Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2024 - Bühne

Szene aus dem neuen "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Monika Rittershaus

nachtkritiker Reinhard Kriechbaum muss zugeben: Das hat was! Eine so werkgetreue Inszenierung von Hugo von Hoffmannsthals "Jedermann" hat er bei den Salzburger Festspielen schon lange nicht mehr gesehen. Nach einigen ziemlich experimentellen Inszenierungen und der überraschenden Absetzung von Michael Sturmingers Version des letzten Jahres, ist bei Robert Carsen jetzt "buchstabengetreue Läuterung" angesagt, so Kriechbaum. Der Kritiker kann sich damit anfreunden, trotz ein paar Längen: "Die Tischgesellschaft! Robert Carsen hat auf ein Bühnenbild verzichtet, dafür bietet er Mengen an Komparsen auf. Jedermann bietet seinen Freunden ein Fest im Clubsetting, es wird viel getanzt, Philipp Hochmair und Deleila Piasko legen auf einem der sieben runden Tische einen flotten Tango hin. Der Dicke Vetter hebt zu einer Gesangseinlage an. Es gibt zu hören und zu schauen. Die Jedermann-Rufer platzen in eine Rock-Nummer hinein. Wie sich der Tod durch dieses Getriebe einen Weg zu Jedermann bahnen soll, kann man sich erst gar nicht vorstellen. Plötzlich ist er in der Bühnenmitte da. Im Outfit eines Kellners schenkt er Jedermann reinen Wein - Rotwein - ein."

SZ-Kritikerin Christine Dössel kann gut erkennen, dass Carsen, der gerne viele Menschen auf der Bühne versammelt, eigentlich Opernregisseur ist: "Am eindrucksvollsten ist die Party, die Jedermann auf der Terrasse vor seinem Palast im Licht der Discokugeln schmeißt, begleitet von einem Live-Orchester. Es sind Tanz- und Feierszenen, so lustvoll, glamourös und nächtlich schön wie in Paolo Sorrentinos oscargekröntem Film 'La Grande Bellezza', der in die High Society von Rom führt." Im Standard gefällt Stefan Weiss vor allem, wie der Tod hier daherkommt: "Carsen und sein Kostüm/Bühnen-Kollege Luis F. Carvalho verzichten auf jede Geisterbahnschminke und zeigen den Gevatter in Gestalt eines schönen Jünglings (Dominik Dos-Reis): gelockt und engelsgleich im weißen Messgewand - die Vorstellung, dass der Tod auch ansehnlich sein könne." Patrick Bahners freut sich in der FAZ über eine "im besten Sinne konservative" Aufführung.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2024 - Bühne

Szene aus Rossinis "Tancredi". Foto: Karl Forster.


Rossini hat vor allem wegen seiner komischen Opern Bekanntheit erreicht, aber seinen "Tancredi" hätte er lieber in Moll enden lassen, erzählt Egbert Tholl in der SZ anlässlich von Jan Philipp Glogers Inszenierung der Oper in Bregenz: "Da das italienische Publikum einen tragischen Ausgang nicht mochte, ließ Rossini die Oper bei ihrer Uraufführung glücklich enden und holte das, was er vermutlich eigentlich im Sinn gehabt hatte, einige Wochen später in Ferrara nach. Der tragische Schluss wurde prompt ein Misserfolg, und Rossini schrieb abermals um, diesmal wieder zu einem Happy End." In Bregenz ist man nun allerdings wieder beim tragischen Ende der Geschichte um einen Familienzwist angelangt, hier in einer aufregenden Mischung aus Mafiakrimi und lesbischer Liebesgeschichte, so ist die Titelfigur eine Frau und "am Ende stirbt sie so allein, wie sie war. Sie kriecht über die Bühne, will noch einmal den Menschen sehen, dessen Loyalität sie nie wirklich begriff. Diese fünf Minuten der Anna Goryachova sind absolut überwältigend. Alles ist richtig, die Fragilität der Stimme, die Töne, die von weit her, aus einem Gefilde erwachender Erkenntnis zu kommen scheinen. Das alles ist todtraurig, aber, weil Oper, wunder-, wunderschön." Der ebenfalls zufriedene Stefan Ender fragt im Standard angesichts des Geschlechtertauschs in der Handlung: "Erleben wir gerade den großen Sommer der Frauenliebe?" Weitere Besprechungen in der Neuen Musikzeitung, im Standard und im Tagesspiegel.
 
