Schuldige und Unschuldige zugleich: Sandra Hüller in "Anatomie eines Falls" In Cannes hat JustineTriet mit "Anatomie eines Falls" die Goldene Palme gewonnen, jetzt startet der Film in den Kinos. Die großartige SandraHüller spielt hier eine Frau, die wegen Mordes an ihrem Ehemann angeklagt wird, ohne dass dem Publikum klar wäre, ob sie die Tat auch wirklich begangen hat. "Von nun an analysieren wir jede noch so winzige Regung dieser Frau, jedes Zucken eines Mundwinkels, jeden müden Blick", schreibt Philipp Bovermann in der SZ. "Dass Sandra Hüller die Rolle übernommen hat, ist ein großes Glück für alle Beteiligten. Denn die Herausforderung ist schwindelerregend: eine Frau zu spielen, die sich verstellt, vielleicht aber auch nicht. Ein Vexierbild zu sein. Beide Frauen zugleich zu sein, die Schuldige und die Unschuldige. Die Täterin und das Opfer. Das Monster und die hilflos Entstellte. ... Hüller spielt herausragend, selbst für ihre Verhältnisse. In der nun anstehenden Awards Season ist mit ihr zu rechnen. Sie ist eine Naturgewalt, zart und verletzlich, berechnend und reserviert, irgendwie geht das bei ihr alles gleichzeitig."
Zu sehen "ist ein Film der Worte, der gesprochenen wie geschriebenen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Doch die Sprache ist nicht das zentrale Medium, in dem sich bei Triet und ihrem Ko-Autor Arthur Harari ein Urteil (über eine Tat, einen Menschen) artikuliert. Die französische Regisseurin (...) stellt in der Konvention des Gerichtsdramas - darin weist ihr Film auf prozessualer Ebene große Ähnlichkeiten mit dem Spielfilmdebüt 'Saint Omer' ihrer Kollegin Alice Diop auf -, verschiedeneSprechakte einander gegenüber." Dieser Film ist "ebenso ein Meta-Krimi wie ungeschöntes Beziehungsdrama", beobachtet Michael Kienzl im Filmdienst.
Anke Leweke berichtet auf ZeitOnline vom vierten UkrainianFilmFestivalin Berlin. Gezeigt wurde unter anderem "20 Days in Mariupol" des Associated-Press-Journalisten MstyslawTschernow. "Auf dem Sundance-Festival ist der Dokumentarfilm zu Beginn des Jahres mit dem Publikumspreis ausgezeichnet worden, die Ukraine wird den Film ins Oscar-Rennen im kommenden Jahr schicken. Man sieht in dem Film Menschen, die sich während der unbeschreibbar brutalen Einnahme der Stadt durch die russische Armee in Straßen und Gebäuden auf den Boden werfen; wie sie die Sekunden zählen bis zum nächsten Granateinschlag. Hochschwangere Frauen und Verletzte fliehen aus einem bombardierten Krankenhaus. Massengräber werden angelegt. Durch die schiere Länge der Szenen findet eine Annäherung an Mariupol statt, man lernt die Topografie der Stadt kennen. Die Menschen hinter der Kamera sind keine Beobachter, sie sind ebenso Eingeschlossene wie die Bewohnerinnen und Bewohner Mariupols." Dazu passend bespricht Bert Rebhandl in der FAZArndtGinzels Dokumentarfilm "White Angel - Das Ende von Marinka" über Sanitäter unweit des Kriegsgebiets in der Ukraine: "Von Marinka heute in der Gegenwartsform zu sprechen führt in die Irre. Die Stadt existiert physisch nur noch als Ansammlung von Ruinen."
Vernarbter Film: "El auge del humano 3" von Eduardo Williams Standard-Kritiker Bert Rebhandl staunt auf der Viennale über die experimentellen Filme des Argentiniers EduardoWilliams: Dessen den halben Globus umspannender Film "El auge del humano 3" etwa "wechselt mit einer solchen Nonchalance die Schauplätze, dass man bald den Eindruck gewinnen könnte, es ginge darum, das Kino selbst als einen Ort über oder zwischen konkreten Orten zu etablieren. ... Wenn es einen Film auf dieser Viennale gibt, an dem sich die Gegenwart (oder sogar die Zukunft) des Kinos besonders spannend ermessen lässt, dann ist es vielleicht dieser". Er "wurde mit 360-Grad-Kameras gedreht, beruht also auf Bildern, die erst in einer App verarbeitbar werden, für das Auge wäre das zu viel. Das Filmbild zeigt nun, wie sich Williams innerhalb des virtuellen Raums bewegt und das Material erst erzählbar macht. An manchen Stellen wirken die Bilder, als hätten sie Nähte oder als trügen sie Narben von Eingriffen in die Ontologie des Filmischen. Im Verbund mit der jugendkulturellen, digitalglobalen Anmutung seiner Filme ergibt das höchst spannendes Experimentalkino für neue Generationen."
