Rassismus, kolonialistische Ausbeutung, Kapitalismus und Genozid: "Killers of the Flower Moon" greift nach großen Themen Mit "Killers of the Flower Moon", einem im frühen 20. Jahrhundert angesiedelten Film über die historischen Osage-Morde in der indigenen Bevölkerung der USA, kehrt MartinScorsese zurück zu "jenen düsteren Sagen über Geld, Gier, Macht und Mord in verschiedenen Epochen des zwanzigsten Jahrhundert, die Scorsese in den letzten drei Jahrzehnten immer wieder erzählt hat", schreibt ein begeisterter Nicolai Bühnemann im Perlentaucher. "Mal waren diese Epen im Milieu des organisierten Verbrechens angesiedelt, mal anderswo, etwa in der New Yorker Finanzwelt. In den gut geölten Bildermaschinen wie 'Casino' oder 'The Wolf of Wall Street' hatte der stilistische Exzess seinen Ort allerdings in erster Linie in der Montage; in 'Killers of the Flower Moon' hingegen beeindrucken vor allem die OpulenzundBildgewalt der zumeist langen und statischen, genau komponierten Einstellungen. Was hier Ausdruck findet, ist die Gewalt der Landnahme."
Großes Schauspieler-, großes Regiekino sahFR-Kritiker Daniel Kothenschulte: Newcomerin Lily Gladstone brilliert durch ihre "feinste Darstellung" und erstmals treffen die beiden Scorsese-Standards RobertdeNiro und LeonardoDiCaprio bei ihrem Hauptregisseur vor der Kamera aufeinander. Goldstone und DiCaprio geben derweil ein unwahrscheinliches Paar: "Man hat ihn noch nie so unaufdringlich spielen sehen. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln verkörpert er das verbissene Bemühen, das Falsche richtig zu machen. Es ist eine der ungewöhnlichsten Paarbeziehungen der Filmgeschichte - doch die feine Ironie, die sie verströmt, passt nicht unbedingt zur Schwere der Ereignisse um sie herum, dem Sterben all der Unschuldigen. Scorsese inszeniert es mitunter verstörend-teilnahmslos. Wie kann es sein, dass die Menschen so viele Tote betrauern, aber nichts unternehmen, die Morde aufzuklären? Doch gerade damit entwickelt der Film erst seine ganze Perspektive, die diese lange unerzählte Tragödie in der Geschichte von Rassismus und kolonialistischer Ausbeutung verortet."
Enttäuscht zeigt sich Andreas Busche im Tagesspiegel: "Irgendwo in 'Killers of the Flower Moon' steckt ein düsterer Kommentar zum amerikanischenKapitalismus. Scorsese verliert sich in dreieinhalb Stunden aber in vielen Nebensträngen". Auch verliere der Regisseur im Laufe seiner dreieinhalb Stunden Spielzeit "zunehmend das Interesse an der Perspektive der Osage. ... Nie scheint Scorsese zu realisieren, dass er in 'Killers of the Flower Moon' den Inbegriff von weißerSuprematie beschreibt." Denn "Würde Scorsese verstehen, worum es bei den 'Osage-Morden' tatsächlich ging, würde er sich mehr auf den Zusammenhang von Genozid und Kapitalismus konzentrieren. Dieses Versäumnis ist besonders ärgerlich, da in Amerika seit einigen Jahren ein erbitterter Streit um das Thema 'CriticalRaceTheory', die historische Schuld des weißen Amerikas, entbrannt ist." Weitere Kritiken in Welt und SZ.
Besprochen werden MargarethevonTrottas "Ingeborg Bachmann - Die Reise in die Wüste" (FR), RichardHubers "Ein Fest fürs Leben" (SZ) und WimWenders' 3D-Porträtfilm "Anselm - Das Rauschen der Zeit" über AnselmKiefer (NZZ, mehr dazu bereits hier). Außerdem bietet der Filmdienst einen Überblick mit seinen Kritiken zur aktuellen Kinowoche.