Szene aus "Geld oder Leben". Foto: Marie-Laure Briane


Das Fallpauschalengesetz klingt für Nachtkritikerin Susanne Greiner erstmal nicht besonders spannend als Basis eines Theaterabends, aber Ulf Schmidts "Geld oder Leben" über die Krise des Gesundheitssystems am Münchner Metropoltheater weiß sie eines Besseren zu belehren: "Eine Glanzrolle absolviert Luca Skupin: Er dient als Äquivalent zu Texteinblendungen in Dokumentarfilmen und rattert in Roboterton und -gestik Daten herunter, dass es ein Vergnügen ist. Oder auch Erschrecken, wenn er Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar mit dem Begriff des 'sozialverträglichen Frühablebens' zitiert. Als offenbar eine Diode durchbrennt und Skupin gar nicht mehr aufhören mag, in immer schnelleren Wortsalven die Posten einer Krankenhausabrechnung in Worten, Zahlen und Paragraphennummern zu verschießen, gibt's Szenenapplaus. Die Daten beruhen nicht auf Schmidts Fantasie."

Weiteres: Die Sanierung der Komischen Oper in Berlin droht an den Kosten von 500 Millionen Euro zu scheitern, meldet Sophia Zessnik in der taz. Anna Vollmer trifft sich für die FAS mit der aufstrebenden Dramaturgin Lena Brasch, die am Berliner Ensemble Stücke zu Spielerfrauen im Fußball und zu Britney Spears inszeniert hat. Manuel Brug stellt in der Welt mit Nathalie Stutzmann, Simone Young und Oksana Lyniv drei Dirigentinnen vor, die in Bayreuth für Furore sorgen und verbringt einen Tag mit Antonio Pappano, dem Chefdirigenten des London Symphony Orchestras. Besprochen wird Carl Maria von Webers "Freischütz" in der Inszenierung von Philipp Stölzl bei den Bregenzer Festspielen (Zeit, FAZ, FAS)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2024 - Bühne

"Der Freischütz" in Bregenz. Foto: Anja Köhler.

Die Handlung der am Ende des Dreißigjährigen Krieges angesiedelten Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber erfährt in der Inszenierung von Philipp Stölzl bei den Bregenzer Festspielen einige Modifikationen, bei der die Musik zu kurz kommt, ärgert sich Egbert Tholl in der SZ: Sie ist "von Enrique Mazzola viel zu zaghaft dirigiert, der Prager Philharmonische Chor sitzt drinnen bei den Wiener Symphonikern und wackelt bedenklich vor sich hin. Keine Not wird erzählt, jede Sehnsucht zerschellt an dem nächsten optischen Ereignis. Vielleicht sieht man hier ja die Post-Corona-Zukunft des Musiktheaters: Es geht um nichts, schaut aber gut aus." Michael Stallknecht ist in der NZZ ebenfalls skeptisch: "Sicher ist nur, dass man in Bregenz nun Oper als technisch avanciertes Popcorn-Kino erleben kann. Es taugt als Kino wenig und als Oper gar nichts."