SilviaPalmigianosNDR-Doku "Deutsche Schuld" über die Folgen der deutschenKolonialzeitin Namibia ruft einigen Protest hervor, berichtet Fabian Lehmann in der taz. "Für Zwischentöne ist kaum Platz", der Filme kratze "an der Oberfläche" und bekomme Ambivalenzen etwa im Verhalten der Kirche zugunsten einer Schwarzweiß-Darstellung nicht in den Griff. "Die Intendanz des NDR erhielt einen offenen Brief, welcher dem Film 'ideologische Scheuklappen' und eine 'völlig unreflektierte' Darstellung vorwirft. Unterzeichnet haben ihn rund 160 Personen", darunter "der ehemalige deutsche Botschafter in Namibia, Christian M. Schlaga, ehemalige Mitglieder der Nationalversammlung Namibias, verdiente Kolonialhistoriker:innen wie Ulrich van der Heyden und Wolfram Hartmann sowie zahlreiche Vertreter:innen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia. Der Großteil von ihnen gehört zu den rund 20.000 deutschsprachigen Namibier:innen. Dass Vertreter:innen dieser Minderheit in der NDR-Doku pauschal als 'Deutsche' bezeichnet werden, obgleich sie mehrheitlich in Namibia geboren und aufgewachsen sind, ignoriert ebenjene lange Geschichte deutscher Einwanderung, die der Film zu thematisieren vorgibt."
Außerdem: In einem Filmdienst-Essay meditiert Philipp Stadelmaier über JustineTriets Cannes-Gewinnerfilm "Anatomie eines Falls". Die Filmemacherin AlrunGoetteerzählt in der Berliner Zeitung von ihrer Reise nach Hongkong, wo sie ihren Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt" über die ModeszenederDDR-Szene präsentierte. David Pfeifer erzählt auf der Seite Drei der SZ die Geschichte eines Kinos in Mumbai, in dem seit 28 Jahren jeden Vormittag der Bollywoodfilm "Dilwale Dulhania Le Jayenge" mit ShahRukhKhan aus dem Jahr 1995 läuft. Oğulcan Korkmaz schreibt in der taz einen Liebeslied an das Kino insbesondere nach der Pandemie: "Die Seherfahrung im Kino formt uns als soziale Wesen. Auf dem Sofa verformen wir nur." Nachrufe auf den Schauspieler MatthewPerry ("Friends") schreiben Andreay Arnold (Presse), Peter Praschl (Welt), Sophia Zessnik (taz), Kerstin Hasse (TA) und Jean-Martin Büttner (TA).
Albern sein beim Kampf zwischen Gut und Böse: "Geister - Exodus" von Lars von Trier Tazler Tim Caspar Boehme hat sichtlich Freude an der von Lars von Trier nach über einem Vierteljahrhundert nachgereichten dritten Staffel der Serie "Geister", mit der der dänische Auteur in den Neunzigern eine Art europäische Antwort auf "Twin Peaks" schuf. Deren fünfstündiger Abschluss ist nun in den Kinos zu sehen und erneut feuert von Trier "jede Menge alberner Einfälle" ab, "die dem Finale kein bisschen schaden. "Selbst der infantilsteBlödsinn führt dabei zwangsläufig irgendwann wieder zum Kern der Angelegenheit, der mit dem Kampf des Guten gegen das Böse zu tun hat."
Besprochen werden zwei neue, auf der Viennale gezeigte Filme von QuentinDupieux (Standard), die auf Apple gezeigte Doku "Enfield Poltergeist" (Welt) und FranzXaverBognersBR-Serie "Himmel, Herrgott, Sakrament" (FAZ).
