Szene aus "Der geflügelte Froschgott" am DT Berlin. Foto: Thomas Aurin. In die "schönsten Absurditäten und Pointen" schraubt sich Ingrid Lausunds Jenseits-Monolog "Der geflügelte Froschgott" am Deutschen Theater Berlin, freut sich SZ-Kritiker Peter Laudenbach. Lausund kennt er schon als Drehbuchautorin der Serie "Tatortreiniger". War diese allerdings noch sehr diesseitig angesiedelt, geht es hier um das Leben nach dem Tod, so der Kritiker. Wenn es denn eines gibt? So entspinnt Lausund hier "ein Gedankenspiel über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Jenseitsvertrauens...Kennen Theologen zum Beispiel die Antwort auf die Frage, ob die Lieblingspizzeria mit der Schlager-Jukebox wohl jenseits- und transzendenzfähig ist?" Dabei glänze die Uraufführung von Regisseur FX Mayer durch "zwei bestens gelaunte Schauspieler, Regine Zimmermann und Bernd Moss, aus Lausunds Aberwitz-Monolog eine sehr musikalische Sprech-Operette, mal im Chor, mal im Duett, und immer mit maximaler Charme-Offensive: zwei Performer für ein Halleluja." Rasant findet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung diesen Text: Er "stapelt Annahmen, Folgerungen und Zweifel aufeinander, verliert sich auf Nebensträngen der Spitzfindigkeit, kehrt zum Ausgangspunkt zurück, knallt gegen Widersprüche". Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl hat sich amüsiert, findet aber auch, dass Lausunds Humor Geschmackssache ist.
Weitere Artikel: NZZ-Kritikerin Marion Löhndorf besucht die Retrospektive der "Schmerzensfrau" Marina Abramović in der Royal Academie of Arts in London, in der ihre, oft extremen, Performances von Künsterlinnen nachgestellt werden: "Am spektakulärsten in 'The House with the Ocean View', einer Performance, die auf das Jahr 2002 zurückgeht: Drei Frauen stehen auf Plattformen an einer Wand der Royal Academy, 24 Stunden am Tag über zwölf Tage hinweg. Sie betrachten das Publikum, und das Publikum betrachtet sie. Sie sprechen nicht und trinken nur Wasser." Welt-Kritiker Manuel Brug besucht eine Probe mit dem neuen Direktor des Berliner Staatsballetts Christian Spuck. Im FR-Interview unterhält sich die Opernsängerin Waltraud Meier mit Markus Thiel.
Besprochen werden Dimitris Papaioannous Performance "Ink" im Haus der Berliner Festspiele (tsp) und Roland Wilsons Rekonstruktion der Heinrich Schütz Oper "Tragicomedia von der Dafne" (deren Noten verschollen sind) beim Heinrich Schütz Musikfest in Dresden (nmz).
Die Frau ohne Schatten. Bild: Opéra Lyon.Ein mitreißendes "Opernmonstrum" ist "Die Frau ohne Schatten" von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, die an der Oper Lyon von Daniele Rustioni inszeniert wird, meint Joachim Lange in der Neuen Musikzeitung. "In den ersten beiden Aufzügen projiziert er das im Märchenhaften verhaftete Kaiserpaares und das beschwerliche, aber redliche Leben des Färbers Barak auf zwei gesellschaftlich gegensätzliche Sphären. Auf der einen Seite eine sich ritzende Selbstmordkandidatin im Luxus mit Krankenschwestern. Auf der anderen Seite ein prekäres Milieu, in dem der Färber nicht nur drei Brüder mit durchbringen, sondern sich auch mit seiner ausgesprochen kapriziösen jungen Frau rumärgern muss." Ein hervorragend besetztes Stück, das den Kritiker in seiner Düsternis auch deshalb überzeugt, "weil die eindrucksvoll vollgebaute Drehbühne mit ihrer Zweiweltenbehausung um ein (metaphorisches) Palmenparadies der Spagat zwischen psychologisierend Märchenhaft hier und derb realistisch dort mit dunkler Opulenz gelingt. Über allem schwebt von Beginn an ein gewaltiger Felsblock, der ebenso auf die dem Kaiser angedrohte Versteinerung wie auf Keikobad verweisen mag. Der befindet sich später wie aufgebahrt darunter, wenn seine Tochter ihn anfleht. Er kehrt sogar wie eine erweckte Mumie ins Leben zurück. Das bleibt in der sich auflösenden Bühnenwelt aber eher eine Imagination der Kaiserin auf dem Weg zu sich selbst. Und diesmal in ihre Einsamkeit."