Bezüglich des Bühnenbilds konstatiert Manuel Brug in der Welt: Es "ist mit seinen elf windschiefen Häusern samt versunkenem Kirchturm, käsigem Mond und 28 kahlen Bäumen sehr clever bei Tim Burton abgeguckt, irgendwo zwischen 'Sleepy Hollow' und 'Nightmare Before Christmas'. Das duckt sich auf dem Schneehügel und spiegelt sich im Sumpfwasser, aus dem sich zur bonbonbunt verrauchten Wolfsschlucht-Schlange Nessie ein Gaulgerippe mit Feuerräderwagen erhebt. Auch vorher tauchte hier schon ein beinahe hollywoodwürdiges Wassernixenballett auf. Wie überhaupt dieser 'Freischütz' nur was für Sänger mit Seepferdchenabzeichen ist. Jeder wird hier nass und muss mindestens einmal in den See; die Bösen müssen sogar wegtauchen." Weitere Besprechungen in der FR, Neuen Musikzeitung, im Standard und im Tagesspiegel.

Weiteres: Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla interviewt Dorothea Hartmann und Beate Heine zum Beginn ihrer Intendanz in Wiesbaden. Besprochen wird Dada Masilos "Hamlet"-Interpretation auf dem Impulstheater-Festival im Burgtheater (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2024 - Bühne

Die russischen Theatermacherinnen, Schenja Berkowitsch und Swetlana Petrijtschuk sind in Moskau zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, angeblich weil ihr Theaterstück "Finist - heller Falke" Terrorismus und radikalen Feminismus propagiert. Ein Vorwand, denn "diese beiden freiheitsliebenden Künstlerinnen hegen eine tiefe Abscheu gegenüber jeder Form von Terrorismus", hält Viktor Jerofejew in der FAZ fest: "Das Stück handelt von der Krise der modernen Moral, wenn junge Russinnen auf der Suche nach einem Halt im Leben, vor allem aber nach der wahren Liebe in die Fänge radikaler terroristischer Organisationen geraten." Vielmehr ging es wohl um ein 2022 entstandenes Gedicht, in dem Berkowkitsch die Propaganda gegen "ukrainische Nazis" aufgriff: "So ein Gedicht zu verzeihen ist nach der Logik der Obrigkeit unmöglich. Über so ein Gedicht zu Gericht zu sitzen ist aber ebenfalls unmöglich - das wäre ja Werbung. Hier ein Auszug aus einem noch 'provokativeren' Gedicht von Schenja, das im Lager der Patrioten buchstäblich eine Explosion der Empörung hervorrief, in Prosaübersetzung:

(...)

Sie hätten den eigenen Hurra- Patriotismus bekämpfen
Essen und Trinken verweigern
ihre Mitstreiter töten
IHN töten können.

Weitere Artikel: Kurz vor dem Start der Bayreuther Festspiele überrascht Claudia Roth mit einem eigenwilligen Vorschlag: Auch andere Komponisten wie Engelbert Humperndinck sollen künftig gespielt werden, berichtet der Tagesspiegel mit dpa. Denn, so Roth: "Das Festival läuft auch nicht mehr von alleine wie in früheren Zeiten, wo man teilweise viele Jahre darauf warten musste, eine Karte zu bekommen." Laut Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins zur Saison 2022/2023 wird Goethes "Faust" auf deutschsprachigen Bühnen kaum noch gespielt, meldet Christiane Lutz in der SZ und erklärt: "Er steht in vielen Bundesländern, etwa in Bayern, nicht mehr verpflichtend auf dem Lehrplan. Und Theater inszenieren immer auch, was auf Lehrplänen steht." In der NZZ versucht Paul Jandl dem Phänomen des "Jedermann" auf den Grund zu gehen und hält fest: "Um sich international attraktiv zu machen, schminkt sich Österreich gerne auf alt und nennt das dann Tradition. Hugo von Hofmannsthals Antiquität steht bei diesem Geschäftsmodell ganz vorne."