Wer erzählt hier über wen was? "Killers of the Flower Moon" Diese Woche startet MartinScorseses neues Epos in den Kinos: "Killers of the Flower Moon" mit annähernd vier Stunden Spielzeit, drunter macht's der Meister nicht mehr. Beim Filmfestival in Cannes wurde der Film über eine Mordserie an amerikanischen Ureinwohnern in den 1920er-Jahren sehr gefeiert (unser Resümee). Die ersten Feuilletonkritiken zum Kinostart fallen gemischt aus. Tazlerin Arabella Wintermayr muss sich zweimal wundern: Erstmals begibt sich Scorsese auf filmisches Terrain, das man auf den ersten Blick für einen Western halten könnte. Und dann wundert sie sich, aus welcher Perspektive Scorsese den Stoff über Gewalt von Weißen an Nicht-Weißen erzählt: "Scorsese inszeniert den historischen Stoff zunehmend als eine giganteske Gangstergeschichte um Geld, Gier und Gewalt. Und die wird, wie schon in 'GoodFellas', 'Gangs of New York' oder zuletzt 'The Irishman' vor allem aus Sicht derer erzählt, die wahlweise danach trachten, sie in sich tragen oder sie ausüben und in Auftrag geben." Gewalt, schreibt Andreas Kilb in der FAZ, "war immer ein zentrales Element von Scorseses Kino. Aber sie war nie illustrativ, sie gehörte zum Drama, nicht zum Dekor." Hier nun "ist sie es. Man sieht dutzendweise Menschen sterben, aber jeder Tod wirkt wie nachgereicht, eine Fußnote zum Text der Anklage gegen Hale und Konsorten." Doch "jeder große Regisseur scheitert auf seinem Niveau. Deshalb gibt es auch in den dreieinhalb Stunden von 'Killers of the Flower' genügend visuelle Wunder, um diesen Film weit über den Durchschnitt Hollywoods hinauszuheben."
Weitere Artikel: Aurelie von Blazekovic und David Steinitz berichten in der SZ aus Berlin, wo die Constantin den Untersuchungsbericht zu den Dreharbeiten von "Manta, Manta Zwoter Teil" präsentierte, bei denen sich TilSchweiger angeblich und wohl auch tatsächlich rabiat benommen hat. Christiane Peitz (Tsp) und Michael Hanfeld (FAZ) fassen das "gemischte" Ergebnis zusammen - einige bestätigten die Vorwürfe, andere machten andere Erfahrungen, die Constantin reagiert auf jeden Fall mit einem Maßnahmenkatalog, um Entgleisungen am Set künftig zu verhindern. Besprochen wird BjarneMädelsneuer TV-Krimi "Sörensen fängt Feuer" (FR).
Omid Rezaee schreibt in der taz zum Tod des iranischen Filmemachers DariuschMehrdschui, der am vergangenen Samstag mit seiner Ehefrau Wahideh Mohammadifar ermordet aufgefunden worden war. Mehrdschuis Leben stand unter dem Eindruck mehrfacher Exilbewegungen. Als er von seinem Studium aus den USA zurückkehrte, "schuf er den Film 'Die Kuh', basierend auf einer Kurzgeschichte des Autors Gholam Hossein Saedi. Obwohl die Zensurbehörde des Schah-Regimes dem Film zunächst die Genehmigung verweigerte, wurde 'Die Kuh' zu einem bahnbrechenden Erfolg für Mehrdschui und etablierte ihn als Pionier, der (...) die Neue Welle des iranischen Kinos prägte. ... Im März 2022, als sein letzter Film, 'La Minor', keine Genehmigung erhielt, richtete Mehrdschui in einer Videobotschaft an den Kulturminister die Worte: 'Kommtundtötetmich.' ... Einen Tag vor dem Mord veröffentlichte die Tageszeitung Etemad ein Interview mit Mohammadifar, in dem sie von Bedrohungen und einem Einbruch in ihr Haus sprach."
Die Ermittlungen in dem Mord laufen, entnimmt Maria Wiesner von der FAZ dem Branchenblatt Variety. "Politische Motive und Umstände sind nicht unwahrscheinlich, politisch-kulturelleWirkungen des Verbrechens auf die von Unterdrückung und Gewalt geprägte iranische Gesellschaft sind sogar unvermeidlich."