Der iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi erinnert in der Welt an den iranischen Filmemacher DariushMehrjui, der vor wenigen Tagen in seinem Haus ermordet aufgefunden wurde (unser Resümee). Zuvor hatte Mehrjui, ein Pionier der iranischen Neuen Welle der Siebziger, in einem Video auf Social Media energisch gegen die Zensur seines neuen Films "La Minor" protestiert und dabei unter anderem "Kommt und schlagt mich tot" gerufen. Mehrjui und seine ebenfalls ermordete Ehefrau hatten sich im vergangenen Jahr der iranischen Protestbewegung "Frau, Leben, Freiheit" angeschlossen. Auch "La Minor" erzählt "von einer jungen Frau, die aus den Fängen der Regulierung und Einengung des Staates, der Familie und der Gesellschaft entkommen und ganz einfach ein 'normales' LebeneinerjungenErwachsenen führen möchte. Hier spiegelt sich in einem Familiendrama im Kleinen das wider, wofür die Gesellschaft seit einem Jahr kämpft. ... Ob nun der Mord an Mehrjui und seiner Ehefrau vom Regime befohlen wurde oder nicht, ist für die Menschen im Moment zweitrangig. Denn eines ist klar: Der islamische Willkürstaat würde sich nicht davor scheuen, solche Verbrechen zu begehen. Die Geschichte hat es uns gezeigt."
Weitere Artikel: "Vielleicht wird man einmal sagen: Wir hätten doch mehr 'Fauda' schauen sollen", mutmaßt Claudia Schwarz in der NZZ in der Überzeugung, dass die israelische Netflix-Serie "tatsächlich das filmische Werk ist, wenn es darum geht, deutlich zu machen, in welche AusweglosigkeitundDesillusionierung der israelisch-palästinensische Konflikt im vergangenen Jahrzehnt führte". Zur Viennaleblickt Valerie Dirk auf das Filmschaffen von AgnieszkaHolland, deren aktuellen Film "Grüne Grenze" das Festival zeigt. Stefan Eichardt gibt auf Artechock Einblick in seine Arbeit als Kinomacher in Celle.
Besprochen werden Jean-Pierre und Luc Dardennes Migrationsdrama "Tori & Lokita" (Tsp, critic.de, Artechock), TimmKrögers "Die Theorie von Allem" (Artechock, critic.de), die dritte Staffel von LarsvonTriers Serie "Geister" (Artechock), David Finchers "The Killer" (ZeitOnline, FAZ, Artechock), Mike FlanagansNetflix-Adaption von EdgarAllanPoes "Der Untergang des Hauses Usher" (Freitag, TA), neue, auf der Viennale gezeigte Filme von HongSangsoo (Standard, Perlentaucher), ChaiVasarhelyis und JimmyChins Dokumentarfilm "Nyad" über die Schwimmerin DianaNyad, die mit 64 von Kuba nach Florida schwamm (Welt), MarkusGollers "One for the Road" (Artechock), AliceTroughtons "The Lesson" (Artechock) und MarcusH. Rosenmüllers "Neue Geschichten vom Pumuckl" (Artechock, Welt). Außerdem bietet der Filmdiensthier seinen Überblick zu allen seinen Filmkritiken zur aktuellen Kinowoche.
Der Schauspieler RichardRoundtree ist gestorben. Als Privatdetektiv Shaft definierte er auf sagenhafte Weise das New Cool im Hollywoodkino der frühen Siebziger: "Langer brauner Ledermantel und Rollkragenpulli, schon im Gang der Schwung des freien Mannes, dazu die berühmtesten Wah-wah-Gitarren der Filmgeschichte", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Der Mann marschierte an der Spitze einer Bewegung, die das Bild der People of Color im Kino von der Schmach ewiger Knechtschaft befreien sollte, er und seine Figur John Shaft wurden eins, Pioniere schwarzer Coolnees und Selbstermächtigung, keinem Weißen mehr untertan und geprägt von einem James-Bond-Machismo ('Who's the black private dick that's a sex machine to all the chicks?', sang Isaac Hayes auf dem oscargekrönten Soundtrack), der dann ebenfalls zu hinterfragen war, wenn auch erst Jahrzehnte später." In dieser Rolle prägte Roundtree das Kino bis heute, schreibt Maria Wiesner in der FAZ: Von diesem Film "führt der Weg über die direkte Hommage, die Wesley Snipes dem Vorbild als Vampirjäger in 'Blade' (1998) erwies, zum heutigendiversifiziertenBlockbusterkino, in dem 'Black Panther' der Name eines Superhelden statt einer politischen Option ist. ... Welche Tragweite die Rolle hatte, wusste Roundtree: 'Die Kids sehen im Kino zum ersten Mal einen schwarzen Mann, der zur Abwechslung derHeld, derGewinner ist', sagte er 1972."