Besprochen werden das europäische Jugendtheaterfestival "For/With/By" in Madrid, das mit dem Schwerpunkt Erinnerungskultur neue Theaterarbeiten aus Berlin, Madrid und Thessaloniki zeigt (taz) sowie Lola Arias' Stück  "Los días afuera / The Days Out There" und Marta Górnickas Chor-Stück "Mothers - A Song for Wartime", zwei Koproduktionen, mit denen das Maxim Gorki Theater in diesem Jahr beim Theaterfestival in Avignon gastiert (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2024 - Bühne

Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione - © Anne Van Aerschot

Ein Tanzstück über den Klimawandel? Wer da gleich abwinken möchte, den verweist Helmut Ploebst im Standard an Anne Teresa De Keersmaekers und Radouan Mrizigas "Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione", das im Wiener Volkstheater aufgeführt wird. Das Grundgerüst bilden Vivaldis Jahreszeiten-Zyklus, der mit einer innovativen Choreographie verknüpft wird: "Immer wieder stockt die Dynamik, reißt die Musik ab und bricht wieder herein, wie um das Publikum anzufeuern. Nassim Baddag baut seine Breakdance-Headspins im Sommer aus und dimmt sie im (zweiten) Herbst zu einer atemberaubend anzusehenden Zeitlupen-Akrobatik herunter, nachdem die Männer sich wie Monster gebärdet haben. Dieser Herbst folgt auf einen Sommer, bei dessen Ausklang das Quartett in einen schlafwandlerischen Zustand gerät, und, in rostrotes Licht getaucht, zu Boden geht."

Was bleibt von der britischen Opernlandschaft nach der knallharten Sparpolitik der Konservativen? Gina Thomas macht in der FAZ immerhin eine Reihe außergewöhnlicher Aufführungen von Lehár-, Rachmaninow- und Puccini-Werken ausfindig, die in der diesjährigen Sommerfestivalsaison zu sehen sind. Boris Motzki stellt ebenfalls in der FAZ den weitgehend vergessenen Theaterautor Jura Soyfer vor. Peter Laudenbach unterhält sich in der SZ mit Claudia Schmitz, der Geschäftsführenden Direktorin des Deutschen Bühnenvereins über Sparzwänge an deutschen Theatern. Wolfgang Behrens entwirft auf nachtkritik aus aktuellem Anlass eine kleine Theatergeschichte des Attentats.

Besprochen werden Peter Tschaikowskys "Mazeppa" bei den Tiroler Festspielen in Erl (nmz) und Graham Vicks "Tristan"-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (van)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2024 - Bühne

Bild: Szene aus "The Great Yes, The Great No". Festival d'Aix-en-Provence 2024 © Monika Rittershaus

Ganz verzückt berichtet Anja-Rosa Thöming in der FAZ vom Festival in Aix-en-Provence, wo unter anderem William Kentridges Kammeroper "The Great Yes, the Great No" gegeben wurde - "fesselnd, erfrischend" und keineswegs "eurozentrisch", freut sich Thöming: "Grundidee für das Setting ist die historische Überfahrt des Frachters Capitaine Paul Lemerle im März 1941 von Marseille zur karibischen Insel Martinique. Europäische Flüchtlinge entkamen so den Nationalsozialisten im besetzten Frankreich, darunter Anna Seghers, André Breton, Claude Lévi-Strauss, der Maler Carl Heidenreich. Der Südafrikaner Kentridge interessiert sich genauso für internationale Künstler und Poeten, die dieselbe Route nahmen: die Tänzerin Josephine Baker, die Autorin Suzanne Césaire oder Léopold Sédar Senghor; dieser hatte in Paris die antikolonialistische Bewegung 'Négritude' gegründet. Einen Gastauftritt bekommt, ironisch als 'zweite Joséphine' apostrophiert, Napoleons erste Frau Joséphine - ihre Familie auf Martinique profitierte von der Arbeit entwurzelter Sklavinnen und Sklaven, die die Zuckerrohr-Industrie in Gang hielten."

