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Heute in den Feuilletons

25 fatal lächelnde Kastenbrillenleichen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.02.2010. Der Goldene Bär für den türkischen Film "Honig" stößt auf laue Zustimmung nach einer allgemein als etwas fad resümierten Berlinale. Gefeiert wird allerdings noch Dominik Grafs Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens".  Nutzer des Iphones werden künftig ohne Sex auskommen müssen, meldet Techcrunch. Aber man kann zur Not sogar ohne Google auskommen, meldet Gizmodo. Wenn die jetzt bekanntgwordenen ACTA-Bestimmungen durchgesetzt werden, kommt demnächst vielleicht auch das Netz ohne Nutzer aus, wenn man BoingBoing glauben darf.

Aus den Blogs, 22.02.2010

Es sind Vertragstexte aus den ominösen internationalen ACTA- Verhandlungen zum Copyright bekannt geworden, berichtet Cory Doctorow in BoingBoing: "In einer Fußnote begraben ist die Bestimmung, dass Internet Service Provider Kunden abschalten sollen, die beschuldigt - aber noch nicht überführt - wurden, Urheberrechte verletzt zu haben (zusammen mit ihren Familien und jedem, der sonst noch ihren Internetzugang benutzt). Da steht noch viel mehr... und ich bin sicher, dass gewitztere Juristen als ich bald mit ihren Kommentaren kommen werden." Mehr dazu auch in einem zweiten BoingBoing-Artikel und bei Netzpolitik.org.

Iphone-Fans aufgepasst, eure hübsche kleine Welt wird gerade noch ein bisschen cleaner. Steve Jobs killt alle Apps mit ansatzweise sexuellem Inhalt, berichtet Jason Kincaid in Techcrunch: "Vor einigen Tagen benachrichtigte Apple einige Entwickler, dass ihre Apps entfernt werden, es handle sich um Applikationen mit 'offen sexuellem Inhalt'. Das klingt als seien Apps mit Softcore-Pornos verboten worden. Aber wir hören von vielen Entwicklern, dass damit alles gemeint ist, was nur im Entferntesten aufreizend ist, inklusive Badeanzügen und Fitness Outfits."

Es gibt auch ein Leben nach Google. John Herrman erklärt in Gizmodo, wie man Alternativen zu all seinen Google-Diensten findet und sich dann von Google abmeldet: "Soso, Sie haben genug von Google und eine Menge Gründe dafür. Sie brauchen sie gar nicht zu erklären. Ich bin da, um Ihnen zu helfen, unter dem Schatten des großen G hervorzukriechen."

So sehen die Zufallsbekanntschaften aus, die man beim beliebten neuen Dienst Chatroulette.com macht, der es laut Rene bei Nerdcore nun auch zu großer Berichterstattung in der New York Times gebracht hat.


TAZ, 22.02.2010

Eher unfroh beschließt Cristina Nord die Berlinale, auch wenn der Goldene Bär für Semih Kaplanoglus dichten und stimmigen Film "Bal" für sie in Ordnung geht: "'Bal' blickt auf die Welt wie jemand, dem sie voller Rätsel ist. Mit diesen Qualitäten stach Kaplanoglus Film aus einem Wettbewerbsprogramm heraus, in dem das Belanglose das Anregende bei weitem überwog. Das Traurige daran ist, dass dies seit Jahren so geht. Dieter Kosslick und sein Auswahlteam setzen zu oft auf den Thesenfilm statt auf den in Bildern denkenden Film, zu oft auf das Offenkundige statt auf das Subtile, zu oft auf gemütliches Arthouse statt auf herausforderndes Autorenkino." (Hier die Bären im Überblick).

Ausführlichst berichtet Dirk Knipphals in der tazzwei vom großen Geburtstagsfeierevent im Berliner Tresor, wo Helene Hegemann ihren Achzehnten beging: "Ellenlange Schlange. Für Clubs typische, aber im Literaturbetrieb halt ungewohnte Türsteherarroganz. Überforderte Praktikantinnen mit der Gästeliste. Und in der Crowd überall Kolleginnen und Kollegen. Ganze Kulturredaktionen waren geschlossen angereist. Viele Kollegen zeigten sich event- und spaßbereit. Aber man war auch nicht allein mit seiner Restscham, diesen Auftrieb dann doch auch selbst mitzumachen."

Weiteres: Claudia Gass stellt mehrere Theaterstücke des aufstrebenden Autors Nis-Momme Stockmann vor. Julian Weber hat ein Konzert der Band Vampire Weekend im Berliner Astra-Kulturhaus gehört.

Und noch Tom.