"'In der Schule habe ich etwas über Konsens gelernt, über diverse Genitalien, über Lust, über queeren Sex.' So beginnt das Stück 'LECKEN' des freien Performancekollektivs 'CHICKS*'," beschreibt Zain Salam Assaad in der taz den Beginn eines Stücks, das nun auf dem Theaterfestival Plauen-Zwickau nicht aufgeführt werden kann. Die Performance "soll Jugendliche ab 14 aufklären und sexuell weiterbilden. Dafür sitzen zwei Performer*innen mit dem Publikum in einem Stuhlkreis. Zuschauende halten grüne und rote Lichter in den Händen und beantworten damit die Fragen rund um Körper und Sexualität. Zwischendurch laufen Popsongs über Oralsex, Menschen erzählen in Videos von ihren sexuellen Erfahrungen." Ob die Absage wirklich finanzielle Gründe hat oder vielleicht doch eher wegen Druck von Rechts zustande kam, kann Assaad nicht sagen, ist sich aber sicher: "CHICKS* ist ein Flinta-Kollektiv, das daran arbeitet, in der Schule vernachlässigte Fragen zu Sexualität, Queerness und Geschlecht zu beantworten...Doch die Absage ist ein Zeichen dafür, dass es um queere Kultur gerade in Sachsen schlecht bestellt ist. Mit Blick auf die große Zustimmung zur AfD dort könnte sich das Problem in Zukunft noch deutlich verschärfen."
"Im Theater unterm Dach ist eine bizarre Parallelgesellschaft zu besichtigen. Die Gruppe Polyformers lädt zu einer 'interaktiven Reise ins Reichsbürger-Land' ein - so der Untertitel ihres Erlebnisabends 'König von Deutschland'. Der widmet sich einer real existierenden Fantasie-Nation, über die ein gewisser Peter Fitzek seit 2012 als oberster Souverän herrscht", führt Patrick Wildermann im tagesspiegel ein in einen Theaterabend über "Selbstverwalter, Aussteiger und Schwurbler." Er findet: "'König von Deutschland' funktioniert glänzend als Aufklärungs-Parcours aus performativen Szenen und Selbstbildungsangeboten", der ihm klarmacht: "Man hat es bei Reichsbürger:innen nicht mit lustigen schrägen Vögeln zu tun. Sondern mit gefährlichen Ideolog:innen."
Weiteres: Das Wiener Burgtheater hat eine Klimabilanz aufgestellt (taz), "party in a nutshell" wird am Staatstheater Braunschweig aufgeführt (taz) und die FR interviewt die Sopranistin Adriana Gonzáles aus Guatemala.
Michael Wolf denkt im Tagesspiegel anlässlich eines Essays des Schweizer Theatermachers Milo Rau über dessen Konzept politischer Kunstpraxis nach. Rau gehe es in seinen Arbeiten um Schnittpunkte von Realität und Inszenierung, wobei er gelegentlich, etwa in "Das Kongo-Tribunal" oder dem Film "Das Neue Evangelium", die Nähe zu zweifelhaften Kollaborateuren sucht. "Arbeiten wie diese riefen regelmäßig Kritik hervor. Ist das nicht nur ein neuer Kolonialismus, der ferne Tragödien ästhetisch ausschlachtet? Werden die Opfer hier nicht vorgeführt? Was weiß dieser wohlbehütete Schweizer überhaupt von all den Orten, an denen er mit seinem Team aufschlägt, von den Landlosen in Brasilien, den Kriegsopfern in Mossul, von den russischen Dissidenten? Oder grundsätzlich gefragt: Darf er das? Nein, natürlich nicht. Und das weiß er auch selbst, genau deshalb tut er es. Er versucht die Widersprüche der Gegenwart sichtbar zu machen, in dem er sich in sie verstrickt, auch indem er Schuld auf sich lädt."
