9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2018 - Medien

Ein Burgfrieden der Mediengewaltigen, ein Schlag gegen frei zugängliche Information im Internet. Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich  mit dem von Mathias Döpfner angeführten Zeitungsverlegerverband geeinigt, ihre Texte im Netz zu reduzieren, damit auch die Verleger ihre frei zugänglichen Inhalte im Netz weiter reduzieren und hinter Zahlschranken stecken können, berichtet Ulrike Simon bei Horizont.net, "ein Zugeständnis an die Verleger, die stets argumentierten, ein scheinbar kostenloses (da über den Rundfunkbeitrag bereits abgegoltenes) Digitalangebot mit hohem Textanteil und nachrichtlichem Informationswert erschwere die Refinanzierung von digital dargebotenem Journalismus hinter Paywalls. Vertreter der Öffentlich-Rechtlichen bestritten das." Bei Streitfällen soll eine gemeinsam betriebene Schiedsstelle für außergerichtliche Einigungen sorgen.

Die Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen sind angesichts der populistischen Welle in der Politik ein überlebtes Format, schreibt Georg Diez in seiner Kolumne bei Spiegel online: "Sie sind damit Spiegelbild des Fernsehens generell, das ja auch so tut, als sei es ewig 1990. Eine Generation von Redakteuren und Moderatoren schaukelt da gemeinsam gemütlich durch die Weltgeschichte und will nicht sehen, wie inzestuös die politische und die mediale Krise miteinander verbunden sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2018 - Medien

Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich praktisch vom klassischen Kino verabschiedet, bemerkt Ralf Wiegand in der SZ. In ARD und ZDF läuft nur noch Selbstproduziertes: "Die ARD strahlte in ihrem ersten Programm im Jahr 2016 nur noch sieben Klassiker des US-amerikanischen Films aus - im Jahr 2000 waren es noch 122 gewesen. Die Gattung erodiert gleichermaßen in den dritten Programmen (15 gegenüber 633), und im ZDF fiel die Zahl solcher Filme im untersuchten Zeitraum von 37 auf zehn." Leider hat Wiegand nicht weiter nachgebohrt, angeblich wollen die Sender mit ihren Produktionen "so präzise wie möglich den aktuellen Publikumsgeschmack zu treffen".

Aber auch die Streamingdienste ineressieren sich nicht fürs Filmsterben, stellt Nicolas Freund in einem zweiten Artikel in der SZ klar, sondern über ihre Algorithmen für Masse und Aufmerksamkeit: "Natürlich werben die Dienste nicht mit dem Schund. Geworben wird damit, ein umfassendes Filmprogramm anzubieten. Von Alfred Hitchcock bis Ingmar Bergman. Tatsächlich aber ist im Gesamtangebot der beiden größten Streaming-Anbieter nur je ein einziger Hitchcock und ein einziger Bergman zu finden. Die Streamingdienste bieten nur oberflächlich einen umfassenden Filmkanon, denn Klassiker sind nicht entscheidend, um Abonnenten zu gewinnen und zu halten."

Nhi Le fragt in der taz, ob es ein Zuviel an hysterisierenden Talkshows gibt, die nicht einmal wissen, was Framing bedeutet: "Das sieht inzwischen auch der Deutsche Kulturrat so. Der Geschäftsführer des Dachverbands, Olaf Zimmermann, regte vergangene Woche sogar an, die 'Talkshows im Ersten und im ZDF sollten sich eine einjährige Auszeit nehmen und ihre Konzeptionen überarbeiten'. 2015 begannen die Talkshows, die Themen Flucht, Terror und Islam vermehrt aufzugreifen. Von insgesamt 139 Sendungen Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger und hart aber fair im Jahr 2015 drehten sich 50 um diese Schlagwörter, mit Titeln wie 'Der Hass und die Folgen - spaltet der Terror das Abendland?' oder 'Religiös verblendet, politisch verirrt: Gefährden Radikale unsere Gesellschaft?'."

Weiteres: Bei Übermedien zerpflückt Stefan Niggemeier die Rede von Springer-Chef Mathias Döpfner, der bei seinem Lobbying für ein schärferes Leistungsschutzrecht Facebook und Google vorwirft, die Artikel der Zeitungen zu kopieren, aus dem Kontext zu nehmen und für sich zu verwerten. Bereits vor zwei Tagen meldete Le Monde, dass Buzzfeed seinen französischen Ableger dichtmacht und sämtliche Mitarbeiter entlässt. Axel Weidemann blickt in der FAZ nach Thüringen, wo im April in Fretterode zwei Journalisten von Neonazis brutal zusammengeschlagen wurden, die Ermittlungen sich jedoch allzu schleppend hinziehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2018 - Medien