"Irgendwas zwischen Indiana Jones und Godard" wollte der Regisseur TimmKröger schon seit seiner Kindheit drehen, verrät er Daniel Kothenschulte im FR-Gespräch, und mit seinem von weiten Teilen der Filmkritik gefeierten "Die Theorie von Allem" ist ihm das allem Anschein nach auch gelungen. Aber ist sein Schwarzweißfilm nun altmodisch oder supermodern? "Supermodern nur in dem Sinne, dass unsere aktuelle Kultur - auch wenn die Postmoderne längst vorbei ist - lauter alte Versatzstücke zusammenstellt", sagt der Regisseur. "Halb verdrängte Kino- und Kulturerinnerungen werden da zusammengezwängt zu einem picassoartigen Puzzlespiel, als ob man in alten Leichen herumsucht. Der Film ist so, als würden Hitchcock und Lynch auf dem Teppich einer alten Hotellobby Liebe machen, schummrig und etwas unzulässig. Es sollte auch diese Erich-Kästner-Bergwelt herein, Echos von Leni Riefenstahl, Helmut Käutner und Heinz Erhardt, aber auch Carol Reed und eben David Lynch, der ja an Abgründe führte, die sich bei Hitchcock nur andeuten." Auch Filmdienst-Kritiker Rüdiger Suchsland hat Kröger zum Gespräch getroffen, der den Eindruck hat, "'die Vergangenheit spricht bis heute mit uns.' Es gebe 'unverdaute Geister' der Historie zuhauf."
Zu den nicht sonderlich begeisterten Kritikern des Films zählt Philipp Stadelmaier. Die Dinge in dem Film werden "irgendwann so seltsam, dass man ihnen nicht mehr folgen mag", schreibt er in der SZ: "Ein guter Film braucht, bei aller Schönheit, doch einen kohärenten Inhalt. Aneinandergereihte Situationen, die von einer Patina mysteriöser Ahnungen überzogen sind, gelten nicht."
Trotz großer Investitionen und Modernisierungen wurde in diesem Jahr im StudioBabelsberg so gut wie nicht gedreht, schreibt Claudius Seidl in der FAZ. Der Investor "TPG hatte offensichtlich dem Studio kein Glück gebracht, und spätestens in diesem August, als offiziell vollzogen wurde, was seit Langem schon offensichtlich war: dass nämlich Babelsberg dem Cinespace-Konzern einverleibt wurde und dessen Leute das Kommando übernommen hatten - spätestens im August stellte sich die Frage, ob diese Leute, die man doch als Retter und Verbündete empfangen hatte, jetzt dabei waren, Babelsberg zu zerstören. ... Es gibt Leute im deutschen Filmgeschäft, die sich schon fragen, ob Ashley Rice und Andy Weltman, der Vorstandsvorsitzende, überhaupt jemanden kennen in Hollywood. Dass sie dorthin führen und wie Woebcken antichambrierten, ist jedenfalls nicht bekannt, und womöglich ist das auch ganz logisch. Cinespace, ihre Heimatfirma, ist in Toronto und Chicago zu Hause; es ist ein großes Studio, es ist aber auch Provinz, unendlich weit weg von Hollywood. Fast alles, was dort produziert wird, ist Fernsehen."
Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass mehrere iranische Schauspielerinnen - darunter die Filmstars Tareneh Alidoosti, Afsaneh Bayegan und Katayoun Riahi - wegen "Verstöße gegen die islamische Kleidungsregeln" mit einem Berufsverbot belegt wurden. In der Berliner Zeitunggratuliert Stefan Hochgesand den Berlinern Tamara Denić (Regie) und SaschaBlank (Komponist), die bei den Studenten-Oscars ausgezeichnet wurden. Morticia Zschiesche denkt in ihrer Filmdienst-Textreihe über KriegundKino über AnjaKofmels dokumenartischen Animationsfilm "Chris the Swiss" nach. Andreas Busche fasst für den Tagesspiegel ein (verpaywalltes) Stern-Interview zusammen, in dem sich TilSchweiger einigermaßen reuig zeigt, was die gegen ihn formulierten Vorwürfe betrifft. Schweiger zeige sich "erstaunlichoffen", finden Aurelie von Blazekovic und David Steinitz in der SZ.