Weitere Artikel: Der israelische Filmemacher YahavWinner wurde bei den Angriffen der Hamas auf Israel getötet, meldet der Tagesspiegel. Fabian Tietke resümiert in der taz das Festival DOK.Leipzig. Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die dem Regisseur RaúlRuiz gewidmete Viennale-Retrospektive: "Man sollte ihr bis in die hintersten Winkel des Labyrinthischen folgen." Jürgen Kaube gratuliert in der FAZ dem Synchronsprecher ChristianBrückner (die deutsche Stimme von RobertdeNiro) zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden die Ausstellung zum DeutschenFilm in der Völklinger Hütte (Filmdienst, mehr dazu hier), Margaretevon Trottas Film "Reise in die Wüste" über Ingeborg Bachmann (Tsp), eine Doku über DavidBeckham (ZeitOnline), DenisCôtés auf der Viennale gezeigter Film "Mademoiselle Kenopsia" (Standard) und die Netflix-Serie "Infamia" über eine Roma-Familie in Polen (taz).
Annähernd 130 Jahre deutsche Filmgeschichte stellt die das Industriedenkmal Völklinger Hütte in einer monumentalen Schau aus. Zu erleben ist ein gewisser Genius loci, der aber fast schon naturgemäß nicht jede Facette der deutschen Filmgeschichte in sich aufnehmen kann, schreibt FAZ-Kritiker Bert Rebhandl: "Dass das Kino hier Einzug hält, um zwischen riesigen Schwungrädern und Röhren seine flackernden Bilder auszustellen, wirkt nun wie ein Abschied von mindestens zwei Zeitaltern. 'Der deutsche Film' blickt auf bald 130 Jahre Filmgeschichte in verschiedenen Deutschlands zurück, aber eben auch auf ein einst rohstoffintensives Medium, das nun in digitalen Projektionen in einem Industriedenkmal, das Museum geworden ist, eine Höhle für ein neues Höhlengleichnis gefunden hat." Zwar ist die Ausstellung "keine unkritische Trophäenschau", aber "für eine stärkere Berücksichtigung marginaler Positionen war wiederum kein Platz, dazu war das Kanoninteresse dann doch zu stark."
Julian Sadeghi bespricht für die taz den Film "White Torture" der diesjährigen Friedensnobelpreisträgerin NargesMohammadi. Der eben auf dem Human Rights Film Festival in Berlin gezeigte Dokumentarfilm schildert die Verhältnisse im berüchtigen Teheraner Evin-Gefängnis, in dem Regimegegner psychisch gebrochen werden. "Sie bekennen sich Taten schuldig, die sie nie begangen haben. Im Moment des Geständnisses, so schildert es einer der Protagonist*innen, spüre man nichts als Selbsthass." Der Film heißt so "wie die Foltermethode der Isolationshaft. Gedreht wurde er 2021 im Iran unter denkbar widrigen Bedingungen. Denn Mohammadi ist dort selbst in Haft. Zusammen mit den Filmemachern Vahid Zarezadeh und Gelareh Kakavand interviewte sie in einer Haftpause ehemalige Gefangene und ließ sie von ihrer Zeit hinter Gittern erzählen. Von den Demütigungen, der Gewalt und der Einsamkeit."
Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der iranische Regisseur DariuschMehrdschui und seine Ehefrau ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wurden. Gunda Bartels resümiert im Tagesspiegel das Festival DOK.Leipzig, dessen internationalen Wettbewerb PeterMettler für "While the Green Gras grows" gewann. Zum 100-jährigen Bestehen der DisneyCompany (hier dazu mehr) lässtStandard-Kritikerin Valerie Dirk noch einmal die Zeichentrickheldinnen des Konzerns Revue passieren, ihr Kollege Michael Wurmitzer wirft einen schnellen Blick auf Walt Disneys Leben. In der SZ schreibt David Steinitz einen Nachruf auf die Schauspielerin Piper Laurie.
Besprochen werden LucBessons "Dogman" (Jungle World, unsere Kritik) und BrittBeyers Dokumentarfilm "Auf der Kippe" über das Ende des Braunkohleabbaus in der Lausitz (Tsp).