Inzwischen gibt es eine Diskussion darüber, ob die Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen zu oft die Themen der AfD diskutieren. Mag sein, dass AfD-Politiker bei den privaten Firmen, die diese Talkshows im Auftrag der Sender produzieren, einen kommerziellen Kitzel auslösen, schreibt Thierry Chervel in der Welt, aber die Probleme liegen tiefer, etwa in der Proporz-Dramaturgie der "Tagesschau": "Ich meine das Aufsagen von Reaktionen. Verkündet die Regierung eine Entscheidung, äußert ein Minister eine Absicht, unterläuft der Kanzlerin ein Fehler, dann wird nach der Logik der 'Tagesschau' tendenziell jede Partei im Bundestag nach ihrer Einschätzung befragt. Das macht die Nachrichten in Deutschland immer öder, denn anders als einst haben wir es heute mit sieben Parteien im Bundestag zu tun. Und der AfD gebührt als größter Oppositionspartei nach dem staatlich beauftragten Neutralitätsgebot im Prinzip immer die erste und längste Äußerung... Nichts lässt die AfD stärker als Teil des seriösen politischen Spiels erscheinen als die stete höfliche Nachfrage, was sie denn vom Dieselverbot, von neuer Windkraftförderung oder einer Äußerung des Außenministers halte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2018 - Medien

Der SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye soll neulich gefordert haben, bei "Karikaturen künftig ganz auf das Stilmittel der Überzeichnung zu verzichten". Auslöser war wohl eine Affäre um eine SZ-Karikatur von Dieter Hanitzsch, der Antisemitismus vorgeworfen wurde. Der Schriftsteller Jürgen Roth antwortet im Freitag: "Vor einigen Jahren hat Eckhard Henscheid zu mir gesagt, es werde alles zurückgedreht, auf den Stand des Spießertums der Fünfziger Jahre. Er hatte recht. Es wütet, ausgehend von einer über ihrem 'Diversity'-Mantra verrückt gewordenen, ungebildeten, moralpolitisch verhärteten, feindfixierten postmodernen Linken, ein regressiv-antiaufklärerischer, antiliberaler Opferkult, der die wechselseitige Infantilisierung aller forciert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2018 - Medien

Viel Aufsehen erregt heute im Netz ein Interview, das der ORF-Nachrichtenmoderator Armin Wolf schon vor ein paar Tagen mit Wladimir Putin geführt hat (hier das deutsche Video, hier der englische Wortlaut) - normalerweise sind solche Staats- und Hauptinterviews unerträglich, aber Wolf hat Putin tatsächlich mit kritischen Fagen aus der Reserve gelockt. In einem kleinen Blogbeitrag beschreibt Wolf Putins Antwortstrategien:
"1. Er repliziert meist sehr ausführlich. Knappe Antworten sind selten, fast immer wird es grundsätzlich.
2. Er liebt Gegenfragen - für einen Interviewer immer unangenehm.
3. Er ist ein Meister des sog. Whataboutism - also des Ablenkens auf ein anderes Thema oder zumindest einen anderen Aspekt des Themas.
4. Wenn er etwas dementieren will, dementiert er, egal wie viele Belege es für einen Vorhalt gibt.
5. Und wenn er unterbrochen wird, kritisiert er das sofort - als unhöflich, ungeduldig oder voreingenommen. Um dann seine ursprüngliche Antwort fortzusetzen."

In welchem Grad können öffentlich-rechtliche Sender, die zur Ausgewogenheit verpflichtet sind, bestimmte politische Kräfte ausschließen? Frank Plasbergs Entscheidung, Alexander Gauland nicht mehr bei "hart aber fair" einzuladen, sorgt für Diskussionen bei seinen Kolleginnen, meldet dlf24. Anne Will will es Plasberg nicht nachtun: "Will betonte, als Redaktion eines ARD-Talkformats habe man eine staatsvertraglich festgeschriebene Pflicht zur angemessen Berichterstattung über alle gesellschaftlichen Kräfte. Sie fügte hinzu, sie persönlich habe allerdings an Gauland nach dessen 'verachtungswürdiger Relativierung des Holocausts' zur Zeit keine Fragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2018 - Medien

Die Talkshow "hart aber fair" wird Alexander Gauland wegen seiner Nazi-Relativierungen nicht mehr einladen, berichten Kurt Sagatz und Joachim Huber im Tagesspiegel, die mit dem Moderator Frank Plasberg gesprochen haben: "Diese redaktionelle Entscheidung betreffe nicht die AfD generell, schränkt Plasberg ein. 'Vertreter der größten Oppositionspartei im Deutschen Bundestag werden selbstverständlich auch weiter zu Gast bei 'hart aber fair' sein.'"