NZZ, 22.02.2010

Christoph Egger blickt auf eine eher mittelmäßige Berlinale zurück, ärgert sich über "Werner Herzog und seine filmisch kaum profilierte Jury, die er offenbar bestens im Griff hatte", lobt jedoch im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen den Berlinale-Chef Dieter Kosslick: "Eine beziehungsreiche Programmation wird dann auch weniger geglückte Filme beiziehen, wenn sie damit Bezüge illustrieren, Zusammenhänge schaffen kann. Genau dies ist Dieter Kosslick mit seinem Jubiläumsjahrgang gelungen, der zwar sehr Disparates und auch Schwaches enthielt, der aber auch auf einige Tendenzen und Themen aufmerksam machte, wie sie ganz offensichtlich das zeitgenössische Filmschaffen beschäftige".

Weiteres: Christine Wolter hat das Gelände der ehemaligen Olivetti-Werke in Ivrea besucht, das heute als Freilichtmuseum besichtigt werden kann. Rbl. meldet das Ende der Eremiten-Presse (mehr dazu hier). Besprochen werden Mozarts "Idomeneo" mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Opernhaus Zürich und eine Aufführung von Kleists "Käthchen von Heilbronn" in Bern.
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Welt, 22.02.2010

Hanns-Georg Rodek ist ganz einverstanden mit dem Goldenen Bären für Semih Kaplanoglus Film "Honig": "Wir meinen es als Kompliment, wenn wir von einem Film sagen, man habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Es gibt aber auch ein anderes Kino - und Kaplanoglu ist einer seiner Hauptvertreter - bei dem man das Vergehen der Zeit bemerken soll."

Weitere Artikel: Holger Kreitling feiert die zum Abschluss des Forums voraufgeführte Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens" von Dominik Graf als das beste, was dem deutschen Fernsehen in den letzten Jahren passiert ist. Holger Kreitling zitiert aus Interviewäußerungen Albert Ostermaiers zum Regietheater, ohne die Quelle zu nennen (es scheint sich um die Agentur ddp gehandelt zu haben). Cosima Lutz berichtet von der Party für Helene Hegemann und ihren Skandalroman "Axolotl Roadkill" im Berliner Tresor. Uwe Wittstock berichtet von einer Tagung des Frankfurter Städels zur Rolle des Museums in der Nazizeit, die es zur Zeit erforschen lässt.

Besprochen werden die neue CD des wieder auferstandenen Gil Scott-Heron, eine Choreografie Terese de Kerrsmaekers nach Mahler in Brüssel, eine neue Inszenierung von Ariane Mnouchkine in Paris und Johannes Kalitzkes Oper "Die Besessenen" nach Gombrowicz in Wien.

FR, 22.02.2010

An Chopins zweihundertstem Geburtstag zeigt Hans-Jürgen Linke eher wenig Respekt vor dem Werk des Komponisten: "Den Ruf, wenn nicht Makel, ein Salon-Musiker und als Komponist ein Verfertiger üppiger Süßwaren zu sein, ist er nie ganz los geworden. Was er als Komponist hinterlassen hat, ist klar auf sein Instrument, das Klavier, zugeschnitten und fixiert; seit anderthalb Jahrhunderten ist eine Pianisten-Sozialisation ohne Chopins Etüden so gut wie undenkbar."

Tobi Müller war auf der großen Party zu Helene Hegemanns achtzehntem Geburtstag: "Die Herrin der Feuilletons lädt zur Party: Frau Hegemann wird volljährig, Herzliche Gratulation. Hau die Helene war gestern."

Weitere Artikel: Claus-Jürgen Göpfert berichtet vom Frankfurter Kulturforum der SPD, das sich 30 Jahre nach Hilmar Hofmanns "Kultur für alle" an einer Neuverortung sozialdemokratischer Kulturpolitik versuchte. In Times mager lässt sich Judith von Sternburg einen Zahn ziehen.

Besprochen werden Dario Fos Abend im Berliner Ensemble (den Arno Widmann als großes und sehr lustiges Theater erlebt hat), ein Konzert von Lorin Maaszel und den Wienern Philharmonikern mit Buckner und Strawinsky und die Komödie "Versuch's doch mal mit Politik" am Frankfurter Autoren Theater.

