Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 43

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Economist

Die Buchläden quellen schier über von Kommunikations-Ratgebern, die allerlei rhetorische Tipps zur gelungenen (mit anderen Worten: zielführenden) Unterhaltung parat haben - die Kunst der Konversation jedoch ist etwas anderes, weiß der Economist und entwirft auf engem Raum eine Kulturgeschichte der Konversation. Dabei fällt ihm auf: Obwohl Großbritannien einige herausragende Konversations-Künstler hervorgebracht hat (Samuel Johnson, Sir Isaiah Berlin oder auch Winston Churchill), sind es doch die Franzosen, die es über Jahrhunderte hinweg zur Meisterschaft in dieser Kunst gebracht hätten. "Ein Mann ohne Talent zur Unterhaltung lief Gefahr abgewertet zu werden, ungeachtet seiner sonstigen Qualitäten: 'In England begnügte man sich damit, dass Newton der größte Mathematiker des Jahrhunderts war', schrieb der französische Philosoph und Mathematiker Jean d'Alembert, 'in Frankreich hätte man von ihm dazu noch angenehme Umgangsformen erwartet.'"

Den Economist schaudert bei der Vorstellung, die Neurobiologie könne dem freien Willen an den Kragen gehen - schließlich würde dies dem Liberalismus die Grundlage entziehen! Zur Sicherheit erkundet er dann im Dossier, ob die neurobiologische Forschung tatsächlich schon revolutionäre Erkenntnisse hinsichtlich der ewigen Frage "Wer bin ich?" bereithält.

Außerdem zu lesen: Warum ausgerechnet die Postmoderne das Shoppen von heute erfunden haben soll und wie neuere ökonomische Theorien das Glücklichsein beschreiben und messen wollen.

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Economist

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt als Präsident hat John Roberts dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten schon merklich seinen Stempel aufgedrückt, und dieser Stempel lautet "Bescheidenheit", meint der Economist. "Bescheidenheit ist das Kernstück von John Roberts' Rechtsphilosophie und bedeutet in erster Linie das Gegenteil eines 'juristischen Aktivismus'. Roberts glaubt fest daran, dass Richter sich darauf beschränken sollten, die Gesetze auszulegen, statt gesellschaftliche Probleme lösen zu wollen."

Weitere Artikel: Über Licht und Schatten im Leben und Wirken von Ariel Sharon geben zwei neuere Biografien Auskunft (Uri Dans "Ariel Sharon: An Intimate Portrait" sowie Nir Hefez' und Gadi Blooms "Ariel Sharon: A Life"), doch halten sich beide nach Ansicht des Economist zu sehr in ihrem Urteil zurück. Geradezu ins Schwärmen gerät er über Michael Bloombergs jüngst bekannt gegebene Visionen für ein "zukunftsfähiges" New York, in dem 2030 neun Millionen Einwohner nur zehn Minuten bis zum nächsten Park gehen müssen. Es ist wirklich süß vom Economist, dass er Begeisterung auch für eine Berliner Planung entwickelt, die zwei finanzielle Kernprobleme der deutschen Hauptstadt mit einer Klappe schlagen soll: Der Flughafen Tempelhof als Sitz einer mit der Freien Universität fusionierten Humboldt-Universität. (Könnten wir da nicht auch noch die drei Opern unterbringen?) Und schließlich: Der Nachruf auf Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet gerät zum Porträt eines glanzlosen und biederen Schurken.

Magazinrundschau vom 12.12.2006 - Economist

Der Economist rügt die Macho-Kultur der deutschen Presse, die sich unter anderem darin äußert, dass Frauen in den Führungspositionen der Zeitungen dramatisch unterrepräsentiert seien. Dass mehr Spitzenpositionen von Frauen besetzt werden, so der Economist (der angibt, dass ein Drittel seiner Spitzenkräfte Frauen sind), "könnte nicht nur die weibliche Leserschaft vergrößern, sondern sich ähnlich positiv auf den Journalismus auswirken, wie Angela Merkels Kanzlerschaft auf die politische Kultur. Kritik beiseite - Sie vertritt einen bodenständigen, sachlichen Stil, und genau das ist es, was Deutschlands aufgeblasenem politischen Journalismus gut tun würde."

Dazu gibt's eine kleine Grafik: am aufgeblasensten sind danach Spiegel, Wirtschaftswoche und Handelsblatt (0 Prozent weibliche Führungskräfte, am zweitschlechtesten steht die FAZ da mit 6,25 Prozent, und am fortschrittlichsten ist die Welt mit 31 Prozent).

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - Economist

Mit unerwarteter Intensität fiebert Washington dem Bericht der ISG (Iraq Study Group) entgegen, an dem Ex-US-Außenminister James Baker maßgeblich beteiligt ist. Warum nur?, fragt sich der Economist. "Der eigentliche Grund für die Aufregung um die ISG hat weniger mit der Irak-Politik als mit der amerikanischen Politik zu tun: Viele sehen in der ISG den Vorboten einer neuen politischen Ära. Die Leute um Baker und Hamilton haben sich die größte Mühe gegeben, sich so stark wie möglich von der Bush-Cheney-Bande abzugrenzen. Die ISG hat den Rat hochrangiger Mitglieder der Regierungen Clinton und Bush sen. eingeholt. Sie hat so viele Experten wie nur möglich herangezogen - und Hunderte von Menschen innerhalb und außerhalb der Regierung konsultiert. Und vor allem hat sie die Neocons links liegen lassen - sie sind überhaupt nicht vertreten."