Weitere Artikel: In der Zeit parliert Christine Lemke-Matwey mit der Opernsängerin Waltraud Meier. In der FAZ bespricht Irene Bazinger zwei Aufführungen am Schauspielhaus Hamburg: Karin Beiers "Anthropolis"-Inszenierung und Christoph Marthalers Emily-Dickinson-Abend "Im Namen der Brise".
Szene aus "Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig. Foto: Rolf Arnold
"Zumindest nicht ungerecht" wird Regisseur Nurad David Calis am Schauspiel LeipzigBertolt Brechts "Arturo Ui", meint Andreas Platthaus in der FAZ. Richtig glücklich wird er mit der Inszenierung zu der im Exil verfassten Parabel auf Hitlers Aufstieg zur Macht jedoch nicht. Zwar ist sie weitgehend texttreu, sie ergeht sich allerdings bisweilen in allzu burleskem "Comedian-Humor", kritisiert Platthaus. Außerdem wird "Homoerotik auf eine Weise inszeniert wird, die man als Erbteil einer anderen Epoche abgetan dachte - böse könnte man mit Brecht sagen, dass auch bezüglich dieser Klischees der Schoß noch fruchtbar ist. Was der durch die Besetzungsliste suggerierten Diversität - nicht nur Ui wird von einer Frau auch gespielt, auch dessen Gefolgsmann Emanuele Giri (Annett Sawallisch), die unglücklichen Bowl und Hook (jeweils Aicha-Maria Bracht) und eben einer der Trustees (Schergaut) - wieder den Zahn zieht. Zumal all diese Travestie inhaltlich folgenlos bleibt. Das muss nicht Calis' Fehler sein; mit den Brecht-Erben ist als Rechtegebern bekanntlich nicht ganz leicht regietheatern."
Besprochen werden außerdem Aufführungen der Puccini-Oper "Il Trittico" an der Deutschen Oper Berlin und der Staatsoper Wien (Welt) sowie die Uraufführung von Alberto Franchettis musikalischer Komödie "Don Buonaparte" aus dem Jahre 1939 am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz (nmz).
Es hat geradezu etwas "Gespenstisches", wie die deutsche Kulturwelt nach den Angriffen der Hamas auf Israel einfach weitermacht, konstatiert Peter Laudenbach in der SZ. Zwar gibt es Solidaritätsbekundungen, doch in weiten Teilen zeigen die Theater-und Opernhäuser eine "erstaunliche Unfähigkeit zur Empathie", so der Kritiker. Die Reaktion des Gorki-Theaters, die Aufführung von Yael Ronens "The Situation" (unser Resümee) abzusagen, sieht Laudenbach da noch als eine der sinnvollsten Maßnahmen an: "Die Aufführung nicht zu zeigen, bedeutet in dieser Situation nicht einfach einen Abend ohne Theater. Die Nicht-Vorstellung markiert eine Leerstelle und ein notwendiges Innehalten."
Weitere Artikel: Torben Ibs stellt in der taz den Regisseur Nuran David Calis vor, der für das Schauspiel Leipzig Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" inszeniert hat. Bei der Nachtkritik ist die Hamburger Poetikvorlesung der Schauspielerin Julia Riedel zu lesen und zu sehen. Alle spielen Wagners "Der Ring des Nibelungen", stellt Welt-Kritiker Manuel Brug fest und gibt einen Überblick. Dabei fällt auf: auch kleine Theater trauen sich an Inszenierungen heran und in der Schweiz liegt gerade ein "wagnerisches 'Ring'-Epizentrum".
Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierung von "Im Namen der Brise" mit Texten von Emily Dickinson am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (SZ), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Henryk Ibsens "Peer Gynt" am Münchner Residenztheater (FAZ), Lev Puglieses Inszenierung von Alberto Franchettis musikalische Komödie "Don Buonaparte" am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz (nmz) und Michael Dissmeiers Inszenierung von Albert Lortzings "Der Wildschütz" am Theater Altenburg Gera (FAZ).