Besprochen werden LarsvonTriers nach 25 Jahren nachgereichte dritte Staffel seiner legendären "Geister"-Serie aus den Neunzigern (Tsp), Jean-Pierre und LucDardennes "Tori und Lokita" (FAZ, FR), HongSang-soos "In Our Day" (Perlentaucher), DavidFinchers gleichnamige Verfilmung von Matz' Comicreihe "The Killer" (Filmdienst, taz, Welt), Diego Llorentes "Notes On a Summer" (Perlentaucher), MarkusGollers Alkoholkomödie "One for the Road" mit Frederick Lau (Tsp), Bas Devos' auf der Viennale gezeigter Film "Here" (Standard), die DVD-Ausgabe von MikkoMyllylahtis "Die Geschichte vom Holzfäller" (taz) und MarcusH. Rosenmüllers "Neue Geschichten vom Pumuckl", für den HansClarins Stimme per KI wiederbelebt wurde (SZ).
Die Filmemacherin JuttaBrücknerbeklagt in einem Einwurf im Filmdienst die Verengung von Möglichkeiten im Hinblick auf Filmförderung und Digitalisierung: Während der US-Blockbuster das Kino unter sich erdrückt, begünstigt die Filmförderung das Mittelmaß und die Fernsehsender bestellen ihrerseits am liebsten konfektionierte Ware. All dies "bestimmt die Formen unserer Fantasie". Doch "für die unterschiedlichen Filme, die wir brauchen, gibt es keine einheitlichen Qualitätskriterien. Qualität ist nicht die Erfüllung einer Summe von Regeln. Es ist die Erfüllung dessen, was eine Geschichte in ihrer Form leisten will. Die Kriterien für das, was ein guter Film ist oder sein soll, sind absolutvielfältig. Kriterien müssen sein, denn sie sind die Grundlagen für die Geldvergabe. Der europäische Film (...) hat große Erfahrung damit, GeschichtenjenseitsderbekanntenFormate zu erzählen. Vieles von der Freiheit und Kühnheit, in der man in den 1970er- und 1980er-Jahren hier arbeiten konnte, ist verloren gegangen." Doch "zu glauben, dass das Neue immer bei der Jugend zu finden ist, verführt zu falschen Aktualitäten. Wenn es nur noch Forderungen nach 'Inklusion, Diversität und Queerness' gibt, wird das, was unsere Lebens- und Wahrnehmungsweisen bereichern sollte, wieder zur Verengung. ... Bevor wir uns also vollends in den Weltraum beamen, sollten wir einen Blick zurückwerfen und recyclen, was in der Geschichte des Films alles schon möglich war."
Neue Dimensionen: "Die Theorie von Allem" Vielleicht ist es ja Timm Krögers Spielfilm "Die Theorie von Allem", der dem hiesigen Film einen Imaginationsschub verschafft? LautFAZ-Kritiker Bert Rebhandl tun sich in diesem paranoisch erzähltem Schwarzweiß-Noir über skifahrende Physiker "für den deutschen Film (...) überraschende neue Dimensionen auf. So lustvoll hat schon lange niemand mit Genres gespielt, so offensiv wie bei Kröger wird auch nur noch selten das 'klassische' Kino der Vierziger- und Fünfzigerjahre aufgerufen." Kröger versteht das Kino "nicht als ein Medium, in dem man sich spielerisch verlieren möchte, sondern in dem man Tiefenbohrungen in die Geschichte vorantreiben kann. In 'Die Theorie von Allem' führt ein Schacht weit in das Innere der Schweizer Berge. Unter dem Schnee, unter den Felsen, wartet dann allerdings keine Lösung - einen Punkt Alpha oder Omega darf man nicht erwarten. Wohl aber höchst elegante Schwünge zwischen diesen Polen."
Weitere Artikel: Sight & Soundspricht episch (aber vielleicht auch ein bisschen uneditiert) mit Martin Scorsese über dessen neuen Film "Killers of the Flower Moon" (unsere Kritik). Christiane Peitz wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm des Berliner FestivalsFrauenWelten. Standard-Kritiker Marian Wilhelm rät dem Wiener Kinopublikum zum Besuch der Filmreihe "Keine Angst" über österreichisches Paranoiakino aus den Achtzigern. Frédéric Jaeger berichtet auf critic.de vom Drehbuchworkshop "Less Is More" in der Bretagne.