Für die NZZ-Kritikerin Elenore Büning ist Kentridges Inszenierung indes nicht mehr als ein "Happening": "Die Show, nach Kentridge-Art wild bebildert, lebt von der Authentizität und der Vitalität südafrikanischer Musik und afrikanischer Sänger und Musiker. Sie tun so, als seien sie französische Intellektuelle, die im Kriegsjahr 1941 zu Schiff vor der Pétain-Regierung und den Deutschen fliehen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ein Fall von 'kultureller Aneignung'."

Kein anderes Opernhaus weltweit leistet sich ein derartiges Saisonfinale wie die Bayerische Staatsoper, staunt Manuel Brug in der Welt vor allem mit Blick auf Claude Debussys Oper "Pelleas et Melisande": "Regisseurin Jetske Mijnssen streicht jeden Märchenzauber und Grottenflair. Nur die diffusen Wasserschattierungen bleiben in Ben Baurs minimalistischer Ausstattung erhalten. Die beschränkt sich auf einen schmalen Parkettbodengrat, auf dem diese Gefährdeten und Gramvollen wandeln und tänzeln. Golaud (der grandios grobe Christian Gerhaher) nähert sich der seltsam einsamen Mélisande als Ballbekanntschaft zwischen Tanzenden, anschließend sind alle in der erstickenden Atmosphäre einer Jahrhundertwendevilla gefangen. Hier blüht die weibliche Hysterie der Entstehungszeit, aber die Männer reagieren wenig verständnisvoll."

Weitere Artikel: Auf Backstage Classical schreibt Monika Beer einen Nachruf auf ihren guten Freund, den im Alter von 86 Jahren verstorbenen Politikwissenschaftler und Wagner-Forscher Udo Bermbach, in der FAZ schreibt Laurenz Lütteken. Der Schauspieldirektor und Nachtkritiker Wolfgang Behrens denkt nach dem Attentat auf Donald Trump über den Begriff "Assassination" bei Shakespeare nach. In der SZ singt der Moderator und Comedian Thomas Hermanns eine Hymne auf das deutsche Musical - "diese schönste Theaterform". Im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Schauspieler Philipp Hochmair, der dieses Jahr in Salzburg den "Jedermann" geben wird.

Besprochen wird Iiro Rantalas Opern-Inszenierung "Sanatorio Express" an der Frankfurter Kammeroper im Palmengarten (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2024 - Bühne

Nibelungenfestspiele Worms: Franz Pätzold und Marta Kizyma in "Der Diplomat". Foto © David Baltzer

Blutig geht es bei den Nibelungenfestspielen in Worms immer zu, weiß SZ-Kritikerin Christine Dössel, aber Roger Vontobels Inszenierung von "Der Diplomat" setzt noch einen drauf. In dieser Version des Nibelungenmythos, verfasst von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, steht Dietrich von Bern als titelgebender Diplomat im Mittelpunkt, der Frieden zwischen den Burgundern und den Hunnen unter König Etzel stiften will. Sein Streben bleibt allerdings vergeblich, was Dössel schon zu Beginn unschwer erahnen kann: "Auf einem Stufen-Katafalk ist der Leichnam des Helden Siegfried aufgebahrt, der aber wundersamerweise nicht verrottet, sondern aus seiner Wunde am Rücken vor sich hin blutet, am stärksten immer dann, wenn Siegfrieds Mörder Hagen sich ihm nähert. Das Blut fließt und fließt. Signalrote Anzeige für begangene Verbrechen und Fanal für all das Blut, das noch vergossen wird." Für Dössel "ein komplexes Diskussions- und Überzeugungsstück" - das mitunter ein bisschen langatmig geraten ist.