Szene aus "Die Brüder Karamasow" am Schauspielhaus Bochum. Foto: Armin Smailovic. Was für ein Ereignis! ruftNachtkritiker Andreas Wilink nach Johan Simons Inszenierung von Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" am Schauspielhaus Bochum. Die Extreme dieser Erzählung hat Simons in eine siebenstündige (!) Inszenierung übertragen, samt einer Wanderung durch das Theater. Gelangweilt hat sich der Kritiker nicht: "Die Aufführung nimmt das Wesen einer hellwachen Séance an, um ganz bei sich zu sein und aus ihrer lauernden Entspanntheit jähe Ekstase, wilde Jagd, kollabierende Gemütsruhe, psychische Blitzgewitter und moralische Absolutismen hervorzubringen. Jede(r) ist ein Mensch in der Revolte, ob sie sich vehement artikuliert oder still implodiert. Johan Simons gestaltet den Aufruhr der Herzen und Hirne in einer reichen Fülle von Form und Farbe. Prinzip Disharmonie: Da ist etwa Smerdjakow, der bei einem epileptischen Anfall vom Stuhl kippt, während ein Country-Song dudelt; seine Hände zucken, als fingerten sie über die Saiten einer Gitarre. Vater Fjodor schaut ungerührt zu und geht ab, bevor Gruschenka auftritt, die Tür des Kühlschranks aufreißt, worauf grell eine Passage aus Schostakowitschs vierter Sinfonie ausschwappt und diese 'Maria Magdalena' wie mit entflammbarer Flüssigkeit übergießt." In der FAZ bespricht Hubert Spiegel das Stück.
Weiteres: Das Gorki-Theater hat die nächste Aufführung des Stückes "The Situation" der israelischen Regisseurin Yael Ronen abgesagt, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Es behandelt den palästinensisch-israelischen Konflikt "mit schwarzem Humor", was auch "israelkritische Statements" einschließe. In Folge der Angriffe der Hamas auf Israel, erschien dem Theater die Aufführung nicht mehr angemessen, so Seidler. In einem Statement zur Absage bekundet das Theater seine Solidarität mit Israel und mit jüdischen Menschen in Deutschland.
Besprochen werden Antje Schupps Inszenierung von Martin Bieris Stück "Roaring" am TD Berlin (taz), die von Jean-Paul Gaultier kuratierte Revue "Falling in Love" im Friedrichstadt-Palast Berlin (Welt), Florian Lutz' Inszenierung von George Bizets Oper "Carmen" am Staatstheater Kassel (FR, nmz), Pauline Roelants' und Maarten van der Puts (United Cowboys) Inszenierung von Tschaikowskys "Der Nussknacker" am Staatstheater Kassel (FR), Nuran David Calis' Inszenierung von Bertolt Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig (SZ), Marie Schleefs Inszenierung von "Kim Jiyoung, geboren 1982" nach dem Roman von Cho Nam-Joo am Schauspiel Köln (nachtkritik), Jana Vettens Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Landestheater Coburg (nachtkritik), Christoph Marthalers Inszenierung von "Im Namen der Brise" mit Texten von Emily Dickinson am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), Laurent Chétouanes Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" am Theater Aachen (nachtkritik), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Henryk Ibsens Stück "Peer Gynt" am Residenztheater München (nachtkritik), Lies Pauwels Inszenierung von "Love Boulevard" am Berliner Ensemble (tsp, BlZ) und Steven Cohens Performance "Put your heart under your feet ... and walk" im Rahmen der Reihe Performing Arts Season am Haus der Berliner Festspiele (tsp).
Besprochen werden Matthias Faltz' Inszenierung von Goethes "Reineke Fuchs" an der Frankfurter Volksbühne (FR), die Inszenierung "High" der Performance-Gruppe She She Pop am Berliner HAU (nachtkritik, Tagesspiegel), Bruno Cathomas' Inszenierung "Moliéres Amphitryon" an den Bühnen Bern (nachtkritik), Nuran David Calis' Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Lies Pauwels' Stück "Love Boulevard" am Berliner Ensemble (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung von Elfriede Jelineks "Sonne/Luft" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik) und Karin Beiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Anthropolis III: Ödipus" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik).