Besprochen werden Jean-Pierre und LucDardennes Geflüchtetendrama "Tori & Lokita" (taz, SZ), MargarethevonTrottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" (FD, NZZ), Yvonne & WolfgangAndräs Dokumentarfilm "Arena 196" über den Bundestagswahlkampf 2021 in Südthüringen (taz), MikeFlannagans Netflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher" (FR), WimWenders' Porträtfilm "Das Rauschen der Zeit" über Anselm Kiefer (Standard), die neue Staffel von DavidAttenboroughs "Planet Earth" (TA), DavidFinchers "The Killer" (SZ-Kritiker Tobias Kniebe gähnt trotz Finchers "elegantem Inszenierungsstil" angesichts "der Leere im Herzen des ganzen Unternehmens") und die ZDF-Serie "Füxe" über Studentenverbindungen (NZZ).
Ralph Trommer führt in der taz durch 100 Jahre Disney Company. David Steinitz wirft für die SZ einen Blick auf aktuelle Gerüchte rund um die Besetzung des nächsten Bonds. In der FAZgratuliert Maria Wiesner dem Regisseur MartinCampbell zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden RichardHubers Komödie "Ein Fest fürs Leben" mit ChristophMariaHerbst (Welt) und KlausScherersARD-Doku "Inside Rheinmetall - Zwischen Krieg und Frieden" (ZeitOnline).
Christiane Peitz empfiehlt im Tagesspiegel das vierte UkrainischeFilmfestivalin Berlin. Matthias Lerf spricht für den Tages-Anzeiger mit VickyKrieps über ihre Darstellung der IngeborgBachmann in Margarethe von Trottas (in der tazbesprochenem) Film "Reise in die Wüste". Bei der TV- und Streamingmesse MIPCOM in Cannes ging es unter anderem auch um die ÖkobilanzvonStreaming, berichtet Wilfried Urbe in der taz. Oliver Jungen berichtet in der FAZ vom FilmfestivalCologne. Jan Küveler gratuliert in der WeltCatherine Deneuve zum 80. Geburtstag. Peter Kremski schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmemacher ChristophBöll.
Besprochen werden TimmKrögers bereits in Venedig gefeiertes Spielfilmdebüt "Die Theorie von Allem" (Tsp), Peter Zimmermanns bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienenes Buch "Dokumentarfilm in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart" (FD), RebeccaZlotowskis Emanzipationsdrama "Les enfants des autres" (Standard) und RonjavonRönnesArte-Dokuserie "Unhappy" (TA).
In stiller Verzweiflung: "Eureka" von Lisandro Alonso Die Viennale zeigt LisandroAlonsos neuen Film "Eureka", der sich ausgehend von einem Western-Pastiche munter durch die Genres und Stile mixt. Zu erleben ist "ein Triptychon aus lose miteinander verwobenen Geschichten über Existenzweisen und Repräsentationsformen indigenenLebens", erklärt Esther Buss im Standard. "Auf den Western folgt ein hypnotisches Sozialdrama oder auch ein Cop-Film im Pine-Ridge-Reservat der Gegenwart, der fließend - oder vielmehr fliegend - in eine im brasilianischen Urwald der 1970er-Jahre spielende mythische Erzählung übergeht. Ein Vogel, der von Film zu Film wandert, fungiert als reinkarnative Instanz. Das Herz von Eureka schlägt im mittleren und längsten Teil, in ihm zeigen sich die Zerstörungen durch gewaltsame Landnahme, Rassismus und Entwurzelung in stiller Verzweiflung."