Mitfühlend und anerkennend legt der Economist dar, wie behutsam sich Papst Benedikt XVI. bei seinem Türkei-Besuch durch das hochkomplexe religiöse und politische Minenfeld hindurchbewegt hat. Dennoch ist dem Economist unwohl, wenn ausgerechnet der Papst die muslimische Welt auffordert, mehr Toleranz im Umgang mit christlichen Minderheiten zu zeigen. Nach Ansicht des Economist sind die im Westen ansässigen Muslime die einzigen, die sich auf glaubwürdige Weise für die Rechte religiöser Minderheiten in der muslimischen Welt starkmachen könnten.

Weitere Artikel: Begrüßt wird Sean O'Briens klare und komplexe Neuübersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie". Und im Technology Quarterly gibt der Economist die Gewinner des von ihm verliehenen "Innovation Awards" bekannt und prophezeit dem Mobiltelefon eine Zukunft als Universalfernbedienung fürs Leben.

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - Economist

Begeistert erzählt der Economist, wie sich bei der Lektüre von Hugh Brogans Tocqueville-Biografie "Alexis de Tocqueville: Prophet of Democracy in the Age of Revolution" das Zimmer auf wundersame Weise mit Menschen gefüllt hat: "Hugh Brogan führt nicht nur sicheren Schrittes durch das Werk dieses brillanten, wenn auch schwer fassbaren Theoretikers. Er begreift jene Zeit so gut wie ein Historiker und besitzt das Talent eines Schriftstellers, wenn es darum geht, Menschen zu beschreiben. Als Porträt eines komplizierten Mannes, eines bewegten Milieus und einer Welt in Aufruhr bietet 'Alexis de Tocqueville' die befriedigende Fülle eines Romans aus dem 19. Jahrhundert."
Stichwörter: Tocqueville, Alexis de

Magazinrundschau vom 21.11.2006 - Economist

Welchen Platz in der Welt nimmt Deutschland sechzehn Jahre nach der Wiedervereinigung ein, fragt der Economist. "Deutschland, so Volker Perthes, der Leiter des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit (SWP), steht jetzt ziemlich genau da, wo es hingehört: in der Mitte. Ob es will oder nicht, das Land ist eine Mittelmacht. Es ist keine Supermacht, die ihren Einfluss geltend machen kann, aber es ist sehr wohl in der Lage, in jenen Fällen Verantwortung zu übernehmen, bei denen es etwas beitragen kann." Diese Einschätzung hält der Economist allerdings für ein wenig vorschnell: "Seit der Wiedervereinigung ist Deutschland seinem Ziel, seinen Platz in der Welt zu finden, einen großen Schritt näher gekommen, die Hürde der Geschichte aber hat es noch nicht überwunden."

Weitere Artikel: Zuversichtlich stimmt den Economist die Lektüre einiger Bücher zum Thema Innovation und Unternehmergeist. Anlässlich der Ankündigung, die muslimische Ismaili-Sekte werde in Ottawa ein Forschungszentrum für Multikulturalismus gründen, fragt der Economist, wie weit es noch her ist mit der kanadischen Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Kulturen. "Sorry seems to be the hardest word" - Algerien muss weiterhin auf eine Entschuldigung seiner ehemaligen Kolonialmacht Frankreich warten, berichtet der Economist anlässlich des Amtsbesuchs von Innenminister Nicolas Sarkozy. Und im Nachruf auf den mit allen Wassern gewaschenen ehemaligen DDR-Spionagechef Markus Wolf will der Economist nicht so recht an das Schaf im Wolfspelz glauben.

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - Economist

Der Economist kommentiert den Prozess gegen Saddam Hussein, der letzte Woche zum Tod durch den Strang verurteilt wurde. "Viele westliche Menschenrechtslobbyisten halten die Fehler im Dudschail-Prozess für so schwerwiegend, dass ihrer Meinung nach das Urteil verworfen und Saddam Hussein erneut vor ein unabhängiges internationales Gericht gestellt werden müsste. Diese Zeitschrift glaubt, dass das Urteil Bestand haben sollte, nicht jedoch die Strafe. Vor allem, weil die Todesstrafe an sich falsch ist, sogar für Ungeheuer wie Saddam Hussein. Dem Menschenleben größeren Respekt zu zollen, als er es jemals getan hat, hätte einen seltenen moralischen Sieg für die Besatzer des Iraks bedeutet."

Und der Economist empfiehlt den Besuch der außergewöhnlichen Ikonen-Ausstellung "Holy Image, Hallowed Ground: Icons from Sinai" (im Getty Museum in Los Angeles), die den umstrittenen Versuch unternimmt, die Besucher in eine Atmosphäre klösterlicher Andacht eintauchen zu lassen.