"Falling in Love" im Friedrichstadtpalast. Foto: Friedrichstadtpalast. Auf "eine düstere Showkathedrale, die sich aber in den nächsten drei Stunden in eine farb- und sensationssprühende optimistische Welt der Superlative verwandeln wird, die immer neue spektakuläre Bilder für die Sehnsucht nach Liebe, Freiheit und Gemeinschaft findet", trifftNachtkritikerin Esther Slevogt in der neuen Friedrichstadtpalast-Revue "Falling in Love", kuratiert von Jean-Paul Gaultier. Rauschhaft begeistert sieht Slevogt ein "stylisches wie mitreißendes Bild für Gemeinschaft, Diversität und Zusammenhalt daraus, das auch das Publikum zu Standing Ovations aus den Sitzen reißt. Die fliegenden Frauen am Bungee-Trapez steigern die Euphorie kurz darauf noch, weil ihnen mit ihrem zirzensischen wie schwindelerregenden Spektakel tatsächlich so etwas wie die Vermittlung eines Freiheitsgefühls gelingt. Alles ist möglich. Wir schaffen das!"
Begeistert von der Schau ist in der Berliner Zeitung auch Sören Kittel: "100 Millionen (!) Swarovski-Steine, Kostüme von Gaultier und Kosten von 13 Millionen Euro machen das Stück vor allem zu einer Materialschlacht - die sich allerdings wirklich sehen lassen kann. ... Doch all diese Arbeit würde seltsam leer wirken, wenn Callum Webdale als You nicht alles zusammenfügen würde. Der begnadete Tänzer, der gehörlos geboren wurde und sich beim Rhythmus nur auf die gefühlten Schallwellen verlässt, kann nicht nur die Tanzschritte jeder anderen Figur des Ensembles imitieren, sondern hat bis zu letzten Szene so viel Spaß bei seiner Arbeit, dass man seien Blick nicht abwenden kann. Ist es noch Gebärdensprache oder schon Modern Dance?" Und SZ-Kritikerin Johanna Adorjan versucht am Ende gar nicht mehr für ihre Zeitung mitzuhalten: "Im Notizblock finden sich zuletzt nur noch einzelne Worte. Mozart, Matrose, Zylinder-BH. Laser, Lüster, Lametta. Nebel, Wasser, Riesendiamant. Gelb, Pink, Orange. Völlig wehrlos gibt man sich hin."
Besprochen werden außerdem René Polleschs "Fantomas" an der Berliner Volksbühne ("Produktive Irritationen in homöopathischen Dosen. Und mittendrin als Highlight der Wuttke-Slapstick, wegen dem die Inszenierung zu einem Renner werden wird", prophezeit Katja Kollmann in der taz. "Nicht nur beim läppischen Diskursgeplänkel über das Wort 'Terror' - 'das Wort sagt mir nichts', nuschelt Angerer - geht einem die Leichtfertigkeit der Reflexionsreflexe mit Blick auf den gegenwärtigen Terrorschock im Nahen Osten contre cœur", notiert Simon Strauß in der FAZ. Die Szene schockierte auch Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Theater muss nicht unbedingt und unmittelbar und immer Bezug nehmen auf das, was in der Welt passiert. Aber man kann schon eine Haltung erwarten, irgendetwas Eigenes, das mehr wäre als diese um sich selbst kreisende, zynische Pollesch-Idolatrie." Weitere Kritiken in der nachtkritik, Berliner Zeitung, SZ), Volker Löschs "Dreigroschenoper" am Staatsschauspiel Dresden (Welt) und Christoph Marthalers "Im Namen der Brise - mit Gedichten von Emily Dickinson" am Hamburger Schauspielhaus (taz).