Außerdem: Reinhard Wolff berichtet in der taz, dass Schweden die Finanzierung seiner öffentlich-rechtlichen Sender auf eine neue Steuer umstellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2018 - Medien

Wie erstaunlich dieser Frank Schirrmacher war, kommt vielen Lesern von Michael Angeles Portrait-Buch offenbar erst jetzt so recht zu Bewussstein. In der taz bespricht Danilo Scholz das Buch: "Was im Rückblick frappiert, ist, wie aktiv Schirrmacher, dem, wie Urs Widmer 1988 im Merkur lakonisch bemerkte, 'die Gnade der späten Geburt sogar die Schreckensjahre von 1968 erspart hat', Geschichtspolitik betrieben hat. Schirrmacher wollte die deutsche Vergangenheit des 20. Jahrhunderts filmreif schreiben. Alles, was in Kino und Fernsehen Uniform trug, wurde inspiziert. Als Fetisch sicher bedenkenswert, als Kriterium der Vergangenheitsbewältigung ziemlich lächerlich. Wie viel Zeit und Platz für filmische Nazi- und Widerstandsmemorabilia bei der FAZ aufgewendet wurde!"

In der Welt hält Dirk Schümer eine Laudatio auf Henryk M. Broder, der heute beinahe im niedersächsischen Otterndorf den Voss-Preis erhalten hätte. Verhindert hat das eine "elbländische Initiative, vorzugsweise aus örtlichen Funktionären von Grünen und SPD", schreibt Schümer: "So geht Meinungsvielfalt heute; Otterndorf ist überall."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2018 - Medien

ProSieben-Manager Conrad Albert möchte auch ein Stück vom rund acht Milliarden schweren Rundfunkbeitrags-Kuchen, zumindest für gesellschaftspolitisch-relevante Sendungen, weiß Christian Meier in der Welt, der mit Albert gesprochen hat: "Albert spricht von einem 'Selbstverständnis als öffentlich-rechtliche Belehrungsanstalten', die wegen ihrer unübersichtlichen Strukturen 'kernsaniert' werden müssten. Auf der anderen Seite leisteten die Privatsender bereits heute einen 'wichtigen Beitrag zur medialen Grundversorgung der Bürger'. Und dieser Beitrag, legt Albert nahe, könnte noch viel höher ausfallen, wenn man dafür Geld bekäme. 'Wir fühlen uns dem öffentlichen Gemeinwohl verpflichtet', beteuert er, 'nicht in erster Linie aus ökonomischem Interesse.'" Der Perlentaucher auch, bitte!

Die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg fordert den Springer Verlag auf, für ein paar Livestreams der Bild-Zeitung eine Rundfunklizenz zu beantragen. Dagegen klagt Springer, und zwar zu Recht, meint Michael Hanfeld in der FAZ: "Zuerst haben die Landesmedienanstalten kleine Privatanbieter von Youtube-Streams mit der Lizenzpflicht überzogen, jetzt nehmen sie sich - wie es nicht anders zu erwarten war - die Zeitungen vor. Mangels Auslastung bei der rechtlichen Beaufsichtigung der Privatsender suchen sich die Anstalten ein neues Betätigungsfeld.

Weiteres: In der SZ nimmt Peter Richter Abschied vom US-Magazin Interview, das nach knapp fünfzig Jahren eingestellt wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2018 - Medien

Liegt es auch an der gefürchteten ePrivacy-Verordnung der EU? Spiegel und Spiegel online haben mal wieder ihr Bezahlmodell für digitale Inhalte auf den Kopf gestellt. Jetzt kostet das digitale Bezahlangebot 20 Euro im Monat. Einzelne Artikel bezahlen, geht nicht mehr. Spiegel daily wird abgeschafft. Produktchef Stefan Plöchinger erklärt das neue Modell im Gespräch mit Marvin Schade von Meedia: "Sie brauchen einen möglichst großen Reichweiten-Trichter, damit am Ende möglichst viele Menschen in Ihr Abo-Modell purzeln. In diesem Sinne muss Reichweite aber etwas differenzierter gesehen werden als früher. Sie ist kein Zweck an sich mehr. Eine moderne Traffic-Strategie legt Wert darauf, Leserloyalität zu fördern und nicht einfach Klicks zu sammeln." Spiegel online gehört wie Bild online zu den Medien, die anonymen Nutzern oder Nutzern mit Adblockern, die sich nicht tracken lassen wollen, den Zugang zu ihrem Inhalt versperren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2018 - Medien

In der Banlieue von Avignon kam es zu Unruhen, als empörte Demonstranten türkischer Herkunft Druck auf einen Kioskbesetzer machten, das groß plakatierte Cover der aktuellen Ausgabe von Le Point abzuhängen. Die Atmosphäre war derart aufgeheizt, dass die Betreibergesellschaft der Kioske nachgab und das Plakat abnahm. Der Titel von Le Point zeigt den türkischen Präsidenten  mit dem Text: "Der Diktator. Wie weit geht Erdogan? Recherche über den türkischen Präsidenten, seinen Größenwahnsinn, seine Netze in Frankreich, seine Offensive in Algerien, seine Verbrechen..." Die Redaktion verwahrt sich gegen den Druck: "Die Plakatkampagne wird in ganz Frankreich aufrechterhalten. Gleich am Samstag hat Le Point verlangt, dass die Plakate in den betroffenen Kiosken wieder angebracht werden. Der Kiosk in Avignon steht unter dem Schutz der Gendarmerie."