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - Economist

"Willkommen in der Hölle. Eintritt: 8 Dollar." Belustigt berichtet der Economist über die religiöse Variante des heidnischen Halloween-Grauens. "Auf eine Rave-Party zu gehen, könnte Ihr ewiges Leben gefährden. Säkulare Spukhäuser sind für derlei Gefahren nicht kompetent. Und außerdem begehen sie ein heidnisches Fest. Aus diesem Grund haben hunderte von Kirchen in ganz Amerika ihre eigene Horrorshow veranstaltet, um mit Halloween zu wetteifern. In den 'Höllenhäusern', manchmal auch als 'Häuser des Jüngsten Gerichts' oder 'Wirklichkeitshäuser' bekannt, stellen junge Schauspieler anschaulich dar, welche Folgen Alkoholkonsum, Liederlichkeit oder Homosexualität mit sich ziehen. Frauen zum Beispiel, die mit Sex leichtfertig umgehen, könnten sich eines Besseren besinnen, wenn sie sehen, wie dies zu einer blutigen Abtreibung bei fortgeschrittener Schwangerschaft führt."

Und der Economist zweifelt an der Stichhaltigkeit der These, die Ilan Pappe in seinem umstrittenen Buch "The Ethnic Cleansing of Palestine" aufstellt, nämlich dass während des Unabhängigkeitskrieges von 1948 auf israelischer Seite ein Masterplan zur ethnischen Säuberung des israelischen Staatsgebietes vorgelegen habe.

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Economist

Die britische Regierung hält Großbritanniens multikulturelle Gesellschaft in ihrer derzeitigen Form für gescheitert und sieht erheblichen Diskussionsbedarf, was das richtige Verhältnis zwischen kultureller Vielfalt und Integration angeht, meldet der Economist. "Inwieweit muss eine liberale Gesellschaft Haltungen und Verhaltensweisen verteidigen, die ihr feindlich gesinnt sind? Ist es vernünftig, von den Mitgliedern aller Minderheiten zu fordern, dass sie sich, zumindest bis zu einem gewissen Grad, in die Mehrheit integrieren?" Langsam aber sicher, so der Economist, ereilt die britische Linke, die sich traditionellerweise schwer tut mit dem Begriff der nationalen Identität, die Einsicht, dass Toleranz auch Grenzen haben muss, oder mit den Worten Salman Rushdies: "Keine Gesellschaft, und sei sie noch so tolerant, kann gedeihen, wenn ihre Bürger die Bedeutung ihrer Bürgerschaft nicht wertschätzen."

Weitere Artikel: Die Gesetze gegen das Schüren von Rassenhass sind keine Gesetze gegen Beleidigung und sollten auch nicht als solche interpretiert werden, weil damit auch die Möglichkeit, Kritik zu üben, gefährdet wird, warnt der Economist in einem Artikel über die Redefreheit. Weiterhin schildert der Economist, ob und wie die Türkei ihren Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk feiert. Und schließlich begrüßt er den dialogsuchenden Brief, den hohe muslimische Würdenträger an den Papst gerichtet haben.

Magazinrundschau vom 17.10.2006 - Economist

Angesichts des jüngsten Konflikts mit Georgien und des Mordes an Anna Politkowskaja hegt der Economist ernsthafte Sorge ob der Richtung, in die sich Russland derzeit zu bewegen scheint. "Auch die Geschichte liefert einen Begriff, der diese Richtung beschreibt (?), ein Wort, das die Paranoia und das Selbstbewusstsein, die Gesetzlosigkeit und den Autoritarismus, den Populismus und die Intoleranz sowie den wirtschaftlichen und politischen Nationalismus einfängt, die Putins Regieren kennzeichnen. Es ist ein allzuoft gebrauchtes und doch kontroverses Wort, vor allem in Russland. Noch ist es dort nicht angekommen, doch Russland scheint manchmal auf den Faschismus zuzusteuern."

Die am 7. Oktober ermordete Journalistin Anna Politkowskaja hatte dies vorausgesehen, schreibt der Economist im Nachruf und bedauert, dass gerade ihr Tod ihr Recht geben sollte. "Putins Regime ist zutiefst brutal und korrupt, sagte sie mit ihrer sanften, sachlichen Stimme. Er verkörpert die bösesten Dämonen der sowjetischen Vergangenheit, die nun in moderner Form zu neuem Leben erwacht sind. Hunderte haben sterben müssen, damit er an die Macht gelangt, und das war erst ein Vorgeschmack auf den Faschismus und den Krieg, die folgen sollten. Nun erscheint ihr Pessimismus weniger extrem." Politkowskaja selbst habe ein ums andere Mal die kleinste Form des Widerstandes beschrieben: "Angesichts eines KGB-Offiziers als Präsident, ist das Mindeste, was du tun kannst, manchmal zu lächeln, um den Unterschied zu zeigen zwischen ihm und dir."