Szene aus "Fantomas". Bild: Apollonia Theresia Bitzan "Hey, ist das noch Pollesch?", fragt sich Nachtkritiker Christian Rakow nach dem neuen Pollesch-Stück "Fantomas" an der Berliner Volksbühne verwundert. Denn in dem Mix aus Louis de Funès-Filmen, der Netflix-Serie "The Americans" und Andrej Belyjs Roman "Petersburg" wird so viel gegründelt, geschlurft und geplaudert, als wäre Castorf aus den Wänden der Volksbühne gekrochen, meint Rakow: Aber "die Nummern sitzen, und da kann man auch mal Ebbe aushalten. Eigentlich. Aber doch hat der Abend etwas aus der Zeit Gefallenes. Er zehrt vom Kräftepatt des Kalten Krieges, im Fernsehen läuft Ronald Reagan, der KGB taugt als harmloser Gag-Lieferant. Die vor-revolutionären russischen Bombenbastler des Stücks wirken blind für den Imperialismus, den Putins Regime wiederbelebt. Und wenn Kathrin Angerer einmal das Wort 'Terror' schwer über die Lippen kommt, dann zuckt man jäh zusammen, in diesen Tagen, da die Hamas die israelische Zivilbevölkerung mordet und in Geiselhaft nimmt. Weil das Stück tatsächlich so wenig Resonanz bietet, weil es so unterbelichtet scheint im Angesicht der Wirklichkeit."
Nach all den Schlagzeilen am Berliner Staatsballett (Unsere Resümees) soll's nun der neue Intendant Christian Spuck richten - als erste Amtshandlung hat er ein Viertel der 80 Tänzerinnen und Tänzer aus der Gruppe geworfen, berichtet Samiha Shafy, die Spuck für die Zeit während der Proben zu seinem ersten Stück, einer Adaption der Madame Bovary, begleiten durfte. Eine Ballettkompagnie sei keine Demokratie, auch wenn er Entscheidungen im Team mit den Ballettmeisterinnen treffe: "Die Frage ist, wo so etwas wie Machtmissbrauch beginnt. Braucht ein Künstler, eine Künstlerin nicht eine gewisse Kompromisslosigkeit, um etwas Besonderes zu erschaffen? Spuck nickt. Er habe manchmal das Gefühl, sagt er, dass heutzutage auch derjenige eine Medaille bekommen müsse, der bei den Olympischen Spielen auf dem 25. Platz gelandet sei. 'Damit sich alle wertgeschätzt fühlen. Aber so nimmt man den Menschen das, was wichtig ist im Leben, nämlich Erfolg und Misserfolg.' (…) Wenn alle sich nur wohlfühlen wollten, 'ist das für die Kunst im Endeffekt genauso gefährlich wie die Routine'."
Weitere Artikel: In der Berliner Philharmonie feierte am Dienstag "Regen" Premiere, ein Stück, geschrieben, inszeniertundvorgetragen von Ferdinand von Schirach. Gar nicht schlecht, gesteht Cornelius Pollmer in der SZ, auch weil Schirach durchaus auch körperlich Talent für eine "gewisse Komik" mitbringt: "Es funktioniert ganz gut, weil der Bühnen-Schirach jenen gebrochenen Mann und seinen Zug ins Depressive gut darzustellen versteht, über den er nicht nur in 'Regen' schreibt. Und weil der vorgetragene Text niemanden überfordert." In der nachtkritikberichtet Michael Bartsch von akuten Geldsorgen an Sachsens Bühnen: Dazu muss man wissen, dass in Sachsen die Kulturfinanzierung etwas anders als im Rest der Republik organisiert ist: Hier regelt das Sächsische Kulturraumgesetz wichtige Teile der Finanzierung. (…) Das Kulturraumgesetz sieht außerdem keine regelmäßige Anpassung der Freistaatszuschüsse von anfangs 150 Millionen Mark an die nunmehr acht Kulturräume vor."