In der taz ist Björn Hayer vor allem beeindruckt vom "wirkungsstarken Setting". Vontobel stelle "zweifelsohne sein besonderes Gespür für Stimmung und Timbre eines Textes unter Beweis. Man mag sich daher kaum einen beklemmenderen Ort als diesjährige Bühne ausdenken. Mäandert der Gesang zwischen elegischen und brachialen Intonationen, steigt von den Seiten permanent Rauch auf. Die Welt gleicht einem Drecksloch, um den Aufgebahrten herum versinkt man im Schlamm." Welt-Kritiker Christian Mayer ist größtenteils überzeugt von der Aufführung, die mit der hochaktuellen Frage, wie man einen Krieg beenden kann, auch eine sehr politische Komponente hat. In der FR schreibt Judith von Sternburg.

Weiteres: Es ist auch die Aufgabe der Kulturpolitik, Theaterschaffende vor übergriffigen Intendanten zu schützen, findet Axel Brüggemann bei Backstage Classical. Häufig blieben Politiker viel zu lange untätig. Manuel Brug teilt in der Welt seine Eindrücke von den Opernfestspielen in Aix-en-Provence. Silvia Stammen resümiert für die nachtkritik Albert Ostermeiers Veranstaltungsreihe "Stadion der Träume" im Münchner Fat Cat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2024 - Bühne

In der FAZ ("Bilder und Zeiten") ermuntert Gerhard Stadelmaier wortgewaltig, die Schauerpossen des Ramón del Valle-Inclán (1866-1936) wiederzuentdecken und so vielleicht der Tragödie an deutschen Theatern neues Leben einzuhauchen. Valle-Inclán war ein dramatischer Querkopf und Einzelgänger im spanischen Theater, "mit einer alle Bühnen- und Kulissengrenzen sprengenden Sprachenergiephantasie. ... Dabei war er eine lebenslang herrisch aristokratisch auftretende Ein-Mann-Fraktion, literarisch wie politisch, der Monarchie wie der Republik wie der Diktatur unbequem und querständig. Der Mann, der zum Beispiel voller Lust - ohne Narkose! - so lange zuschaute, als ihm ein Arm abgenommen werden musste, bis er in Ohnmacht fiel, ist nicht wie Beckett oder Ionesco in die Absurdität ausgewichen, hat aus ihr keine radikalen (Beckett) oder clownesken (Ionesco) Endspiele gemacht. Ramón del Valle-Inclán, der ein Leben lang darauf beharrte, wie ein aristokratischer Demiurg auf Spanien, auf die Welt, auf das Militär, die Kirche, den Staat, die Korruption, die Verderbtheit und Verkommenheit und die lächerlichen Süchte und Sehnsüchte der Menschen inklusive ihrer Bretter, die ihnen die Welt bedeuten, herabzugucken, bleibt immer konkret."

Weitere Artikel: Marianne Zelger-Vogt unterhält sich für die NZZ mit Elisabeth Sobotka, die demnächt von den Bregenzer Festspielen als Intendantin an die Berliner Staatsoper wechselt.

Besprochen werden Anna Stiepanis Inszenierung von Schnitzlers "Liebelei" bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden (nachtkritik), die Installation "Unauthorized und Unverschämt" von Simone Dede Ayivi u.a. am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), die Uraufführung von "Oh! Oh! Amelio!", Thomas Pigors schwule Umdeutung von Georges Feydeaus Komödie "Occupe-toi d'Amélie" im Münchner Gärtnerplatztheater (ein Hit, jubelt Wolf-Dieter Peter in der nmz), Harold Faltermeyers Musical "Oktoberfest - The Musical. Beinah wahr... (An almost True Story)" am Berliner Renaissance-Theater (nmz), vier Installationen des Choreografen William Forsythe beim Impulstanz im Wiener MAK (Standard) und Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Wagners "Ring des Nibelungen" in Erl (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2024 - Bühne