Vor hundert Jahren gründete Walt Disney sein eigenes Studio. Zuvor hatte er seine ersten Cartoons anderen zugeliefert und sich im Zuge nach allerlei Urheberrechts-Scharmützel geschworen, nie wieder die Rechte einer seiner Kreationen aus der Hand zu geben. Dies bestimmt "die Firmengeschichte weit über den Tod ihres Gründers 1966 hinaus: Bis heute bewahrte das Unternehmen als einziges der alten Hollywoodstudios seine Unabhängigkeit", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Wie kaum ein zweites Studio wird Disney bis heute für seine Geschichte gefeiert. "Wer würde Universal, Paramount, Sony Pictures (ehemals Columbia) oder Warner heute an ihrer Produktion aus den Zwanziger- bis Sechzigerjahren messen? Oder sie mit problematischenInhalten aus dieser Vergangenheit konfrontieren?" Den Anfang machte 1923 übrigens nicht Micky Maus, wie man vielleicht denken könnte, sondern Disneys Alice-Cartoons, die schon damals Trick- und Realfilm vermengten.
Außerdem: Rochus Wolff befasst sich für den Filmdienst mit den Verfilmungen von ErichKästners "Das fliegendee Klassenzimmer" im Wandel der Zeit. Valerie Dirk führt im Standard durchs Programm der Viennale. Besprochen werden WesAndersons für Netflix gedrehte Roald-Dahl-Kurzfilme (FD), MikeFlanagansNetflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher" nach der gleichnamigen Poe-Vorlage (Zeit, Welt), die dritte Staffel der Netflix-Serie "Lupin" (Welt) und die Apple-Serie "Lessons in Chemistry" (TA).
Sinnliche Qualitäten: "La Chimera" von Alice Rohrwacher Das italienischeGegenwartskino sucht um Anschluss an die Glanzzeiten seiner Autorenfilm-Tradition, beobachtet der begeisterte NZZ-Kritiker Andreas Scheiner anlässlich von Alice Rohrwachers neuem Film "La Chimera" über Grabräuber, die mit Artefakten der Etrusker handeln: "Von verschiedenen Filmformaten über unterschiedliche Genres bis zu geradezu atemberaubenden Rhythmuswechseln beschwört dieser Film mitreißend die sinnlichen Qualitäten des Kinos". Aber Rohrwacher ist nicht alleine: "Filmemacher wie Michelangelo Frammartino ('Il buco', 'Le quattro volte') oder PietroMarcello ('Martin Eden', 'L'envol') stellen wie Rohrwacher mit ihren Filmen einen Kontakt zur Natur her, der gleichermaßen romantisch wie politisch ist. So gibt es in ihren Filmen keine Hierarchie zwischen den Lebewesen, der Mensch wird als Teil größerer Systeme verstanden, die er zerstört. In ihren Filmen gibt es folglich eine zyklische Zeitwahrnehmung, in der Traditionen und Wunder eine Rolle spielen. Damit treten diese Filmschaffenden in die Fussstapfen von Kinovisionären wie Pier Paolo Pasolini oder ErmannoOlmi. Diese neue Generation italienischer Filmemacher wagt die Überwältigung. Sie nutzt dafür keine Spezialeffekte oder Sci-Fi-Tropen, sondern die Kraft der Wirklichkeit." In Deutschland läuft "La Chimera" allerdings erst Ende November an.
Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek plaudert in der Welt mit WimWenders über AnselmKiefer, über den der Filmemacher mit "Anselm - Das Rauschen der Zeit" gerade einen (in Zeit und Welt besprochenen) 3D-Porträtfilm in die Kinos bringt (hier unser erstes Resümee). Andreas Platthaus berichtet derweil in der FAZ von der Premiere des Films. In der Politik und bei den Sendern stoßen ClaudiaRoths Reformpläne für die Filmförderung derzeit noch auf Skepsis, berichtet Helmut Hartung in der FAZ. Marian Wilhelm gibt im Standard eine Wasserstandsmeldung von den anhaltenden Streiks der Hollywood-Schauspieler durch: Die Studios haben soeben die Verhandlungen abgebrochen. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Tierfilmer MattoBarfuss. Lukas Foerster schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmemacher TerenceDavies.
Besprochen werden LucBessons "Dogman" (BLZ, unsere Kritik hier), Margarethe von TrottasIngeborg-Bachmann-Biopic "Reise in die Wüste" (Standard), JuliusSchultheiß' Berliner Mysteryfilm "Monolith" (FAZ), ChieHayakawas "Plan 75" über die Überalterung in Japan (Tsp), CarolineHellsgårds Neuverfilmung von ErichKästners "Das fliegende Klassenzimmer" (Welt, SZ), Mike FlanagansNetflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher", die die Poe-Vorlage in die Gegenwart verlegt und mit der Opioidkrise in den USA verbindet (Presse), und und eine vierteilige BBC-Serie über den Moderator Jimmy Savile (NZZ).