FAZ, 22.02.2010

Zwar findet Michael Althen den türkischen Bären-Gewinner "Bal" als Wahl einigermaßen "plausibel", insgesamt aber klingt seine Berlinale-Bilanz so zermürbt und enttäuscht, wie zuvor schon die des Perlentaucher-Kritikers Ekkehard Knörer. Der Vergleich mit Cannes und Venedig erübrigt sich ab sofort, meint Althen: "Das deutete sich im Voraus schon an, als die Auswahl interessante Namen weitgehend missen ließ. Aber wer da noch auf Überraschungen hoffte, wurde schnell enttäuscht. Es war eigentlich noch schlimmer als befürchtet. Nicht, weil die Filme alle so schlecht gewesen wären, sondern weil sie mit wenigen Ausnahmen alle von so mittlerer Güte waren, so bieder und ernst ihre Anliegen abfilmten, wie das bei der Berlinale unter Kosslick ja schon seit Jahren bevorzugt wird."

Weitere Artikel: Felicitas von Lovenberg unterhält sich mit dem rumäniendeutschen Schriftsteller Richard Wagner über den Dichter Peter Grosz, der ihn und andere, wie jetzt öffentlich bekannt wurde, für die Securitate bespitzelt hat. Julia Voss berichtet, dass das Frankfurter Städel-Museum seine Geschichte im Nationalsozialismus von einer unabhängigen Forschergruppe untersuchen lässt. In der Glosse schildert Kerstin Holm, wie ein russischer Pianist von der Miliz offenkundig grundlos misshandelt wurde. Mechthild Küpper informiert über aktuelle Diskussionen über die Geschichtsaufarbeitung der Linkspartei in Sammelbänden und auf Tagungen. Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an die Schauspielerin Miou-Miou (60), die Sozialhistorikerin Helga Grebing (70), den Kulturmanager Klaus-Dieter Lehmann (70), den Physiker Leon N. Cooper (80) und die Schauspielerin Michele Morgan (90).

Besprochen werden Annette Pullens Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Stück "Kein Schiff wird kommen" in Stuttgart, ein Frankfurter Konzert, bei dem die Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel Strawinsky und Bruckner spielten, und Bücher, darunter ein Band mit Gedichten des im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebenden chinesischen Dichters Du Fu (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 22.02.2010

Absolut gelungen findet Christopher Keil Dominik Grafs Fernsehserie "Im Angesichts des Verbrechens", die noch ganz zuletzt auf der Berlinale gezeigt wurde. Der Mehrteiler, der im April auf Arte läuft, "ist die Verdichtung aller guten und sehr guten Kriminalfilme, die Dominik Graf in den vergangenen zwanzig Jahren vorgelegt hat. Graf mag Action, er mag Details, er drückt aufs Tempo, er inszeniert das scheinbar Nebensächliche, um den Kern seiner Figuren frei zu legen."

Nur mühsam beherrschte Gustav Seibt auf der "Axolotl"-Trotzdem-Release-Party im Berliner Tresor seinen "Kotzimpuls": "Die mindestens 25 fatal lächelnden Kastenbrillenleichen der Ullstein-Verlagsgruppe haben mit Hilfe von ebenso vielen geleasten Muskelglatzen vom schwulen Hardcore-Porno-Produzenten 'Spermasprizz' im tiefer gelegten Dance-Floor eine Birthday-Deko aufgebaut, die vor allem aus 30 000 rosafarbenen Lufballons und rosaroten Kuschelecken besteht. Gefickt wird erst mal nicht."

Weitere Artikel: Jens Hillenkamp - so steht es in der Autorenzeile, wir tendieren aber zu der Vermutung, dass Sven Hillenkamp den Aufmacher geschrieben hat, unter anderem, weil ein Sven Hillenkamp auch schon in Brigitte zum Thema interviewt wurde - warnt vor den Folgen unbegrenzter Freiheit. Florian Kessler lauschte einer Berliner Lesung Dario Fos. Egbert Tholl führt ein in "Die Tragödie des Teufels", die siebte Oper des Komponisten Peter Eötvös, die heute in München uraufgeführt wird. Dirk von Gehlen analysiert einige geplante oder von Lobbygruppen gewünschte Anschläge auf die Privatsphäre der Internetnutzer und schlägt vor, dass sich diese in einem Allgemeinen Daten-Autobahn-Club organisieren. In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Johannes Boie die Seite pleaserobme.com vor, die allzu plaudersüchtigen Twitteranern eine kleine Falle stellt. Gottfried Knapp schreibt zum Tod des österreichischen Bildhauers Bruno Gironcoli. Kia Vahland schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Fritz Jacobs. Susan Vahbzadeh resümiert eine Berlinale mit "wenig echten Höhepunkten".

Besprochen werden die Ausstellung "Macht zeigen - Kunst als Herrschaftsstrategie" im Deutschen Historischen Museum, neue DVDs, ein Konzert des Pianisten Lang Lang in München, Molieres "Der Geizige" am Berliner Gorki-Theater und Bücher, darunter Benjamin Steins Doppel-Roman "Die Leinwand".