verschwinden lassen wollen, haben darauf gedrängt, dass die Sender sich nicht "presseähnlich" verhalten und Texte bringen. Darauf hat man sich nun geeinigt. Zeitungsfundamentalist und FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld mag es noch nicht recht glauben: "Ob es bedeutet, dass die Sender - vor allem die ARD - ihre reine Online-Textproduktion, in die in den vergangenen Jahren hohe Millionenbeträge geflossen sind, reduzieren? Das muss sich erst noch erweisen."

Unzufrieden sind laut Alexander Krei bei dwdl.de die Lobbyisten der Film-Produzenten: "Die Organisationen stören sich vor allem an den deutlich ausgeweiteten Verweildauern von Filmen und Serien im Netz sowie an der Möglichkeit, auch Kaufproduktionen - etwa europäische Filme und Serien - in die Mediatheken einzustellen."

Ob Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit" verlangen kann, dass AfD-Politiker von öffentlich-rechtlichen Talkshows ausgeschlossen werden, da die Öffentlich-Rechtlichen doch zur Ausgewogenheit verpflichtet sind und kaum eine 14-Prozent-Partei beschweigen können, ist die eine Sache. Interessanter klingt sein allgemeinerer Gedanke zu Talkshows, den er im Gespräch mit der FR-Journalistin Katja Thorwarth äußert: "Über den Talkshows liegt eine Intellektuellenfeindlichkeit, die gefährlich ist für eine öffentliche Debatte. Das gesellschaftliche Selbstgespräch lebt von einfallsreichen und widerständigen Geistern. In dem Moment, in dem die gesellschaftlichen Debatten unter Ausschluss öffentlicher Intellektueller geführt werden, wird eine Gesellschaft seltsam kleingeistig, stumpfsinnig und starr. Ohne die kulturelle Energie sind wir Menschen nur Barbaren." Fragt sich nur, wen er damit meint?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2018 - Medien

Wie groß ist der Beitrag der öffentlich-rechtlichen Sender und namentlich ihrer Talkshows am Aufstieg der AfD? Sandra Maischberger antwortet heute in der Zeit auf Forderungen, die Talkshows pausieren zu lassen, um der AfD nicht noch mehr Foren zu verschaffen. Schuld ist für sie ohnehin das Netz: "Je größer die gesellschaftlichen Friktionen werden, desto weniger scheinen wir die Auseinandersetzung darüber zu ertragen. Vielleicht sind wir zusätzlich mürbe durch den nicht mehr versiegenden Strom aus Wut, Hass und Empörung, der uns aus dem Netz entgegenquillt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2018 - Medien

Nun bespricht auch Ekkehard Knörer das dann doch recht breit rezipierte Schirrmacher-Porträt Michael Angeles und benennt im Standard, was am Felix-Krull-haften des Alphajournalisten so genau die Epoche repräsentierte: "'Integrierter Außenseiter' ist die treffende Formel, die Angele für Schirrmachers Position findet. Das Integrierte liegt am Homosozialen. 'Jungs unter sich' wäre ein passender Untertitel des Buchs. Im eng geschlossenen Kreis der mächtigen Medienmänner funktionierte offenkundig auch das vielfach dokumentierte Kindische am Charakter Schirrmachers gut."