In seinem Blog denkt der Regisseur ChristophHochhäusler darüber nach, mit welchen Strategien sich Filmemacher in Deutschland gegen den Rechtsruck in der Politik stellen könnten: "Vielleicht muss man die Eintrübung des politischen Klimas, die Verschiebung des Meinungskorridors nach rechts, zuerst als Imperativ verstehen, die Freiheit der Kunst auszureizen. Als Aufforderung, Filme zu machen, die so unbequem und unverschämt sind, dass eine Auseinandersetzung unausweichlich ist. ... Aber kann man hoffen zu wirken, wenn man kein breites Publikum erreicht? Ein 'engagiertes' Kino zu machen, das sich in einem konkreten Sinne als politisch versteht, aber in seinen Mitteln populär ist, wäre eine andere Möglichkeit. ... Welchen Weg man auch immer einschlägt: Ich glaube, wir sind gefordert, uns einzumischen. Mit allem, was wir haben."
Auf Artechockvermisst Rüdiger Suchsland derweil die Stimmen der Solidarität mit Israel aus der deutschen Filmszene: Hören möchte er "keine wohlfeile Empörung, aber erkennbare, glaubhafte Erschütterung und unzweideutigeSolidarität." Auch auf Hochhäuslers Blog-Eintrag kommt er zu sprechen, dem er rein der Sache nach zwar Recht gibt: "Wir müssen vielleicht aber, bevor irgendeiner einen guten Film 'für die Demokratie' und 'gegen die neuen Nazis' macht, gegen den schwindenden finanziellen und gesellschaftlichen Spielraum für die Kultur kämpfen und agitieren. ... Noch wichtiger aber ist die deutliche Solidarität mit Israel und ein Ende aller BDS-Flirts, wie sie in und um Berlin so beliebt sind."
Stylish, persönlich und hoffentlich ein Kassenerfolg: Luc Bessons "Dogman" Perlentaucher Jochen Werner hat viel Freude an LucBessons "Dogman", der alles mögliche sein will, vor allem ein Kino-SpielplatzzumExperimentieren, aber bitte kein Franchise. Es geht darum, wie die Finanzierung eines Hundeheims sich zu einem waschechten Thriller auswächst - und das mitunter auch mit Motiven aus dem Queer Cinema. "Gerade dieser mitunter etwas bizarre Mix aus Stimmungslagen und Handlungssträngen sorgt dafür, dass 'Dogman' auf schöne Weise aus der Zeit gefallen wirkt. Man ist es nicht mehr gewohnt, dass Genrefilme sich mit derart idiosynkratischerSpielfreude, einem durchaus düster-zynischen Grundtonfall zum Trotz, ausgiebige Exkursionen in queere Melancholie oder freudvollenUnfug erlauben. ... Umso schöner wäre es, wenn einem lustvollangeschrägten, so persönlichen wie stylishen Eurogenrethrillerdrama wie diesem einmal wieder ein Erfolg an der Kinokasse beschert wäre." Weitere Besprechungen in Artechock, FAZ, FR und Tagesspiegel.
Weitere Artikel: Die "FreePalestine"-Rufe, die in Hollywood in den letzten Jahren vereinzelt zu hören waren, sind angesichts der aktuellen Lage in Israel verstummt, beobachtet Andreas Busche im Tagesspiegel. In der FRspricht Jan Opielka mit AgnieszkaHolland über ihr in Polens schwer angefeindetes Flüchtlingsdrama "Grüne Grenze". Axel Timo Purr stellt für Artechock Filme und Serien jüngerer Zeit aus Israel und Palästina zusammen. Eckhard Haschen wirft für Artechock einen Blick auf die spanisch- und portugiesischsprachigen Filme beim FilmfestHamburg. Luca Schepers resümiert auf critic.de eine Frankfurter Filmreihe über Musicals aus Hollywods Pre-Code-Zeit. Bidhan Rebeiro fasst auf Artechock das Filmfestival in Toronto zusammen. Andrey Arnold gibt in der PresseViennale-Tipps. Joachim Hentschel porträtiert in der SZ den Schauspieler TomSchilling. Matthias Lerf wiederum porträtiert im Tages-Anzeiger die Schauspielerin IsabellaRosselini.