Catherine Deneuve in Roman Polanskis "Ekel" CatherineDeneuve wird 80 Jahre alt. "Sie ist die Magie des Bildlichen, der Bild gewordenen Schönheit schlechthin, das Glücksversprechen einer Erscheinung, die sich hingibt, indem sie sich entzieht", schwärmt Andreas Kilb in der FAZ, "und vielleicht liegt darin das Geheimnis ihrer einmaligen Karriere: dass sie nie aufgehört hat, an das Kino zu glauben, als Kunst und als Lebensform. Als Kind bewunderte sie Marilyn Monroe, als Teenager wandelte sie auf den Spuren von Brigitte Bardot. Beide hat sie weit hinter sich gelassen, mit Disziplin, Überlebenswillen, Klasse und Charme." Sie ist nicht von dieser Welt, schwelgt auch Willi Winkler in der SZ: "Sie wurde im Kino geboren und lebt nur dort" und ist daselbst ohnehin "die einzige Göttin. ... Der Zuschauer darf dabei sein, wenn sie jedes Mal nicht in der Rolle aufgeht, sondern Catherine Deneuve erscheint, die er nur vage wiedererkennt. Keine Rolle ist ihr, wie es so merkwürdig heißt, auf den Leib geschrieben, sie entdeckt sie erst beim Spielen. Großen Regisseuren hat sie erlaubt, ihr zuzuschauen, wie sie dabei immer fremder und ferner wird, aber sie waren bei diesem Spiel nichts weiter als bessere Gehilfen, unerlässlich zwar, aber letztlich auch nur staunende Zuschauer." Hier ein Videoessay von Arte über Deneuve:
Besprochen werden Balojis in "fulminanten Bildern" erzähltes, auf der Viennale gezeigtes Regiedebüt "Augure" (Standard), die Apple-Serie "Eine Frage der Chemie" (Zeit), die Disney-Serie "The Other Black Girl" (Presse) und HorstPeterKolls in seinem Buch "Drachen reiten. Freunde finden. Älter werden" (Filmdienst).
Wer war John le Carré? "The Pigeon Tunnel" gibt (keinen) Aufschluss. Für seinen neuen, für Apple+ produzierten Film "The Pigeon Tunnel" hat sich ErrolMorris 2019 vier Tage mit dem 2020 verstorbenen ThrillerautorJohnleCarré getroffen. Entstanden ist dabei "ein Film über einen begnadeten Geschichtenerzähler, der versucht, sich selbst zu ergründen", schreibt Nina Rehfeld in der FAZ. "Oder so will er es uns zumindest weismachen." Denn zu sehen "ist eine Spurensuche unter der Führung des Erzählers le Carré, der kein Hehl daraus macht, dass er Versionen von Szenen seines Lebens entwirft, von deren 'Wahrheit' er mitunter selbst nicht überzeugt ist. ... Immer wieder im Verlauf dieser eloquent erzählten Geschichte steht der menschliche Hang im Vordergrund, aus Versatzstücken eine sinnstiftende Geschichte zusammenzufügen. Morris sagt, er teile Cornwalls Irritation über das Wesen der Wahrheit: 'Sie wird einem nicht gereicht. Sie ist eine Art Gralssuche, getrieben von dem Gefühl, dass da etwas im Verborgenen liegt' - und von der Furcht, dass es eine tiefere Erkenntnis gar nicht gebe."
Außerdem: Axel Timo Purr empfiehlt auf Artechock Filme der 13. AfrikanischenFilmtagein München. Valerie Dirk spricht im Standard mit Festivalleiterin EvaSangiorgi über deren Viennale-Programm. Susanne Gottlieb führt im Standard durch das Kurzfilmprogramm der Viennale. Andreas Scheiner beleuchtet für die NZZ die Karriere von LeonardoDiCaprio.
Besprochen werden MartinScorseses "Killers of the Flower Moon" (Standard, Artechock, Zeit, SZ, unsere Kritik), MargarethevonTrottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" (Artechock), RichardHubers "Ein Fest fürs Leben" (Artechock), FionaTans auf der Viennale gezeigter Essayfilm "Dearest Fiona" (Standard), Franzis Kabischs beim Festival DOK.Leipzig gezeigter, experimenteller Dokumentarfilm "getty abortions" (Perlentaucher), PabloBergers bei der Viennale gezeigter Animationsfilm "Robot Dreams" (Standard), Bjarne Mädels TV-Krimi "Sörensen fängt Feuer" (FAZ), das Comeback der Comedyserie "Frasier" (FAZ), die Netflixserie "Bodies" (FAZ), die ZDF-Serie "Aufgestaut" über Klimaaktivisten (FAZ) und HapeKerkelings Serienfortsetzung seiner Komödie "Club Las Piranjas" (ZeitOnline).
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Yevgenia Belorusets: Zündhölzer Mit einem Nachwort von Katja Petrowskaja. Aus dem Russischen von Claudia Dathe. Ein Keller in den von Russland besetzten Gebieten in der Ukraine. Von irgendwoher tönen Stimmen…
Arthur Snell: Erde, Luft, Feuer, Wasser Aus dem Amerikanischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. Schon heute steht fest, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfehlt werden. Jährlich verursachen Hitze,…
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