Die Stückauswahl auf den Münchner Opernfestspielen findet Marco Frei in der NZZ gewagt: Statt auf eine sichere Bank zu setzen, mutet Intendant Serge Dorny dem Publikum der bayerischen Staatsoper mit György Ligetis "Le Grand Macabre" und Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" zu. Was an diesen beiden Stücken so gewagt sein soll, wird nicht recht klar. Doch spiegeln sich Auswahl auch die Besetzungsquerelen zwischen Dorny und dem Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski wider, so Frei: "Da ist ein Intendant, der bei den Neuproduktionen den Fokus mehrheitlich abseits des Kernrepertoires verlegt. Warum jetzt überdies ausgerechnet Debussys Oper eine Neuinszenierung erfahren hat, erschließt sich nicht wirklich. Die letzte Neuproduktion dieses Fünfakters von 1902 wurde erst vor neun Jahren realisiert. An der Bayerischen Staatsoper gibt es Werke, überdies aus dem Hauptrepertoire, die seit Jahrzehnten einer Neubefragung harren. Dass zudem der Staatsopern-GMD Jurowski weder die Ligeti-Eröffnung noch die jetzige Debussy-Premiere dirigierte, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack; zumindest eine Opernpremiere im Rahmen der Festspiele sollte Chefsache sein. Mit seiner Vorliebe für die Moderne wäre das Werk Ligetis für Jurowski perfekt gewesen."

Dass bei Ligeti der Tod zu betrunken ist, um die Apokalypse zu verantworten, wird in dieser Absurdität in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski leider nicht sinnstiftend deutlich, so Christian Gohlke in der FAZ: Ihr fehlt es, "je länger, desto deutlicher, an einer konkreten, anschaulichen Ausgestaltung der Handlung. Dabei bedürfte gerade das Absurde einer möglichst genauen Realisation. Die 'Landschaft in Breughelland mit Resten eines verfallenen Friedhofs' ist in der Lesart der Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak halb Turnhalle mit blauen Matten, Pferd und Tauchbecken, halb amtlicher Warteraum mit langen Sitzreihen. Es bleibt völlig unklar, was der Regisseur in diesem beliebigen Unort eigentlich erzählen will." Für Debussy passt dem Kritiker zufolge das Unschärfe-Prinzip aber ganz gut: "Auch Jetske Mijnssens Inszenierung von Claude Debussys 'Pelléas et Mélisande' bleibt oft rätselhaft. Aber diese Unschärfe entspricht auf wundersame Weise Maurice Maeterlincks poetischem Drama und einer Musik, die Hannu Lintu mit dem Staatsorchester dynamisch fein schattiert zum Leuchten bringt."

Weiteres: Florian Lutz, der Intendant des Staatstheaters Kassel, hat mit Ainars Rubikis einen neuen Generalmusikdirektor eingestellt, den das Orchester überhaupt nicht wollte und damit den Graben zwischen den beiden Parteien wohl noch weiter vertieft, die FAZ berichtet. Besprochen wird das "Oktoberfestmusical" am Berliner Renaissance Theater von Harold Faltermeyer (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2024 - Bühne

Vor einigen Tagen hatte ein wutentbrannter Oliver Frljić, Regisseur am Gorki-Theater und Teammitglied der Künstlerischen Leitung dort, im Interview mit der Berliner Zeitung "die offene Unterdrückung Andersdenkender durch Kriminalisierung, Canceln und mediale Hetzkampagnen" an deutschen Theatern gegeißelt (unser Resümee). Konkret wurde er dabei nicht. Ist das jetzt linksradikal oder schon wieder rechts, fragt sich Peter Laudenbach nach Lektüre des Interviews in der SZ und zuckt dann die Achseln. Das mit staatlichen Beihilfen abgepolsterte Revoluzzertum an deutschen Bühnen - von Volker Lösch bis Milo Rau - findet er in erster Linie nervtötend: "Es ist symptomatisch für ein Milieu des Radical Chic, wie in Frljićs verbalem Amoklauf ein diffuser (um nicht zu sagen: konfuser) Linksradikalismus immer wieder wie eine rechte Wutbürgerrede klingt. Beschimpfen Rechtspopulisten unabhängige Medien als 'Systempresse', weitet Frljić diese Polemik auf die Theater aus, wenn er ihnen attestiert, 'eigentlich nur den herrschenden Staatsdiskurs' zu reproduzieren. Was dieser ominöse 'Staatsdiskurs' sein soll, erfährt man nicht. ...  Frljics Polemik ignoriert die Kleinigkeit, dass Theater als Ort der symbolischen Handlung per se immer nur Simulation, also Spiel sein kann. Ihm das vorzuwerfen, bedeutet, der Kunst vorzuwerfen, dass sie Kunst - und nicht zum Beispiel ein Molotowcocktail - ist."