Auch die Theaterszene findet kaum zu Solidaritätsbekundungen mit Israel. Die Gründe dafür liegen wohl in dem politischen Ballast, den der Nahostkonflikt automatisch aufruft, vermutet Janis el Bira in der nachtkritik: "Aber die Stille ist doch laut, mit der auch in weiten Teilen der Theaterszene dem Horror der vergangenen Tage begegnet oder vielmehr lieber nicht begegnet wird. Auf den Social-Media-Profilen der meisten großen Häuser jedenfalls scheint die Welt in Ordnung, oder wenigstens nicht schlechter dran als vor dem Wochenende. Ausgerechnet die Theater, die sonst groß sind in Solidaritätsbekundungen, im Mahnen und Einmischen, die öffentlich mitgetrauert haben um die Opfer des Terrors in Paris und Nizza, in Hanau und Halle, in Butscha und Kramatorsk - ausgerechnet sie halten sich jetzt zurück." Und wenn es bei simpler Symbolik bleibt, zumindest irgendeines Zeichens bedarf es jetzt: "Geht es nicht auch um Zeichen, die man setzt, wissend darum, dass sie notwendig unterkomplex bleiben? Dass sie nie den Vollumfang des Leids abbilden werden? Dass das Brandenburger Tor, dieses deutsche Nationalsymbol in Gehdistanz zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas, am Wochenende in den Farben der israelischen Flagge angestrahlt wurde, war ein solches Zeichen, ein Signal. Sehr deutlich, sehr einfach wurde da gezeigt, was vermeintlich nicht extra gesagt werden muss. Manchmal ist das Nicht-Komplexe gerade gut genug."
Die restriktive Kulturpolitik der Polnischen PiS-Regierung trifft auch die Theaterszene, weiß Victoria Großmann in der SZ. Am Krakauer Słowacki-Theater beispielsweise soll der Direktor abgesägt werden: "Eine Regisseurin hatte den polnischen Klassiker 'Dziady' (Ahnen) von Nationaldichter Adam Mickiewicz inszeniert und dabei mehrere Rollen, die üblicherweise von Männern gespielt werden, mit Frauen besetzt. Das reichte für einen Skandal. Gegen Theaterdirektor Krzysztof Głuchowski wurde im Februar 2022 ein Abberufungsverfahren eingeleitet, das andauert. Głuchowski sagte in einem Interview mit der Gazeta Wyborcza, die zuständige PiS-geführte Woiwodschaft versuche mit ständig neuen Vorwürfen und Inspektionen im Theater, ihn mürbe zu machen. Er rechne täglich mit seinem endgültigen Rauswurf." Aufgegeben hat die Szene allerdings noch lange nicht: "Die Widerstandskraft erscheint groß. So wirkt auch Theaterdirektorin Sotowska-Śmiłek vielleicht etwas müde vom ewigen Kampf ums Geld, aber nicht eingeschüchtert. 'Wir können auf private Sponsoren setzen', sagt sie, 'und wir verdienen unser eigenes Geld." Etwa aus Vermietungen der Säle. Vor allem aber sei das Theater künstlerisch erfolgreich, die Vorstellungen oft ausverkauft, unverdrossen bereitet die Spielstätte sechs bis acht Premieren pro Spielzeit vor.'"
In der NZZ besucht Bernd Noack in Berlin das Deutsche Theater, dessen Leitung, mit einigen Vorschusslorbeeren, Iris Laufenberg übernommen hat. Zu einer eigenen Handschrift hat die Neue noch nicht gefunden, meint Noack. Was die ersten Premieren betrifft: Das Rainald-Goetz-Stück "Baracke" (unser Resümee) ist für den Kritiker ein "seltsam zahmer Goetz, der sich zwischen Gesellschafts-Bashing ins Familiäre zurückzieht." Noch einmal deutlich schlechter kommt "Weltall Erde Mensch" weg ("Themen-Wirrwarr in abgehobener Science-Fiction-Atmosphäre, der Staunen und spöttisches Lächeln provoziert"), während dem Suzie-Miller-Monolog "Prima Facie" eine große Zukunft im deutschsprachigen Raum prognostiziert wird. Das Fazit? "Sicher handelt es sich nicht um einen verunglückten Auftakt, eher um einen soliden, vielleicht ein bisschen zu zahmen, zu ehrfürchtigen Anfang im frisch gekürten Theater des Jahres."
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