Besprochen werden eine Ausstellung über SpikeLee in New York (ZeitOnline), Wang Bings Dokumentarfilm "Youth (Spring)" über ArbeitsverhältnisseinChina, der bislang allerdings nur in Frankreich einen Kinostart hat (Perlentaucher), WimWenders' 3D-Porträtfilm "Anselm - Das Rauschen der Zeit" (FR, Artechock, mehr dazu hier), Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" (Presse), Axel Ranischs Amazonserie "Nackt über Berlin" (taz), CarolinaHellsgårds Neuverfilmung von ErichKästners "Das fliegende Klassenzimmer" (Standard, Artechock) und SvenHalfars "Heaven Can Wait" (Artechock). Außerdem hier der Überblick zu allen Filmdienst-Kritiken der laufenden Woche.
Wim Wenders' "Anselm - Das Rauschen der Zeit" Wenn es James Cameron nicht gäbe, wäre WimWenders wohl der letzte 3D-Filmer der Welt. Mit "Anselm - Das Rauschen der Zeit" widmet er sich nun im mittlerweile doch etwas angestaubten Immersionsverfahren den Arbeiten AnselmKiefers. SZ-Kritiker Philipp Bovermann sieht hier vor allem naiven Gottesdienst am Werk: "Wenders spielt auf der Tonspur immer wieder ein Flüstern ein, während die Kamera, berauscht von so viel Tiefsinn, so viel Ahnung, so viel Widerhall vergangener Schmerzensschreie, an Kiefers Exponaten vorbeigleitet. ... Die deutsche Öffentlichkeit hat Anselm Kiefer erst die Würdigung verwehrt und sie dann umso mehr nachgeholt, als er bereits international mit seinen germanischen Altlasten aus Stahl und Blei herumgereicht wurde. Nun also ein Heiligenschein, überreicht von Wim Wenders, nicht aus Metall, sondern aus Licht. Kiefer hat sich keinen Gefallen getan, sich für dieses eitleBeweihräucherungswerk zur Verfügung zu stellen." Tazlerin Sophie Jung gewinnt bei dem Film den Eindruck, "dass der Künstler offenbar mehr Distanz zu sich selbst hat, als Wim Wenders mit seinem Porträt ansonsten suggeriert. Der inszeniert ihn lieber als den großen Universalkünstler in seinem Kosmos, lässt Kiefers vom Rauchen tief gesunkene Stimme mit Sätzen aus dem Off kommen wie 'Der größte Mythos ist der Mensch selbst'. Solch pathetischeFormeln werden dann abgelöst von den sinfonischen Klängen des Filmkomponisten Leonard Küßner, gehen auf in der überwältigenden Ästhetik des Films."
Für Tagesspiegel-Kritikerin Birgit Rieger macht die 3D-Ästhetik absolut Sinn: "Niemals könnte man so viel von Kiefers Kunst in einer einzelnen Ausstellung sehen. Niemals nah genug herantreten, um zu sehen, was man in Wenders Film zu sehen bekommt. Deshalb lohnt die 3D-Technik, die man - das ist wahrscheinlich ein Kompliment - im Laufe des Films schnell vergisst." 3D-Filme über andere Künstler bilden in Wenders' Filmografie mittlerweile einen eigenen Werkstrang, mit dem sich Daniel Kothenschulte in einem Filmdienst-Essay eingehender beschäftigt.