Heute hofft im Interview mit der Berliner Zeitung Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne, auf einen Systemwandel. Die Linke in Deutschland sollte sich ein Beispiel an Frankreich nehmen, schlägt er vor: "In Deutschland könnte eine vereinigte Linke aus SPD, den Grünen, den Linken und dem Bündnis Sahra Wagenknecht gegen die Gefahr von rechts auftreten und sich mit diesem antifaschistischen Auftreten auch eine starke Botschaft geben. Es gibt dafür historische Beispiele: In Frankreich hat der Front populaire in der dreißiger Jahren das Aufkommen der Faschisten verhindert. Aber in Deutschland wollten die Kommunisten nicht mit den Sozialdemokraten zusammengehen, um eine Volksfront gegen die NSDAP zu bilden. Damals hat die Linke in Deutschland versagt. ...  Solange wir den Kapitalismus haben, gibt es immer die Gefahr, dass die Ungerechtigkeit, die er hervorbringt, mit völkischem Denken beantwortet wird. Das ist bei Trump so, das ist in Europa teilweise so, Bolsonaro hat es gemacht. Wie meinte Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"

Weitere Artikel: Hanno Fleckenstein stellt in der taz die Neue Bühne Senftenberg vor, die sich unter ihrem Leverkusener Intendanten Daniel Ris "klar gegen Rechtsextremismus" stellen will. Joachim Lange (nmz) hört neue Musik beim Festival in Aix-en-Provence. Ebenfalls in der taz annonciert Katharina Granzin das kostenlose Event "Staatsoper für alle" auf dem Berliner Bebelplatz: mit einer Live-Übertragung von Marc-André Dalbavies Oper "Melancholie des Widerstands" am Freitag und am Samstag dirigiert Christian Thielemann die "Alpensinfonie" von Richard Strauss. Regenschirm mitbringen! Matthias Schulz, sieben Jahre Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, erklärt im Interview mit der FAZ, warum er nach Zürich wechselt: An Daniel Barenboim lag's nicht, versichert er, "wenn ich den Eindruck gewonnen hätte, dass man in Berlin auch kulturpolitisch bewusst die Zukunft dieses Hauses gestalten will, hätte sich die Frage nach einem Wechsel für mich vermutlich nicht gestellt". Dorion Weickmann porträtiert in der SZ die Trans-Tänzerin Leroy Mokgatle vom Staatsballett Berlin. In der Welt denkt Manuel Brug über die Zukunft der Oper nach, denn sowohl im im hoch subventionierten deutschen Kulturbetrieb wie in den privat finanzierten amerikanischen Musiktheatern bleibt das Publikum weg: "Wenn der internationale Vergleich also etwas zeigt, ist es vor allem eine gewisse Orientierungslosigkeit, unabhängig von der jeweiligen Finanzierung. Eine solche Standortbestimmung kann nur der Ausgangspunkt für eine Neuerfindung der Oper sein."

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Puccinis "Madama Butterfly" in Aix (Ermonela Jaho als Butterfly ist ein Phänomen", schwärmt in der FAZ Anja-Rosa Thöming, die auch Breths Inszenierung ganz ausgezeichnet fand) und Jetske Mijnssens Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" bei den Münchner Opernfestspielen (nmz, SZ).