Dass der Veranstaltungsort The Sphere in Las Vegas mit seiner gigantischen LED-Video-Kuppel Konzerte endgültig ins Gigantomanische verschiebt, hatte gestern bereits die Welt berichtet (unser Resümee). Jürgen Schmieder hat sich dort nun für die SZDarren Aronofskys eigens für diesen Ort gedrehten Film "Postcard from Earth" angesehen, um zu sehen, was das Immersionsangebot fürs Kino leisten kann. Zu erleben ist eine "Natur-DokuaufAnabolika" mit hoch-höher-höchstauflösenden Bildern von Elefanten, Raupen, Dschungeln und einer Story, die um die Erde trauert, die von den Menschen vernichtet wird. Aber "wer, in aller Welt, kommt nach Las Vegas in eine dekadenteEntertainment-Kugel, um dort zu sehen, dass die Welt sowieso den Bach runtergeht?" Dieses Video vermittelt einen kleinen Eindruck des Films, der neben seinen Bildern auch mit Geruchssimulationen aufwartet:
Außerdem: Ralf Krämer führt im Freitag durch den indigenenSchwerpunkt des Human Rights Festivals in Berlin. Valerie Dirk gibt im StandardViennale-Tipps. Besprochen werden LucBessons "Dogman" (Standard), HafsteinnGunnarSigurðssons "Fearless Flyers" (taz), ChloeDomonts "Fair Play" (FD), HeinzStrunksAmazon-Serie "Last Exit Schinkenstraße" (ZeitOnline) und FarzadFetrats beim Human Rights Festival in Berlin gezeigter Dokumentarfilm "Transition" (Tsp).
Paul Ingendaay schreibt in der FAZ zum Tod des britischen Filmemacher TerenceDavies, dessen Werk vor allem aus dem Leid seiner tristen Kindheit und Jugend in Liverpool schöpft: "Bei dem ängstlichen, scharf beobachtenden Kind, das zugleich die Gabe besaß, sich von Schönheit verzaubern zu lassen, führte die Kombination aus Erniedrigung und poetischem Empfinden zum unverwechselbaren Stil seines Werks. Es gibt wie bei kaum einem anderen Regisseur ruhige, lange Dialoge, die tatsächlich den Eindruck vermitteln, Davies' Figuren versänken in ihren Gedanken. Es gibt, besonders im späteren Werk, extrem langsame Kamerafahrten durch abgedunkelte Innenräume, geduldiges Verharren auf den Gesichtern, als wären es Landschaften, und immer wieder minutenlange Stille - bis Musik erklingt und die Mienen seiner Figuren löst. Es wird viel gesungen bei Terence Davies, ob im Pub oder auf der Opernbühne, und immer versteht der Regisseur darunter ein besseres Reich, in das keine väterliche Gewalt eindringen kann, den einzig möglichen Ort der Erlösung."
Außerdem: Thomas Stillbauer empfiehlt in der FR das Frankfurter Lucas-Festival für Jugendfilme. In der Zeitfeiert Andrea Petković das mit Brad Pitt besetzte Baseballdrama "Moneyball" (unsere Kritik) aus dem Jahr 2011 als besten Sportfilm aller Zeiten.
Die Netflix-Serie "Fauda" "Überholt hier die Fiktion die Realität oder die Realität die Fiktion", fragt sich Joachim Huber im Tagesspiegel mit Blick auf den brutalen Angriff der Hamas auf Israel, denn "wer 'Fauda', die israelische Serie, die seit vier Staffeln bei Netflix läuft, verfolgt, der kann von den brutalen Ereignissen nicht wirklich überrascht sein. ... 'Fauda' zeigt, dass die Terrorbekämpfung dem Kampf gegen eine Hydra gleicht. Wird mit riesigem Einsatz und unter Billigung unschuldiger Opfer auf beiden Seiten ein Terroranführer eliminiert, ist schon Stunden später sein Nachfolger da. Ein Kampf im kleinen wie im großen Maßstab. Es herrschen nie allein Gut und Böse, es herrschen die Dämonen, die die Menschen in diesem Konflikt beherrschen."
Außerdem: Das Erste sollte seine Qualitätsprodukte nicht ständig im Spätprogramm versenken, sondern stolz zur Primetime präsentieren, findetTagesspiegel-Medienexperte Markus Ehrenberg nach dem Quoteneinbruch der aktuellen "BabylonBerlin"-Staffel im linearen Programm (in der ARD-Mediathek lief sie allerdings ziemlich gut). Christiane Peitz empfiehlt im Tagesspiegel dem Berliner Publikum das Menschenrechts-Filmfestival und das Kurdische Filmfestival.
Besprochen werden HeinzStrunksAmazon-Serie "Last Exit Schinkenstraße" (taz) und MikeFlanagansNetflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher", die die gleichnamige Vorlage von EdgarAllanPoe in die Gegenwart der Opioidkrise in den USA verlegt (online nachgereicht von der FAS).
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